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Yehudi Menuhin: die ersten Aufnahmen

Dieser Beitrag ist entstanden als Sendemanuskript
für den Deutschlandfunk, Köln
(Sendung: 11.10.1992 – "Historische Aufnahmen")

Exposé
Als geigendes Wunderkind spielt er 12jährig in der Berliner Philharmonie; später speist er mit gekrönten Häuptern, amerikanischen Präsidenten und britischen Premiers; als erster Musiker darf er nach dem Zweiten Weltkrieg in Moskau auftreten. Yehudi Menuhin ist mehr als ein weltberühmter Geiger. In seinen Händen wird das zerbrechliche Instrument zu einer gewaltlosen "Waffe" im Kampf um Frieden und Versöhnung. Zu einer Zeit, da sich die Musikkulturen noch ängstlich voneinander abgrenzen und man noch säuberlich zwischen Unterhaltungs- und Ernster Musik unterscheidet, sucht Menuhin Kontakt zum Jazz und unternimmt Konzert-Tourneen mit dem indischen Sitar-Spieler Ravi Shankar. Sein beeindruckendstes Erlebnis: die Begegnung mit dem Physiker Albert Einstein. Die wichtigste Ehrung: der Friedenspreis des deutschen Buchhandels. Welche Rolle spielt bei alledem noch die Geige? "Sie ist bloß Mittel zum Zweck und gleichzeitig das wichtigste in meinem Leben – nach den Menschen."
Sendemanuskript
Als der Dirigent Arturo Toscanini in den zwanziger Jahren in New York gebeten wurde, er möge sich doch einmal ein junges, vielversprechendes Geigen-Talent anhören, verzog er schmerzlich sein Gesicht und rief aus: "Musizierende Wunderkinder? Die machen mich noch alle krank!" – Ignoranz eines etablierten Künstlers gegenüber dem Nachwuchs? Nicht unbedingt! Denn wieviele heranwachsende vermeintliche "Genies" werden in der Presse und vom Publikum immer wieder hochgelobt – Wunderkinder, deren Spuren sich dann in späteren Jahren im Mittelmaß des Musikbetriebs verlieren? Die Anekdote um Toscanini hat allerdings eine Fortsetzung: Bei dem Wunderkind handelte es sich nämlich um Yehudi Menuhin; Toscanini hörte ausnahmsweise doch zu – und war sichtlich gerührt von dem (wie er eingestehen mußte) "unvergleichlich göttlichen Spiel".

Oder folgendes Zusammentreffen: 1929 spielte der 13jährige Menuhin unter Bruno Walter an einem Abend das E-Dur-Konzert von Bach sowie die Violinkonzerte von Beethoven und Brahms mit den Berliner Philharmonikern. Nach dem Beethoven-Konzert trat ein Mann auf ihn zu und sagte: "Nun weiß ich, daß es einen Gott im Himmel gibt." Der dies sagte, war niemand anderes als der Physiker Albert Einstein, der selber viel lieber Geige spielte, als sich mit mathematischen Problemen zu beschäftigen.

Zwei Begebenheiten, die eines deutlich machen: Die künstlerische Ausstrahlung des "Wunderkindes" Yehudi Menuhin entsprang nicht einem virtuosen Feuerwerk, das in wenigen Augenblicken abbrennt, sondern was die Menschen damals in Bann schlug, war die geistige Reife, mit der ein Kind die Meisterwerke der Musik sich zu eigen machte.

So kann es denn auch kaum überraschen, daß eine der ersten Schallplatten, die Menuhin einspielte, Bachs Violin-Sonaten galt. Die folgende Aufnahme der C-Dur-Sonate entstand 1929, also zu einer Zeit, als die meisten Musiker die künstlerische Bedeutung des technischen Mediums "Schallplatte" noch nicht recht erkannt hatten und selbst gestandene Geiger-Kollegen auf Schellack vorwiegend virtuose Fingerakrobatik und drittklassige Unterhaltungsware einspielten.

Musik-Nr.: 01
Komponist: Johann Sebastian Bach
Werk-Titel: Sonate für Violine solo Nr. 3 C-Dur
Auswahl: 4. Satz (Allegro assai) <Track 4.> 3:30
Interpreten: Yehudi Menuhin (Violine)
Label: Biddulph (LC ____)
LAB 032
<Track 4.> Gesamt-Zeit: 3:30
Archiv-Nummer: ____

Ob "Wunderkinder" im Vergleich zu anderen "Durchschnitts"-Kindern ein schöneres Leben haben, sei dahingestellt. Der Pianist Hubert Giesen, der in den Jahren 1929 bis 1931 als Menuhins Klavierbegleiter fungierte, schildert in seinen Lebenserinnerungen, wie straff und gleichsam "generalstabsmäßig" das Familienleben der Menuhins durchorganisiert war: Von acht Uhr bis elf war Üben angesagt, dann erteilte der Vater seinem Sohn zwei Stunden Schulunterricht, am Nachmittag wurde weiter geübt und geprobt bis zum Abendessen, und anschließend bekam Yehudi nochmals zwei Schulstunden – das Ganze sechs Tage in der Woche; nur die Sonntage waren ausgenommen.

Menuhin selbst hat nie Zweifel daran gehegt, daß all dies seine Ordnung hatte. Geige spielen war für ihn der Lebensinhalt. 1916 in San Francisco geboren, erhielt er seinen ersten Geigenunterricht bei einem Lehrer, "der Jungen und Mädchen dutzendweise mit Unteroffiziersmethoden zu Virtuosen drillte" (wie Menuhin schreibt) und "der nicht viel von der klassischen Musik und noch weniger etwas von den Feinheiten des Violinspiels verstand". Wenig später dann wurde der Konzertmeister des Symphonie-Orchesters von San Francisco, Louis Persinger, auf den fünfjährigen Yehudi aufmerksam. Er erteilte dem Jungen Unterricht, und schon zwei Jahre später debütierte Menuhin als Solist in Lalos "Symphonie espagnole".

Es folgten Konzerte in New York, und schließlich siedelte die Familie nach Europa über, damit Menuhin bei den besten Lehrern Unterricht nehmen konnte. Eine der ersten Adressen war in Brüssel der legendäre Eugène Ysaye. Die Begegnung endete mit einem Desaster: Ysaye interessierte sich weniger für Menuhins künstlerische Qualitäten, sondern wollte zuvörderst wissen, wie es um die technischen Grundlagen des "Wunderkindes" bestellt sei. Menuhin selbst beschreibt, daß er damals "wie eine blinde Maus auf dem Griffbrett herumtastete", als er einen gebrochenen A-Dur-Dreiklang über vier Oktaven spielen sollte. Worauf Ysaye ihm riet, zunächst einmal Tonleitern und Arpeggien zu üben, dann könne man weiter sehen.

Mit Fingerübungen aber mochte Menuhin sich nicht mehr abgeben, und auch seine folgenden Lehrer, der rumänische Geiger George Enescu und Adolf Busch, hielten dies nicht für sonderlich notwendig. Warum auch, wenn man Paganinis "Campanella"-Konzert so virtuos zu spielen versteht? – Hier eine Aufnahme vom Dezember 1930. Den Orchesterpart spielt Hubert Giesen am Klavier.

Musik-Nr.: 02
Komponist: Niccolo Paganini
Werk-Titel: "La Campanella"
Interpreten: Yehudi Menuhin (Violine)
Hubert Giesen (Klavier)
Label: Biddulph (LC ____)
LAB 032
<Track 13.> Gesamt-Zeit: 4:40
Archiv-Nummer: ____

Nachdem Eugène Ysaye kein sonderliches Interesse zeigte, den 13-jährigen Yehudi Menuhin zu unterrichten, waren es vor allem George Enescu und Adolf Busch, die Menuhins weitere künstlerische Entwicklung prägten. Während Enescu vor allem Wert legte auf eine lebhafte, individuelle Gestaltung, vertrat Busch das Prinzip strikter Werktreue. Nichts durfte am Notentext geändert werden, und es gab nichts Schlimmeres für ihn als den virtuosen Effekt. Den Lehrer-Wechsel von Enescu hin zu Busch bezeichnete Menuhin später einmal als Hinwendung von der Poesie zur Prosa.

Unter der Anleitung von Busch vertiefte Menuhin sich erneut in die Werke von Bach und Beethoven und trat schon wenige Monate später in Berlin in jenem legendären Konzert auf, wo er unter Bruno Walter Bachs E-Dur-Konzert sowie die Violinkonzerte von Beethoven und Brahms spielte.

Wie Menuhin 1929 Beethoven-Konzert interpretierte, läßt sich heute nur noch anhand von Zeitungskritiken erahnen – Schallplatten-Aufnahmen sind damals keine gemacht worden. Was es indes aus jener Zeit gibt, ist eine Einspielung von Beethovens Violinsonate op. 12 Nr. 1 mit dem Pianisten Hubert Giesen. Hier der dritte Satz:

Musik-Nr.: 03
Komponist: Ludwig van Beethoven
Werk-Titel: Sonate für Violine und Klavier Nr. 1 D-Dur
Auswahl: 3. Satz (Rondo. Allegro) <Track 7.> 5:05
Interpreten: Yehudi Menuhin (Violine)
Hubert Giesen (Klavier)
Label: Biddulph (LC ____)
LAB 032
<Track 7.> Gesamt-Zeit: 5:05
Archiv-Nummer: ____

Yehudi Menuhin war gerade 13 Jahre alt, als er zusammen mit dem Pianist Hubert Giesen Beethovens D-Dur-Sonate op. 12 Nr. 1 einspielte. Er war ein Kind damals, und bei aller frühen Reife schwingt die Aura kindlicher Unschuld in seinem Spiel mit. So wenig, wie er es für nötig hielt, über sein Geigenspiel nachzudenken (weil es ja intuitiv aus ihm "herausströmte"), so wenig wurde ihm bewußt, welche Kraftakte er leistete: An einem Abend drei große Violinkonzerte zu spielen, bedeutete für Menuhin keine große Anstrengung – noch!

Aber es scheint, daß wahrhaft große Kunst letztlich auch der Krise bedarf, um zu reifen, und daß erst die Überwindung von Selbstzweifel und innerer Erschöpfung den wirklichen Künstler ausmacht. Auch Menuhin hat diese Entwicklung durchmachen müssen. 1935 – Menuhin war damals 19 Jahre alt – unternahm er eine Welttournee, während der er innerhalb weniger Monate 110 Konzerte gab: ein Kraftakt, der an die nervliche wie physische Substanz ging. Anderthalb Jahre zog Menuhin sich gänzlich vom Konzertleben zurück und begann, als Erwachsener sich das zu erarbeiten, was ihm als Kind niemals Schwierigkeiten bereitet hatte.

Es gibt zahlreiche Menuhin-Bewunderer, die seine frühen Aufnahmen mehr schätzen als all das, was er später, in den 50er und 60er Jahren, eingespielt hat. Ein Urteil, über das sich trefflich streiten läßt – vielleicht mit Ausnahme der Mozart-Konzerte, die Menuhin Anfang der 30er Jahre (mit seinem Lehrer George Enescu als Dirigent) aufgenommen hat. Die unbefangene Schönheit des Tons, die spielerische Heiterkeit, mit der er als 15- und 16-Jähriger die melodischen Bögen gestaltet: an solche Momente konnte der erwachsene Künstler Menuhin (ungeachtet aller anderen Qualitäten) nie mehr heranreichen.

Hier nun zum Abschluß der dritte Satz aus dem Violinkonzert in D-Dur, Köchel-Verzeichnis 271a – in der Aufnahme vom 4. Juni 1932. Yehudi Menuhin wird begleitet vom Pariser Sinfonie-Orchester unter der Leitung von George Enescu.

Musik-Nr.: 04
Komponist: Wolfgang Amadeus Mozart
Werk-Titel: Konzert für Violine und Orchester Nr. 7 D-Dur, KV 271a
Auswahl: 3. Satz (Allegro) <Track 6.> 7:45
Interpreten: Yehudi Menuhin (Violine)
Orchestre Symphonique de Paris
Ltg.: George Enescu
Label: EMI (LC 0110)
CDH 7 63718 2
<Track 6.> Gesamt-Zeit: 7:45
Archiv-Nummer: ____