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Die Pianistin Marcelle Meyer

Dieser Beitrag ist entstanden als Sendemanuskript
für den Deutschlandfunk, Köln
(Historische Aufnahmen)

Exposé:

In der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen galt die Pianistin Marcelle Meyer (1897-1958) als "Muse der Pariser Avantgarde". Sie war eng mit der Komponistengruppe der "Six" verbunden und zählte Cocteau, Strawinksy und Ravel zu ihrem Freundeskreis. Unermüdlich setzte sie sich für die Seitenpfade der Musikgeschichte ein, für moderne Komponisten ebenso wie für die Alte Musik - mit dem Ergebnis, daß die Cembalistin Wanda Landowska ihren Schülerinnen strengstens untersagte, Konzerte von Marcelle Meyer zu besuchen. Nachdem die Pianistin lange Zeit als Geheimtip gehandelt wurde, sind mittlerweile wieder Aufnahmen erhältlich, die den künstlerischen Rang ihrer Interpretationen erkennbar machen.

Sendemanuskript:

Musik 001:

Darius Milhaud:
Scaramouche; daraus: Brazileira.

EMI (LC 6646) 7 67405 2 <D 5, Tr. 18>
[Dauer: 2:05]

Bisweilen gibt es in der Musik noch Schätze zu heben – nicht nur in den Bibliotheken, in denen so manches Meisterwerk vor sich hinstaubt. Nein, auch in den Schallplattenarchivender Rundfunkanstalten und Schallplatten-Verlage ruht noch so Einiges, was wert ist, wiederentdeckt zu werden. Um eine solche Wiederentdeckung handelt es sich auch bei den vorliegenden Aufnahmen der Pianistin Marcelle Meyer, die seit einiger Zeit (und man muß sagen: glücklicherweise) wieder im Handel erhältlich sind.

Marcel Meyer, die 1897 im französisch-flandrischen Lille geboren wurde, ist in Deutschland fast gänzlich unbekannt geblieben, und auch die einschlägigen Musiklexika wissen nicht viel über sie zu berichten. Geburtsdatum: 1897, Sterbedatum: 1958. Im Jahre 1901, angeblich also als Vierjährige (!) soll sie den ersten Preis beim Pariser Pianisten-Wettbewerb erhalten haben; anschließend Unterricht bei Marguerite Long, Alfred Cortot und Riccardo Viñes. Und dann versiegt auch schon der Strom der Daten; die biographischen Quellen über Marcelle Meyer sprudeln nur sehr spärlich.

Ein Grund dafür, daß Marcelle Meyer nie so richtig populär gewesen ist – denn auch in Frankreich galt sie Jahrzehnte lang eher als ein diskophiler Geheimtip – ein Grund für diese fehlende Popularität läßt sich aus ihrer Vorliebe erklären, mit der sie sich abseits der ausgetretenen Pfade bewegte und sich vor allem jener Klavierliteratur widmete, deren Klänge unverbraucht waren – sei es, weil die Musik noch zu jung oder weil sie so schon wieder zu alt war. Schon in frühen Jahren setzte sie sich mit der – damals noch weitgehend als minderwertig angesehenen – französischen Musik auseinander: mit den Clavecinisten des 18. Jahrhunderts (also mit Couperin und Rameau), aber auch mit den zeitgenössischen Komponisten wie Chabrier, Ravel, Strawinsky, Poulenc und Milhaud.

Als sie 1920 ihre erste Schallplatte aufnahm, wählte sie dafür mit Bedacht Strawinskys "Piano-Rag-Music", jenes Stück, das Strawinsky Artur Rubinstein gewidmet hatte, der sich jedoch weigerte, dieses – wie er fand, scheußliche – Machwerk jemals öffentlich zu spielen. Marcelle Meyer teilte diese Vorbehalte ihres berühmten Pianisten-Kollegen jedenfalls nicht. Hier nun Strawinskys "Piano-Rag-Music" – allerdings in einer jüngeren Aufnahme von 1955.

Musik 002:

Igor Strawinsky:
Piano-Rag-Music.

EMI (LC 6646) 7 67405 2 <CD 6, Tr. 9>
[Dauer: 3'15]

Ähnlich wie Marcelle Meyer sich für Igor Strawinsky einsetzte (Strawinksy schrieb für sie die berühmt gewordenen "Trois Mouvements de Petrouschka"), in ähnlicher Weise versuchte sie auch, Ravels Musik populär zu machen – zu einer Zeit, als Ravels mit seiner Auffassung vom musikalischen Impressionismus noch Schwierigkeiten hatte, sich gegen die nebulösen Klangschwaden des Debussy'schen Klaviersatzes zu behaupten.

Und dies ist es auch, was die Ravel-Interpretationen von Marcelle Meyer auszeichnet: das unbedingte Streben nach Klarheit, einer Klarheit, die gleichermaßen Struktur wie Klang erfaßt, ohne daß hierbei die sinnlich-laszive Seite der Musik Schaden nimmt. Ihre Einspielung etwa der "Valses nobles et sentimentales" vom März 1954 ist ein beredtes Zeugnis für diese – für Ravel so bezeichnende – "clarté": Keine Dissonanz wird hier beschönigt, kein fortissimo-Ausbruch abgemildert. Und doch geht bei aller Schroffheit und vermeintlichen Widerspenstigkeit des Klanges nie der melancholisch-sentimentale Zug dieser Musik verloren.

Musik 003:

Maurice Ravel:
Valses nobles et sentimentales (Ausschnitt).
EMI (LC 6646) 7 67405 2 <CD 3, Tr. 10>
[Dauer: 3'30]
- ausblenden bei 3:33

Es gibt eine Photographie aus dem Jahre 1922, die Marcelle Meyer zeigt – im Kreise der französischen Komponistengruppe "les Six". Um sie herum erkennt man Germaine Tailleferre, Jean Wiener, Georges Auric, Darius Milhaud und Françis Poulenc. Marcelle Meyer war mit diesem Kreis eng verbunden – kein Konzert der "Six", bei dem sie damals nicht irgendeine Neukomposition zur Uraufführung brachte. Boshaften Kritikern galt sie als die "inspirierende Muse der Pariser Avantgarde".

Aber man täte der Pianistin Unrecht, wollte man ihr Klavierspiel auf das Repertoire des 20. Jahrhunderts reduzieren. Ihre Liebe galt ebenso der französischen Clavecin-Musik des 18. Jahrhunderts. Sie hat Couperin und Rameau im Konzertsaal gespielt zu einer Zeit, da diese Komponisten allenfalls den Musikhistorikern etwas sagten. Sie hat es in den vierziger Jahren gewagt, einen ganzen Abend mit Scarlatti-Sonaten zu gestalten, jenen Stücken, die von ihren Pianisten-Kollegen gemeinhin als "Encores", als Zugaben am Ende eines Konzerts nachgereicht wurden.

Dennoch – mit ihrem Engagement für die Alte Musik machte sich Marcelle Meyer nicht nur Freunde. Wanda Landowska etwa, die große Dame des Cembalo, untersagte ihren Schülerinnen strengstens, Konzerte von Marcelle Meyer zu besuchen, Die Landowska befürchtete nämlich, das "romantische Gesäusel am Konzertflügel" und die "klebrig-gefühlvolle Klangsoße" könnten schädliche Auswirkungen zeitigen.

Marcelle Meyer hat nie einen Hehl daraus gemacht, daß sie sich - was die Art ihrer Interpretation angeht – noch der älteren, "romantischen" Schule zugehörig fühlte. Und "romantisch" (im wahrsten Sinne des Wortes) war auch ihre Auseinandersetzung mit der sogenannten Alten Musik. Zu einer Zeit, da Musiker wie Wanda Landowska die Bach'schen Kompositionen auf dem Cembalo zu zelebrieren begann, als man die Barockmusik als strenges mathematisches Kalkül auffaßte und glaubte, jede Gefühlsregung müsse vermieden werden, damals spielte Marcelle Meyer die Kompositionen von Scarlatti, Bach und Rameau immer noch auf dem Konzertflügel. Nicht, weil sie es so gelernt hatte oder Angst vor dem Neuen hatte (oft genug hatte sie bewiesen, daß sie für Experimente offen war); nein, sie tat es aus Überzeugung: weil sie der Ansicht war, daß ein modernes Instrument einen größeren Reichtum an klanglicher Differrenzierung bietet. Und hört man gelegentlich Cembalo-Einspielungen aus den fünfziger Jahren mit ihrem unbarmherzigen non-legato und der vermeintlich historischen Terrassen-Dynamik, so möchte man Marcelle Meyer unwillkürlich recht geben: Wenn die Instrumentalmusik des 18. Jahrhunderts eine Sprache ist - eine besondere Art von gefühlsmäßiger Affektsprache, so hat Marcelle Meyer es jedenfalls verstanden, die Inhalte dieser Sprache nicht nur verständlich zu machen, sondern sie auch unmittelbar erleben zu lassen. - Hier nun ein Ausschnitt aus Jean-Philippe Rameaus Suite in e-moll in einer Aufnahme vom 30. Oktober 1953.

Musik 004:

Jean-Philippe Rameau:
Suite in e-moll (Ausschnitt)
EMI (LC 6646) 5 68092 2 <CD 1, Tr. __>
[Dauer: _'__]

Daß zu Beginn der fünfziger Jahre, also in einer Zeit, als es auch für ernstzunehmende Pianisten durchaus noch üblich war, nur die Highlights der Klavierliteratur auf Schallplatte einzuspielen – daß damals derartige Produktionen wie die Gesamteinspielung des Rameau'schen Klavierwerks entstanden, ist einer Vereinigung von Musikinteressierten zu verdanken, die sich "les Discophiles français" (zu deutsch etwa: die französischen Schallplattenfreunde) nannten und deren Anliegen es war, durch das Medium Schallplatte den musikalischen Geschmack und die musikalische Bildung zu heben. Für die "Discophiles français" spielte Marcelle Meyer nicht nur das barocke Repertoire ein (Couperin, Rameau und Bach), sondern auch romantische und zeitgenössische Kompositionen. So entstand im Jahre 1955 eine Gesamtaufnahme des Klavierwerks von Emanuel Chabrier. – Hier nun eine Auswahl aus Chabriers "Pièces pittoresques", einem Zyklus von Klavierstücken, der 1880 entstanden ist und zum Wegbereiter des musikalischen Impressionismus wurde. César Franck äußerte über diese klavieristischen Miniaturen einmal, daß Chabrier mit ihnen an die Musiksprache von Rameau und Couperin angeknüpft habe.

Musik 005:

Emmanuel Chabrier:
Pièces pittoresques (Ausschnitt)
EMI (LC 6646) 7 67405 2 <CD 1, Tr. __>
[Dauer: _'__]

Man mag es bedauern, daß Marcelle Meyer nie Gelegenheit hatte, die Beethoven-Sonaten, die Schumann-Zyklen oder die großen Chopin-Werke auf Schallplatte einzuspielen. Dieses Repertoire war auch in Frankreich den männlichen Pianisten vorbehalten: Für Chopin galt Alfred Cortot als der maßgebliche Interpret, und das große deutsche Repertoire lag in den Händen des Pianisten Yves Nat. Jedoch gab es in den fünfziger Jahren Planungen zu zwei anderen Projekten, die Marcelle Meyer mindestens ebenso am Herzen lagen: eine Gesamteinspielung der Mozart- und der Schubert-Sonaten. Leider sind beide Projekte in den Anfangsgründen steckengeblieben. Drei Mozart-Sonaten hat Marcelle Meyer 1950 und 1954 eingespielt. Es sind im wahrsten Sinne des Wortes "französische" Interpretationen – sinnlich zwar und mit farbenreicher Klanggestaltung, dabei aber immer strukturbewußt und von einer unnachahmlichen Klarheit, die erkennen läßt, wie sehr die Anschlagskultur der Pianistin sich an den französischen Clavecinisten und an Ravel geschult hat. – Hier nun zum Abschluß aus Mozarts a-moll-Sonate, Köchel-Verzeichnis 310, der erste Satz.

Musik 006:

Wolfgang Amadeus Mozart:
Klaviersonate a-moll, KV 310;
daraus: 1. Satz.
EMI (LC 6646) 5 68498 2 <CD 5, Tr. 1>
[Dauer: 4'00]