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Arturo Benedetti Michelangeli

Dieser Beitrag ist entstanden als Sendemanuskript
für den Deutschlandfunk, Köln
(Sendung: 19.9.1993 – "Historische Aufnahmen")

Exposé

Die Insider der klassischen Musikszene nennen ihn kurz ABM – meist mit dem Nachsatz, daß der Meister wieder einmal ein Konzert abgesagt habe. Der Pianist Arturo Benedetti Michelangeli hat sich immer schon rar gemacht auf den Konzertpodien und in den Schallplattenstudios. Der eigene Flügel, ein eigener Stimmer: ABM bereitet seine Auftritte mit höchster Akribie vor, und ein falscher Windhauch im Konzertsaal genügt, daß er Termine kurzfristig platzen läßt. Während er in den letzten Jahren vornehmlich einem unnachahmlichen Klangzauber huldigt, demonstrieren die frühen Aufnahmen aus den 40er Jahren, daß er (wie im Falle von Griegs Klavierkonzert) durchaus auch das virtuose Repertoire zu gestalten versteht.

Sendemanuskript
Musik-Nr.: 01
Komponist: Domenico Scarlatti
Werk-Titel: Sonate d-moll (Pastorale), K 9
Interpreten: Arturo Benedetti Michelangeli (Klavier)
Label: EMI (LC 6646)
7 64490 2
<Track 2.> Gesamt-Zeit: 3:15
Archiv-Nummer: ____

Seine Fan-Gemeinde und die Insider der klassischen Musik-Szene nennen ihn einfach ABM. Und wie einem solchen Buchstabenkürzel der Charakter eines Geheimnisses innewohnt, wie sich diese drei Buchstaben der unmittelbaren sinnlichen Erfahrung entziehen, so ähnlich verhält es sich auch mit dem Künstler, der sich dahinter verbirgt. Der italienische Pianist Arturo Benedetti Michelangeli ist berüchtigt dafür, daß er seine Auftritte immer wieder kurzfristig absagt, daß er das Publikum, die Konzertagenten und Schallplattenproduzenten mit fast schon boshafter Regelmäßigkeit vor den Kopf stößt.

Die Gründe, weswegen Michelangeli diesen oder jenen Auftritt hat platzen lassen, werden in der Presse immer wieder genüßlich ausgebreitet: Gemessen an seinen grippalen Infekten, Schwächeanfällen, Nagelbett-Entzündungen und sonstigen Unpäßlichkeiten muß Michelangeli von äußerst schwächlicher Konstitution sein. Skurriler aber sind dann solche Vorfälle, wenn er etwa von dem Dirigenten Celibidache verlangt, die japanischen Orchestermusiker vom Konzertdienst auszuschließen, weil er gerade einen privaten Kleinkrieg gegen Japan führt. Aus Zürich reiste er verschnupft ab, weil der Veranstalter wenige Stunden zuvor den Konzertsaal hatte lüften lassen und der Durchzug der Flügelstimmung nicht bekommen war. Ein Londoner Konzert mußte ausfallen, weil seine italienischen Landsleute ganze Karten-Kontigente aufgekauft und als Pauschalreise-Angebot vermarktet hatten. Und vielfach läßt er dem düpierten Publikum nur mitteilen, er sei des ewigen "Bimm-bamm-bumm" am Klavier überdrüssig. Und alle lassen es sich gefallen und hoffen darauf, daß sie beim nächsten Mal mehr Glück haben.

Marotten eines klavierspielenden Exzentrikers, um den eigenen Marktwert zu steigern? Man möchte es fast annehmen – wären da nicht die Konzertabende und Studioproduktionen, die (so selten sie auch sein mögen) Michelangelis hohen künstlerischen Anspruch dokumentieren, sein Streben nach pianistischer Perfektion und absolutem Schönklang. Die Debussy- und Chopin-Einspielungen aus den 70er Jahren oder der Live-Mitschnitt von 1989 mit Mozarts Klavierkonzerten – diese neueren Aufnahmen sind hinlänglich bekannt. Daneben aber gibt es auch zahlreiche Aufnahmen des jungen Michelangeli, von 1939 und aus den 40er Jahren, als er am Beginn seiner pianistischen Karriere stand. Hier die "Andaluza" aus den "Danzas españolas" von Enrique Granados, die Michelangeli 1939 in Mailand eingespielt hat – wenige Wochen, nachdem er den ersten Preis des Genfer Klavierwettbewerbs gewonnen hatte.

Musik-Nr.: 02
Komponist: Enrique Granados
Werk-Titel: Danzas españolas op. 37
Auswahl: Andaluza <Track 20.> 4:55
Interpreten: Arturo Benedetti Michelangeli (Klavier)
Label: EMI (LC 6466)
7 64490 2
<Track 20.> Gesamt-Zeit: 4:55
Archiv-Nummer: ____

Die pianistische Laufbahn von Arturo Benedetti Michelangeli ist alles andere als planmäßig oder geradlinig gewesen. 1920 in Brescia geboren, spielte er Klavier nur so "nebenbei", ohne große Ambitionen. Nach der Schulzeit begann er zunächst, Medizin zu studieren, meldete sich aber gleichzeitig (auf Anraten seines Klavierlehrers) beim Genfer Klavierwettbewerb an. Daß er den ersten Preis errang, war für alle unerwartet. Wegen der Virtuosität seines Vortrags lobten ihn die Jury-Mitglieder als einen "zweiten Franz Liszt", aber nicht dies gab den Ausschlag, daß man Michelangeli den ersten Preis zuerkannte; was die Jury-Mitglieder in Erstaunen gesetzt hatte, war seine Fähigkeit, aus dem Klavier Klänge zu zaubern, wie man sie selten zuvor gehört hatte. So verwundert es auch nicht, daß Michelangeli als Schallplatten-Interpret sich zunächst mit klangkoloristischen Miniaturen hervortat: mit den lyrischen Stücke von Edvard Grieg oder den spanisch angehauchten Piècen von Granados, Albéniz oder Federico Mompou.

Es ist dies auch heute noch das hervorstechende Merkmal von Michelangelis Klavierspiel: Seine Interpretationen zielen vor allem ab auf den ästhetisch schönen Wohlklang. Michelangeli zählt zwar zu jenen Pianisten, die man als die "großen Einsamen des Klaviers" bezeichnen möchte, aber es ist nicht die Einsamkeit des musikalischen Philosophen oder Architekten. Das Nachspüren musikalischer Gedanken und großräumiger Strukturen findet zwar auch bei ihm statt, aber es spielte für ihn nie die wichtige Rolle wie etwa bei Alfred Brendel oder Claudio Arrau.

Am deutlichsten tritt dies zu Tage bei seinen wenigen Einspielungen der Beethoven-Sonaten. Seine Interpretation der Opus 111 hat ein Kritiker einmal als "transzendierende Klangwerdung des Glasperlenspiels" bezeichnet. Und auch in den frühen Beethoven-Sonaten herrscht bei Michelangeli bei aller Spielfreude klassisch-aristokratische Zurückhaltung vor. Hier der vierte Satz aus der C-Dur-Sonate op. 2, Nr. 3 in einer Aufnahme von 1941.

Musik-Nr.: 03
Komponist: Ludwig van Beethoven
Werk-Titel: Sonate C-Dur, op. 2, Nr. 3
Auswahl: 4. Satz <Track 7.> 4:35
Interpreten: Arturo Benedetti Michelangeli (Klavier)
Label: EMI (LC 6646)
7 64490 2
<Track 7.> Gesamt-Zeit: 4:35
Archiv-Nummer: ____

Der Grundstein zu einer internationalen Karriere war mit Michelangelis ersten Schallplatteneinspielungen gelegt. Aber die weltpolitischen Verhältnisse standen dem für's Erste entgegen. 1942 wurde Michelangeli zum Kriegsdienst eingezogen: als Flugzeugführer bei der italienischen Luftwaffe. Wenige Wochen zuvor hatte er noch Gelegenheit, mit dem Orchester der Mailänder Scala die Klavierkonzerte von Schumann und Grieg einzuspielen. Es sollten bis Ende der 40er Jahre Michelangelis letzte Aufnahmen sein.

Vielleicht hat es mit der unmittelbaren biographischen Situation zu tun, daß uns in diesen beiden Konzerten ein anderer Michelangeli entgegentritt. Hier spielt nicht ein übersensibler, vorsichtig behutsamer "Klang-Ästhet", sondern Michelangeli geht die Konzerte im durchaus virtuosen Sinne an: zupackend und mit offensichtlichem Genuß an der pianistischen Brillanz. Hier nun aus dem Grieg-Konzert der dritte Satz. Das Orchester der Mailänder Scala wird geleitet von Alceo Galliera.

Musik-Nr.: 04
Komponist: Edvard Grieg
Werk-Titel: Konzert für Klavier und Orchester a-moll, op. 16
Auswahl: 3. Satz (Allegro) <Track 6.> 10:40
Interpreten: xx
Label: Teldec (LC ____)
9031-76439-2
<Track 6.> Gesamt-Zeit: __:__
Archiv-Nummer: ____
Technik: MUSIK bei Trackbeginn einblenden