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Nathan Milstein

Dieser Beitrag ist entstanden als Sendemanuskript
für den Deutschlandfunk, Köln
(Sendung: "Kultur aktuell")

Als Nathan Milstein 1929 sein erstes Konzert in den Vereinigten Staaten gab, war tags darauf in der Zeitung zu lesen, er sei zwar der "größte Hexenmeister auf der Geige seit Paganini, aber sein Spiel ist von einer Kälte, daß einem das Blut in den Adern gefriert." Man sollte solche Kritiker-Aussprüche nicht allzu ernst nehmen, aber die musikalische Faszination und Irritation, die der damals 25-Jährige auf das Publikum ausstrahlte, muß beträchtlich gewesen sein.

Zumindest war Nathan Milstein keiner von jenen Geigen-Virtuosen, die glauben, sich beim Publikum anbiedern zu müssen: Seiner künstlerischen Erscheinung wie auch seiner Interpretation haftete zeitlebens etwas distanziert Aristokratisches an. So kraftvoll und virtuos er ein geigerisches Feuerwerk abbrennen konnte, so verabscheute er schon in den 20er Jahren die damals üblichen Zigeuner-Sentimentalitäten – die Schluchzer und das breit ausladende Vibrato. Sein Geigenton war zwar immer glühend und voluminös, klang dabei aber niemals schwer oder gar fettig.

Milsteins Interpretationen, wie er die Solopartiten von Bach gleichsam als geigerische Improvisationen anging, wie er die fingerbrecherischen Paganini-Capricen lustvoll um einige Schwierigkeiten bereicherte oder wie er die großen Violinkonzerte zum Klingen brachte ohne selbstgefällige und eitle Attitüde – dies galt unter Musikliebhabern als höchster Musikgenuß. Aber bei alledem war Milstein, was die publicity-trächtige Vermarktung seiner Selbst anging, zurückhaltend: Er haßte die Musikmaschinerie, die Schallplattenstudios und den dazugehörigen Werberummel, so daß er nie richtig populär geworden ist (wie etwa seine Kollegen Menuhin, Heifetz oder Oistrach).

Seine Karriere hatte Milstein begonnen wie fast alle Musiker: als Wunderkind. Am 31. Dezember 1904 in der russischen Geiger-Hochburg Odessa geboren, erhielt er mit vier Jahren seinen ersten Unterricht. Mit zehn Jahren dann hatte er seinen ersten großen Auftritt – weil er für den erkrankten Solisten einspringen mußte. Auf dem Programm stand Glasunows Violinkonzert unter der Leitung des Komponisten. Einige Jahre später folgte eine große. Konzerttournee. durch das nachrevolutionäre Rußland; Milsteins Klavier-Begleiter damals: der junge Vladimir Horowitz, der ebenfalls am Beginn seiner Karriere stand. Der spektakuläre Erfolg der Konzerte veranlaßte die sowjetische Regierung 1925, das Duo als künstlerisches Aushängeschild auf Europa- und Amerika-Tournee zu schicken. Keine geplante Flucht also (wie es die Presse später gerne darstellte), sondern eine Konzertreise, die Milstein dann allerdings ausdehnte, bis er sich 1943 aus politischen Gründen entschloß, die amerikanische Staatsbürgerschaft anzunehmen.

Um Deutschland hat Milstein, ähnlich wie auch Arthur Rubinstein, viele Jahre einen großen Bogen gemacht. Umso stürmischer wurde er gefeiert, als er 1966 in Berlin erstmals wieder ein Konzert gab. Bis noch vor wenigen Jahren ist er öffentlich aufgetreten – in einem Alter, wo andere Geiger ihr Instrument notgedrungen an den Nagel hängen müssen. Und immer wieder überraschte er bei seinen Auftritten, wie er Altersweisheit mit jugendlichem Feuer zu paaren verstand, wie souverän seine Technik war – und wie zeitlos-modern seine musikalische Auffassung.