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Inhaltsverzeichnis Manuskriptsammlung

Der Pianist Yves Nat

Dieser Beitrag ist entstanden als Sendemanuskript
für den Deutschlandfunk, Köln
(Historische Aufnahmen, 29.1.1989)

Musik 001:

Franz Schubert:
Moment musical Nr. 3 in f-Moll.

EMI (LC 0233) 2C 051-73033
[Dauer: 1'35]

Unter den Musikern gilt der boshafte Satz, daß ein guter Skandal für die Karriere wichtiger ist als ein Dutzend guter Kritiken. Und vielleicht ist dies auch der Grund, warum ein so vorzüglicher Pianist wie der Franzose Yves Nat, den Sie soeben mit Schuberts "Moment musical" in f-Moll gehört haben, nur einem verhältnismäßig kleinen Kreis von Musikliebhabern bekannt ist. Denn was läßt sich schon groß berichten über einen Menschen, der an gesellschaftlichem Glamour und an Publicity-trächtigen Selbstinszenierungen kein Interesse hat und sich lieber dem Klavierspiel und Komponieren widmet? Selbst die einschlägigen Musiklexika wissen meist nicht mehr anzuführen als seine Lebensdaten: "Yves Nat, französischer Pianist, geboren am 29. Dezember 1890 in der südfranzösischen Stadt Béziers, gestorben am 31. August 1956 in Paris."

Dabei sorgte Yves Nat schon bei seinem ersten öffentlichen Auftreten für Schlagzeilen: Als Zehnjähriger durfte er in Béziers das städtische Sinfonieorchester dirigieren; auf dem Programm stand unter anderem ein von ihm selbst komponierte Orchesterfantasie. Die Kunde von diesem denkwürdigen Konzert drang bis nach Paris, und das Feuilleton des renommierten "Figaro" widmete dem Nachwuchs-Komponisten und -Dirigenten einen derart überschwenglichen Artikel, daß die beiden Komponisten Saint-Saëns und Fauré auf den jungen Yves Nat aufmerksam wurden. Sie sorgten schließlich auch dafür, daß er ein Stipendium für das Pariser Musikkonservatorium erhielt. Allerdings - Nat selbst war von seinem kompositorischen Talent nicht so überzeugt und bewarb sich deshalb vorsorglich für die Meisterklasse des Pianisten Louis Diémer.

Nach einigen Jahren intensiven Studiums folgten dann die obligatorischen Klavier-Wettbewerbe. Yves Nat gewann zwar etliche erste Preise, aber an einer glanzvollen Virtuosen-Karriere schien er kein sonderliches Interesse zu haben. Lieber trat er als Kammermusikpartner in Erscheinung. Mit den Geigern Jacques Thibaud und Georges Enescu unternahm er ausgedehnte Tourneen durch Europa und Amerika, und das Duo Yves Nat / Eugène Ysaye war häufig zu Gast bei den berühmten Kammerkonzerten des belgischen Hofes.

Was in der Kammermusik unabdingbare Voraussetzung ist: Zurückhaltung zu wahren ohne falsche Bescheidenheit – das war auch für seine solistischen Aktivitäten charakteristisch. Wenn Yves Nat etwa in seiner Schallplatten-Einspielung von 1955 Brahms' g-Moll-Rhapsodie interpretiert, so ist dort nichts zu spüren von jener auftrumpfenden Gebärde in den fortissimo-Akkorden, wie man Sie sonst so häufig zu hören bekommt. Im Gegenteil: die Lautstärke ist bewußt zurückgenommen, und über allem herrscht eine strenge gestalterische Kraft. Nichts klingt hier hemmungslos entfesselt. Aber genau dies ist es, was der Interpretation ihren eigentümlich tragischen Charakter verleiht: daß selbst die leidenschaftlichen Ausbrüche durch eiserne Selbstdisziplin in Bann gehalten werden.

Musik 002:

Johannes Brahms:
Rhapsodie g-Moll, op. 79,2.

EMI (LC 0233) 2C 051-16400
[Dauer: 5'35]

Schon in seiner Studienzeit widmete sich der Franzose Yves Nat mit Vorliebe der deutschen Klaviermusik. Immer wieder setzte er die Klaviersonaten von Beethoven auf die Konzertprogramme, er spielte Schubert, Schumann und Brahms - allesamt Komponisten, die in Frankreich noch in den zwanziger Jahren unseres Jahrhunderts als schwerblütig, "unelegant" und wenig unterhaltsam galten. Wie sein Lehrer Louis Diémer ihm prophezeit hatte: eine glänzende Virtuosen-Karriere konnte man in Frankreich jedenfalls nicht auf solch einem Repertoire aufbauen.

Und in Deutschland? - Es scheint, daß Yves Nat für den damaligen deutschen Geschmack wiederum zu kultiviert, zu wenig exzessiv spielte: Er entfesselte keinen titanischen Donner, hier rissen keine Klaviersaiten, nicht einmal, daß man sich an gleisnerischer Virtuosität hätte delektieren können.

Dafür aber dringt Yves Nat in seinen Interpretationen zum Wesentlichen, zum Kern der Musik vor. Die Klänge rauschen nicht einfach an den Ohren vorbei; selbst in Schumanns furiosem "Faschingsschwank" op. 26 läßt Nat sich und dem Hörer immer noch genügend Zeit, den musikalischen Details nachzuspüren. Wie kaum einem anderen gelingt es ihm, Stimmungen auszumalen und versteckte Melodiebögen herauszuarbeiten, ohne daß der musikalische Fluß dadurch ins Stocken gerät oder der innere Zusammenhalt in Tausend Einzelteile zerfällt. Hier ein Ausschnitt aus der Schallplatten-Produktion von 1938.

Musik 003:

Robert Schumann:
Faschingsschwank aus Wien, op. 26;
daraus: 1. Satz.

EMI (LC 0110) 7 67141 2 <CD 1, Tr. 1> [Dauer: 7'55]

In den folgenden zehn Jahren schränkte Yves Nat seine Konzert-Auftritte und Studiotermine auf ein Minimum ein, um sich intensiver dem Komponieren und Unterrichten zu widmen. Erst Mitte der fünfziger Jahre trat er wieder als konzertierender Pianist in Erscheinung, und zwar vor allem durch seine Schallplatten-Einspielung sämtlicher Beethoven-Sonaten.

Auch in diesen Aufnahmen begegnet uns wieder jene klassizistische Abgeklärtheit, die für das Klavierspiel von Yves Nat so charakteristisch ist. Was bei seinen Brahms- und Schumann-Interpretationen als so unabdingbar schlüssig erscheint, gerät im Falle Beethoven zu einer künstlerischen Gratwanderung – zweifellos auf höchstem musikalischen Niveau, aber Sie fordert doch oft genug auch den Widerspruch heraus, und sei es nur, weil einem hier Ungewohntes, bislang "Unerhörtes" begegnet. Hören Sie in diesem Sinne zum Abschluß Yves Nat mit dem zweiten Satz aus der "Pathétique" - diesmal nicht als tränenseliges Rührstück, sondern als schlackenloses und unverzärteltes "Adagio cantabile".

Musik 004:

Ludwig van Beethoven:
Klaviersonate Nr. 8 c-Moll, op. 13;
daraus: 2.Satz.

EMI (LC 6646) 7 62901 2 <CD 3, Tr. 2> [Dauer: 4'35]