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Inhaltsverzeichnis Manuskriptsammlung

Ignacy Jan Paderewski –
Pianist und Politiker

Dieser Beitrag ist entstanden als Sendemanuskript
für den Deutschlandfunk, Köln
(Sendung: 16.7.1987 – "Historische Aufnahmen")

Musik-Nr.: 01
Komponist: Frédéric Chopin
Werk-Titel: Ballade Nr. 1 g-moll, op. 23
Auswahl: [Takte 1-9] <Track xx.> 0:40
Interpreten: Ignacy Jan Paderewski (Klavier)
Label: Name (LC ____)
Nummer
<Track xx.> Gesamt-Zeit: 0:40
Archiv-Nummer: ____

Es klingt wie ein polnisches Märchen: Auf einem abgelegenen Landgut in der Nähe von Warschau entdeckt ein dreijähriger Junge die Reize der Musik: Ohne Unterweisung beginnt er auf dem elterlichen Klavier herumzuklimpern, er erfindet kleine Melodien, die sich ohne viel Mühe mit einem Finger spielen lassen und begleitet das Ganze mit ein paar schrägen Akkorden. Als sechsjähriger erfindet er eine Notenschrift, um seine 'Kompositionen' (oder zumindest, was er dafür hält) niederzuschreiben; mit zwölf Jahren tritt er erstmals öffentlich als Klavierspieler auf – im Rahmen eines kleinen, unbedeutenden Wohltätigkeitskonzerts.

Klavierunterricht hat er bis dahin kaum gehabt – allenfalls einige Stunden bei durchreisenden Künstlern. Was eine Symphonie oder eine Oper ist, lernt er erst in Warschau auf dem Konservatorium kennen. Seine Lehrer am Konservatorium raten ihm denn auch von einer Musikerlaufbahn ab: sein Klavierspiel sei miserabel und auch als Komponist sei er zu untalentiert. Ähnliches wird er noch öfters zu hören bekommen – in Berlin, Paris und Wien. Doch der junge Mann ist von seiner Leidenschaft zur Musik besessen, und so nimmt er – inzwischen 23jährig – Unterricht bei dem berühmten Klavierpädagogen Theodore Leschetizky. Aber auch Leschetizky ist zunächst entsetzt, wie er hört, daß sein neuer Schüler Konzertpianist werden will. Doch unser Musiker läßt sich nicht beirren; mit unglaublicher Energie arbeitet er weiter an seiner pianistischen Ausbildung, bis zu 16 Stunden am Tag – obwohl er ganz von vorn anfangen muß: mit einfachen Fingerübungen und Czerny-Etüden. Daß aus diesem jungen Mann einmal der berühmte Ignacy Jan Paderewski werden sollte, daran wagte wohl damals niemand zu glauben.

Musik-Nr.: 02
Komponist: Frédéric Chopin
Werk-Titel: Etüde Ges-Dur, op. 25,9
Interpreten: Ignacy Jan Paderewski (Klavier)
Label: Name (LC ____)
Nummer
<Track xx.> Gesamt-Zeit: 1:00
Archiv-Nummer: ____

1889 war es dann soweit. Paderewski debütierte in Paris, und zwei Jahre später erregte er Aufsehen mit einer Konzert-Tournée durch Nordamerika: In knapp drei Monaten absolvierte er 117 Konzerte und durchquerte dabei den ganzen amerikanischen Kontinent.

Seine Karriere war nun nicht mehr aufzuhalten. Innerhalb weniger Jahre eroberte Paderewski die internationalen Konzertpodien und die gesellschaftlichen Salons. Als gefragter und kochbezahlter Pianist dinierte er mit den gekrönten Häuptern Europas und unternahm Tourneen, die ihn bis nach Südafrika und Australien führten. Seine Konzertreisen müssen den Charakter einer königlichen Prozession gehabt haben, wenn man den zeitgenössischen Berichten Glauben schenken darf: Paderewski reiste ausschließlich im privaten Eisenbahnwaggon, mit Küchenchef, Butler, Masseur, Leibarzt und Klavierstimmer – nicht zu vergessen mit seiner Frau und deren Personal. Die Menschen drängten sich auf den Bahnsteigen, wenn er vorüberfuhr, und die Damen der Gesellschaft fühlten sich glücklich, einmal diese begnadeten und für hunderttausend Dollar versicherten Hände berühren zu dürfen. Paderewski spürte, daß das Publikum von Äußerlichkeiten geblendet sein wollte, und er spielte mit. Seine Konzertreisen waren Tourneen der Superlative: Niemals zuvor hat ein Pianist so viele Konzerte in so kurzer Zeit gegeben und so hohe Gagen bekommen. Man schätzt, daß Paderewski im Laufe seines Lebens mit seinem Klavierspiel etwa 10 Millionen Dollar verdiente. Er besaß in Warschau ein Hotel, in Kalifornien eine Orangenplantage und ein Schloß in der Schweiz. Er führte das luxuriöse, oberflächliche Leben eines Weltmannes – bis 1914 der Erste Weltkrieg ausbrach und Paderewski erleben mußte, wie die Großmächte Österreich, Preussen und Rußland über das wehrlose Polen herfielen und sein Heimatland wieder einmal vom Räderwerk der Politik zermalmt wurde.
Musik-Nr.: 03
Komponist: Frédéric Chopin
Werk-Titel: Mazurka op. 17,4
Interpreten: Ignacy Jan Paderewski (Klavier)
Label: Name (LC ____)
Nummer
<Track xx.> Gesamt-Zeit: 3:20
Archiv-Nummer: ____

Die Ereignisse des Ersten Weltkrieges bewirkten einen Wandel in Paderewskis Lebensstil: Aus dem oberflächlichen Virtuosen wurde ein ernsthafter Künstler. Er veräußerte große Teile seines Besitzes und stellte den Erlös karitativen Zwecken zur Verfügung. In den Jahren nach 1914 setzte er sich bei seinen Konzertreisen durch Amerika wiederholt für ein freies, unabhängiges Polen ein; er verstand sich als musikalischer und politischer Botschafter seines Landes, und 1919 unterbrach er gar seine Pianistenkarriere, um im neugegründeten Staat Polen das Amt des Ministerpräsidenten zu übernehmen. Aber seine Laufbahn als Staatsmann war wenig erfolgreich. Parteiengezänk, Inflation und Wirtschaftskrise veranlaßten ihn nach drei glücklosen Jahren in der Politik, sich erneut der Musik zu widmen: Er gab wieder Konzerte, komponierte eine Oper und bereitete eine Ausgabe der Werke Chopins vor.

Chopin war Pole, Paderewski war Pole – was also lag näher, als Paderewski zum Chopin-Interpreten 'par excellence' hochzustilisieren. Und das sicherlich nicht ganz zu Unrecht, denn sein Chopin-Spiel unterscheidet sich beträchtlich von dem seiner Zeitgenossen: Paderewskis Auffassung ist weniger sentimental und zurückhaltender in der Demonstration manueller Virtuosität. Dafür aber finden sich – wie etwa in dem folgenden Walzer – immer wieder Momente von berückender Grazie. Was den Reiz dieser Klavierrollen-Einspielung aus dem Jahre 1922 ausmacht, ist neben der hohen Anschlagskultur vor allem der ungezwungene, natürliche Umgang mit dem Tempo rubato, ein unmerkliches Verzögern der Hauptakzente, wodurch der Walzerrhythmus aufgeweicht wird.

Musik-Nr.: 04
Komponist: Frédéric Chopin
Werk-Titel: Walzer As-Dur, op. 34,l
Interpreten: Ignacy Jan Paderewski (Klavier)
Label: Name (LC ____)
Nummer
<Track xx.> Gesamt-Zeit: 4:55
Archiv-Nummer: ____

Ignacy Ian Paderewski ist vielen Musikkennern nur als Chopin-Spieler bekannt. Doch im Gegensatz zu vielen seiner Kollegen damals pflegte er ein reichhaltiges und vielseitiges Repertoire. Auf seinen Konzertprogrammen finden sich – für die damalige Zeit ungewöhnlich – Werke von Mozart, Beethoven und Schumann; und Paderewski war es, der den impressionistischen Kompositionsstil Debussys in Amerika einem größeren Publikum bekanntmachte. – Hören Sie in einer (klanglich leider unbefriedigenden) Schellack-Aufnahme aus dem Jahre 1930 die Danseuses de Delphes, die delphischen Tänzerinnen, aus dem ersten Buch der Préludes von Claude Debussy.

Musik-Nr.: 05
Komponist: Claude Debussy
Werk-Titel: Préludes I
Auswahl: Danseuses de Delphes <Track xx.> 2:35
Interpreten: Ignacy Jan Paderewski (Klavier)
Label: Pearl (LC ____)
GEMM 196
<Track xx.> Gesamt-Zeit: 2:35
Archiv-Nummer: ____

Paderewskis Klavierspiel aus der heutigen Sicht zu beschreiben, ist nicht leicht. Die Trichter-Aufnahmen der alten Schelllack-Platten sind meist von sehr schlechter Klangqualität, und die selbsttätig spielenden Welte-Mignon, Phonola- oder Ampico-Klaviere, für die Paderewski sein Repertoire eingespielt hat, können auch nicht in allen Details wiedergeben, wie sein Spiel in natura geklungen hat. Angesichts so mancher rhythmischer Unsauberkeiten, falscher Töne und offensichtlicher pianistischer Schwächen fragt man sich, wie Paderewski so berühmt hat werden können. Und man ist geneigt, nach Entschuldigungen zu suchen: Altersgründe, Lampenfieber, Unsicherheit vor dem neuen Medium Schallplatte. Aber was wichtiger scheint, ist die Tatsache, daß Paderewski noch einer Pianisten-Generation angehörte, die sich auf ihre Ausstrahlung im Konzertsaal verlassen konnte. Richtige Töne – das war zwar auch in der damaligen Zeit wünschenswert; aber wem auf dem Podium das Charisma fehlte, dem nutzte auch die beste Technik und das sauberste Spiel nichts.

Und Charisma besaß Paderewski mehr als genug. Seine langen blonden Locken, die melancholische Atmosphäre, mit der er sich umgab: das war es, worauf das Publikum – vor allem das weibliche – ansprang. In dieser Hinsicht war Paderewski ein Schüler von Liszt; und von Liszt hatte er anscheinend auch gelernt, wie wichtig Publicity für eine Künstlerkarriere ist. So erzählt sein Impressario Hugo Görlitz in seinen Erinnerungen, daß er bei den ersten Paderewski-Konzerten in Amerika Freikarten an die Studenten verteilt habe, unter der Bedingung, daß sie "wie wild nach vorn stürmten, um den Magier Paderewski aus der Nähe zu bewundern".

Seine Pianisten-Kollegen waren ob solcher Methoden und ob der Popularität, die Paderewski genoß, gar nicht angetan. Alfred Reisenauer soll sogar gesagt haben, als man Paderewskis Kultiviertheit, seine sprachlichen Fähigkeiten und seinen Esprit lobte: "Er versteht von allem etwas – nur nicht von der Musik." – Um dieses überaus harte und ungerechte Urteil zu widerlegen, sei hier die Ungarische Rhapsodie Nr. 2 von Franz Liszt angefügt.

Musik-Nr.: 06
Komponist: Franz Liszt
Werk-Titel: Ungarische Rhapsodie Nr. 2
Interpreten: Ignacy Jan Paderewski (Klavier)
Label: Name (LC ____)
Nummer
<Track xx.> Gesamt-Zeit: 8:00
Archiv-Nummer: ____

Komponist hatte der zwölfjährige Paderewski ursprünglich werden wollen, als er an das Warschauer Konservatorium kam. Aber das Schicksal fügte es, daß er Pianist wurde, und das war gut so, denn seine Kompositionen sind kaum der Rede wert. Sein Klavierkonzert von 1889 zeichnet sich allerhöchstens dadurch aus, daß hier Motive aus polnischen Volksliedern mit immensen pianistischen Schwierigkeiten verquickt sind, und von seiner Oper 'Manru', die 1901 in Dresden uraufgeführt wurde, ist heute nur noch der Titel bekannt. Was man als Zugaben noch gelegentlich zu hören bekommt, sind die kleinen Genre-Stücke wie das berühmte Paderewski-Menuett aus den Humoresques de concert.

Musik-Nr.: 07
Komponist: Ignacy Jan Paderewski
Werk-Titel: Menuett G-Dur, op. 14,1
(aus: 'Humoresques de concert')
Interpreten: Ignacy Jan Paderewski (Klavier)
Label: Name (LC ____)
Nummer
<Track xx.> Gesamt-Zeit: 3:45
Archiv-Nummer: ____

Das Leben des Ignacy Jan Paderewski ist wohl das ungewöhnlichste und faszinierendste Kapitel in der Geschichte des Klaviervirtuosentums. Andere Pianisten mögen schon damals besser und schneller gespielt haben – ganz zu schweigen von den Geschwindigkeits-Rekorden, mit denen die heutigen Klavier-Leistungssportler aufwarten können –, aber die meisten von ihnen haben darüber versäumt, am Leben teilzunehmen. – So gesehen verlief Paderewskis Leben wie im Märchen: nach Jahren der Suche und des Zweifels ein glanzvoller Aufstieg als Pianist und Staatsmann.

Als Staatsmann sollte er auch sterben, obwohl er der Politik nach den enttäuschenden Erfahrungen in den Zwanziger Jahren für immer den Rücken hat kehren wollen. 1940, ein Jahr vor seinem Tod, wurde Paderewski zum Präsidenten der polnischen Exilregierung in London ernannt; als 80Jähriger reist er nochmals um die Welt und verhandelt mit Staatsmännern, ohne aber noch viel für sein Land tun zu können. – Als er am 29. Juni 1941 in New York stirbt, wird er unter militärischen Ehren auf dem amerikanischen Heldenfriedhof von Arlington beigesetzt; sein Leichnam – so verfügt es der amerikanische Präsident Franklin D. Roosevelt – soll erst dann nach Polen überführt werden, wenn dieses Land frei und unabhängig ist.

Musik-Nr.: 08
Komponist: Frédéric Chopin
Werk-Titel: Ballade Nr. 1 g-moll, op. 23
Interpreten: Ignacy Jan Paderewski (Klavier)
Label: Name (LC ____)
Nummer
<Track xx.> Gesamt-Zeit: 8:00
Archiv-Nummer: ____