Home | Impressum
KölnKlavier · Themen
Inhaltsverzeichnis Manuskriptsammlung

Sergej Rachmaninov –
Pianist und Dirigent

Dieser Beitrag ist entstanden als Sendemanuskript
für den Deutschlandfunk, Köln
(Sendung: 6.8.1987 – "Historische Aufnahmen")

Musik-Nr.: 01
Komponist: Sergej Rachmaninov
Werk-Titel: Prélude cis-moll, op. 3,2
Interpreten: Sergej Rachmaninov (Klavier)
Label: Dec (LC 0171)
414 096-1
<Track xx.> Gesamt-Zeit: 3:40
Archiv-Nummer: ____

Hätte Sergej Rachmaninov nicht dieses ominöse Prélude in cis-moll komponiert, er wäre wohl nur halb so berühmt geworden. In aller Welt wird dieses Stück gespielt; es gibt Bearbeitungen für jede nur erdenkliche Besetzung, und noch heute kann man es in den Klavieralben unter so dramatischen Titeln wie Der Brand von Moskau oder Das Jüngste Gericht finden. Indes: Rachmaninov selbst war nicht sonderlich glücklich darüber, daß er gerade mit diesen paar Takten Musik populär geworden ist. In seinen Augen war das cis-moll-Prélude eher eine Jugendsünde, über die man besser den Mantel des Schweigens breiten sollte. Aber davon wollten seine Bewunderer nichts wissen. Egal, wo Rachmaninov konzertierte oder wo er eingeladen war – immer wieder klagte er darüber, daß man nur sein Prélude hören wolle, oder schlimmer noch: daß er zuhören mußte, wenn die Töchter des Hauses das Stück malträtierten.

Wer die Musik von Sergej Rachmaninov heutzutage angemessen würdigen will, hat bald schon Schwierigkeiten mit den Begriffen: leidenschaftlich und melancholisch bis hin zur Sentimentalität, möchte man den Kompositionen das Etikett "romantische Salonmusik" anheften; aber so unüberhörbar das 19. Jahrhundert auch in seiner Musik durchklingt, so fühlt man sich doch – vor allem in den Orchesterwerken – unwillkürlich an die schmachtende amerikanische Filmmusik der 20er und 30er Jahre erinnert. Es ist wohl gerade diese seltsame Mischung aus Glamour und Kunst, aus Kino-Trivialität, slawisch-russischem Melodienreichtum und dem Raffinement spätromantischer Instrumentation, was den Erfolg der Rachmaninov'schen Kompositionen begründet hat – zumal seine Musik zu einer Zeit entstand, als das Publikum mit den sonstigen zeitgenössischen Komponisten immer größere Schwierigkeiten bekam. Und wie man sich von dem Lärm und den mathematischen Musik-Konstruktionen der Neutöner empört abwandte, so konnte man in Rachmaninov den letzten Heroen einer untergehenden Epoche feiern: den Komponisten und Klaviervirtuosen in Personalunion wie weiland Beethoven, Chopin und Liszt.

So anachronistisch-rückständig Rachmaninovs Musik bisweilen klingt, so überraschend modern muten die Anlässe an, aus denen die Kompositionen entstanden sind. So schrieb Rachmaninov seine 3. Sinfonie in den Jahren 1935 und '36 nicht allein aus künstlerischem Antrieb, sondern – wie er selber zugab – vor allem deswegen, weil er dringend Geld für ein neues Auto brauchte. Die Musik jedoch bleibt von einem derart 'pragmatischen' Denken gänzlich unberührt. Hören Sie nun aus dieser 3. Sinfonie den zweiten Satz, das 'Adagio ma non troppo'. Das Philadelphia Orchestra spielt unter der Leitung von Sergej Rachmaninov – in einer Aufnahme, die zu Beginn der 40er Jahre entstanden ist.

Musik-Nr.: 02
Komponist: Sergej Rachmaninov
Werk-Titel: Sinfonie Nr. 3 a-moll, op. 44
Auswahl: 2. Satz (Adagio ma non troppo) <Track xx.> 11:45
Interpreten: Philadelphia Orchestra
Ltg.: Sergej Rachmaninov
Label: RCA (LC 0136)
VL 42058
<Track xx.> Gesamt-Zeit: 11:45
Archiv-Nummer: ____

Einige Stationen aus seinem Leben: 1873 als Sohn wohlhabender Eltern in Nowgorod geboren, besuchte Rachmaninov schon mit neun Jahren das Konservatorium in Petersburg und galt bald schon als der junge Komponist Russlands. Für seine Erstlings-Oper Aleko erhielt er gar die große Goldmedaille des Moskauer Konservatoriums – die höchste Auszeichnung, die ein russischer Komponist sich damals nur wünschen konnte.

Seiner Laufbahn als Komponist schien nichts im Wege zu stehen. Durch das elterliche Erbe finanziell unabhängig, konnte er es sich erlauben, auf jede Lehrtätigkeit zu verzichten; und auch das Dirigieren und Klavierspielen betrieb er nur, weil er so mehr Möglichkeiten hatte zu reisen. Eine Zeitlang lebte er in Dresden; er unternahm Konzerttourneen durch Europa und die Vereinigten Staaten, wo man ihm auch die Leitung verschiedener Orchester antrug. Aber Rachmaninov lehnte dankend ab und kehrte 1910 als gefeierter Musiker auf sein Landgut in Rußland zurück.

Daß er sich dann doch noch – entgegen seinen ursprünglichen Vorstellungen – zum reisenden Klaviervirtuosen ausbildete, wurde durch die Unruhen der russischen Oktober-Revolution von 1917 erzwungen. Als er in den Wintermonaten 1917 aus Russland nach Schweden emigrierte, war er darauf angewiesen, schnell Geld zu verdienen – und das ging am ehesten, indem er Konzerte gab. Rachmaninov war damals 45 Jahre alt – für eine Pianisten-Karriere eigentlich schon zu alt. Aber vielleicht erklärt sich aus diesem späten Beginnen auch sein abgeklärter Interpretationsstil, der so gar nicht zu seinen romantischen Kompositionen passen will: Wenn Rachmaninov am Klavier saß, gab er sich bewußt sachlich und vermied jede übertriebene Gefühlsseligkeit, so daß ihn ein Kritiker einmal als den "Puritaner unter den Pianisten" bezeichnete. Dennoch klingen seine Interpretationen niemals blutleer. Was die Zeitgenossen aber wohl befremdlich fanden, ist die überraschende Klarheit seines Spiels. Bei ihm gibt es keine verwischten Melodielinien oder schwammigen Pedal-Akkorde; Rachmaninov scheint jedes musikalische Detail analytisch zu durchleuchten, bevor er es wieder zu einem harmonischen Ganzen zusammenfügt. Und man ist erstaunt, wie modern auch heute noch jene Klavierrollen-Einspielung aus dem Jahre 1926 klingt, auf der Rachmaninov die Sarabande der D-Dur-Partita von Johann Sebastian Bach interpretiert.

Musik-Nr.: 03
Komponist: Johann Sebastian Bach
Werk-Titel: Partita Nr. 4 D-Dur
Auswahl: Sarabande <Track xx.> 2:45
Interpreten: Sergej Rachmaninov (Klavier)
Label: Dec (LC 0171)
414 122-1
<Track xx.> Gesamt-Zeit: 2:45
Archiv-Nummer: ____

Nach seiner Emigration aus Rußland ließ Rachmaninov sich zunächst in Paris nieder, dann in der Schweiz, am Vierwaldstätter See, von wo aus er immer häufiger in die Vereinigten Staaten reiste. Und Amerika sollte ab 1935 dann auch seine neue Heimat werden. Aber schon aus den Jahren 1919 und 1926 gibt es zwei Klavierrollen-Einspielungen, in denen so etwas wie eine Liebeserklärung an Amerika spürbar zu werden scheint. Das eine ist eine Klavierbearbeitung des Star-Spangled Banner, der amerikanischen Nationalhymne, das andere eine Transkription von Schuberts Lied Wohin? aus der Schönen Müllerin. An Schubert erinnert in dieser Transkription nicht mehr allzuviel, allenfalls noch die Melodielinie. Die Harmonien der Begleitfigur jedoch hat Rachmaninov mit geradezu kindlicher Freude dissonant verfremdet – in einer Weise, die unwillkürlich an die Harmonik des frühen Jazz denken läßt.

Musik-Nr.: 04
Komponist: Franz Schubert / Sergej Rachmaninov (Bearb.)
Werk-Titel: Die schöne Müllerin
Auswahl: Wohin <Track xx.> 2:05
Interpreten: Sergej Rachmaninov (Klavier)
Label: Dec (LC 0171)
414 122-1
<Track xx.> Gesamt-Zeit: 2:05
Archiv-Nummer: ____
Musik-Nr.: 05
Komponist: Unbekannt / Sergej Rachmaninov (Bearb.)
Werk-Titel: The Star-Spangled Banner
Interpreten: Sergej Rachmaninov (Klavier)
Label: Dec (LC 0171)
Dec 414 122-1
<Track xx.> Gesamt-Zeit: 1:15
Archiv-Nummer: ____

Amerika ist für den russischen Komponisten Rachmaninov schon früh eine treibende Kraft gewesen. So komponierte er für seine erste Konzerttournee durch die Vereinigten Staaten im Jahre 1909 sein d-moll-Klavierkonzert, ein Werk, das er aufgrund der enormen pianistischen Schwierigkeiten selbst als " Stück für Elefanten" bezeichnete. Indes – ruft man sich die pianistischen Schlachtengemälde ins Gedächtnis, die andere Virtuosen mit diesem Werk anstellen, und vergleicht sie mit Rachmaninovs eigener Einspielung vom Dezember 1940, so ist man erstaunt, wie distinguiert dieses Konzert klingen kann, wenn man nicht auf bloße Effekthascherei aus ist. – Hören Sie nun zum Abschluß Sergej Rachmaninov mit dem ersten Satz aus dem Klavierkonzert d-moll, op. 30. Das Philadelphia Orchestra wird geleitet von Eugene Ormandy.

Musik-Nr.: 06
Komponist: Sergej Rachmaninov
Werk-Titel: Konzert für Klavier und Orchester Nr. 3 d-moll, op. 30
Auswahl: 1. Satz (Allegro ma non tanto) <Track xx.> 13:35
Interpreten: Sergej Rachmaninov (Klavier
Philadelphia Orchestra
Ltg.: Eugene Ormandy
Label: RCA (LC 0136)
26.35002
<Track xx.> Gesamt-Zeit: 13:35
Archiv-Nummer: ____