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Inhaltsverzeichnis Manuskriptsammlung

Svjatoslav Richter zum 75. Geburtstag (20.3.1990)

Dieser Beitrag ist entstanden als
Sendemanuskript für die DEUTSCHE WELLE, Köln
(Zentraldienst Musik, Sendung: 20.3.1990)

MUSIK 001:

Peter Iljitsch Tschaikowsky:
Klavierkonzert Nr. 1, op. 23 b-moll;
daraus: 1. Satz (Anfang).

DG (LC 0173) ...

Als der russische Pianist Emil Gilels 1955 seine ersten Konzerte im Westen gab und stürmisch gefeiert wurde, winkte er bescheiden ab: In Moskau, da gebe es einen, der hieße Svjatoslav Richter und der spiele um einiges besser. Und die Kulturschaffenden der westlichen Hemisphäre, die ein wenig vom Konzertleben jenseits des Eisernen Vorhangs miterlebt hatten, berichteten wahre Wunderdinge von jenem Pianisten namens Svjatoslav Richter. Über irgendwelche inoffiziellen Kanäle gelangten dann wenig später die ersten Schallplatten von Svjatoslav Richter in den Westen - Live-Mitschnitte, die jedermann (bei allen Abstrichen hinsichtlich der Aufnahme-Qualität) in Erstaunen versetzten: kraftvoll und doch durchgeistigt, technisch perfekt ohne jede Allüre von Virtuosentum.

Aber die Schallplatten-Aufnahmen, auch die heutigen, bieten nur einen schwachen Abglanz von dem, was Richters Klavierspiel ausmacht. Man muß ihn auf dem Podium erlebt haben, um den grüblerischen Ernst seiner Interpretationen wirklich zu begreifen: Daß Musik Freude macht, möchte man ihm kaum abkaufen. Wenn er das Podium betritt, mit festen, schnellen Schritten zum Flügel eilt und nach einer unwirschen Verbeugung sich an das Instrument setzt - fast schämt man sich als Zuhörer, soviel äußerlichen Enthusiasmus zu zeigen und zu applaudieren.

Und in der Tat: Wenn Svjatoslav Richter Klavier spielt, ist Applaus ebensowenig angebracht wie bei einem Gottesdienst. Was Richter will, ist: den letzten Dingen auf den Grund gehen. Er brennt - selbst in den Klavierkonzerten von Franz Liszt - keine furiosen Feuerwerke ab (obwohl er dazu in der Lage wäre), sondern gräbt mit Vorliebe in den Tiefen der Musik.

MUSIK 002:

Franz Liszt:
Klavierkonzert Nr. 1 Es-Dur;
daraus: 1. Satz (Anfang).

Philips

Stationen eines Künstlerlebens in der Sowjetunion: Geboren wurde Svjatoslav Teofilowitsch Richter vor 75 Jahren, am 20. März 1915, als Sohn einer deutschstämmigen Musiker-Familie in der Ukraine. Schon früh wurden die Eltern auf die musische Begabung ihres Sohnes aufmerksam: Nicht nur, daß der junge Svjatoslav einen gründlichen Klavierunterricht erhielt, daneben wurden auch seine malerischen und zeichnerischen Talente gefördert, so daß er nach Beendigung der Schule ernsthaft überlegte, ob er nicht doch lieber auf die Kunstakademie gehen sollte, anstatt Musik zu studieren.

Da den Eltern allerdings das Geld fehlte, mußte Svjatolav Richter sich seinen Lebensunterhalt zunächst als Korrepetitor am Opernhaus in Odessa verdienen. Erst 1937 kam er zu dem berühmten Klavierlehrer Heinrich Neuhaus an das Musik-Konservatorium in Moskau. 1945 gewann er den sowjetischen Allunions-Wettbewerb für Pianisten, und ein Jahr später erhielt er die Goldene Medaille des Moskauer Konservatoriums.

Aber der Glanz wurde überschattet von den politischen Ereignissen. Sein Vater wurde kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges von seinen russischen Landsleuten hingerichtet - nur deswegen, weil er Russe mit deutscher Abstammung war. Und auch Svjatoslav Richter selbst hatte mehr als zwei Jahrzehnte unter dem Makel zu leiden, daß er deutschstämmig war und seine Eltern ihm gleichsam eine deutsche Bildung haben zukommen lassen. Seine künstlerische Kompetenz, seine pianistischen Fähigkeiten wurden nie in Zweifel gezogen, aber die Behörden verweigerten ihm immer wieder Konzert-Tourneen ins westliche Ausland, weil sie fürchteten, ihr Meister-Pianist könne sich dorthin absetzen.

Allerdings: Als Richter dann seit 1960 reisen durfte, waren es westdeutsche Behörden, die ihm (wegen politische Bedenken) ein Auftreten in West-Berlin verboten.

Ein Wanderer zwischen zwei Welten also. Vielleicht rührt daher auch seine besondere Vorliebe zu Franz Schubert. Nicht zu dem biedermeierlich-gemütlichen Schubert der Ländler und der Deutschen Tänze, sondern zu den großen, zerklüfteten Sonaten, zu den endlos langen und einsamen Klanggebilden, wie Schubert sie etwa im zweiten Satz der "Wanderer-Fantasie" geschaffen hat.

MUSIK 003:

Franz Schubert:
Wanderer-Fantasie;
daraus: 2. Satz.

EMI (0542) CDC 7 479672 <Tr. 5.>

Ein Wanderer zwischen zwei Welten: Auf die Frage eines Kritikers, ob er sich als Deutscher oder als Russe fühle, hat Svjatoslav Richter in den Siebziger Jahren einmal - nach einem Augenblick des Zögerns - mit "JA" geantwortet. Eine diplomatische Antwort, aber auch eine ehrliche. Richter ist Wagner-Anhänger, er verehrt Bach, Beethoven, Schubert, Brahms und Schumann; aber daneben schlägt auch eine slawisch-russische Seele in seiner Brust: die Klang-Gespinste eines Skriabin, Mussorgskys "Bilder einer Ausstellung", Tschaikowskys Klavierkonzert - und natürlich Sergej Prokofiev, mit dem ihn eine enge Freundschaft verband. Svjatoslav Richter war der erste, der Prokofievs 6. Klaviersonate öffentlich im Konzertsaal vortrug, und immer wieder setzt er Werke von Prokofiev auf seine Konzertprogramme, obwohl - oder gerade weil - das Publikum anderes hören will.

MUSIK 004:

Sergej Prokofjev:
Visions fugitives op. 22;
daraus: Nr. 3, Nr. 6, Nr. 9.

DG (0173) 423 573-2 <Tr. 8>

Liest man die internationalen Konzertkritiken, so fällt immer wieder die Zurückhaltung auf, mit der Richters Klavierabende gelobt werden. Nicht, daß man etwas bemängeln könnte an seinem Spiel, aber bei soviel Gewissenhaftigkeit und Ernst tun sich bisweilen auch interpretatorische Abgründe auf: Sein Mozart ist glasklar und männlich; keine Spur von jenen verzärtelten Rokoko-Allüren. Ähnlich faßt er Beethoven auf - nicht als cholerisch-wütenden Titan, sondern als besonnenen Komponisten, der sehr wohl weiß, wie Akzente zu setzen sind. Schumanns "Nachtstücke" taucht er gelegentlich in ein impressionistisch verschwimmendes Pedal, hingegen die Klangwolken eines Debussy geradezu austrocknet werden.

Und dann das "Wohltemperierte Klavier" von Johann Sebastian Bach: Romantisch klingt es nicht; ebensowenig authentisch im Sinne der historischen Aufführungspraxis. Aber Richter findet genau den Tonfall, der dem modernen Konzertflügel angemessen ist: strukturiert, aber nicht übertrieben analytisch, und immer sinnlich (als Genuß) nachvollziehbar.

MUSIK 005:

Johann Sebastian Bach:
Das wohltemperierte Klavier, 1. Teil;
daraus: Präludium und Fuge Nr. 1 C-Dur.

Ariola-Eurodisc/Melodia (0202) 610 276-234 <CD 1, Tr. 1.>