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Wir Amerikaner sind Erben der großen deutschen Tradition.

Stockhausen-Schüler als Ragtime-Spieler und Bach-Spezialist. WELT-Gespräch mit dem amerikanischen Musikforscher Joshua Rifkin

Dieses Interview ist erschienen
in der Tageszeitung DIE WELT 29.12.1988

Die Fragen stellte Wolfgang Lempfrid

Bekannt geworden ist der amerikanische Bachforscher Joshua Rifkin in Europa zunächst als Ragtime-Pianist. So waren viele Musikliebhaber irritiert, als er 1982 in einem Aufsatz nachzuweisen versuchte, daß unsere Vorstellung von Bachs Chor als einem großen Kollektiv auf einer Fehlinterpretation der schriftlichen Quellen beruht. Seine These: Bach hat in der Regel mit vier oder fünf Vokalsolisten gearbeitet.

DIE WELT: Herr Rifkin, wie kamen Sie darauf, daß die landläufige Auffassung einer großen chorischen Besetzung für die Bachschen Vokalwerke falsch sein könnte?

Joshua Rifkin: Die Musikwissenschaftler berufen sich immer auf Bachs schriftliche Eingabe an den Rat der Stadt Leipzig, wo er für jede Stimmgattung drei Sänger fordert. Aber es ist nirgends die Rede davon, daß Bach diese zwölf Sänger auch alle zur gleichen Zeit einsetzen wollte. – Vielleicht hilft ein Vergleich aus der Gegenwart: Wenn ein Trainer eines Fußball-Clubs sagt, er brauche zwei Torwarte, so heißt das doch nicht, daß beide gleichzeitig im Tor stehen. Genauso müssen wir es uns mit den Sängern der Thomaskantorei vorstellen: Es fiel immer mal jemand aus, und dagegen wollte Bach sich absichern.

DIE WELT: Fast alle Musikforscher interpretieren aber Bachs Forderung nach mehr Chorsängern dahingehend, daß er sich einen stimmgewaltigeren Chor gewünscht habe.

Joshua Rifkin: Das sind nur Hypothesen, denn Bach hat sich nie dazu geäußert, daß er die normale Besetzung, also einen Sänger pro Stimmgattung, als klangarm empfunden hätte. Wir dürfen diese Frage nicht aus der heutigen Perspektive betrachten. Für uns ist ein Chor etwas, das nach Größe trachtet. Aber damals war ein Chor grundsätzlich eine Gruppe von Solisten, wobei man allenfalls einen weiteren Sänger in jeder Stimmgattung hinzuzog. Dies läßt sich anhand der Dokumente und mit dem Überlieferten Stimmenmaterial belegen. Selbst das ganze 18. Jahrhundert hindurch galt eine Besetzung mit acht Sängern als ausgesprochen große Besetzung.

DIE WELT: Bachs Forderung besagt also nichts über das, was er sich als mögliches Klangideal für seine Kompositionen vorgestellt hat?

Joshua Rifkin: Selbst wenn es so wäre, daß Bach sich einen größeren Chor gewünscht hätte, so geht es doch für die historische Aufführungspraxis darum, wie er seine Werke tatsächlich aufgeführt hat. Dies allein ist entscheidend, denn Bach dachte pragmatisch: Er hat sich mit seinen Kompositionen immer den jeweiligen Gegebenheiten angepaßt. – Um das an einem anderen Beispiel aus der Musikgeschichte zu verdeutlichen: Ich denke da an den berühmten Mozart-Brief an seinen Vater, wo er aus Mannheim schreibt, daß das Orchester dort über Klarinetten verfügt, und Mozart schwärmt davon, wie herrlich das wäre, wenn er in Salzburg Klarinetten hätte. Besagt das, daß jedes Mozart-Werk der Salzburger Zeit mit Klarinetten besetzt werden sollte? Aber eine größere Vokalbesetzung zu benutzen, wenn es nicht vorgeschrieben steht, ist nichts anderes, als Klarinetten in ein Stück einzufügen, das keine Klarinette verlangt.

DIE WELT: Wie reagierte man auf Ihre Thesen?

Joshua Rifkin: Zunächst gab es überall Entsetzensschreie. Aber allmählich werden meine Überlegungen doch einster genommen, wobei man sich in Deutschland etwas schwerer tut als in England.

DIE WELT: Gibt es hierfür einen Grund?

Joshua Rifkin: Die soziale Stellung des Chores ist in Deutschland enorm. Mein Aufsatz hat wohl den Eindruck erweckt, daß ich das deutsche Chorwesen vernichten wollte, was natürlich gar nicht meine Absicht ist. Ich habe auch nichts dagegen, daß die großen Chöre weiterhin Bach singen. Aber den Menschen fehlt der Mut zu sagen: Ich weiß, das ist historisch falsch, aber trotzdem mache ich es so und nicht anders.

DIE WELT: Bevor Sie sich der Alten Musik zuwandten, haben Sie Komposition bei Karlheinz Stockhausen studiert. Hat die Phase des genießen Komponierens Ihre ästhetische Auffassung von Musik geprägt?

Joshua Rifkin: Stockhausen war eher zufällig mein Lehrer. Ich bin 1963, also gegen Ende der seriellen Zeit, vor allem der Atmosphäre wegen nach Darmstadt gegangen. Stockhausen leitete in jenem Jahr das Seminar für Komposition. Ich fand ihn sehr anregend, sehr interessant, weil er stets voller Ideen ist. Es war die Zeit, wo er die Momente vollendet hatte, Carré war damals noch ganz neu, und die Kontakte wurden zum dritten oder vierten Mal aufgeführt.

DIE WELT: Welche Bedeutung hat die Neue Musik für Sie?

Joshua Rifkin: Als Dirigent habe ich mich häufig mit Strawinsky und Schönberg beschäftigt. Aber was momentan zur Neuen Musik zählt, entspricht nicht unbedingt meinem Geschmack. Die Beschäftigung mit Alter Musik birgt in dieser Hinsicht eine große Gefahr: Das Publikum will sich über die Schwierigkeiten der zeitgenössischen Musik nicht mehr den Kopf zerbrechen. Die Alte Musik, die als Modeerscheinung durchaus reaktionäre Tendenzen hat, bietet da eine bequeme Fluchtmöglichkeit.

DIE WELT: Die authentische Aufführungspraxis hat in den letzten zehn Jahren auffallend häufig ihren Charakter verändert. Selbst ein Rifkin von 1981 hört sich anders an als Rifkin 1988. Ist dies allein durch ein umfassenderes Wissen über die Musizierpraxis der damaligen Zeit zu erklären?

Joshua Rifkin: Nein. Die letzte Instanz ist der heutige Mensch. Wir machen keine Aufführungen für die Menschen damals, sondern für heute. Und wir dürfen uns nichts vormachen: Historische Aufführungspraxis ist immer moderne Aufführungspraxis – Aufführungen, wie man sie heute will.

DIE WELT: Haben sie als amerikanischer Musiker keine Schwierigkeiten, sich die barocke Gedankenwelt mit ihren spezifisch europäischen Ausprägungen und unterschiedlichen Nationalstilen anzueignen?

Joshua Rifkin: Ich habe mich selbst oft gefragt, ob ein deutscher Musiker ein innigeres Verhältnis zu Bach hat als wir. Aber die Frage muß anders lauten: Hat er ein innigeres Verhältnis zu Bach oder zur Bach-Rezeption? In einem gewissen Sinne sind die amerikanischen Musiker von heute den deutschen Musikern des Barock vergleichbar, die alle musikalischen Nationalstile beherrschen mußten. Man glaubte damals, es gebe keinen deutschen Stil. Die Musik war eine italienische Sache und in zweiter Linie eine französische Sache. Die Deutschen mußten diese beiden Stilarten beherrschen und entwickelten daneben einen eigenen "gemischten" Stil. Deswegen ist die Bachsche Musik eine Musik, die Musikern wie uns sehr entgegenkommt. Unsere Distanz zu Europa ist sogar ein Vorteil. Wir können leichter aus den Beschränkungen der Tradition herauskommen. Und was die Frage der Tradition betrifft: Man muß sich immer vergegenwärtigen, daß wir in Amerika in gewisser Weise die Erben der großen deutschen Tradition sind. Denn die führenden deutschen Musiker sind nach 1933 vielfach in die Vereinigten Staaten ausgewandert. Damit war die große deutsch-österreichische Tradition abgebrochen und mußte nach dem Krieg erneut aufgenommen werden, während sie seit den dreißiger Jahren in Amerika weiterlebt.

DIE WELT: Es gibt in den USA mittlerweile eine sehr rührige "Alte Musik "-Szene.

Joshua Rifkin: Das ist eine komplizierte Sache. An sich ist sehr viel im Gange. Wir haben erstklassige Instrumentalisten und Sänger, und es gibt auch ein ziemlich großes und sehr enthusiastisches Publikum. Aber das System, das Pubikum und Interpreten miteinander verbindet, funktioniert in den USA nicht so gut wie in Europa. Uns fehlt der Rundfunk, eine Presse, vor allem aber fehlt das Interesse und Engagement der Schallplattenfinnen.