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Lajos Rovatkay und die Cappella Agostino Steffani

Dieser Beitrag ist entstanden als Sendemanuskript
für den SüddeutschenRundfunk, Stuttgart
(Sendung: "Alte Musik kommentiert")

Musik-Nr.: 01
Komponist: Agostino Steffani
Werk-Titel: La lotte d'Hercole
Auswahl: Gigue <Track 3.> 0:50
Interpreten: Capella Agostino Steffani
Ltg.: Lajos Rovatkay
Label: EMI (LC 6646)
CDC 7 54308 2
<Track 3.> Gesamt-Zeit: 0:50
Archiv-Nummer: ____

Die Alte Musik hat es nicht leicht an den bundesdeutschen Musikhochschulen. Die Cembalisten und all die anderen, die sich mit historischer Aufführungspraxis beschäftigen, werden immer noch als Exoten belächelt – wenn ihnen nicht gar der schlechte Ruf anhaftet, daß sie sich mit der Barockmusik nur deswegen beschäftigen, weil das klassische und romantische Repertoire ihnen zu schwer ist.

Als der Cembalist Lajos Rovatkay 1975 an der Musikhochschule in Hannover die Leitung des Studios für Alte Musik übernahm, erging es ihm nicht besser. Seine Kollegen vom Klavier-Fach zuckten verächtlich mit den Schultern, wenn er vom "redenden Prinzip" in der Instrumentalmusik sprach, und die Geigenprofessoren unterrichteten weiterhin ihren romantisch-pastosen Bogenstrich als einzig mögliches Klangideal für die Violin-Partiten und – Sonaten von Bach.

Bei den Studenten stieß Rovatkays Studio für Alte Musik indes bald schon auf reges Interesse. Das musikalische Niveau wurde immer besser, bis Rovatkay 1981 schließlich ein eigenständiges Instrumentalensemble aufbauen konnte: die Capella Agostino Steffani. Das Niedersächsische Kammerorchester mit historischen Instrumenten Capella Agostino Steffani (wie der offizielle Name lautet) war eine Novität für Niedersachsen und ist in dieser Region auch heute noch das einzige feste Barockorchester. Dementsprechend besitzt das Ensemble für das Land Niedersachsen und für Hannover einen beträchtlichen Prestige-Wert. Als die Niedersächsische Staatsoper Hannover 1989 ihr 300-jähriges Opernjubiläum feierte, kam nicht etwa das hauseigene Opernorchester zum Zuge, sondern mit der Jubiläums-Aufführung, der Barockoper Enrico Leone von Agostino Steffani, wurde Lajos Rovatkay und seine gleichnamige Capella Agostino Steffani betraut. Hier ein Ausschnitt aus der Schallplatten-Einspielung von 1986. Es singen Monika Frimmer, Sabine Szameit und Gerhard Faulstich.

Musik-Nr.: 02
Komponist: Agostino Steffani
Werk-Titel: Enrico Leone
Auswahl: 1. Akt, Szene 9 und 10 <Track 3.>
<Track 4.>
7:40
Interpreten: Monika Frimmer (Metilda)
Sabine Szameit (Idalba)
Gerhard Faulstich (Iracano)
Capella Agostino Steffani
Ltg.: Lajos Rovatkay
Label: Cal (LC 1149)
50 855
<Track 3.4.> Gesamt-Zeit: 7:40
Archiv-Nummer: ____

Der Name des Ensembles Capella Agostino Steffani ist gleichsam Programm. Agostino Steffani, 1654 in Castelfranco geboren und 1728 in Frankfurt am Main gestorben, galt zu Lebzeiten als einer der herausragenden Komponisten. Er war gleichermaßen Musiker und Politiker: Er schrieb Opern für den hannoverschen Hof und leitete als Hofkapellmeister die musikalischen Aufführungen, zwischenzeitlich führte er die Regierungsgeschäfte am Hof der Welfen in Düsseldorf und vertrat schließlich als apostolischer Vikar in den deutschen Landen die päpstlichen Interessen. Von seinen Kompositionen wurden vor allem die Kammerduette und Opern gerühmt, aber nach seinem Tod geriet Steffanis Musik (wie die Musik so vieler einer Kollegen) in Vergessenheit.

Und eben darum geht es Lajos Rovatkay und seiner Capella Agostion Steffani: Neben der Standard-Literatur sollen vor allem auch jene Werke der Barockmusik erarbeitet werden, die trotz ihrer Qualität in den Bibliotheken verstauben und bisher von niemandem einstudiert worden sind.

Musik-Nr.: 03
Komponist: Agostino Steffani
Werk-Titel: Enrico Leone
Auswahl: 2. Akt, Szene 17 und 18 <Track 13.> 9:55
Interpreten: Ralf Popken (Altus)
Gerhard Faulstich (Iracano)
Capella Agostino Steffani
Ltg.: Lajos Rovatkay
Label: Cal (LC 1149)
50 855
<Track 13.> Gesamt-Zeit: 9:55
Archiv-Nummer: ____

Seit elf Jahre nun gibt es die Capella Agostino Steffani: ein Alter, wo sich in der Alten Musik-Szene normalerweise die ersten Verschleißerscheinungen zeigen; wo das Repertoire von kommerziellen Überlegungen bestimmt ist und das Engagement der Gründerjahre der Aufführungs-Routine weicht – bis hin zur Langeweile und zum Überdruß. Bei der Capella Agostino Steffani ist von alledem nichts zu spüren. Hier wird immer noch mit einer Hingabe und Intensität musiziert, als gelte es, in jedem Konzert und mit jeder Schallplatteneinspielung aufs Neue die Existenzberechtigung der historischen Aufführungspraxis unter Beweis zu stellen.

Wobei historische Aufführungspraxis für den musikalischen Leiter Lajos Rovatkay kein Selbstzweck ist. Ihm geht es nicht um ein (wie auch immer geartetes) historisches Klangbild, um die museale Rekonstruktion von vergangener Musik, sondern Rovatkay sucht nach der (wie er es nennt) authentischen Expressivität er will den charakteristischen Ausdruck herausarbeiten, der der jeweiligen Musik angemessen ist. Ob das Ergebnis dann den tatsächlichen historischen Gegebenheiten entspricht, oder ob die vermeintliche authentische Expressivität letztlich nur die ästhetischen Auffassungen unserer eigenen Zeit widerspiegelt – dies ist dabei fast schon unerheblich. Wichtig ist die Suche nach dem expressiven Gehalt, nicht das Finden. Die Überlegungen zur historischen Aufführungspraxis sind dabei nur eine hilfreiche Methode.

Musik-Nr.: 04
Komponist: Johann Joseph Fux
Werk-Titel: Sonata a 3 in g-moll, K. 381
Interpreten: Capella Agostino Steffani
Ltg.: Lajos Rovatkay
Label: EMI (LC 6646)
CDC 7 54250 2
<Track 5.6.7.> Gesamt-Zeit: 2:40
Archiv-Nummer: ____
Musik-Nr.: 05
Komponist: Johann Joseph Fux
Werk-Titel: Sinfonia a 4 "La deposizione dalla croce", K. 300
Interpreten: Capella Agostino Steffani
Ltg.: Lajos Rovatkay
Label: EMI (LC 6646)
CDC 7 54250 2
<Track 8.> Gesamt-Zeit: 4:20
Archiv-Nummer: ____

Eines der nächsten Projekte der Capella Agostino Steffani wird die Gesamteinspielung der geistlichen Kantaten von Johann Sebastian Bach sein. Daß diese Musik eigentlich eines liturgischen Rahmens bedarf, ficht Lajos Rovatkay nicht an: Seiner Ansicht nach soll man solche funktionalen Bindungen nicht überbewerten, zumal auch schon im Barock die Musik immer wieder aus ihren angestammten Funktionen herausgelöst und verpflanzt worden ist.

Wenn Rovatkay den ursprünglichen Kontext ausblendet und sich stattdessen auf die rein musikalischen Kräfte konzentriert, wenn er etwa eine Messe von Antonio Caldara aus dem katholischen Gesamtkunstwerk von Liturgie und Weihrauch herauslöst, dann tut er es in der Hoffnung, die Musik für die Gegenwart wiederzubeleben. Daß bei der konzertanten Aufführung einer Messe die Funktion sich ändert, ist der Preis, den man bezahlen muß, wenn man mit Alter Musik heutzutage zu tun haben will. Es gibt Verluste dabei und Gewinne. Daß man ausgerechnet authentische Komponenten verliert und nicht-authentische Dimensionen neu dazugewinnt, ist eine Ironie des historischen Materials. Es ist suspekt vom musealen Standpunkt aus, aber es wird nebensächlich, wenn man die spirituellen Kräfte der Musik wachhalten und aktivieren will.

Musik-Nr.: 06
Komponist: Antonio Caldara
Werk-Titel: Missa Sanctorum Cosmae et Damiani
Auswahl: Kyrie <Track 1.> 6:25
Interpreten: Monika Frimmer (Sopran)
Ralf Popken (Altus)
Wilfried Jochens (Tenor)
Klaus Mertens (Baß)
Westfälische Kantorei
Capella Agostino Steffani
Ltg.: Lajos Rovatkay
Label: EMI (LC 6646)
7 54276 2
<Track 1.> Gesamt-Zeit: 6:25
Archiv-Nummer: ____