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Inhaltsverzeichnis Manuskriptsammlung

Artur Schnabel

Dieser Beitrag ist entstanden als Sendemanuskript
für den Deutschlandfunk, Köln
(Sendung: 3.3.1991 – "Historische Aufnahmen")

Exposé

Sein Klavierlehrer meinte zu ihm: "Aus Dir wird nie ein guter Pianist. Ein guter Musiker vielleicht, aber kein Pianist!" Der 12jährige Artur Schnabel ließ sich von einem solch vernichtenden Urteil nicht abschrecken und übte weiter. Indes sollte sich die Prophezeihung seines Lehrers bewahrheiten – allerdings im positiven Sinne. Als Klavierspieler machte Artur Schnabel nicht durch Brillanz und oberflächliche Virtuosität von sich reden; vielmehr war er es, der das Bild des modernen Interpreten prägte – als Diener der Musik. Sein Repertoire: "Musik, die besser ist, als sie jemals gespielt werden kann." Schnabels Einspielung sämtlicher Beethoven-Sonaten (die erste in der Geschichte der Schallplatte) wurde richtungsweisend, und seinem Engagement ist es zu verdanken, daß die lange Zeit vergessenen Klaviersonaten von Franz Schubert mittlerweile zum gängigen Konzert-Repertoire gehören.

Sendemanuskript
Musik-Nr.: 01
Komponist: Franz Schubert
Werk-Titel: Moment musical Nr. 8 f-moll
Interpreten: Artur Schnabel (Klavier)
Label: Arabesque (LC ____)
Z 6573
<Track 8.> Gesamt-Zeit: 1:50
Archiv-Nummer: ____

"Aus Dir wird nie ein guter Pianist. Vielleicht ein guter Musiker - das ja; aber ein Pianist? - Nie!" Diese Bemerkung bekam der 12-jährige Artur Schnabel 1894 von seinem Lehrer Theodor Leschetitzky zu hören. Ein vernichtendes Urteil für einen ehrgeizigen Klavierschüler, der sich gerade mit Chopin-Etüden und halsbrecherischen Opern-Paraphrasen von Liszt abmüht. Oder sollte der große Klavierpädgoge Leschetitzky schon damals, 1894, erkannt haben, welche Qualitäten in dem jungen Artur Schnabel steckten? Denn immerhin hat sich seine Einschätzung bewahrheitet: Artur Schnabel ist nie als Klavier-Virtuose im landläufigen Sinne in Erscheinung getreten; er hat es nie für nötig befunden – weder auf den Konzertpodien noch in seinen Schallplatten-Einspielungen –, ein artistisches Feuerwerk aus Kraft und und Fingerfertigkeit abzubrennen.

In dieser Hinsicht ist Artur Schnabel einer der ersten modernen Pianisten gewesen; einer, der sich als "Interpret" verstanden hat; der nicht seine kleinen persönlichen Eitelkeiten in den Vordergrund gestellt hat, sondern dem es in erster Linie um die "angemessene" Wiedergabe des Werks ging.

Berühmt geworden ist Schnabel vor allem als Beethoven-Interpret. Anläßlich des 100. Todesjahrs von Beethoven erhielt er vom Ullstein-Verlag den Auftrag, eine neue, textkritische und kommentierte Noten-Ausgabe sämtlicher Beethoven-Sonaten herauszugeben. Fünf Jahre lang stöberte Schnabel in Archiven, studierte Beethovens Manuskripte und stellte fest, daß fast alle Ausgaben bis dahin fehlerhaft waren.

Aber auch als Pianist entdeckte er während dieser Zeit seine Liebe zu den Beethoven-Sonaten. Er studierte sie mit seinen Schülern und begann, Vortrags-Abende und ganze Konzert-Zyklen mit den Sonaten zu gestalten. Für den damaligen Konzertbetrieb ein waghalsiges Unterfangen, und das Publikum tat sich zunächst schwer mit dieser anspruchsvollen Kost. Es war regelrechte Pionier-Arbeit, was Schnabel da zu Beginn der 20er Jahren auf dem Konzertpodium betrieb – Erziehungsarbeit am Publikum; eine Arbeit, die dann aber doch Früchte trug. In einer Zeit, in der fast ausschließlich virtuoses Flitterwerk in Schellack gepreßt wurde, erhielt Artur Schnabel die Möglichkeit, alle 32 Beethoven-Sonaten auf Schallplatte einzuspielen – die erste Gesamtaufnahme der Beethoven-Sonaten überhaupt.

Musik-Nr.: 02
Komponist: Ludwig van Beethoven
Werk-Titel: Sonate Nr. 17 d-moll, op. 31,2
Auswahl: 1. Satz (Largo - Allegro) <Track 8.> 8:45
Interpreten: Artur Schnabel (Klavier)
Label: Nuova Era (LC ____)
HMT 90038
<Track 8.> Gesamt-Zeit: 8:45
Archiv-Nummer: ____

Mit den heutigen Maßstäben von technischer Perfektion und Treffsicherheit darf man Schnabels Einspielungen sicherlich nicht messen. Nicht nur, daß die Möglichkeiten, Aufnahmen nachträglich zu korrigieren, damals beschränkt waren; Schnabel selbst störte sich nur selten an falschen Tönen. Für ihn war wichtig, daß die Interpretation das "Wesen", den "Geist" der Musik erkennen ließ.

"Der Interpret hat hinter dem Werk zurückzutreten!" – dies war Schnabels künstlerische Maxime, die er auch seinen Schülern vermittelte. Und ebenso, wie er die Selbstdarstellung auf dem Konzertpodium verabscheute, so achtete er auch darauf, daß seine Privatsphäre gewahrt blieb: keine Memoiren, kein Tratsch, keine Anekdoten.

Diese Haltung der Musik und dem Publikum gegenüber war es wohl auch, weswegen seine erste Konzert-Tournee durch die USA Anfang der 20er Jahre kein großer Erfolg wurde. Zwar lobte die Presse Schnabels Klavierspiel, seine Musikalität und die "preußische" Korrektheit, aber überschwenglicher Enthusiasmus – wie etwa bei den Auftritten des extrovertierten Paderewski – wollte nicht aufkommen.

Dennoch wurden die Vereinigten Staaten für viele Jahre seine zweite Heimat. Wenige Wochen nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten emigrierte Schnabel zunächst nach England und ließ sich schließlich, zu Beginn des Zweiten Weltkriegs, in Amerika nieder. Hier in Amerika hat Schnabel sich vor allem als Lehrer einen Namen gemacht: Leon Fleisher, Rudolf Firkusny, Konrad Wolff – um nur die wichtigsten zu nennen – zählten zu seinen Schüler.

1946, nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, kehrte er nach Europa zurück und ließ sich in der Schweiz nieder. In die Nachkriegszeit fallen auch seine Aufnahmen der Mozart-Sonaten. Es sollte, ähnlich wie das Beethoven-Projekt, eine Gesamteinspielung werden. Aber Schnabel tat sich schwer mit seiner Annäherung an Mozart. Wiederholt brach er die Sitzungen im Aufnahme-Studio ab, "um zu üben", wie er sagte. Es ist denn auch nicht weit gediehen – das Mozart-Projekt: Als Schnabel 1951 starb, hatte er erst eine Handvoll Sonaten eingespielt, denen man die Skrupel des Interpreten anzuhören meint.

Musik-Nr.: 03
Komponist: Wolfgang Amadeus Mozart
Werk-Titel: Sonate Nr. 16 B-Dur, KV 570
Auswahl: 1. Satz (Allegro) <Track 7.> 4:00
Interpreten: Artur Schnabel (Klavier)
Label: Arabesque (LC ____)
Z 6590
<Track 7.> Gesamt-Zeit: 4:00
Archiv-Nummer: ____

Was Schnabel an Repertoire auf Schallplatte eingespielt hat, ist vergleichsweise wenig: Bach, Mozart, Beethoven, Kammermusik von Schumann und Dvorak – und vor allem Schubert. Für uns heute ist es eine Selbstverständlichkeit, Schubert-Sonaten im Konzertsaal zu hören. Aber bis weit in dieses Jahrhundert hinein wußten viele Pianisten nicht einmal, daß Schubert auch Klaviersonaten geschrieben hatte. Es ist Artur Schnabel gewesen, der in den 20er Jahren Schubert für das pianistische Repertoire wiederentdeckt hat, der immer wieder darauf aufmerksam gemacht hat, welche Dramatik und innere Größe vor allem in den nachgelassenen Sonaten zu finden ist.

Musik-Nr.: 04
Komponist: Franz Schubert
Werk-Titel: Sonate A-Dur, D. 959
Auswahl: 2. Satz (Andantino) <Track 7.> 8:05
Interpreten: Artur Schnabel (Klavier)
Label: Arabesque (LC ____)
Z 6571
<Track 7.> Gesamt-Zeit: 8:05
Archiv-Nummer: ____