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Der Geiger Wolfgang Schneiderhan

Dieser Beitrag ist entstanden als Sendemanuskript
für den Deutschlandfunk, Köln
(Sendung: 8.9.1991 – "Historische Aufnahmen")

Exposé

Wer's auf der Geige zu etwas bringen will, sollte in jungen Jahren damit anfangen. Wolfgang Schneiderhan, geboren 1915 in Wien, war zwei Jahre alt, als er Noten lesen lernte, und mit acht Jahren stand er als gefeiertes Wunderkind auf den europäischen Konzertpodien. Die geigerische Solistenkarriere war vorgezeichnet, aber der Zweite Weltkrieg zwang ihn, seine Konzertreisen auf Deutschland zu beschränken. So blieb ihm genügend Zeit für kammermusikalische Aktivitäten: das Schneiderhan-Quartett und später das Trio Schneiderhan zusammen mit Edwin Fischer und Enrico Mainardi. Vorgestellt werden Aufnahmen von den Dreißiger Jahren bis hin zu Henzes Ariosi für Violine, Sopran und Orchester, die Schneiderhan 1964 zusammen mit seiner Frau, der Sopranistin Irmgard Seefried, eingespielt hat.

Sendemanuskript
Musik-Nr.: 01
Komponist: Johannes Brahms
Werk-Titel: Ungarischer Tanz Nr. 5
Interpreten: Wolfgang Schneiderhan (Violine)
Willy Klasen (Klavier)
Label: Amadeo (LC ____)
431 344-2
<Track 4.> Gesamt-Zeit: 2:20
Archiv-Nummer: ____

Künstlerkarrieren – so glänzend sie nach außen hin aussehen, so wenig wird man sich doch bewußt, wieviel Arbeit und vieviel Entbehrung hinter alledem steckt. Von Gott begnadet: das heißt nicht unbedingt auch: auf Rosen gebettet.

Der Geiger Wolfgang Schneiderhan hat dies am eigenen Leib erfahren. Geboren 1915 in Wien, wuchs er auf während der großen wirtschaftlichen Depression nach dem Ersten Weltkrieg. Seine Kindheit war dementsprechend geprägt von Armut, aber gleichzeitig auch vom künstlerischen Ehrgeiz seiner Eltern, die die Begabung ihres Sohnes schon früh erkannten. Fortan führte er das Leben eines Wunderkinds, wie man es seit mehr als zweihundert Jahren kennt: tägliches Üben unter der elterlichen Aufsicht; später dann kleinere öffentliche Auftritte, die die Sensationsgier des Wiener Publikums befriedigten und den Lebensunterhalt der Familie sichern halfen. Mit acht Jahren wurde Wolfgang Schneiderhan von dem Pianisten Willy Klasen "entdeckt" und zu Konzertreisen mitgenommen. Schneiderhan schildert diese Jahre in einer autobiographischen Skizze so:

Ich lernte in jener Zeit Europa kennen, täglich in einer anderen Stadt geigend – das heißt: Ich sah die Konzertsäle und die Zimmer kleiner Hotels. In meiner Wunderkindzeit wurde ich in schwarze, braune oder blaue Samtanzüge gesteckt. Da die Strümpfe keine Falten werfen durften, gab man mir einen Damenstrumpfhalter. Zu guter Letzt trug ich eine Ponyfrisur, und man kann sich meine Pein vorstellen, wenn man mich allerorts als "Fräulein" anredete und mir sogar die Hand küßte. Es war eine Zeit, in der bitter-ernste mit kurzen sonnigen Abschnitten wechselten.

Es scheint typisch für Schneiderhan – für seine Lebensauffassung wie auch für sein Geigenspiel –, daß er nichts beschönigt oder im Nachhinein verklärt, sondern mit einer (geradezu schonungslosen) Offenheit an die Dinge herangeht. Kindheit und Jugend sind für ihn Lehrjahre, nicht immer erfreulich, aber wichtig für den künstlerischen Reifungsprozeß. In jenen Jahren entstanden auch Schneiderhans früheste Aufnahmen, wie der eingangs gehörte Ungarische Tanz von Johannes Brahms.

Die künstlerische Reife zeigt sich dann in der Einspielung von Tschaikowskys Violinkonzert, das er 1940 mit der Tschechischen Philharmonie unter der Leitung von Vaclav Talich aufgenommen hat, eine Aufnahme ohne äußerlich-virtuose Attitüde und ohne jene Weinerlichkeit, mit der viele Geiger glauben, das Werk überzuckern zu müssen.

Musik-Nr.: 02
Komponist: Peter Iljitsch Tschaikowsky
Werk-Titel: Violinkonzert D-Dur, op 35
Auswahl: 3. Satz (Allegro vivacissimo) <Track 11.> 9:25
Interpreten: Tschechische Philharmonie
Wolfgang Schneiderhan (Violine)
Ltg.: Vaclav Talich
Label: Amadeo (LC ____)
431 344-2
<Track 11.> Gesamt-Zeit: 9:25
Archiv-Nummer: ____

Das Leben eines reisenden Virtuosen hat Schneiderhan nur bedingt gereizt. Musik – das ist für ihn in erster Linie gemeinsames Arbeiten, sei es im Orchester oder in Kammermusik-Ensembles. Mit 17 Jahren wurde er Erster Konzertmeister bei den Wiener Symphonikern, und nur fünf Jahre später wechselte er zu den "berühmteren" Kollegen, den Wiener Philharmonikern, über.

Hier gründete er das Schneiderhan-Quartett, das 13 Jahre lang, bis zu seinem Ausscheiden, zu den führenden Quartett-Vereinigungen zählte. Was für viele Musikfreunde bedauerlich war – für Schneiderhan war es ein wichtiger Schritt, nicht in die Routine zu verfallen; zumal damals eine neue Aufgabe auf ihn wartete: Edwin Fischer und der Cellist Enrico Mainardi hatten ihm angeboten, für den verstorbenen Geiger Georg Kulenkampff das Trio weiterzuführen.

Es waren drei gegensätzliche Temperamente, die hier zusammenkamen, sowohl von der Persönlichkeit als auch von der musikalischen Ausrichtung her: der Italiener Mainardi, der bisweilen unbarmherzig den Rhythmus vorantrieb, der Schweizerische Romantiker Edwin Fischer und der um etliche Jahre jüngere Schneiderhan, der als kühler und ausgleichender Kopf galt. – Aus diesem Spannungsverhältnis heraus entstanden einzigartige Kammermusikabende, aber leider nur allzuwenige Rundfunk- und keine Schallplattenaufnahmen.

Musik-Nr.: 03
Komponist: Johannes Brahms
Werk-Titel: Klaviertrio H-Dur, op. 8
Auswahl: 2. Satz (Scherzo. Allegro molto) <Track 2.> 5:55
Interpreten: Edwin Fischer (Klavier)
Wolfgang Schneiderhan (Violine)
Enrico Mainardi (Violoncello)
Label: Amadeo (LC ____)
431 347-2
<Track 2.> Gesamt-Zeit: 5:55
Archiv-Nummer: ____

Schneiderhan als Kammermusik-Partner: Erwähnt werden müssen hier neben dem Trio Edwin Fischer – Schneiderhan – Enrico Mainardi auch die zahlreichen Duo-Abende und Schallplattenaufnahmen mit dem vor wenigen Monaten verstorbenen Wilhelm Kempff, mit Carl Seemann und Walter Klien. Als Konzert-Solist hat er alle großen Violinkonzerte gespielt, und seit den 60er Jahren wirkte Schneiderhan auch als Dirigent, wobei er neben dem klassischen Repertoire auch die Moderne gepflegt hat – von Bartok über Strawinsky bis hin zu Hans Werner Henze.

Daß Wolfgang Schneiderhan darüber hinaus auch mit seiner Ehefrau, der Sängerin Irmgard Seefried, eine intensive künstlerische Zusammenarbeit gepflegt hat, ist vielleicht am wenigsten im Bewußtsein. Frank Martin, Hans Werner Henze und Rolf Liebermann haben für das Duo Seefried – Schneiderhan eine ganze Reihe von Kompostionen geschrieben.

Zusammen mit dem Symphonie-Orchester Bayerischen Rundfunks unter der Leitung von Hans Werner Henze entstand 1964 folgende Aufnahme von Henzes Ariosi für Sopran, Violine und Orchester nach Texten von Torquato Tasso. Hier das dritte Stück – die "wunderbaren Blumen".

Musik-Nr.: 04
Komponist: Hans Werner Henze
Werk-Titel: Ariosi für Sopran, Violine und Orchester nach Texten von Torquato Tasso
Auswahl: Maravigolioso Fior de Vostro Mar <Track 5.> 5:40
Interpreten: Irmgard Seefried (Sopran)
Wolfgang Schneiderhan (Violine)
Symphonie-Orchester Bayerischen Rundfunks
Ltg.: Hans Werner Henze
Label: Amadeo (LC ____)
431 348-2
<Track 5.> Gesamt-Zeit: 5:40
Archiv-Nummer: ____