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Der Pianist Solomon Cutner

Dieser Beitrag ist entstanden als Sendemanuskript
für den Deutschlandfunk, Köln
(Sendung: 1.9.1988 – "Historische Aufnahmen")

Musikliebhaber, die sich nicht gerade zu den Klavier-Spezialisten zählen und denen zum ersten Mal dem Interpreten-Namen Solomon begegnet, mögen zunächst verwundert sein: Solomon – und sonst nichts. Etwas Archaisches, Unnahbares scheint von diesem Namen auszugehen; Solomon – das klingt wie ein geheimnnisvolles Relikt aus vergangen Zeiten und dennoch zeitlos; Assoziationen drängen sich auf, daß man fast ein Pseudonym vermuten möchte. Aber nichts von alledem: Sein wirklicher Name war Solomon Cutner, aber seit den Jahren seiner Wunderkind-Karriere trat er nur noch unter seinem Vornamen auf. Damals, als Achtjähriger, wurde er von der Londoner Presse als "the little Solomon" gefeiert, als der 'kleine Solomon', der mit seinen Füßen kaum an das Pedal heranreichte.

Doch das ist lange her. Geboren wurde Solomon Cutner am 9. August 1902 im Londoner East End als Sohn eines jüdischen Schneiders und einer musikbegeisterten Mutter. Seinen ersten Klavierunterricht erhielt er von Mathilde Verne, einer ehemaligen ClaraSchumann-Schülerin; mit acht Jahren spielte er in der Londoner Queen's Hall Mozarts B-Dur-Konzert, und Henry Wood engagierte ihn daraufhin für seine Proms, die berühmten Londoner Promenadenkonzerte. Als Zwölfjähriger dann beherrschte Solomon ein Repertoire von mehr als einem Dutzend Klavierkonzerte der Klassik und Romantik, er gab Soloabende und fungierte als Kammermusikpartner.

Eine Wunderkind-Karriere, wie sie nur noch zu Anfang dieses Jahrhunderts möglich war. Eine Karriere aber auch, die Probleme mit sich brachte für die geistige Entwicklung dieses jungen Menschen. Denn vom umschwärmten Wunderkind zum reifen Künstler ist noch ein großer Schritt. Solomon spürte diese Gefahr. Und so zog er sich mit 15 Jahren zunächst einmal vom Konzertbetrieb zurück, weil er Ruhe brauchte und weiter lernen wollte. Er ging nach Paris zu dem Leschetitzky-Schüler Rumschiyski und kehrte erst 1921 auf das Konzertprodium zurück. 35 Jahre lang konzertierte er im westlichen Europa und in Amerika mit großem Erfolg – bis dann ein Schlaganfall seine Karriere 1956 abrupt beendete: Zwar erholte sich Solomon weitgehend, aber seine Hände blieben gelähmt. Als 54-Jähriger war er auf dem Höhepunkt seines Könnens fortan zum künstlerischen Schweigen verurteilt. Am 22. Februar dieses Jahres starb er im Alter von 85 Jahren.

Musik-Nr.: 01
Komponist: Franz Schubert
Werk-Titel: Sonate A-Dur, op. posth. 120, D 664
Interpreten: Solomon Cutner (Klavier)
Label: EMI (LC 0233)
80 651
<Track xx.> Gesamt-Zeit: 18:55
Archiv-Nummer: ____

Daß der Pianist Solomon in Deutschland so gut wie unbekannt geblieben ist, dafür gibt es mehrere Gründe: Zum einen hatte er als jüdischer Künstler während des Nationalsozialismus keine Möglichkeit, sich in Deutschland einen Namen zu machen; zum anderen begannen die Schallplattenfirmen erst sehr spät, sich für ihn zu interessieren. Was aber wohl noch entscheidender war: Solomons Klavierspiel entsprach überhaupt nicht den landläufigen, populären Hörgewohnheiten, wie man sie von Wilhelm Kempff, Edwin Fischer oder Arthur Schnabel kannte. Solomon verzichtete auf jegliche titanischen Gewaltakte und vermied die Sentimentalität poetischer Schwärmereien. Gelegentlich wurde ihm deswegen der Vorwurf gemacht, seine Interpretationen seien klassizistisch unterkühlt und ihm fehle die nötige emotionale Wärme. Doch davon kann nicht die Rede sein; nur – Solomons Ideal war ein durchhörbarer Klavierklang, der es möglich machte, musikalische Strukturen und Details plastisch herauszuarbeiten.

In diesem Sinne faßt Solomon auch Schumanns Klavierkonzert auf. Schon nach den ersten Takten wird deutlich, daß hier nicht das Klavier gegen das Orchester ankämpft, sondern daß Solomon es darauf anlegt, mit den verschiedenen Intrumentengruppen (im wahrsten Sinne des Wortes) zusammen zu musizieren. Die lautstark auftrumpfende, pianistische Attitüde, die man ansonsten zu hören gewohnt ist, sucht man vergebens, ohne daß dem Stück dabei etwas an Größe oder Dramatik verlorengeht.

Musik-Nr.: 02
Komponist: Robert Schumann
Werk-Titel: Konzert für Klavier und Orchester a-moll, op. 16
Auswahl: 1. Satz <Track xx.> 13:55
Interpreten: Solomon Cutner (Klavier)
Philharmonia Orchestra
Ltg.: Herbert Menges
Label: EMI (LC 0233)
BMX 2002
<Track xx.> Gesamt-Zeit: 13:55
Archiv-Nummer: ____

Der erste Satz aus Schumanns Klavierkonzert mag deutlich gemacht haben, wie sehr Solomon Cutner sich bemühte, Klänge abzutönen; wie sehr er einen Interpretations-Stil anstrebte, der zwar ausdrucksvoll und überzeugend, aber doch jedem aufdringlichen Pathos abhold ist.

Obwohl Solomon Cutner sich intensiv auch für die moderne Musik einsetzte (Arthur Bliss widmete ihm sogar sein Klavierkonzert), so bildeten doch die Wiener Klassiker – Mozart, Beethoven und Schubert – die Grundpfeiler seines umfangreichen Repertoires. Er war einer der wenigen Pianisten, die es damals wagten, Beethovens Klaviersonaten als geschlossenen Zyklus vorzutragen.

Seine Gesamteinspielung der Beethoven-Sonaten auf Schallplatte ist leider unvollständig geblieben. Wenn Sie zum Abschluß nun die viel malträtierte Mondschein-Sonate hören, so nicht aus Popularitäts-Hascherei, sondern um zu zeigen, wie Solomon hier die ungeheuren Dimensionen dieses Werks auslotet. Während der erste Satz von einer beispiellosen kristallinen Härte ist und gleichsam das Zeitgefühl einfriert, bricht das Presto dann mit ungezügelter, eruptiver Kraft los, um kurz vor Schluß noch einmal in den zwei unendlich langen Baßnoten zu erstarren. – Eine der eindringlichsten Interpretationen, die dieses Werk erfahren hat.

Musik-Nr.: 03
Komponist: Ludwig van Beethoven
Werk-Titel: Sonate cis-moll Nr. 14, op. 27,2
Interpreten: Solomon Cutner (Klavier)
Label: EMI (LC 0233)
F 669 134
<Track xx.> Gesamt-Zeit: 17:30
Archiv-Nummer: ____