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"die wol =klingende Fingersprache"
Ein Portrait über Andreas Staier (Cembalo u. Hammerklavier)

Dieser Beitrag ist entstanden als Sendemanuskript
für den Süddeutschen Rundfunk, Stuttgart
(Sendung: "Alte Musik kommentiert")

Musik-Nr.: 01
Komponist: Johann Sebastian Bach
Werk-Titel: Fantasie c-moll BWV 919
Interpreten: Andreas Staier (Cembalo)
Label: Dt. harmonia mundi (LC ____)
RD 77 039
<Track 4.> Gesamt-Zeit: 1:28
Archiv-Nummer: ____

Es ist noch nicht allzulange her, da waren die Fronten klar gezogen: Die Pianisten zuckten verächtlich mit den Schultern, wenn die Rede aufs Cembalo kam, und die Cembalisten, die sich im Besitz des allein selig machenden Musikgeschmacks glaubten, sahen im modernen Konzertflügel eher ein Teufelswerkzeug denn ein Musikinstrument. Die Zeiten haben sich geändert: Kein ernstzunehmender Musiker würde heute mehr die Errungenschaften der historischen Aufführungspraxis leugnen wollen; und immer mehr Vertreter der sogenannten Alten Musik erweitern ihr Reperotire in Richtung auf das 19. Jahrhundert.

Zu denjenigen, die sich nicht in die engen stilistischen Schubladen der Alten Musik einsortieren lassen, gehört auch Andreas Staier. Einen Namen gemacht hat Andreas Staier sich erstmals Mitte der 80er Jahre als Cembalist – damals als Continuo-Spieler bei Reinhard Goebels Ensemble Musica antiqua Köln. Aber neben dem Cembalo hat ihn auch immer schon der Hammerflügel, jenes Instrument des Sturm und Drang un der Wiener Klassik, fasziniert. Was ihn letztlich mit einer Gruppe Gleichgesinnter dazu bewogen hat, das Ensemble Les Adieux zu gründen, benannt nach Beethovens gleichnamiger Klaviersonate – mit der Absicht, das vernachläßigte Ensemble-Repertoire zwischen 1760 und 1830 zu erschließen. Eine der letzten Produktionen des Ensembles Les Adieux waren die Klavierquintette von Boccherini.

Musik-Nr.: 02
Komponist: Luigi Boccherini
Werk-Titel: Klavierquintett e-moll, op. 57,3
Auswahl: 1. Satz <Track 1.> 4:20
Interpreten: Les Adieux
Label: Dt. harmonia mundi (LC ____)
GD 77 053
<Track 1.> Gesamt-Zeit: 4:20
Archiv-Nummer: ____

Warum für eine solche Musik ein Hammerflügel, eine Kopie nach einem Wiener Instrument von 1791, und kein konventioneller Konzertflügel?

Andreas Staier: Der moderne Flügel ist ein Instrument, das kann man in einem Fußball-Stadion bei einem Solo-Recital sehr gut verwenden, und man kann es als Instrument bei einem Klavierkonzert sehr gut verwenden, aber für Kammermusik ist der moderne Flügel einfach nicht das richtige Instrument.

Ein hartes Verdikt aus dem Mund eines Musikers, der selbst fast die Laufbahn eines konventionellen Konzertpianisten eingeschlagen hätte:

FRAGE: Was hat für Sie den Ausschlag gegeben, sich mit Cembalo zu beschäftigen?

Andreas Staier: Ich habe in Hannover Klavier studiert und habe immer sehr viel Kammermusik gemacht zu Studienzeiten. Und ich hatte dann irgendwann das Bedürfnis, ich möchte eigentlich bißchen über Continuo-Spiel wissen, weil – ich hab das immer so frei nach Schnauze gemacht. Das war ursprünglich nicht meine Absicht, daß ich jetzt Cembalo studieren wollte. Es war dann nur so interessant, daß ich dann einfach dabei geblieben bin, weil ich dachte, es gibt schon so viele Pianisten, die alle schon irgendwie das zweite Liszt-Konzert spielen und das erste Tschaikowsky-Konzert. Das muß ich nicht alles auch noch üben, was schon also x andere Leute schneller und lauter und irgendwie besser spielen können als ich. Hannover war auch in der Zeit so ein bißchen die Wunderkindschmiede unter den Pianisten. Und da liefen immer diese zwölfjährigen Mädels rum, die das alles schon wirklich dreimal so schnell konnten wie ich mit 18, daß ich dachte, daß muß vielleicht auch nicht unbedingt sein, daß ich dieses ganze Zeug auch noch spiele und übe.

Wobei Andreas Staier seine virtuosen Fähigkeiten ohne weiteres vorzeigen kann – wie etwa seine Einspielung der Scarlatti-Sonaten beweist.

Musik-Nr.: 03
Komponist: Domenico Scarlatti
Werk-Titel: Sonata K 141
Interpreten: Andreas Staier (Cembalo)
Label: Dt. harmonia mundi (LC ____)
RD 77 224
<Track 1.> Gesamt-Zeit: 3:35
Archiv-Nummer: ____

Historische Aufführungspraxis – das ist auch für Andreas Staier, wie für jeden anderen Cembalisten und Hammerflügel-Enthusiasten in erster Linie der Kampf, ein Instrument zu finden, das der Zeit und dem jeweiligen Stil angemessen ist.

Andreas Staier: Es ist so schwer abzuklären, welches Instrumentarium zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort genau zur Verfügung gestanden hat, und wenn es noch Instrumentenlisten oder Kaufquittungen gibt, man weiß ja in den wenigsten Fällen, welcher ??? nun am liebsten auf welchem Flügel gespielt hat oder auf welchem Cembalo.

Man muß Kompromisse schließen. Wenn man das ganz genau machen will, dann kann man erst mal 90 Prozent der Konzerte wieder absagen, weil man nicht in der Lage ist, diese Bedingungen jeweils perfekt zu erfüllen.

Natürlich würde ich nicht eine Aufnahme machen auf einer Holzkiste, die nach gar nichts klingt und nur funktioniert, aber wenn ich die Wahl hätte zwischen einem, der mir klanglich etwas besser gefällt, und einem, der mir nicht ganz so gut gefällt, der aber deutlich weniger Probleme spieltechnischer Art bietet, dann würde ich für eine Aufnahme den nehmen. Natürlich muß ein Flügel auf alle Fälle schön klingen, denn es passiert sowieso häufig genug, daß ich auf Instrumenten irgendwo spiele, die eigentlich eher so was wie eine Antipropaganda für das Spielen auf Hammerklavieren sind, wo ich sehr gut verstehen kann, wenn die Leute nach dem Konzert sagen: Ja also, das ist ja ganz interessant, aber der moderne Flügel ist uns doch sehr viel lieber.

Musik-Nr.: 04
Komponist: Carl Philipp Emanuel Bach
Werk-Titel: Rondo c-moll, Wq 59,4
Interpreten: Andreas Staier (Hammerflügel)
Label: Dt. harmonia mundi (LC ____)
RD 77 025
<Track 9.> Gesamt-Zeit: 5:05
Archiv-Nummer: ____

Andreas Staier macht es sich nicht gerade leicht. Um das populäre Repertoire, das in den Schallplatten-Katalogen schon reichlich vorhanden ist, schlägt er (wenn es irgend geht) einen Bogen – mit derselben Argumentation, weswegen er damals, während seiner Studienzeit, den alten Instrumenten sich zugewandt hatte. Warum das spielen, was schon Dutzend andere vor ihm eingespielt haben?

Von daher auch sein Interesse für die Musik der Bach-Söhne – wobei der bekannteste, Carl Philipp Emanuel, für Staier als der problematischste sich herausgestellt hat:

Andreas Staier: Ich muß sagen, daß ich bei Philipp Emanuel Bach auch sehr gesucht habe, bis es irgendwie eine Art Gestalt hatte, daß ich dachte: So, das hat jetzt irgwendwie einen Aufbau oder das zeigt ihn einer bestimmten Vielfältigkeit, und es ist kein schwaches Stück dabei.

Deswegen habe ich so eine bunte Platte dann von Philipp Emanuel gemacht, und auch auf Cembalo und Hammerklavier, um ihn wirklich von verschiedenen Seiten zu zeigen, aber das wäre auch ein Komponist, den würde ich nicht sozusagen enzyklopädisch aufnehmen wollen.

FRAGE: Meinen Sie, er wird leicht überschätzt?

Andreas Staier: Er ist sicherlich jemand, der einen immensen Einfluß gehabt hat und der Einfluß ist sicherlich nicht zu überschätzen. Und er ist sicherlich nicht einer der ganz großen Komponisten. Das, was er der Musik als Sturm und Drang gegeben hat, ist für mich dann auf noch höherem Niveau sozusagen aufgehoben durch Haydn, in seiner mittleren Phase. Also die große c-moll-Sonate von Haydn von 1770 etwa, die ist für mich schon genialer als alles das, was in der – in einer sehr ähnlichen Richtung von Philipp Emanuel Bach gibt.

Staiers Lehrer, die ihn stilistisch und in seiner Musikauffassung geprägt haben, das waren Lajos Rovatkay in Hannover und Ton Koopman in Amsterdam. Gab es darüber hinaus künstlerische Vorbilder und Einflüsse?

Andreas Staier: Also ich habe mich nicht so entwickelt, daß ich jetzt irgendwie einen Pianisten oder irgendjemanden als künstlerisches Vorbild mir jemals genommen habe. Also das ist bei mir ganz anders gelaufen.

FRAGE: Wenn Sie keine Vorbilder gehabt haben – sie haben ja stilistisch auch nicht am Punkte Null angefangen.

Andreas Staier:Das ist glaube ich für mich schwer zu sagen, was ich natürlich durch meine verschiedenen Lehrer, die ich genossen habe, immer etwas mitgekriegt habe und auch so einen Rest, über demn ich mir nicht ganz bewußt klar werde. Dazu habe ich eigentlich auch keine Lust. Was ich von mir weiß: daß ich eine ziemlich gut funktionierende Intuition habe; also ich halte mich für jemanden, der so ganz gut über den Daumen peilen kann musikalisch ...

Musik-Nr.: 05
Komponist: Joseph Haydn
Werk-Titel: Klaviersonate D-Dur, Hob. XVI/51
Auswahl: Andante <Track 9.> 3:45
Interpreten: Andreas Staier (Hammerflügel)
Label: Dt. harmonia mundi (LC ____)
RD 77 160
<Track 9.> Gesamt-Zeit: 3:45
Archiv-Nummer: ____