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Inhaltsverzeichnis Manuskriptsammlung

Igor Strawinsky als Dirigent

(Kurzportrait)

Dieser Beitrag ist entstanden als Sendemanuskript
für den Deutschlandfunk, Köln
("Historische Aufnahmen")

Musik-Nr.: 01
Komponist: Igor Strawinsky
Werk-Titel: Pulcinella-Ballett
Auswahl: Ouvertüre <CD 3, Tr. 1.> 1:55
Interpreten: Columbia Symphony Orchestra
Ltg.: Igor Strawinsky
Label: Sony (LC 6868)
SM3K 46 292
<CD 3, Tr. 1.> Gesamt-Zeit: 1:55
Archiv-Nummer: ____

Am 16. Mai 1920 konnte man in der französischen "Gazette musicale" folgende boshafte Spitzen über Strawinskys neu komponiertes Pulcinella-Ballett lesen:

Nach seinen Ausflügen in das lärmende Chaos hat Herr Strawinsky sich nun offensichtlich eines Besseren belehren lassen und komponiert wieder für das musikalische Gehör. Aber ebenso offensichtlich fällt es ihm noch schwer, eigene melodische Gedanken zu erfinden: Wie anders ist es zu erklären, daß ihm für sein neues Ballett nichts anderes einfiel, als einige alte Kompositionen aus dem 18. Jahrhundert auszugraben und mit ein wenig orchestraler Farbe zu versehen? Aber seien wir nach all dem Lärm der letzten Jahre wenigstens dankbar, daß der Komponist uns am gestrigen Abend mehr Pergolesi als Strawinsky zugemutet hat ...

Und dann folgen noch eine Reihe lobender Worte über die Choreographie von Diaghilews "Ballet russe" und über das Dirigat von Ernest Ansermet.

Igor Strawinsky war bei den Pariser Kritikern nicht sonderlich gelitten. Die zartbesaiteten Ästheten der französischen Hauptstadt taten sich schwer mit der eruptiven Klanggewalt von Strawinskys frühen Ballette, mit den perkussiven Rhythmen und andauernden Akzentverschiebungen ohne melodische Bögen. Die Uraufführung des "Sacre du Printemps" am 29. Mai 1913 geriet denn auch zu einem der spektakulärsten Musikskandale des 20. Jahrhunderts. Während das konservative Konzertpublikum pfiff und "Aufhören!" brüllte, beschimpften die Strawinsky-Anhänger ihrerseits die Ignoranten, während dessen der Dirigent Pierre Monteux "ungerührt wie ein Krokodil" weiter dirigierte.

Am nächsten Tag war in Paris nur noch die Rede vom "Massacre du Printemps", Puccini hielt das Ballett für das Werk eines Irrsinnigen, und der weiß-Gott nicht reaktionäre Arnold Schönberg fühlte sich "unangenehm an das Tanzen von wilden Negerpotentaten erinnert".

Strawinsky scheute sich lange Jahre, den "Sacre" selbst zu dirigieren, wohl weil er um die exorbitanten Schwierigkeiten der Partitur wußte. Die ersten Rundfunkaufnahmen mit dem "Sacre" machte er Anfang der 40er Jahre in den Vereinigten Staaten; wenig später entstanden dann auch zwei Schallplatten-Einspielungen, die Strawinsky wegen ihrer schlechten Qualität allerdings nie freigab.

Die vorliegende Aufnahme – zusammen mit dem Columbia Symphony Orchestra – dirigierte er im Januar 1960, im Rahmen einer Gesamteinspielung seiner sämtlichen Werke.

Musik-Nr.: 02
Komponist: Igor Strawinsky
Werk-Titel: Sacre du Printemps
Auswahl: 1. Teil (Die Anbetung der Erde) <CD 2, Tr. 16.-23.> 14:45
Interpreten: Columbia Symphony Orchestra
Ltg.: Igor Strawinsky
Label: Sony (LC 6868)
SM3K 46 291
<CD 2, Tr. 16.-23.> Gesamt-Zeit: 14:45
Archiv-Nummer: ____

Der Vertrag, den die amerikanische Schallplattenfirma Columbia zu Beginn der 40er Jahre mit dem Komponisten abgeschlossen hatte, war ungewöhnlich: Strawinsky sollte sukzessive alle seine Klavierkompositionen einspielen. Ein Vertrag, der wenig später auch auf die Orchestermusik ausgeweitet wurde. Es war die erste Schallplatten-Gesamteinspielung, die einem lebenden Komponisten zuteil wurde; ein wirtschaftlich waghalsiges Projekt, das auch in Künstlerkreisen auf vehemente Kritik stieß: Was war schon an Strawinsky Besonderes, was nicht auch andere Komponisten hätten leisten können.

Über Strawinsky als Dirigent gibt es die unterschiedlichsten Berichte von Orchestermusikern. Er muß im Umgang und bei den Proben (da sind sich alle einig) ein überaus liebenswürdiger Mensch gewesen sein, – aber darüber hinaus ...? Die einen empfanden sein Dirigat als inspirierend, andere (darunter auch die Aufnahmeleiter) bezweifelten, ob der Komponist von "Petruschka", "Feuervogel" und dem "Sacre" überhaupt bis Drei zählen könne.

Den Einspielungen jedenfalls hört man es nicht an. Was allerdings auffällt: wie zurückhaltend der damals über 70-jährige Strawinsky mitunter seine frühen Werke interpretiert hat. Von den entfesselten Klanggewalten oder den boshaften Seitenhieben auf die überlieferten musikalischen Traditionen ist nurmehr wenig zu spüren. Fast möchte es scheinen, als habe sich der jugendlich-revolutionäre Komponist im Alter mit der Musikgeschichte ausgesöhnt.

Musik-Nr.: 03
Komponist: Igor Strawinsky
Werk-Titel: Pulcinella-Ballett
Auswahl: Gavotte <CD 3, Tr. 5.> 9:30
Interpreten: Columbia Symphony Orchestra
Ltg.: Igor Strawinsky
Label: Sony (LC 6868)
SM3K 46 292
<CD 3, Tr. 5.> Gesamt-Zeit: 9:30
Archiv-Nummer: ____