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Der Geiger Jacques Thibaud (+ 1.9.1953)

Dieser Beitrag ist entstanden als
Sendemanuskript für den DEUTSCHLANDFUNK, Köln
(Red. Historische Aufnahmen, Sendung: 1.9.1993)

Der Prophet gilt nichts im eigenen Land, und auch der Künstler wird in der Heimat erst geachtet, wenn er aus der Fremde mit einem gefüllten Konto nach Hause zurückkehrt. Dies mußte auch Jacques Thibaud erfahren, als er 1904 von seiner Amerika-Tournee zurückkehrte. Mit einem Mal war er der Liebling des Pariser Konzertpublikums und der Salons geworden – nicht, weil sich sein Geigenspiel irgendwie geändert hätte, sondern offensichtlich nur wegen der drei Millionen Francs, die er innerhalb von sechs Monaten in Amerika verdient hatte.

Die Jahre zuvor waren eher mühsam gewesen für Thibaud. Der Vater, selbst Klavierlehrer, wollte aus seinem Sohn einen Pianisten machen, aber nachdem dieser als Sechsjähriger Beethovens Violinkonzert gehört hatte, bestand er darauf, Geige zu lernen. Obwohl Lehrer und Kritiker bald schon auf das Talent aufmerksam wurden, zwang ihn die finanzielle Lage, während seiner Ausbildung als Café-Geiger in den Vergnügungslokalen des Quartier Latin zu spielen.

Vielleicht kommt es ja auch daher, daß Thibaud eine ausgesprochen süß-sinnliche Tongebung bevorzugte, so daß der Geigen-Pädagoge Carl Flesch ihm vorwarf, seinem Spiel fehle der Ernst, es sei "durchtränkt von der Sehnsucht nach sinnlichem Genuß und von verfeinerter, aber desto verführerischer Unkeuschheit."

Das Geheimnis dieser gleichsam erotisierenden Klangwirkung: Thibaud setzte den Ton eine Idee zu tief an, um ihn erst im Laufe des Vibratos auf die richtige Höhe zu schleifen – ein Effekt, der (im Übermaß angewendet) leicht aufdringlich wirken kann. Thibaud jedoch meisterte solche gestalterischen Klippen mit Eleganz. Er versprühte auf seiner Stradivari einen Charme, daß seine Kollegen ihn als den pariserischsten unter den französischen Geigern bezeichneten, wie er sich auch selbst im französischen Repertoire am ehesten zu Hause fühlte. Saint-Saens, Lalo, César Franck und Debussy waren Thibauds bevorzugte Komponisten. Sicherlich spielte spielte er auch die großen Violinkonzerte von Brahms und Tschaikowsky, mit dem Pianisten Alfred Cortot gibt es auch eine Aufnahme von Beethovens Kreutzer-Sonate, aber die selbstverlorene Melancholie und grüblerische Tiefe der deutschen Romantik war seine Sache nicht.

Thibauds große Zeit lag in den zwanziger und dreißiger Jahren. Er spielte zusammen mit Alfred Cortot und dem Cellisten Pablo Casals, aber mit Ausbruch des Zweiten Weltkriegs waren aucht für Thibaud die Möglichkeiten zum Konzertieren zunächst eingeschränkt. Nach dem Krieg dann hatte ihn die Entwicklung im Geigenspiel überholt. Sein Ton war immer noch makellos und sein Technik brillant, aber mittlerweile war der für Thibaud typische Schmelz aus der Mode gekommen – bevorzugt wurde der eher kalt-stählerne Klang der amerikanischen Schule.

Am 1. September 1953, kurz vor Vollendung des 73. Lebensjahres, machte Thibaud sich nochmals zu einer Konzerttournee nach Südostasien auf. Aber weit kam er nicht. Das Flugzeug, das ihn zu einem Konzert nach Djakarta bringen sollte, zerschellte kurz nach dem Start an einer Bergwand in den französischen Alpen.