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Der Dirigent Arturo Toscanini

Dieser Beitrag ist entstanden als Sendemanuskript
für den Deutschlandfunk, Köln
(Sendung: 31.3.1991 – "Historische Aufnahmen")

Exposé

Bei den Orchestermusikern war er gefürchtet, seinen Schwiegersohn Vladimir Horowitz trieb er mit seiner unerbittlichen Probendisziplin beinahe zum Wahnsinn, aber die Sänger lagen ihm zu Füßen: Arturo Toscanini (1867-1957) begann seine Karriere als Cellist einer italienischen Operntruppe. Die nächsten Stationen waren Turin, die Metropolitain Opera in New York und das Teatro alla Scala in Mailand. In Italien setzte er sich für die Musikdramen Wagners ein, durch ihn lernte das italienische Publikum Beethoven und Brahms kennen, und in Amerika machte er den Verismo Puccinis populär. Mit seiner akribischen Arbeitsweise, die in erster Linie der Musik (und dann erst der eigenen Selbstdarstellung) verpflichtet ist, ist Toscanini zum Prototypen des modernen Dirigenten geworden.

Sendemanuskript
Musik-Nr.: 01
Komponist: Giuseppe Verdi
Werk-Titel: Aida
Auswahl: 2. Akt, 2. Szene (Anfang Triumphmarsch) <CD 2, Tr. 8.> 1:13
Interpreten: NBC Symphony Orchestra
Ltg.: Arturo Toscanini
Label: RCA (LC 0316)
GD 60300
<CD 2, Tr. 8.> Gesamt-Zeit: 1:13
Archiv-Nummer: ____
Technik: MUSIK ausblenden bis 1:13

Es begann 1886 mit Verdis "Aida". Damals machte sich eine zusammengewürfelte italienische Operntruppe zu einer Tournee durch Südamerika auf; im Orchester, am zweiten Pult der Celli, der damals 19jährige Arturo Toscanini. Schon nach wenigen Tagen kam es in Rio de Janeiro zu einem folgenreichen Eklat: Nachdem sich der brasilianische Dirigent Leopoldo Miguez mit dem Orchester und den Sängern zerstritten hatte, weigerte er sich wenige Minuten vor Beginn der "Aida", aufzutreten. Das Publikum begann mittlerweile, unruhig zu werden, und der einzige, der die Partitur in- und auswendig kannte, war Toscanini, der als Korrepetitor die Partien mit den Sängern einstudiert hatte. Der Haken bei der Sache allerdings: Toscanini konnte zwar Cello und Klavier spielen, aber vom Dirigieren hatte er bislang keine Ahnung.

Die Aufführung wurde ein großer Erfolg. Sänger und Orchester gaben ihr Bestes, und das Publikum begeisterte allein schon die Tatsache, daß dieser junge Mann am Dirigentenpult die Oper auswendig dirigierte (gegen Ende des 19. Jahrhunderts etwas durchaus Unübliches). Für den Rest der Tournee wurde Toscanini dann als Dirigent engagiert – und weiterhin mit der Gage eines zweiten Cellisten entlohnt. – Dies also war der ungewöhnliche Anfang einer Dirigentenlaufbahn, die fast siebzig Jahre dauern sollte.

Die italienische Oper blieb lange Jahre sein bevorzugtes Metier. Als er 1898 die künstlerische Leitung der Mailänder Scala übernahm, räumte er als erstes mit den Eitelkeiten und Privilegien auf, die sich im Laufe der Jahrhunderte im Opernbetrieb eingeschlichen hatten: Für die Orchestermusiker setzte er wieder regelmäßige Proben an, und wer nicht erschien oder seine Stimme nur ungenügend beherrschte, wurde fristlos entlassen. Und den Sängern verbot er, auch nur einen Ton zu singen, der nicht nicht in der Partitur stand. Die endlosen Koloraturen, die zwar von Virtuosität, aber nicht von Geschmack zeugten; die Spitzentöne der Tenöre; die Unterbrechungen im dramatischen Fluß, nur weil die Sänger ihre Bravour-Arien zweimal schmettern wollten: All dies verbannte Toscanini von der Bühne.

Insgesamt 16 Jahre wirkte er an der Scala und garantierte trotz vieler Widerstände das hohe künstlerische Niveau des Hauses. Leider sind aus jener Zeit bis 1929 keine Aufnahmen erhalten, so daß wir uns nur durch Presseberichte ein Bild machen können. Die meisten Opern-Einspielungen Toscaninis entstanden in den 40er und 50er Jahren in den Vereinigten Staaten mit dem eigens für ihn gegründeten NBC-Symphony-Orchestra. Es sind konzertante Produktionen für den amerikanischen Rundfunk gewesen, die zwar mit großer Präzision und akribischer Liebe zum Detail gearbeitet sind, denen aber leider doch das dramatische Flair der Bühnenaufführung fehlt.

Musik-Nr.: 02
Komponist: Giuseppe Verdi
Werk-Titel: Aida
Auswahl: 2. Akt, 1. Szene (Anfang) <CD 2, Tr. 1.2.3.> 4:40
Interpreten: Eva Gustavson (Amneris)
NBC Symphony Orchestra
Ltg.: Arturo Toscanini
Label: RCA (LC 0316)
GD 60300
<CD 2, Tr. 1.2.3.> Gesamt-Zeit: 4:40
Archiv-Nummer: ____

Toscaninis Repertoire umfaßte rund hundert Opern und über 480 Werke für den Konzertsaal - ein riesiges Repertoire, das sich aber doch hauptsächlich das 19. Jahrhundert und die gemäßigte Moderne, wie etwa Strawinsky und Prokofjew, konzentrierte. In den Jahren seines Wirkens an der Mailänder Scala setzte er sich vor allem für die Musikdramen Wagners ein, die in Italien damals nicht sonderlich populär waren. Wagners Anforderungen an die Stimme widersetzten sich der italienischen Vorliebe für den Belcanto; aber was Toscanini an Wagner faszinierte, war die dramatische Geschlossenheit der Musik, – daß sie sich nicht in einzelne Nummern auflösen ließ.

Sein erfolgreiches Eintreten für Wagner drang sogar bis nach Bayreuth. In den Jahren 1930 und 1931 wurde er als erster nicht-deutscher Dirigent eingeladen, bei den Bayreuther Festspielen den "Tannhäuser", "Tristan" und "Parsifal" zu dirigieren. Die deutsche Begeisterung für den italienischen Dirigenten war allerdings nicht von Dauer. Toscanini ließ sich nämlich weder von Mussolinis Faschisten vereinnahmen noch von den deutschen Nationalsozialisten. Als er 1933 an Hitler ein öffentliches Protesttelegramm gegen den Boykott jüdischer Musiker und gegen die deutsche Rassenpolitik schickte, wurde er zur mußliebigen Person. Aus Berlin kam die Anweisung, daß ...

... die Schallplattenaufnahmen von Herrn Toscanini in den Programmen deutscher Rundfunkanstalten keinen Platz mehr finden sollen und daß keine musikalische Aufführung, an der Herr Toscanini in irgendeiner Weise beteiligt ist, aus Konzertsälen und anderen Quellen übertragen werden darf.

Dieser nationalsozialistische Bannfluch war zwar bedauerlich, aber sonderlich weh tat er Toscanini nicht. Noch konnte er in Salzburg und Wien gastieren, er machte in London Aufnahmen mit dem BBC-Orchester und unterstützte das 1936 von jüdischen Musikern gegründete "Palästina-Orchester". 1937 dann unterzeichnete er den Vertrag mit der mit dem Schallplattenkonzern RCA und der amerikanischen Rundfunkgesellschaft NBC. Toscanini wurde Leiter eines eigens für ihn gegründeten Orchesters, mit dem er bis 1954 ständig zusammenarbeitete.

1951 nahm er mit dem NBC-Orchester Beethovens 2. Sinfonie auf – eine Einspielung, die charakteristisch ist für Toscaninis Interpretations-Stil: zügige Tempi ohne jede Sentimentalität, scharf intonierende Bläser und ein sehr trockener und transparenter Streicherklang. Hören Sie hier den letzten Satz.

Musik-Nr.: 03
Komponist: Ludwig van Beethoven
Werk-Titel: Sinfonie Nr. 2 D-Dur, op. 36
Auswahl: 4. Satz (Allegro molto) <Track 8.> 6:05
Interpreten: NBC Symphony Orchestra
Ltg.: Arturo Toscanini
Label: RCA (LC 0316)
GD 60253
<Track 8.> Gesamt-Zeit: 6:05
Archiv-Nummer: ____

Die Musikkritiker haben Toscanini des öfteren vorgeworfen, sein Dirigat sei leidenschaftslos und so unterkühlt, daß man sich beim bloßen Zuhören erkälten würde. Leidenschaftslos war Toscanini sicherlich nicht, aber zweifellos fehlte ihm der Hang zum Elegischen. Und so, wie er die Selbstverliebtheit und Koloraturen-Seligkeit der Sänger verabscheute, so waren ihm auch die pathetischen Gesten seiner Kollegen zuwider.

Aber Toscanini wußte sehr wohl sich in Szene zu setzen, wenn es darum ging, seine Ziele und Vorstellungen zu verwirklichen: Seine Wutausbrüche während der Proben waren ebenso gefürchtet, wie sein Charme bei den Damen beliebt war. Aber sobald es um die Musik ging, zählte nur noch der Notentext. Die unerbittliche Strenge, mit der Toscanini das einmal gewählte Tempo durchhielt, und die minutiös kalkulierten Ritardandi – all dies muß in den 30er und 40er Jahren befremdlich geklungen haben.

In diesem Sinne, mit seiner akribischen Arbeitsweise, ist Toscanini zum Inbegriff des modernen Dirigenten geworden. Und doch sollte man nicht übersehen, daß seine Wurzeln ins 19. Jahrhundert reichen: Als Toscanini 1886 mit der "Aida" als Dirigent debütierte, war diese Oper Verdis neuestes Werk; 1896 leitete er die Uraufführung von Puccinis "La Boheme", und er war der erste, der Brahms' Sinfonien in Italien aufführte.

Für Toscanini kamen die Brahms-Sinfonien gleich nach denen von Beethoven, und die vierte Sinfonie in e-moll hat er allein viermal mit den New Yorkern Philharmonikern und sechsmal mit dem NBC-Symphonie-Orchester eingespielt. Hören Sie zum Abschluß aus der Aufnahme vom Dezember 1951 den 4. Satz.

Musik-Nr.: 04
Komponist: Johannes Brahms
Werk-Titel: Sinfonie Nr. 4 e-moll, op. 98
Auswahl: 4. Satz (Allegro energico e passionato) <Track 4.> 9:05
Interpreten: NBC Symphony Orchestra
Ltg.: Arturo Toscanini
Label: RCA (LC 0316)
GD 60260
<Track 4.> Gesamt-Zeit: 9:05
Archiv-Nummer: ____