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Alexander von Zemlinsky

Dieser Beitrag ist entstanden als Sendemanuskript
für den Deutschlandfunk, Köln
(Sendung: 17.3.1991 – "Historische Aufnahmen")

Exposé

Bei den Nationalsozialisten war der Musiker Alexander von Zemlinsky nicht wohl gelitten: In den Zwanziger Jahren noch hochgelobt, galten seine Kompositionen bald schon als "jüdisch entartet", und seine Art zu dirigieren wurde in der Berliner Presse als "degoutant" diffamiert. Zemlinskys Werk geriet in Vergessenheit, und seine Schallplatteneinspielungen mit Mozart-Ouvertüren, Beethoven und Smetanas Moldau schlummerten jahrzehntelang unbeachtet in den Archiven. Die Aufnahmen sind nunmehr wieder zugänglich – Dokumente jenes österreichischen Musikempfindens, das in der Tradition eines Gustav Mahlers wurzelte und ausstrahlte auf die Neue Wiener Schule des Schönberg-Kreises.

Sendemanuskript

Johannes Brahms hielt ihn für "eine außerordentliche Begabung", "als Dirigent ebenso bedeutsam wie als Komponist"; Gustav Mahler vertraute ihm die Uraufführung von zweien seiner Sinfonien an; er war Lehrer und enger Freund von Arnold Schönberg; und Igor Strawinsky bezeichnete ihn als den "universellsten Dirigenten", den er je kennengelernt hat, als jemanden, "der am konsequentesten die hohen Maßstäbe von Sorgfalt und Musikalität erreichte." Ein Lob, das umso mehr gilt, als Strawinsky sehr zurückhaltend war mit solchen Äußerungen.

Die Rede ist von Alexander von Zemlinsky. Zu Lebzeiten von seinen Musiker-Kollegen mit Lorbeeren überhäuft, ist Zemlinskys kompositorisches Schaffen trotz einiger Wiederbelebungsversuche weitgehend in Vergessenheit geraten, und auch als Dirigent war ihm im zunehmend reaktionären und nationalsozialistischen Deutschland nur ein kurzer Ruhm vergönnt.

Dabei hatte man ihm schon in jungen Jahren eine große Karriere als Klaviervirtuose prophezeiht. Von seinem Förderer Brahms erhielt der 15jährige 1886 sogar einen Salonflügel zum Geschenk. Aber Zemlinsky selbst glaubte nicht an seine Zukunft als reisender Tasten-Löwe; seine Liebe galt schon damals mehr dem Dirigieren und Komponieren.

Der große Durchbruch ließ allerdings auf sich warten. Zwar wurden Zemlinskys erste Opern und Orchesterwerke in seiner Heimatstadt Wien vom Pulbikum mit Wohlwollen aufgenommen, aber den eigentlich Kultur-Verantwortlichen, den Musik-Direktoren und Intendanten, war Zemlinsky meist zu konservativ oder zu modern.

Auch als Dirigent hatte Zemlinsky mit erheblichen Widerständen zu kämpfen. Die Stationen: Im Jahre 1900 wurde er Dirigent am Wiener Carl-Theater; vier Jahre später Erster Kapellmeister an der Volksoper. Es folgte ein kurzes und glückloses Gastspiel an der Hofoper, und 1911 wechselte er nach Prag an das Deutsche Landestheater.

Hier in Prag hörte ihn 1926 Otto Klemperer. Klemperer war von Zemlinskys Musikalität und Arbeitsweise so beeindruckt, daß er ihm für die folgende Spielzeit ein Engagement an der Berliner Kroll-Oper vermittelte. Drei Jahre lang blieb Zemlinsky in Berlin, von 1927 bis 1930, und in dieser Zeit entstanden auch die wenigen Schallplatten-Aufnahmen, die von ihm überliefert sind. Hier die Ouvertüre zu Mozarts Don Giovanni mit dem Orchester der Staatsoper Berlin aus dem Jahre 1928.

Musik-Nr.: 01
Komponist: Wolfgang Amadeus Mozart
Werk-Titel: Don Giovanni
Auswahl: Ouvertüre <Track 1.> 6:00
Interpreten: Orchester der Staatsoper Berlin
Ltg.: Alexander von Zemlinsky
Label: Koch (LC 1083)
CD 310 037 H1
<Track 1.> Gesamt-Zeit: 6:00
Archiv-Nummer: ____

Es ist nicht viel, was Zemlinsky in den Jahren zwischen 1927 und 1930 auf Schallplatten aufgenommen hat: meist Opern-Ouvertüren – von Mozart, Beethoven, Rossini; Smetanas Moldau und die Zwischenspiele aus Jaromir Weinbergers Oper Schwanda, der Dudelsackpfeifer. Nichts Bedeutendes, möchte man auf den ersten Blick meinen. Aber was in den 20er Jahren noch eine Ausnahme war: daß Zemlinsky sich mit reiner Instrumentalmusik auf Schallplatte präsentieren durfte.

Zemlinsky hatte während seines Musikstudiums noch Brahms kennengelernt, er war mit Mahler befreundet und Kompositionslehrer von Arnold Schönberg. Drängt sich also die Frage auf, welchen Einfluß diese Persönlichkeiten auf sein Musizieren hatten. Charakteristisch für Zemlinskys Dirigier-Stil ist – wie in Mozarts Don Giovanni-Ouvertüre zu hören war – jene unaufdringliche, dabei aber doch zwingende Durchgestaltung der musikalischen Phrasen. Schwerelos und ohne Orientierung heben die langsamen Einleitungstakte gleichsam im Nachtdunkel an und münden in einen lebhaft bewegten Hauptteil. Bei Zemlinsky atmet die Musik; das Metrum ist hier nicht sklavisches Korsett, sondern bloß strukturierendes Gerüst, wobei sich innerhalb der Schwerpunkte das Tempo trefflich nuancieren läßt. Romantische Wiener Tradition also, mit einem Hauch von Nonchalance. Von metrisch "preußischer" Korrektheit und betont sachlicher Strenge, wie sie damals in Berliner Konzertsälen gepflegt wurde, jedenfalls keine Spur.

Musik-Nr.: 02
Komponist: Ludwig van Beethoven
Werk-Titel: Fidelio
Auswahl: Ouvertüre <Track 4.> 6:25
Interpreten: Orchester der Staatsoper Berlin
Ltg.: Alexander von Zemlinsky
Label: Koch (LC 1083)
CD 310 037 H1
<Track 4.> Gesamt-Zeit: 6:25
Archiv-Nummer: ____

Zemlinskys Berliner Zeit dauerte nur sechs Jahre. Aber schon ab 1930 hatte er sich gegen die ersten Angriffe der nationalsozialistischen Kultur-Propaganda zu wehren. 1933 dann kehrte er zurück nach Wien. Später, als die Deutschen in Österreich einmarschierten, floh er nach Prag und von dort in die Vereinigten Staaten. 1942 starb Zemlinsky, von der Musikwelt fast vergessen, in Larchmont bei New York.

Zu Lebzeiten wurde er angefeindet, weil sein Stil – seine Musik wie auch sein Dirigieren – angeblich zu modern war. Die folgende Dirigenten- und Komponistengeneration dann tat ihn als altmodisch und antiquiert ab. Erst seit Beginn der 80er Jahre begann man, sich unvoreingenommen mit Zemlinsky auseinanderzusetzen, und entdeckte dabei auch die musikalischen Qualitäten des Dirigenten Zemlinsky wieder.

Eine seiner letzten Schallplatten-Einspielungen ist Smetanas Moldau aus dem Jahre 1930. Nichts ist zu spüren von jenem grandios-süßlichen Pathos, wie man es sonst aqllenthalben geboten bekommt. Zemlinsky, der 16 Jahre lang, von 1911 bis 1927 als Chefdirigent in Prag gearbeitet hatte, betont (mit Freude am Detail) vor allem das Episodische der Musik: das muntere Sprudeln der Quellen oder die schleifenden Vorhalte der Dorfmusikanten bei der Bauernhochzeit. Bei den Stromschnellen von St. Johann dann entfesselt er keine Urgewalten im Fortissimo, sondern charakterisiert vielmehr das Schroff-Kantige dieser Felsen.

Musik-Nr.: 03
Komponist: Bedrich Smetana
Werk-Titel: Die Moldau
Interpreten: Berliner Philharmoniker
Ltg.: Alexander von Zemlinsky
Label: Koch (LC 1083)
CD 310 037 H1
<Track 8.> Gesamt-Zeit: 10:30
Archiv-Nummer: ____