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Frank Peter Zimmermann:
"Mit angeknipstem Intellekt kann ich nicht Geige spielen"

Dieses Interview ist erschienen
in der Tageszeitung DIE WELT 20.12.1988

Die Fragen stellte Wolfgang Lempfrid

Als Sechsjähriger schrieb Frank Peter Zimmermann in sein erstes Schulheft: "Ich will ein Weldgeiger werden." Inzwischen ist Zimmermann 23 Jahre alt, und sein Berufsziel hat sich erfüllt: Seine Konzerttourneen und seine Schallplatten weisen ihn als jüngsten Sproß der geigerischen Welt-Elite aus.

DIE WELT: Haben Sie nun erreicht, was Sie sich als Erstkläßler vorgenommen haben?

F. P. Zimmermann: Ich glaube, daß ich immer noch auf dem Weg dahin bin. Aber es ist auch gar nicht unbedingt so erstrebenswert, seine Ziele allzu früh zu erreichen. Die Frage ist doch nicht: Wann erreiche ich den Gipfel, sondern: Schaffe ich es auch, die folgenden Jahrzehnte da oben zu bleiben? Wenn ich das Gefühl hätte, jetzt schon an der Spitze zu stehen, dann wäre ich etwas beunruhigt, wie es weitergehen sollte. Denn musikalisch wird sich in den nächsten Jahren sicherlich noch einiges entwickeln.

DIE WELT: Sie sind zwar schon als Zehnjähriger mit den Duisburger Symphonikern aufgetreten, aber Sie wurden nie als "geigendes Wunderkind " vermarktet.

F. P. Zimmermann: Daß ich talentiert war, haben meine Eltern schon früh gemerkt, aber daß ich einmal die Solistenlaufbahn einschlagen würde, war bis zum zehnten, zwölften Lebensjahr noch nicht klar. Ich dachte, vielleicht werde ich einmal Konzertmeister in einem guten Orchester. Erst, als ich 1976 den Bundeswettbewerb Jugend musiziert" gewonnen hatte, überlegten meine Eltern, ob mein Talent auch für mehr reichen würde.

DIE WELT: Welchen Anteil haben Ihre Eltern an Ihrer künstlerischen Entwicklung gehabt?

F. P. Zimmermann: Ich bewundere oft die Solisten, die überhaupt kein musikalisches Elternhaus haben und sich trotzdem durchsetzen. Ich glaube nicht, daß ich es ohne meine Eltern so weit gebracht hätte. Mein Vater ist Cellist, und meine Mutter ist Geigerin, und sie hat mir auch bis zu meinem elften Lebensjahr Geigenunterricht gegeben. Aber das war kein Unterricht im herkömmlichen Sinne mit Drill und stundenlangem Üben, sondem ich habe mit meinen Eltern hauptsächlich Kammermusik gemacht.

DIE WELT: Und wer hat für Ihre Grifftechnik gesorgt?

F. P. Zimmermann: Mit elf Jahren kam ich an die Folkwang-Schule zu Walerie Gradow, und dort mußte ich dann die harte russische Schule der Technik durchmachen. Davon zehre ich noch heute. Sicherlich ist es beim Geigenspiel ungemein wichtig, daß man bis etwa zum 13. Lebensjahr eine vernünftige technische Grundausbildung mitbekommen hat. Aber häufig wird dabei die musikalische Entwicklung vernachlässigt. Das war bei meinen Lehrern zum Glück anders. Die, Musik stand immer im Vordergrund, und das Üben von Technik lief nebenher, auch wenn ich nachher sehr viel Zeit darauf verwandt habe.

DIE WELT: Haben Sie musikalische Vorbilder?

F. P. Zimmermann: Sehr früh schon hat mich David Oistrach fasziniert. Sein weiches, saftiges Spiel, und wie er den Geigenklang formen konnte das macht ihm bis heute keiner nach. Die romantischen Violinkonzerte spielte er einmalig. Vielleicht, daß seine Mozart-Interpretationen etwas zu voluminös geraten sind, obwohl ich auch seinen Mozart sehr schätze.

DIE WELT: Welche Auswirkungen hat das Vorbild Oistrachs auf Ihre Spielweise?

F. P. Zimmermann: Natürlich versuche ich, diesem Geigenton nahe zu kommen. Aber dann gibt es wieder Leute, die sagen, daß meine Auffassung, wie eine Geige zu klingen habe, nicht mehr der heutigen Zeit entspricht; daß ich besser vor dreißig Jahren gelebt hätte.

DIE WELT: Ist das "Zeitgemäße" nur eine Frage der Tongebung?

F. P. Zimmermann: Nein, das hat auch etwas damit zu tun, wie ich an die Musik herangehe. Ich bin ein sehr intuitiver Mensch und kann mich nicht schon Wochen vorher festlegen, welchen Fingersatz ich nehme, wie ich phrasiere und wo ich ein Rubato mache. Ich muß die Möglichkeit haben, mich im Augenblick des Spielens der Musik einfach hinzugeben, ohne daß dabei der Intellekt ständig angeknipst bleibt. Deswegen halte ich auch wenig von musikalischen Analysen - mit Ausnahme vielleicht bei moderneren Stücken. Wer sich nur damit beschäftigt, Details auseinanderzupflücken, verliert allzu leicht die große musikalische Linie aus den Augen. Und dann kann im Konzert auch kein Funke überspringen.

DIE WELT: Wieviel Spontaneität und Freiheit kann sich ein Solist erlauben, wenn er mit einem Orchester zusammenspielt?

F. P. Zimmermann: Das hängt letztlich vom Dirigenten ab. Mit Celibidache zum Beispiel ist das nicht möglich. Bei ihm muß man sich vollkommen unterordnen. Er ist ein hervorragender Dirigent, aber er schreibt einem sogar vor, wo man atmen darf und wo nicht. Als ich mit ihm vor einigen Jahren das Brahms-Konzert machen sollte, haben wir allein an den ersten paar Takten anderthalb Stunden gearbeitet. Ich wußte danach nicht mehr, ob ich die Geige links oder rechts halten muß. Das Projekt hat sich dann schließlich zerschlagen. mit Lorin Maazel ist das anders: Wir musizieren miteinander, ohne daß wir uns vorher großartig zu verständigen brauchen, und jeder ist bereit auf den anderen bei den kleinsten Nuancen zu reagieren.

DIE WELT: Haben Sie es als junger Künstler nicht schwer, sich gegen die Erfahrungen der etablierten Routiniers durchzusetzen?

F. P. Zimmermann: Sicher, das fängt schon bei den Lehrern an, die einem ihre ganz persönliche Masche aufzwingen wollen. Und je berühmter der Lehrer,desto größer ist oft auch der Druck. Später setzt sich das dann fort bei den Dirigenten und bei den Künstleragenturen, die einem vorschreiben, was man zu spielen hat und mit wem.

Aber wenn ich ehrlich bin, so habe ich in dieser Hinsicht immer viel Glück gehabt. Meine Lehrer, vor allem Saschko Gawriloff und Hermann Krebbers, haben mir einen recht großen Freiraum gelassen. Und inzwischen arbeite ich viel mit Leuten zusammen, die meinem Alter entsprechen – auch, was die Kammermusik angeht.

DIE WELT: Mit dem Pianisten Alexander Lonquich erarbeiten Sie zur Zeit die Violinsonaten von Mozart.

F. P. Zimmermann: Wir sind uns zufällig in Köln begegnet und haben spaßeshalber eine Sonate zusammen gemacht. Das hätte man sofort aufnehmen können. Sicher, man arbeitet dann noch an Details und Feinheiten. Aber wenn es so anfängt, dann sind die Voraussetzungen für eine Zusammenarbeit optimal.

DIE WELT: Gibt es weitergehende kammennusikalische Pläne - etwa ein Streichtrio oder Streichquartett zu gründen ?

F. P. Zimmermann: Es wäre sehr gesund, regelmäßig in so einer Besetzung zu spielen, und ich sage mir oft: Gib deine SoloKarriere auf und gründe ein Streichquartett. Das Problem ist, daß ich als Solist zuwenig Zeit für so etwas habe. Es braucht bestimmt ein Jahr, bis ein solches Ensemble ein gleichmäßiges Crescendo oder ein einheitliches Vibrato besitzt.

DIE WELT: Mittlerweile haben Sie fast alle großen romantischen Violinkonzerte auf Schallplatte eingespielt. Werden Sie sich in absehbarer Zeit auch mit Bachs Solo-Sonaten beschäftigen?

F. P. Zimmermann: Im Falle von Beethovens Violinkonzert haben nür ältere Kollegen immer zugeredet, es so früh wie möglich zu spielen. Je älter man wird, desto mehr Gedanken macht man sich, und mit desto mehr Scheu geht man an das Werk heran. Mit Bach ist das etwas anderes. Die SoloWerke sind das Alte Testament für die Geige, und da habe ich doch ein wenig Ehrfurcht vor. Nathan Milstein meinte zu mir, ich solle erst damit anfangen, wenn ich über 40 wäre. Vor allem, wenn ich das mache, will ich mir sehr viel Zeit dafür nehmen, wirklich ein Jahr aussetzen und mich in aller Ruhe nur mit diesen Stücken beschäftigen.