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Die Klavierwerke von Johann Sebastian Bach in historischen Aufnahmen

Dieser Beitrag ist entstanden als Sendemanuskript
für den Deutschlandfunk, Köln
(Sendung: 29.7.1990 – "Historische Aufnahmen")

Exposé

Der Wagner Verehrer Hans von Bülow nannte Bachs Wohltemperiertes Klavier einmal das "Alte Testament der Pianisten". Noch bis weit in unser Jahrhundert näherten sich die Pianisten dem Werk Bachs nur mit Ehrfurcht und auf Umwegen. Die Fugenwerke ebenso wie die Suiten galten als ausgezeichnetes Exerzitium für Geist und Hände, aber im Konzertsaal begegnete man der Musik Bachs höchst selten. Daß Hans von Bülow das Wohltemperierte Klavier als abendfüllenden Zyklus spielte, ist eher ein historisches Kuriosum. Busoni, Horowitz, Dinu Lipatti, selbst Wilhelm Kempff bevorzugten die klangvolleren Klavierbearbeitungen der Orgelwerke. Doch dann betrat Anfang der 30er Jahre Wanda Landowska das Podium und propagierte den "originalen" Bach – interpretiert auf dem Cembalo ...

Sendemanuskript
Musik-Nr.: 01
Komponist: Johann Sebastian Bach
Werk-Titel: Nun freut euch, liebe Christen
Interpreten: Vladimir Horowitz (Klavier)
Label: EMI (LC 0110)
7 63538 2
<CD 1, Tr. 1.> Gesamt-Zeit: 1:55
Archiv-Nummer: ____

Diese Aufnahme von 1934 erscheint uns heutzutage fast wie ein Kuriosum. Nicht nur, daß wir Bachs Choralvorspiel Nun freut euch, liebe Christen in der Klavierbearbeitung von Ferruccio Busoni allenfalls noch als abschließendes Zugaben Schmankerl akzeptieren – als letztes Zugeständnis an den "schlechten" Publikumsgeschmack, bevor der Pianist den Tastendeckel schließt; auch den Interpreten würde man eher mit Chopin, Schumann oder Rachmaninov in Verbindung bringen: Es ist Vladimir Horowitz, der damals am Anfang seiner Virtuosen Laufbahn stand.

Bach im Konzertsaal zu spielen oder auf Schallplatte aufzunehmen, war bis in die 30er Jahre hinein alles andere als selbstverständlich. Der Wagner Verehrer Hans von Bülow hatte das Wohltemperiertes Klavier einmal das "Alte Testament der Pianisten" genannt – und damit hat er indirekt auch das "gestörte" Verhältnis der Pianisten zum Bach'schen Werk beschrieben: Zwar galten die Fugen ebenso wie die Suiten-Zyklen als ausgezeichnetes Exerzitium für Geist und Hände, aber sie zum Leben erwecken – das wollte (oder besser: vermochte) niemand so recht. Und so blieb es die Ausnahme, wenn ein Hans von Bülow oder Ferruccio Busoni den "originalen" Bach auf ihre Konzertprogramme setzten oder gar ganze Konzertreihen mit seinem Oeuvre bestritten.

Es war 1932, als der Schallplattenproduzent Walter Legge beschloß, die beiden Bände des Wohltemperierten Klaviers vollständig aufnehmen zu lassen. Für damalige Verhältnisse ein unternehmerisches wie künstlerisches Wagnis; und um wenigstens das finanzielle Risiko ein wenig zu mildern, gründete er in London die Bach Society: Die Mitglieder zahlten einen Beitrag, der sicherstellte, daß das Projekt auch zu Ende gebracht werden konnte.

Als Pianist wurde Edwin Fischer verpflichtet. Die Wahl fiel auf ihn, weil er einer der wenigen war, der nicht das eigene "virtuose Ego" in den Mittelpunkt stellte, sondern sich eher als "Sachwalter am musikalischen Werk" empfand und sich darüber hinaus auch Gedanken über Begriffe wie "Werktreue" machte. Mit welcher Sorgfalt und Vorbereitung Edwin Fischer an diesem Projekt arbeitete, zeigt sich schon daran, daß es ganze drei Jahre dauerte, bis die Einspielung vollständig vorlag. Hören Sie nun Edwin Fischer mit dem Präludium und der Fuge in h-moll aus dem Zweiten Teil des Wohltemperierten Klaviers; die Aufnahme entstand am 6. Juni 1936.

Musik-Nr.: 02
Komponist: Johann Sebastian Bach
Werk-Titel: Das Wohltemperierte Clavier Teil 2
Auswahl: Praeludium und Fuge Nr. 24 h moll <CD 3, Tr. 15.> 4:05
Interpreten: Edwin Fischer (Klavier)
Label: EMI (LC 0110)
7 63188 2
<CD 3, Tr. 15.> Gesamt-Zeit: 4:05
Archiv-Nummer: ____

Den Namen Claudio Arrau verbindet man gemeinhin mit Beethoven-Sonaten oder den Klavierstücken von Schumann, aber kaum jemand käme auf die Idee, ihn – den eher romantisch veranlagten Klavierpoeten – als Bach Spieler zu apostrophieren. Dabei hatte Arrau sich nicht zuletzt durch seinen Einsatz für das Klavierwerk Bachs in Deutschland einen Namen gemacht: So spielte er 1935 in Berlin in zwölf Konzerten alle Bach'schen Klavierkompositionen. Und mit einem Bach Programm stellte er sich auch 1941 dem amerikanischen Publikum in der Carnegie Hall vor.

In Amerika nahm er dann auch die Chromatische Fantasie, einige Inventionen und die Goldberg-Variationen auf Schallplatte auf Dokumente einer (leider allzu früh abgebrochenen) Auseinandersetzung mit dem Schaffen Bachs. In jener Zeit nämlich lernte Arrau die Cembalistin Wanda Landowska kennen und gelangte zu der Einsicht, daß man Bach nicht auf dem modernen Konzertflügel interpretieren dürfe.

Vor einigen Jahren nun ist Arraus 1942 entstandene Einspielung der Goldberg-Variationen mit Claudio Arrau auf den Markt gekommen – eine Aufnahme, die auch heute noch durch ihre Klarheit und Transparenz besticht, mit der Arrau die komplexen polyphonen Strukturen bestreitet und die den Interpreten eigentlich schon damals vom Gegenteil seiner neu gewonnen Haltung hätte überzeugen müssen.

Musik-Nr.: 03
Komponist: Johann Sebastian Bach
Werk-Titel: Goldberg Variationen
Auswahl: Thema
Var. 1
Var. 2
<CD 1, Tr. 1.>
<CD 1, Tr. 2.>
<CD 1, Tr. 3.>
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Interpreten: Claudio Arrau (Klavier)
Label: RCA (LC 0316)
GD 87841
<CD 1, Tr. 1.2.3.> Gesamt-Zeit: 7:50
Archiv-Nummer: ____

Eingespielt hat Claudio Arrau die Goldberg Variationen 1942; auf den Markt gekommen ist die Aufnahme allerdings erst vor einigen Monaten. Der Grund für diese Verzögerung: Als die Aufnahme damals veröffentlicht werden sollte, befand sich die Cembalistin Wanda Landowska gerade auf der Flucht vor den Nationalsozialisten und versuchte, in Amerika Fuß zu fassen. Um sich eine finanzielle Lebensgrundlage zu schaffen und ihre Kariere wieder aufzunehmen, spielte sie ebenfalls die Goldberg Variationen ein; und Arrau wurde gebeten, mit der Veröffentlichung seiner Einspielung noch ein wenig zu warten. Später dann, nachdem Arrau zu der Überzeuqung gelangt war, Bach ließe sich nur auf dem Cembalo interpretieren, gab es keinen Grund mehr, die Aufnahme auf den Markt zu bringen.

Was Wanda Landowska anbelangt, so ist sie zweifellos die Begründerin der sogenannten "historischen Aufführungspraxis". Sie war die erste, die für das Bach'sche Oeuvre das Cembalo propagierte – und es gab kaum ein Stück, an dem sich die klangliche Überlegenheit des zweimanualigen Cembalos so gut demonstrieren ließ wie eben die Goldberg Variationen. Durch das ständige Wechseln der Manuale, durch das Registrieren im Acht- und Vierfuß und durch das geschickte Ausnutzen des Lautenzugs entfaltet die Landowska hier von Variation zu Variation eine neue Farbpalette, wie sie auf dem modernen Konzertflügel nicht möglich war.

Musik-Nr.: 04
Komponist: Johann Sebastian Bach
Werk-Titel: Goldberg-Variationen
Auswahl: xx <Track xx.> __:__
Interpreten: Wanda Landowska (Cembalo)
Label: EMI (LC 0110)
7 61008 2
<Track xx.> Gesamt-Zeit: 7:40
Archiv-Nummer: ____

Seit Ende der 30er Jahre beschäftigten sich immer mehr Pianisten mit dem Klavierwerk Johann Sebastian Bachs. Und zwar war es vorwiegend die jüngere Generation – diejenigen, die noch in der romantischen Tradition unterrichtet worden waren, aber denen der unabläßige Gefühlsüberschwang der Romantik auf Dauer zuviel wurde: Edwin Fischer, Wilhelm Kempff, Walter Gieseking oder Rudolf Serkin, um nur die wichtigsten zu nennen.

Was ihnen – bei allen interpretatorischen Unterschieden gemeinsam war: das Bemühen um ein gewisses Maß an Objektivität. In den 50er Jahren dann schien das alles Schnee von gestern. Auf den internationalen Konzertpodien tauchte ein junger Kanadier mit Namen Glenn Gould auf, der sich über alle Konventionen und Traditionen hinwegsetzte und nur einen Maßstab akzeptierte: seine eigene Subjektivität. – Das Überraschende war, wenn er Bach spielte: daß seine Interpretationen in keiner Weise romantisch-individualistisch klangen, sondern daß Glenn Gould eine mitunter brutale Klarheit und Härte an den Tag legte.

1957 erhielt er als erster Künstler der westlichen Hemisphäre nach dem Zweiten Weltkrieg eine Einladung in die Sowjetunion, um am Moskauer Musikkonservatorium einige Unterrichtsstunden zu geben. Unter anderem hat er sich dort mit Bachs Kunst der Fuge auseinandergesetzt; hier zum Abschluß unserer Sendung ein Mitschnitt seines Spiels vom 12. Mai 1957.

Musik-Nr.: 05
Komponist: Johann Sebastian Bach
Werk-Titel: Kunst der Fuge
Auswahl: Contrapunctus 1 <Track 5.> 4:50
Interpreten: Glenn Gould (Klavier)
Label: HMF (LC ____)
LDC 278 799
<Track 5.> Gesamt-Zeit: 4:50
Archiv-Nummer: ____
Technik: MUSIK ausblenden bei 4:50