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Chopin-Interpretationen auf Welte Mignon

Dieser Beitrag ist entstanden als Sendemanuskript
für den Deutschlandfunk, Köln
(Sendung: 10.6.1986 – "Historische Aufnahmen")

In unserer Sendung mit historischen Aufnahmen hören Sie heute Chopin-Interpretationen, eingespielt von bedeutenden Pianisten der Jahrhundertwende. Die Aufnahmen entstanden in den Jahren zwischen 1905 und 1925, also zu einer Zeit, da die Schallplatte noch in den Kinderschuhen steckte und die schwarzen Schellack-Scheiben mehr Nebengeräusche denn Musik erzeugten. Es war die Ära der selbsttätig spielenden sogenannten "Reproduktions Klaviere". Diese Klaviere besaßen eine spezielle Vorrichtung, in die man Lochkarten ähnliche Papierrollen einspannen konnte, und ohne die Last des täglichen Übens auf sich nehmen zu müssen, konnte man virtuoses Klavierspiel im eigenen Heim genießen.

Mechanische Musikinstrumente waren auch für die damalige Zeit nichts Neues; seit Menschengedenken bewunderte man die kunstvollen Drehorgeln, Glockenspiele und Spieldosen, die ohne menschliches Zutun Musik erzeugten. Aber dennoch diese Instrumente klangen trotz aller Bemühungen ihrer Erbauer unbeseelt: Sie produzierten zwar Töne und Klänge jeder Art, es gab sogar kleine klavierspielende Puppen, aber zu einer ausdrucksvollen, persönlich wirkenden musikalischen Interpretation waren diese "Musik-Maschinen" nicht in der Lage.

Dies änderte sich im Jahre 1904, als der Schwarzwälder Drehorgelbauer Edwin Welte der Öffentlichkeit einen Nuancierungs-Apparat vorstellte, ein mechanisches Klavier, das nicht nur selbsttätig Töne wiedergab, sondern auch alle dynamischen Schattierungen, deren ein guter Pianist fähig ist. Unter der Bezeichnung Welte Mignon, Phonola und Duo Art wurden diese Reproduktions Klaviere in der ganzen Welt bekannt, und fast alle berühmten Pianisten spielten ihr Repertoire auf den perforierten Papierrollen ein.

So einfach das Funktionsprinzip dieser Klaviere war, so aufwendig gestaltete sich doch die Konstruktion: Hunderte von kleinen Blasebälgen und Ventilen, sowie ein Gewirr von Schläuchen sorgten für die Differenzierung des Anschlags. Dementsprechend teuer war auch die Anschaffung eines derartigen Instrumentes, so daß die Reproduktions Klaviere in den 30 Jahren, als Schallplatte und Radio ihren Siegeszug antraten, recht schnell vom Markt verschwanden.

Aber es wäre verfehlt, wollte man diese selbsttätig musizierenden Apparate als Kuriositäten abtun. Die Klavier Rollen, die noch erhalten sind, bergen die künstlerische Hinterlassenschaft einer Pianisten Generation, die noch unmittelbar von Persönlichkeiten wie Liszt und Wagner geprägt worden ist; sie vermitteln uns einen authentischen Eindruck, wie die Pianisten damals Musik auffaßten und interpretierten.

Musik-Nr.: 01
Komponist: Frédéric Chopin
Werk-Titel: Walzer Des Dur, op. 64,1 ("Minuten Walzer")
Interpreten: Ignaz Friedmann
Label: Everest Records (LC ____)
X 919
<Track __.> Gesamt-Zeit: 1:35
Archiv-Nummer: ____

Was unterscheidet das Klavierspiel der heutigen Zeit von dem der Jahrhundertwende? Auffallend ist vor allem die Freizügigkeit, mit der musiziert wurde. Den Notentext sklavisch zu reproduzieren, darauf kam es nicht an. Der Pianist fühlte sich vielmehr selbst als schaffender Künstler; die Komposition war für ihn der Rohstoff, das Material, aus dem er im Augenblick des Vortrages das eigentliche Kunstwerk erst formen mußte.

Eine gewisse Unbekümmertheit ist dieser Haltung nicht abzusprechen, und die Grenzen zwischen Freiheit und Willkür, zwischen Interpretation und Bearbeitung waren fließend. Dennoch: Die bedeutenden Pianisten verstießen auch damals überraschend selten gegen das, was man gemeinhin als den "guten Geschmack" bezeichnen möchte. In ihren Interpretationen lassen vielmehr manche Details entdecken, die heutzutage im Zuge des rein technisch manuellen Perfektionismus' verloren scheinen.

So werden die Chopin Walzer unter den Händen von Fannie Bloomfield Zeisler zu bezaubernden Salon Stücken, ohne deshalb in die Sphäre des Trivialen abzugleiten. Es sind Miniaturen, über denen ein Hauch von Noblesse schwebt und den tänzerischen Impuls dämpft. Aber man spürt auch, daß der geheiligte Ernst, mit dem diese Walzer heutzutage zelebriert werden, fehl am Platze ist; daß eine solche Musik nicht in den Konzertsaal gehört, allenfalls in die kultivierte Atmosphäre der aristokratischen Salons.

Musik-Nr.: 02
Komponist: Frédéric Chopin
Werk-Titel: Walzer Ges Dur, op. 70,1
Interpreten: Fannie Bloomfield Zeisler
Label: Tel (LC ____)
SLA 25 057 T
<Track xx.> Gesamt-Zeit: 2:15
Archiv-Nummer: ____

Liszt und Chopin, der Hexenmeister und der feinnervige Melancholiker – das waren um die Jahrhundertwende die Götter am Musikerhimmel. Sie galten als die eigentlichen Klassiker der Klavierliteratur, nicht zuletzt, weil die erste Generation des 20. Jahrhunderts in dieser Musik ihre eigenen Sehnsüchte und Wünsche wiederfand – Gefühle, die im Alltag durch strenge Konventionen und einen bürgerlichen Sittenkodex reglementiert waren.

Man zog sich in eine Scheinwelt voller Sentimentalität zurück, und was lag näher, als die wehmütigen Stimmungen, an denen die Musik Chopins so reich ist, auszukosten? An die Stelle heroischen Aufbegehrens trat eine geradezu narzistische Verliebtheit in den eigenen Seelenschmerz.

Eines dieser introvertierten Stimmungbilder schuf der französische Pianist Alfred Cortot mit seiner Interpretation der Chopin Etüde, die den bezeichnenden Namen Tristesse trägt. Wenn Cortot dem melancholischen Gehalt nachspürt, wenn er Dissonanzen und Rubati bis zum Äußersten auskostet, so gerät sein Spiel zur künstlerischen Gratwanderung. Puristen mögen einwenden, daß das, was Cortot da spielt, nichts mehr mit Chopin gemein hat; aber die Musik lebt, sie atmet mit jeder Phrase.

Musik-Nr.: 03
Komponist: Frédéric Chopin
Werk-Titel: Etude E Dur, op.10,3 ("Tristesse")
Interpreten: Alfred Cortot
Label: Klavier Records (LC ____)
KS 105
<Track __.> Gesamt-Zeit: 4:25
Archiv-Nummer: ____

Es war eine Zeit der Extreme, eine Zeit die das virtuos-Bravouröse ebenso liebte wie das romantisch Sentimentale. Doch zeichnete sich schon damals eine Wende ab – hin zur Sachlichkeit, zur sogenannten "Werktreue". Unter den großen Chopin Interpreten war Leopold Godowsky der wohl modernste und fortschrittlichste Pianist. Bei seinen Zeitgenossen hingegen war er als pietätloser Techniker verschrien, hatte er doch mit seinen 53 Klavierstudien über die Etüden Chopins ein Oeuvre geschaffen, das heute noch zum schwersten zählt, was je für Klavier komponiert worden ist.

Aber Virtuosität war für Godowsky kein Selbstzweck. Es ging ihm nicht um artistische Effekte, sondern er wollte den Intentionen des Komponisten gerecht werden. Seine Kompromißlosigkeit der Interpretation zeigt sich vor allem in einer Aufnahme der g-moll-Ballade, in der er keinerlei Zugeständnisse an den damals herrschenden Zeitgeschmack machte. Die "schönen" elegischen Momente führen kein Eigenleben, sondern ordnen sich dem erzählerischen Gestus jederzeit unter, so daß die Ballade zu einem groß angelegten, dramatischen Epos gerät.

Musik-Nr.: 04
Komponist: Frédéric Chopin
Werk-Titel: Ballade g moll, op.23
Interpreten: Leopold Godowsky
Label: Everest Records (LC ____)
X 922
<Track xx.> Gesamt-Zeit: 8:00
Archiv-Nummer: ____

Eine Sendung über große Chopin Interpreten bliebe unvollständig, fehlte der Name Ignacy Jan Paderewski. Paderewski war Pole, und sein Chopin Spiel war eine Liebeserklärung an sein Heimatland – er reiste gleichsam als musikalischer Botschafter für ein freies, geeintes Polen. Aber sein Patriotismus erschöpfte sich nicht im Klavierspiel. 1919 wurde Paderewski zum Ministerpräsident von Polen ernannt, und während des zweiten Weltkriegs war er Präsident der polnischen Exilregierung in England.

Diese für einen Musiker einmalige Karriere verdankte Paderewski seinem pianistischen Ruhm und seinem weltmännischen Auftreten. Auch das Publikum war mehr von seiner künstlerischen Ausstrahlung fasziniert als von seiner Virtuosität, In technischer Hinsicht weist sein Spiel sogar gelegentlich Mängel auf, aber kein Pianist vermochte wie er, das typisch Polnische der Musik Chopins, das Schwebende in den Rhythmen der Mazurken wiederzugeben.

Musik-Nr.: 05
Komponist: Frédéric Chopin
Werk-Titel: Mazurka a moll, op.l7,4
Interpreten: Ignacy Jan Paderewski
Label: Name (LC ____)
Nummer
<Track xx.> Gesamt-Zeit: 3:20
Archiv-Nummer: ____

Welte Mignon – was von seinen Erfindern ursprünglich als Marken-Name gedacht war, stand schon nach kurzer Zeit stellvertretend für viele andere Fabrikate. Die verschiedensten Systeme wurden entwickelt, die eines gemeinsam hatten: Die perforierten Papierrollen waren nicht beliebig kompatibel. Wer etwa eine Phonola oder ein Ampico sein eigen nannte, konnte mit den Welte Aufnahmen nichts anfangen. Es begann ein Kampf um Markt-Anteile; man warb mit Gratis-Rollen und mit Empfehlungsschreiben von Pianisten – denen es allerdings nichts ausmachte, heute für dieses, morgen für ein anderes Fabrikat zu werben.

Einer der ersten, der einen Exklusiv Vertrag – zumindest für den amerikanischen Kontinent – abschloß, war Alfred Cortot. Für die Firma Duo Art spielte er fast einhundert Klavier Rollen ein, darunter auch das Prelude Nr. 15, das berühmte Regentropfen-Prélude.
Musik-Nr.: 06
Komponist: Frédéric Chopin
Werk-Titel: Prélude in Des-Dur, op. 28,15 ("Regentropfen Prélude")
Interpreten: Alfred Cortot (Duo Art)
Label: Klavier Records (LC ____)
KS 106
<Track xx.> Gesamt-Zeit: __:__
Archiv-Nummer: ____

In Europa weitgehend unbekannt geblieben ist der russische Pianist Josef Lhevinne. 1906 debütierte er in Amerika, aber es scheint, als habe er dem Geschmack des damaligen Publikums nur schwer gerecht werden können: Einige wenige Konzert Tourneen, eine Handvoll Aufnahmen auf Klavier Rollen und Schellack Platten – und dann tritt Lhevinne nur noch als Lehrer einer neuen Pianisten Generation in Erscheinung. Sein Chopin Spiel muß damals revolutionär geklungen haben: In einer Aufnahme vom Mai 1929 ist uns die Militär Polonaise erhalten – eine Interpretation, die jegliches heroische Pathos meidet und durch ihre sachliche Kühle besticht.

Musik-Nr.: 07
Komponist: Frédéric Chopin
Werk-Titel: Polonaise op. 53 ("Militär Polonaise")
Interpreten: Josef Lhevinne (Ampico – Mai 1929)
Label: L'oiseau lyre (LC ____)
414 097 1
<Track xx.> Gesamt-Zeit: 5:10
Archiv-Nummer: ____

Einer der exzentrischsten Pianisten war wohl Vladimir Pachmann. "Chopin Narr" nannten ihn die Kritiker, denn er ließ keine andere Musik gelten; Pachmann trug angeblich Handschuhe von Chopin, Socken von Chopin, und seine Besucher empfing er zu jeder Tageszeit in einem schäbigen, abgetragenen Morgenrock, von dem er behauptete, daß auch dieses Stück Chopin gehört habe. In seiner ihm eigenen Überheblichkeit bezeichnete er sich gerne als den größten Chopin Spieler. George Bernhard Shaw hingegen schrieb über eines seiner Konzerte: "Herr Vladimir von Pachmann gab eine seiner wohlbekannten Pantomimen zur Begleitung Chopin'scher Musik."

Geboren 1848 in Odessa hatte Pachmann, als die ersten Möglichkeiten der Schallaufzeichnung erfunden wurden, seinen pianistischen Zenit anscheinend schon überschritten. In manchen Aufnahmen wimmelt es von falschen Tönen, rhythmischen Ungenauigkeiten und Auslassungen, wenn es ihm zu schwierig wurde. Aber in der Darstellung der kleinen Formen, der Walzer, Mazurken und Nocturnes blieb er unübertroffen.

Musik-Nr.: 08
Komponist: Frédéric Chopin
Werk-Titel: Nocturne cis moll op. 27,1
Interpreten: Vladimir Pachmann (Duo Art)
Label: Everest Records (LC ____)
X 921
<Track xx.> Gesamt-Zeit: 5:40
Archiv-Nummer: ____