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C.Ph.E. Bach: Die Hamburger Sinfonien

Dieser Beitrag ist entstanden als
Programmtext für die Bach-Tage Berlin 1989

Als Carl Philipp Emanuel Bach 1740 voller Enthusiasmus seinen Dienst als Cembalist am Hofe des kunstsinnigen Preußenkönigs Friedrich des Großen antrat, schrieb ihm sein Vater Johann Sebastian lapidar:

"Es ist Preussisch-Blau, das schnell verschießt."

In der Tat ließ die künstlerische Stagnation in Potsdam nicht lange auf sich warten. Kaum hatte Friedrich II. den Thron bestiegen, da warf er (wie Voltaire es zynisch auf den Punkt brachte) den Philosophenmantel ab und griff zum Degen. Die Kosten für die Schlesischen Kriege und den Siebenjährigen Krieg gegen Österreich verlangten nach Einschnitten im Musikleben: Das Opernhaus in Berlin mußte schließen, und die musikalische Abendunterhaltung beschränkte sich fortan auf das königliche Abblasen der 299 Quantzschen Flötenkonzerte mit gelegentlichen sinfonischen Einlagen aus der Feder Hasses oder der Brüder Graun. Gepflegt wurde in Sanssouci der Musikstil, den Friedrich II. aus seiner Jugendzeit kannte; alles andere war in seinen Ohren neumodischer Tand.

Diesem Geschmacksdiktat mußte sich auch Carl Philipp Emanuel beugen, wollte er in Potsdam nicht nur als Continuo-Spieler am Cembalo sein Dasein fristen. Von den "revolutionären" Klaviersachen, derentwegen der Bach-Sohn in ganz Deutschland berühmt war, wollte der königliche Dienstherr nichts wissen; und so schrieb Carl Philipp Emanuel für das Potsdamer Musikleben unverfängliche Sinfonien wie diejenige in G-Dur (Wq 173): für einen vierstimmigen Streichersatz, bei dem nur die beiden Violingruppen gelegentlich selbständig geführt sind, mit einfachen melodischen Läufen in der Oberstimme, die von ebenso einfachen Stützakkorden getragen werden, so daß die geringste Moll-Wendung schon als harmonische Kühnheit erscheint.

Verschiedentlich hatte Carl Philipp Emanuel um seine Entlassung aus preußischen Diensten gebeten, aber erst 1768 ließ Friedrich der Große seinen Cembalisten ziehen, als der Rat der Stadt Hamburg dem Bach-Sohn den Posten des Musikdirektors der fünf großen Stadtkirchen anbot. Es war dasselbe Amt, das Telemann mehr als vierzig Jahre lang innegehabt hatte.

In Potsdam war Carl Philipp Emanuel königlicher Lakai gewesen; in Hamburg nun galt er als angesehener Bürger, der mit Aristokraten, Politikern und Diplomaten wie seinesgleichen verkehrte. Zu seinen Bewunderern zählte auch der Musik- und Kunstliebhaber Baron Gottfried van Swieten, der damals als österreichischer Botschafter in Berlin residierte und sich später, nach Wien zurückgekehrt, als Librettist der Haydn-Oratorien und als Förderer Mozarts und Beethovens einen Namen gemacht hat. 1773 gab van Swieten bei Carl Philipp Emanuel sechs Streichersinfonien in Auftrag – mit der ausdrücklichen Bitte, der Komponist möge seiner Kunst freien Lauf lassen,

"ohne auf die Schwierigkeiten Rücksicht zu nehmen, die daraus für die Ausübung nothwendig entstehen müssen."

Die Hamburger Sinfonien sind virtuose Glanzstücke voll harmonischer und dynamischer Überraschungen. Unvermittelte Stimmungskontraste, überraschende Modulationen und abrupte Phrasenenden wechseln sich ab mit lyrisch versponnenen Melodiebögen. Es sind Kompositionen, die die beiden ästhetischen Strömungen reflektieren, die in jener Zeit das Kunstwollen beherrschten: die "Empfindsamkeit" mit ihrer Forderung, daß Musik das Herz rühren solle, und den "Sturm und Drang", der die Exzentrik und die Extreme der Stimmungen zum Ideal erhob.

Der Komponist und Musikgelehrte Johann Friedrich Reichardt, der 1773 die Probeaufführung der Sinfonien leitete, schilderte die Wirkung der Musik in seiner Autobiographie so:

"Jeder, der diese Werke hörte, war begeistert von der originellen und geschickten Durchführung der musikalischen Ideen und der großen Mannigfaltigkeit von Form und Modulation. Es scheint unwahrscheinlich, daß dem Geist eines genialen Komponisten jemals geistvollere, kühnere und humorvollere Musik entspringen wird. Wenn die Ideen auch nicht ganz deutlich wurden, so hörte man doch mit Entzücken den originellen, kühnen Gang der Ideen, und die grosse Mannigfaltigkeit und Neuheit in den Formen und Ausweichungen. Es wäre ein reeller Verlust für die Kunst, wenn diese Meisterarbeiten in einer Privatsammlung vergraben bleiben sollten."