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Ludwig van Beethoven –
Kammermusik für Bläser

Dieser Beitrag ist entstanden als Booklet-Text für die CD-Produktion
L.v. Beethoven: Kammermusik für Bläser
(Bläservereinigung des Rundfunk-Sinfonie-Orchesters Leipzig;
Peter Damm, Horn; Amadeuas Webersinke, Klavier).
Berlin Classics (LC 6203) 9186-2. Prod. 1997.

Take 01 Sonate für Horn und Klavier in F-Dur, op. 17
Take 02 Sextett für 2 Klarinetten, 2 Hörner und 2 Fagotte in Es-dur, op. 71
Take 03 Oktett für 2 Oboen, 2 Klarinetten, 2 Fagotte und 2 Hörner in Es-dur, op. 103
Take 04 Rondino für 2 Oboen, 2 Klarinetten, 2 Fagotte und 2 Hörner in Es-dur, WoO 25

Vor der Erfindung der Klappen- und Ventilhörner in der erste Hälfte des 19. Jahrhunderts hatten die Hornisten in erheblichem Maße mit den Tücken ihres Instruments zu kämpfen. Die Tonhöhe ließ sich nur durch die Spannung der Lippen verändern (wodurch anstelle des Grundtons die instrumentenspezifischen Obertöne angeregt werden) oder indem der Spieler den Schalltrichter mit der Hand ganz oder teilweise verschloß. Diese Kunst des "Stopfens" beherrschten jedoch nur wenige Hornisten, so daß das Horn lange Zeit als bloßes Signalinstrument mit beschränktem Tonumfang galt. Immerhin war gegen Ende des 18. Jahrhunderts die Spieltechnik soweit fortgeschritten, daß der Musikgelehrte Ludwig Gerber 1792 in seinem historisch-biographischen Lexikon notierte:

"Die Kunst der Verfeinerung des Tons auf dem simplen Horn ist in unsern Tagen aufs höchste gestiegen. Man glaubt, wenn ein paar Virtuosen auftreten, nicht den Ton von Blechinstrumenten, sondern eine Flöte von einer Gambe begleitet zu hören."

Sonate für Horn und Klavier in F-Dur, op. 17

Zu den Virtuosen der damaligen Zeit zählte auch der Hornist Wenzel Stich (der sich publikumswirksam den Künstlernamen Giovanni Punto zugelegt hatte). Für sein Konzertdebüt im Wiener Hofburgtheater am 18. April 1800 hatte Stich Beethoven gebeten, eine Hornsonate zu komponieren. Über die Entstehung weiß der Beethoven-Biograph Ferdinand Ries zu berichten:

"Die Composition der meisten Werke, die Beethoven zu einer bestimmten Zeit fertig haben sollte, verschob er fast immer bis zum letzten Augenblick. So hatte er dem berühmten Hornisten Ponto [sic] versprochen, eine Sonate (Opus 17) für Clavier und Horn zu komponieren und in Ponto's Konzert mit ihm zu spielen; das Conzert mit der Sonate war angekündiget, diese aber noch nicht angefangen. Den Tag vor der Aufführung begann Beethoven die Arbeit und beim Concerte war sie fertig."

Wenn man dem Beethoven-Schüler Carl Czerny Glauben schenken darf, hat Punto dem Komponisten allerdings weitgehend vorgeschrieben, welche Melodien und Passagen er verwenden sollte. Was an dieser Anekdote wahr ist, läßt sich wohl nicht mehr rekonstruieren. Jedenfalls fand die Sonate beim Publikum einen solchen Anklang,

"daß, trotz der neuen Theaterordnung, welche das Da Capo und laute Applaudiren im Hoftheater untersagt, die Virtuosen dennoch durch sehr lauten Beyfall bewogen wurden, sie, als sie am Ende war, wieder von vorn anzufangen und nochmals durchzuspielen"
(Allgemeine Musikalische Zeitung, 2. Juli 1800).

Sextett für 2 Klarinetten, 2 Hörner und 2 Fagotte in Es-dur, op. 71

"Harmoniemusik" nannte man im 18. und 19. Jahrhundert die Kompositionen für reine Bläserbesetzung, die ursprünglich als Freiluft- und Tafelmusiken fester Bestandteil des adligen Lebens waren:

"Man bedient sich dabey entweder besonders dazu gesetzter Tonstücke, die den Namen Parthien führen, oder man arrangirt für diese Instrumente Opern und andere Tonstücke, die eigentlich zu einem andern Gebrauche bestimmt sind"
(H. Chr. Koch, Musikalisches Lexikon 1802)

Mit dem Niedergang der höfischen Gesellschaft seit der Französischen Revolution von 1789 zeichnete sich auch eine Ende dieser musikalischen Konvention ab, so daß man schon 1796 in Schönfeldts Jahrbuch der Tonkunst lesen konnte:

"Es war vormals stark die Gewohnheit, daß unsere großen fürstlichen Häuser eigene Hauskapellen hielten. Allein, es sey nun Erkältung für Kunstliebe, oder Mangel am Geschmacke, oder Häuslichkeit, oder auch andere Ursachen, kurz, zum Schaden der Kunst hat diese löbliche Gewohnheit sich verloren, und eine Kapelle verlosch nach der andern, so, daß fast gar keine existirt."

So stammt denn auch das Bläsersextett op. 71 (trotz seiner hohen Opuszahl) aus Beethovens früher, aristokratisch geprägter Schaffensphase – wahrscheinlich aus der Zeit um 1796, in der auch die meisten anderen seiner Werke für Bläserensemble entstanden. Wie wenig er sich in späteren Jahren mit dieser Musik identifizieren konnte, zeigt sein Kommentar vom 8. August 1809, wo es heißt:

"Das Sextett ist von meinen früheren Sachen und noch dazu in einer Nacht geschrieben; man kann wirklich nichts anderes dazu sagen, daß es von einem Autor geschrieben ist, der wenigstens einige bessere Werke hervorgebracht - doch für manche Menschen sind d.g.[dergleichen] Werke die besten."

Beethovens abschätzige Bemerkung mag den Anschein erwecken, als handele es sich bei dem Sextett um eine kompositorische "Jugendsünde". Aber es ist wohl eher etwas anderes, das ihn 13 Jahre später auf Distanz gehen läßt: Wie kaum ein anderes Beethovensches Werk gehorcht das Bläsersextett mit seinem "Divertimento"-Charakter den musikalischen Konventionen des ausgehenden 18. Jahrhunderts. Es besitzt den Charakter einer funktionalen "Gesellschaftsmusik", die zwar gefällig und abwechslungsreich und unter kompositionstechnischen Gesichtspunkten perfekt gearbeitet ist, die aber eben wegen ihrer "stromlinienförmigen" Struktur, wegen der fehlenden künstlerischen Autonomie den ästhetischen Ansprüchen des späten Beethovens nicht mehr genügt.

Oktett für 2 Oboen, 2 Klarinetten, 2 Fagotte und 2 Hörner in Es-dur, op. 103

[und]

Rondino für 2 Oboen, 2 Klarinetten, 2 Fagotte und 2 Hörner in Es-dur, WoO 25

Noch weiter zurück, in die Bonner Jahre, reichen das Bläser-Oktett op. 103 und das Rondino für Harmoniemusik in Es-Dur (WoO 25), die allerdings erst 1830, drei Jahre nach Beethovens Tod, veröffentlicht wurden. Wahrscheinlich hat Beethoven die beiden Kompositionen für die Bläsergruppe des Kurköllnischen Hoforchesters geschrieben hat, das damals großes Ansehen genoß:

"Die Tafelmusik des köllnischen Kurfürsten ist besetzt mit 2 Oboen, 2 Klarinetten, 2 Fagotts, 2 Hörner. Man kann diese 8 Spieler mit Recht Meister in ihrer Kunst nennen. Selten wird man eine Musik von der Art finden, die so gut zusammenstimmt, so gut sich versteht, und besonders im Tragen des Tons einen so hohen Grad von Wahrheit und Vollkommenheit erreicht hätte, als diese"
(C. L. Junker, Musikalische Korrespondenz, 1791).

Während das Es-dur-Rondino sich noch mit dem (durchaus positiv zu verstehenden) Begriff der unterhaltsamen, funktionsgebundenen "Tafelmusik" beschreiben läßt, weist das Oktett op. 103 in seiner großräumigen Anlage schon auf den Beethoven der späteren Wiener Jahre hin und erfreut sich nicht zuletzt wegen seiner rhythmischen und harmonischen Finessen bei Bläserensembles großer Beliebtheit.