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Neue Kraft fühlend

Ludwig van Beethovens Streichquartette op. 131 und op. 132

Dieser Beitrag ist entstanden als Programmheftbeitrag
zum Europäischen Musikfest der
Internationalen Bachakademie, Stuttgart (7.8.1989)

Im November 1822 wandte sich der russische Fürst Nicolas Boris Galitzin an Beethoven mit der Bitte um zwei oder drei Streichquartette. Fürst Galitzin war Musikenthusiast, spielte selbst leidlich Geige und hatte für sein Petersburger Streichquartett einige von Beethovens Klaviersonaten für diese Besetzung arrangiert. Beethoven kam diese Anfrage gelegen, denn wenige Wochen zuvor hatte er mit einer Quartettkomposition (Es-Dur, op. 127) begonnen. Als Honorar wurden 50 Dukaten für jedes Quartett vereinbart, und Galitzin ermächtigte den Komponisten zudem, bei der Wiener Dépendance des Bankhauses Rothschild jede gewünschte Summe als Vorschuß einzuziehen.

Die Geschäftsbeziehung, die so generös angefangen hatte, wurde, als die drei Quartette fertiggestellt waren, für Beethoven zu einem Ärgernis: Als er 1826 die ihm zustehenden 150 Dukaten einforderte, begann Galitzin ihn zunächst zu vertrösten und behauptete schließlich, die Summe sei längst ausgezahlt worden. Es dauerte bis 1852 [sic!], bis Beethovens Erben das Geld schließlich erhielten.

Das Quartett op. 132 in a-Moll ist das zweite der für Galitzin komponierten Quartette. Die ersten Skizzen zu dem Werk fallen noch in das Jahr 1824; der Kopfsatz wurde Anfang 1825 fertiggestellt. Im April dann begann Beethoven unter heftigen Fieberanfällen und Leberkoliken zu leiden. Der Zustand dauerte mehrere Wochen an, so daß sich die Arbeit in die Länge zog. Erst in Baden bei Wien, wo er sich zur Genesung aufhielt, konnte er das Quartett vollenden. Aus diesen biographischen Konstellationen ist auch der eigentümliche dritte Satz zu erklären – ein Molto adagio mit anschließendem Andante, der die Überschrift trägt: Heiliger Dankgesang eines Genesenen an die Gottheit, in der lydischen Tonart – Neue Kraft fühlend.

Es ist nicht das erste Mal, daß eine derartige Überschrift in Beethovens Werk auftaucht: Schon in der Klaviersonate op. 110 findet sich im Schlußsatz ein ähnliches Programm: Klagender Gesang (Adagio ma non troppo) – Fuge ( Allegro) – Ermattet, klagend – Fuge (Nach und nach wieder auflebend).

Aufgeführt wurde das Quartett am 9. September 1825 im Gasthof Zum wilden Mann. Der englische Musiker George Thomas Smart, der zu jener Zeit gerade in Wien weilte, notierte in seinem Tagebuch:

Man spielte das Quartett zweimal hintereinander in der mit Menschen überfüllten Gaststube. Beethoven dirigerte die Ausführenden [das Schuppanzigh-Quartett]. Als eine staccato-Passage seinem Augenschein nach – denn hören konnte er von seiner Musik leider nichts – nicht ausdrucksvoll genug gespielt wurde, griff er nach der Violine des zweiten Geigers und demonstrierte, wie die Passage zu klingen habe – allerdings alles um einen Viertelton zu tief.

Das Streichquartett in cis-Moll op. 131 ist trotz seiner niedrigeren Opuszahl später entstanden als das a-Moll-Quartett op. 132. Verschiedentlich haben die Biographen versucht, die Zerrissenheit und komplexe Struktur des Werks mit Beethovens problembelasteter Vormundschaft über seinen Neffen Carl und dessen mißglücktem Selbstmordversuch im August 1826 in Zusammenhang zu bringen. Indes hatte Beethoven schon Ende 1825 mit dem ersten Satz begonnen, und am 20. Mai 1826 konnte er dem Verlag Schott bereits die Vollendung des Quartetts melden.

Die Zeitgenossen Beethovens hatten erhebliche Schwierigkeiten mit diesem Werk, als es im Juni 1827, also drei Monate nach Beethovens Tod, herausgebracht wurde. Schon die Gesamtkonzeption war ungewöhnlich: sieben Sätze, von denen der dritte und sechste nur wenige Takte lang sind, als erster Satz eine Fuge, die in eine gleichsam sonatenhauptsatzförmige Durchführung übergeht. Solche Irritationen veranlaßten den Musikschriftsteller Ignaz von Mosel 1843 zu der Äußerung:

Indessen dürfte doch die Frage sein, ob nicht Beethoven selbst, wenigstens zum Teil, mit Ursache war, wenn die größere Zahl der Kunstfreunde sich allmählich von seinen Kompositionen abgewendet hat. [...] Immer mehr entfernte er sich von der anfänglich eingeschlagenen Bahn, wollte sich durchaus neue brechen und geriet endlich auf Abwege. [...] Er fing damit an, die Länge der Tonstücke immer mehr auszudehnen. Diese Überschreitung des rechten Längenmaßes hatte dann notwendigerweise auch die Zerstörung des Ebenmaßes, sowohl der Teile unter sich, als derselben zu dem Ganzen zur Folge.

Ignaz von Mosel stand mit dieser Meinung nicht alleine da. Beethovens Spätstil galt gemeinhin als verstiegen, als klangfremde Augenmusik eines tauben Mannes. Erstaunlich weitsichtig ist da die Wertung des cis-Moll-Streichquartetts, die Friedrich Rochlitz im Juni 1828 in der Neuen Zeitschrift für Musik veröffentlicht und sich gegen die wendet,

[...] die sich durch Musik nur amüsieren – einen Zeitvertreib schaffen wollen. Der Reichthum der Harmonie, wie er hier erscheint, will sich von uns, die wir daran nicht gewöhnt sind, kaum noch übersehen, viel weniger überhören lassen; das Wunderbare seiner Kombinationen wird oft grüblerisch, so daß es dem jetzigen Hörer als unklar, wo nicht als unzusammenhängend vorkommt; das Überbauen seiner durchgeführten Melodien mit immer mehr variierenden Instrumenten, und immer anders hinzutretenden Figuren läßt diese Melodien kaum noch, auch mit Anstrengung, heraushören und ungestört neben der Fülle der Zutat fest halten, wie viel weniger genießen – alles diess, jetzt, wo man hieran noch nicht gewöhnt ist.