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Beethoven: Sinfonie Nr. 7 in A-dur, op. 92, Schlachtensinfonie op. 91

Sinfonie Nr. 7 in A-Dur, op. 92

Im Dezember 1813 konnte der interessierte Leser der Allgemeinen Musikzeitung zur Beförderung der theoretischen und praktischen Tonkunst folgende Zeilen lesen:

"Daß Herr van Beethoven ein großes, ja ein gar außerordentliches Talent und Genie besitzt, ist nicht zu bezweifeln. Viele seiner früheren Arbeiten haben wir schon mit Bewunderung und Vergnügen gehört. Aber was ist aus dem guten Manne seit einiger Zeit geworden? Daß er in eine Art von Verrücktheit geraten ist, davon legt seine neueste Sinfonie beredtes Zeugnis ab. Das Ganze dauert wenigstens dreiviertel Stunde und ist ein wahres Quodlibet von tragischen, komischen, ernsten und trivialen Ideen, welche ohne Zusammenhang vom Hundertsten ins Tausendste springen, sich zu allem Überdruß noch mannigfach wiederholen und durch den unmäßigen Lärm das Trommelfell fast sprengen. Wie ist es möglich, an einer solchen Rhapsodie Gefallen zu finden? Zwar sagt man 'Die Kunst macht Fortschritte', aber muß man nach Anhörung dieser Sinfonie nicht glauben, daß diese Schritte krebsartig sind und uns in den Abgrund der Barbarei führen?"

Soweit also der Rezensent der Allgemeinen Musikzeitung anläßlich der Uraufführung von Beethovens Siebenter Sinfonie am 18. Dezember 1813. Und nicht weniger freundlich äußerte sich Carl Maria von Weber, der die Sinfonie als "absoluten Gipfel der Gestaltlosigkeit" ansah und "Beethoven am liebsten dafür ins Irrenhaus geschickt" hätte. Vielleicht waren die Kritiker aber auch nur irritiert von dem patriotischen Überschwang, der gleichsam den Grundton der Konzertveranstaltung bildete. Denn das Konzert sollte nicht nur musikalischen Genuß verschaffen, sondern es besaß darüber hinaus eine konkrete inhaltlich-politische Aussage. Zum einen war es gedacht als Benefiz-Konzert: der Erlös aus den verkauften Eintrittskarten war für die Kriegsversehrten, Witwen und Waisen der kaiserlich österreichischen Armee bestimmt. Und so saß denn im Orchestergraben alles, was im damaligen Wien musikalischen Rang und Namen hatte: Schuppanzigh, Romberg und Louis Spohr an der Geige, Domenico Dragonetti spielte den Kontrabaß; Giacomo Meyerbeer, der Pianist Johann Nepomuk Hummel und der alte Antonio Salieri bedienten Trommeln und Pauken; und den gerade neunzehnjährigen Ignaz Moscheles schließlich hatte man an die Triangel gestellt.

Wellingtons Sieg oder die Schlacht bei Victoria op. 91 ("Schlachtensinfonie")

Der patriotische Anlaß dieses Benefiz-Konzerts bestimmte auch Auswahl der Kompositionen; und es war ein recht umfangreiches Programm, das Beethoven seinem Publikum im Festsaal der Wiener Universität zumutete: Zwei Sinfonien - die Nummern Sieben und Acht -, dazu eine Konzertarie, die Ouvertüre zu Goethes Freiheits-Drama Egmont und als krönender Abschluß die sogenannte Schlachten-Sinfonie, Wellingtons Sieg oder die Schlacht bei Victoria.

1805 noch hatte Beethoven dem französischen Konsul Napoleon Bonaparte seine dritte Sinfonie, die Eroica widmen wollen. Als er aber erfuhr, daß Napoleon in seinem Machtrausch sich selbst zum Kaiser gekrönt hatte, zerriß er das Widmungsblatt mit den Worten: "Nun wird auch er die Menschenrechte mit den Füßen treten!"

Es folgten die französischen Eroberungsfeldzüge, die Beethoven zu der grimmig?selbstbewußten Äußerung veranlaßten: "Schade, daß ich von der Kriegskunst nicht soviel verstehe wie vom Komponieren. Diesen emporgekommenen Korsen würde ich noch besiegen!" - Und als dann die preußische Armee 1806 bei Jena und Auerstädt ihre entscheidende Niederlage empfing, entstanden die ersten Notizen zur Siebenten Sinfonie - Skizzen zur Trauermusik des zweiten Satzes.

Die fertige Sinfonie trägt in Beethovens Handschrift den (fast gänzlich in Vergessenheit geratenen) Titel Sinfonie 1812. Es ist dies das Jahr, als Napoleon in Rußland einfiel und das übrige Europa Anstalten machte, sich von dem napoloenischen Joch zu befreien. Und aus dieser patriotischen Stimmung heraus sind auch die meisten von Beethovens Kompositionen jener Zeit zu erklären. In seiner offiziellen Dankadresse an die Mitwirkenden des Konzerts vom 18. Dezember 1813 schrieb er: "Uns alle erfüllte nichts weiter als das reine Gefühl der Vaterlandsliebe und des freudigen Opfers unserer Kräfte für diejenigen, die uns soviel geopfert haben." Eine patriotische Gesinnung, deren Entsprechung man im vorwärtsdrängenden Gestus der Musik durchaus wiederfinden mag.

Bei Beethovens Schlachten-Sinfonie, die den Sieg des englischen General Wellington über Napoleon schildert, und bei der Ouvertüre zu Goethes Freiheitsdrama Egmont bereitet diese Vorstellung keine Schwierigkeiten. Aber die Siebente Sinfonie? Vielleicht, daß Richard Wagners Ausspruch, das Werk sei eine Apotheose des Tanzes;und Beethoven habe sich in diesem Werk nichts anderes zum Thema machen wollen, als eine Bauernhochzeit zu schildern, - daß dieser Topos im Laufe der Aufführungsgeschichte falsche Bilder in uns weckt.

Zwar spielt der Rhythmus in dieser Sinfonie eine wichtige Rolle, doch nicht um Tanz und Bauernhochzeit geht es, wie Wagner fälschlicherweise Glauben machen will, sondern um den rhythmischen Elan, wie er seit der französischen Revolutionsmusik als aktivierendes Gemeinschaftserlebnis eingesetzt wird. Diese rhythmische Komponente - gleichsam als dem "positiven" französischen Element aus der vornapoleonischen Revolutions-Ära, wird verbunden mit melodiösen Floskeln und Wendungen aus der russischen und böhmisch-mährischen Volksmusik. Beethoven wendet sich also nicht gegen Frankreich, gegen die Errungenschaften der französischen Revolution, sondern gegen den napoleonisch-imperialen Herrschaftswillen, der jede nationale Eigenständigkeit zu unterdrücken sucht.

Der volkstümliche Ton mag denn auch den frommen und musikalisch etwas konservativen Abbé Stadler, den Musiklehrer von Franz Schubert, zu der irrigen Vermutung verleitet haben, im Mittelteil des dritten Satzes sei ein niederösterreichischer Wallfahrtsgesang eingearbeitet.