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Inhaltsverzeichnis Manuskriptsammlung

Georg Benda: Ariadne auf Naxos

Dieser Beitrag ist ein Auszug aus dem Sendemanuskript
für den Deutschlandfunk, Köln
(Sendung: 6.6.1988 – ARD-Nachtkonzert)

Erster Teil:

Gekürzte Fassung des Manuskripts
"Lasciate mi morire" – Italienische Klagegesänge des Frühbarock

[...]

Zweiter Teil:

Wenn auch nicht die Ariadne am Beginn der Operngeschichte steht, sondern der Mythos von Orpheus und Eurydike, so ist doch der Klagegesang der Ariadne, den Claudio Monteverdi 1608 komponiert hatte ein erster Höhepunkt: Nie zuvor wurden alle Spielarten der Leidenschaft – Liebe, Haß und Verzweiflung – so eindringlich in Musik umgesetzt. Von nun an waren die Anforderungen, die an eine Oper gestellt werden durften, klar umrissen: Mit der Ariadne hatte Monteverdi endgültig bewiesen, welche dramatische Kraft dieser neuen musikalischen Gattung innewohnt.

Eine ähnlich bedeutsame Rolle sollte der Ariadne-Stoff noch einmal gegen Ende des 18. Jahrhunderts spielen: 1775 wurde im Hoftheater zu Gotha Georg Bendas Melodram Ariadne auf Naxos aufgeführt. Bendas Ariadne war zwar nicht das erste Melodram, aber es war das Werk, mit dem sich diese gerade neu erfundene Gattung (wenigstens für einige Zeit) im Musikleben etablieren konnte.

Melodramen sind seltsame Gebilde: eine Mischung aus Oper und Schauspiel, mit gesprochenem, meist monologischem Text und dazwischen kurze musikalische Kommentare. Was sich im Melodram ereignet, ist mehr reflektierendes Seelendrama als aktionsreiche dramatische Handlung. Erfunden hat es der Philosoph und Musiker Jean-Jacques Rousseau, der nämlich der Ansicht war, daß die französische Sprache (anders als das Italienische) gänzlich ungeeignet sei, gesungen zu werden. Und so empfahl er seinen Landsleuten als Alternative eben das Melodram.

Rousseaus eigener Beitrag zu dieser neuen Gattung war allerdings nicht dazu angetan, die Franzosen zu überzeugen: Denn die lyrische Szene Pygmalion ist ein belangloses und auch musikalisch nur wenig ergiebiges Werk. Dafür interessierte man sich an den deutschen Fürstenhöfen umso mehr für diese neuartige französische Erfindung. Noch bevor der Pygmalion in Paris auch nur eine Aufführung erlebte, war er schon ins Deutsche übersetzt und wurde am Hoftheater von Weimar mit Erfolg gespielt.

Dieser Weimarer Pygmalion inspirierte wiederum den Schauspieler und Schriftsteller Johann Jacob Brandes, selbst ein Melodram zu verfassen: die Ariadne auf Naxos, die dann 1775 von Georg Benda vertont wurde. Es ist die alte Geschichte, wie sie uns auch schon in Monteverdis Lamento d'Arianna begegnet: Theseus hat die schlafende Ariadne auf der Insel Naxos zurückgelassen, und nun beklagt sie eine halbe Stunde lang ihr Schicksal.

Der Komponist Christoph Gottlieb Neefe schrieb über Bendas Ariadne im Gothaer Theaterjournal:

Bewunderung und Ehrfurcht nehmen meine ganze Seele ein: Welch glühende, hochstrebende Phantasie und reiche Erfindungskraft! Wie so tief alles erdacht! wie so tief im Innersten empfunden! Bald geht die Musik voraus, bald mit der Deklamation zugleich, bald hinter der Deklamation, um die Leidenschaften und die Handlung vorzubereiten, zu unterstützen, zu erhöhen und fortzufÜhren. Wie ist das alles so neu und doch so wahr, so mannigfaltig und doch so übereinstimmend!

Ähnlich euphorisch gab sich auch der Musikalische Almanach auf das Jahr 1772:

Eine so echt genialische Musik war in den Mauern unserer deutschen Schauspielhäuser noch nicht erschollen. Wem ist nicht beim Anhören der "Ariadne" Furcht und Freude, Leben und Entsetzen angekommen? Herr Benda brachte uns die neue Kunst des Melodramas, worinnen nicht gesungen wird, wo aber das Orchester gleichsam beständig den Pinsel in der Hand hält, diejenigen Empfindungen auszumalen, welche die Deklamation des Akteurs beseelen.

Anfangs glaubte man, im Melodram eine würdige Alternative zum Schauspiel und zur Oper gefunden zu haben. Aber die Begeisterung hielt nicht lange an, als die mittelmäßigen Stücke überhand nahmen. Zumal auch die Sujets sich kaum änderten: Es waren fast ausschließlich die tragischen Frauengestalten der griechischen Antike, die das Repertoire des Melodrams bestritten. Und schon 1780 mahnten die Rheinischen Beiträge zur Gelehrsamkeit:

Sollte dieses große Übel unsere Schaubühnen endlich ganz verderben? Wehe uns, wenn wir den Melodramen-Geist einreißen lassen! Wem es an dem Mut fehlt, sich ans erhabene Trauerspiel zu wagen, der liefert jetzt Melodramen. Denn was ist leichter, als eine oder zwo Personen eine Stunde lang schreien, weinen, jammern, zürnen, beten, fluchen, verzweifeln und am Ende sich umbringen zu lassen? Was kann man von solch einer Eintönigkeit erwarten? Und sind die Texte schon schlecht, so ist die Musik gemeiniglich noch schlechter. Diese Melodramen sind allesamt kunstleere Gebilde, und allenfalls die "Ariadne" des Herrn Benda wünschte ich alle Jahre einmal zu sehen.
Musik-Nr.: 01
Komponist: Georg Benda
Werk-Titel: Ariadne auf Naxos
Interpreten: Andrea Witt (Ariadne)
Michael Thomas (Theseus)
Elfie von Kalckreuth (Nymphe)
Mainzer Kammerorchester
Ltg.: Günther Kehr
Regie: Rudolf Jürgen Bartsch.
Label: Name (LC ____)
Nummer
<Track xx.> Gesamt-Zeit: __:__
Archiv-Nummer: DLF EP 1438/7