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... bey vielen Höfen wohlbekannt –
Heinrich Ignaz Franz Biber (1644-1704)

Dieser Beitrag ist entstanden als Sendemanuskript
für den Süddeutschen Rundfunk, Stuttgart
(Alte Musik kommentiert, 30.8.1994)

DG (0113) <Tr. 14-15> 1:30 [5k-B029]
Musik-Nr.: 01
Komponist: Heinrich Ignaz Franz Biber
Werk-Titel: Battalia a 10 D-dur
Auswahl: Die liederliche Gesellschaft & Presto <Track 14.15.> 1:30
Interpreten: Musica antiqua Köln
Ltg.: Reinhard Goebel
Label: DGG Archiv (LC 0113)
429 230-2
<Track 14.15.> Gesamt-Zeit: 1:30

Über seine Kindheit und die ersten Jahre seiner beruflichen Tätigkeit ist nicht allzuviel bekannt, und bei dem, was man weiß, mag man sich fragen, wie eine solche musikalische Begabung auf der Geige sich hat entfalten können. Denn selbst für geigende Wunderkinder gilt, daß sie einer intensiven und umsichtigen Förderung bedürfen.

Geboren wurde Heinrich Ignaz Franz Biber am 12. August 1644 im böhmischen Wartenberg. Der Vater war Forst-Bediensteter und Flurschütze in Diensten der Gräflich Lichtensteinschen Herrschaft, in einer subalternen Stellung also, bei der es nichts zu erwarten gab – weder gesellschaftliche Reputation noch materielle Güter. Daß der junge Heinrich Biber eine (wenn auch nur rudimentäre) Schulbildung erhielten, war in der in der Kaiserlich-königlichen Donau-Monarchie zwar durchaus selbstverständlich, aber das Niveau des Unterrichts (wie auch der musikalischen Unterweisung) sollte man nicht überbewerten. In Wartenberg jedenfalls wurde der Schul- und Musikunterricht von einem Organisten namens Knöffel versehen, der sich mehr durch exzessiven Alkohol-Konsum als durch Gelehrsamkeit und Musikalität einen Namen machte.

Die Voraussetzungen, die Heinrich Ignaz Franz Biber in seiner Jugend antraf, waren also nicht die besten. Was ihn allerdings nicht hinderte, dennoch seinen Weg zu machen. Von 1666 an finden wir seinen Namen als Violinisten in den Musiker-Besoldungslisten des Fürsten von Eggenberg, bis zwei Jahre später der Geigenvirtuose Johann Schmelzer ihn an den Hof des Fürstbischofs Karl Lichtenstein Kastelkorn im benachbarten Olmütz vermittelte – mit der Bemerkung, daß "des Bibers Qualitäten ihm sehr wohl bekannt sein täten." Der Fürstbischof war ein kunstsinniger Mann, der in seiner Residenz bei Kremsier über eine vorzüglich ausgestattete Hofkapelle und Musikalien-Bibliothek verfügte. Biber erhielt den Rang eines fürstbischöflichen Kammerdieners mit der Aufgabe, "den Violin Baß und die Viol da gamba zu streichen und in ziemlicher Gestalt auch zu komponieren".

Aus jener Zeit in Kremsier stammt wohl auch die "Sonata violino solo representativa", deren tierische Lautmalereien wohl zu den unterhaltsamsten Kuriositäten der barocken Programmusik zählen: Nach einer eröffnenden zweiteiligen Sonate kommen Nachtigall, Kuckuck, Henne und Hahn zu Wort. Frösche und Unken steuern das ihre – also erhebliche Mißklänge – bei. Die Katze verjagt mit ihrem Miauen das tönende Bestiarium, nimmt aber auch Reißaus vor dem heranpolternden dem mit Armbrust bewaffneten Muketier, der seinerseits wiederum dem Höfling weichen muß, der durch die abschließende Allemande versinnbildlicht wird.

Musik-Nr.: 02
Komponist: Heinrich Ignaz Franz Biber
Werk-Titel: Sonata representativa A-dur
Auswahl: "Cucu" bis "Musketier-Marsch" <Track 20.-25.> 6:45
Interpreten: Musica antiqua Köln
Ltg.: Reinhard Goebel
Label: DGG Archiv (LC 0113)
423 701-2
<Track 20.-25.> Gesamt-Zeit: 6:45

Sonderlich hervorgetan hat Heinrich Ignaz Franz Biber sich als Komponist in Olmütz und Kremsier nicht. Eine Handvoll Sonaten für Violine oder Kammerbesetzung (wie im soeben gehörten Ausschnitt aus der "Sonata representativa"), und etliche Tanzsuiten – mehr ist aus jenen Jahren nicht von ihm überliefert.

Von sich reden machte er erst im Sommer 1670, als er – wie sein Kollege Schmelzer empört schrieb – "die empfangenen hochfürstlichen Gnaden in so schändlichen Mißbrauch genommen" hatte: Bei dem Geigenbauer Jacobus Stainer in Tirol sollte Biber einige Instrumente begutachten und abholen. Aber Biber nutzte die Dienstreise dazu, sich aus dem Staub zu machen; wie der Kämmerer in Kremsier notiert "insalutato hospite" - "ohne formellen Abschied", geschweige denn mit fürstbischöflicher Erlaubnis.

Über die Gründe, warum Biber auf solche Weise seinen Dienst quittierte und für mehrere Monate von der Bildfläche verschwand, wissen wir nichts. Es mögen private Schwierigkeiten gewesen sein oder finanzielle Probleme, vielleicht aber auch schiere Unzufriedenheit mit den Arbeitsbedingungen: Die Hofkapelle in Kremsier war zwar gut ausgestattet, aber Biber war hier nur einer unter vielen Musikern, und das künstlerische Sagen hatte der übermächtige und ehrgeizige Johann Heinrich Schmelzer, der niemanden neben sich gelten lassen wollte.

Ein knappes Jahr später jedenfalls taucht der Name Biber dann wieder auf: diesmal in den Soldbüchern des Erzbischofs von Salzburg, wo er (wie schon in Kremsier) sich zunächst mit der subalternen Stellung eines Kammerdieners und Musicus zufrieden geben muß. Aber hier in Salzburg begann nun eine Phase angeregter Produktivität. Biber komponierte umfangreiche Zyklen von Orchester- und Kammersonaten und schrieb Festmusiken für kirchliche und weltliche Anlässe. So gab er 1676 zwölf Sonaten in Druck, die er mit dem Untertitel versah: "tam aris quam aulis servientes" – "sowohl vor dem Altar als auch bei Hofe zu spielen". Es sind teils klangprächtige, teils kunstvoll-virtuose Kompositionen, die sich nicht sosehr zur kontemplativen Versenkung oder als kulinarische Hintergrundmusik eignen, sondern die ihren Platz eher bei repräsentativen Anlässen haben.

Musik-Nr.: 03
Komponist: Heinrich Ignaz Franz Biber
Werk-Titel: Sonatae tam aris, quam aulis servientes
Auswahl: Sonata Nr. 4 in C <Track 4.> 4:20
Interpreten: Parley of Instruments
Ltg.: Roy Goodman
Label: Hyperion (LC ____)
CDA 66145
<Track xx.> Gesamt-Zeit: 4:20

Bibers Ruf als Komponist und Violinvirtuose verbreitete sich rasch, nachdem er in Salzburg Fuß gefaßt hatte. In Johann Matthesons "Grundlage einer musikalischen Ehrenpforte", dem ersten musik-biographischen Lexikon, heißt es über Heinrich Ignaz Franz Biber:

In den Kaiserlichen Erblanden (d.h. in Österreich) wie auch in Frankreich und Italien ist er wegen seiner Komposition, wo dieselben hingekommen, nach Verdienst hochgeachtet worden.

1673 wurde er eingeladen, vor Kaiser Leopold I. zu spielen, was dem Kaiser nach zeitgenössischen Berichten

allergnädigst beliebt hatte und was umso ehrenvoller war, da der Kaiser die Musikkunst aus selbst beiwohnender rühmlichster Erkenntnis und Neigung in höchster Blüte zu konservieren pflegte. Dafür ist der Bibern erstlich mit dem Reichsadel unter großem Insiegel, hernach mit einem Gnadenpfennige samt schwerer güldener Kette beschenket worden. Ferner stund er am Bayrischen Hofe wohangeschrieben, da ihn nicht nur der alte Kurfürst wegen seiner musikalischen Wissenschaft ebenfalls mit einer güldenen Ketten und dem daranhängenden Gnaden-Pfennig belegt hat, sondern so auch sein Nachfolger in der Kurwürde, sodaß dergleichen füstlicher Schmuck und Gnadenbeweis bei Bibern im Laufe weniger Jahre dreifach geworden.

Der Komponist als Edelmann: Aus dem subalternen Musiker, der sich 1670 noch bei Nacht und Nebel aus dem fürstbischöflichen Dienst gestohlen hatte, war zwanzig Jahre später der Adlige Heinrich Ignaz Franz Biber von Bibern geworden mit eigenem Wappen und Siegel – und das aufgrund von ...

Ehrbarkeit, Redlichkeit, guten Sitten, Tugend und Vernunft und weil er durch seine Application in der Musik zu höchster Perfektion gekommen und durch seine verschiedentlich getanen künstlichen Kompositionen seinen Namen bei vielen höchstbekannt gemacht hat.

Musik-Nr.: 04
Komponist: Heinrich Ignaz Franz Biber
Werk-Titel: Serenada a 5
Auswahl: Ciacona "Lost Ihr Herrn ..."
Gavotte
<Track 24.25.> 4:05
Interpreten: Musica antiqua Köln
Ltg.: Reinhard Goebel
Label: DGG Archiv (LC 0113)
429 230-2
<Track xx.> Gesamt-Zeit: 4:05

Die "verschiedentlich getanen künstlichen Kompositionen", derentwegen Heinrich Ignaz Franz Biber in den Adelsstand erhoben wurde – damit waren sicherlich auch Bibers 16-teiliger Sonaten-Zyklus gemeint, der unter dem Titel "Mysterien-" oder "Rosenkranz-Sonaten" berühmt geworden ist.

Allein schon unter dem Gesichtspunkt der barocken Kompositions- und Geigentechnik verdienen diese Sonaten Aufmerksamkeit: Nicht nur, daß Biber an die Grenzen des technisch Machbaren geht, wenn er (ähnlich wie später Johann Sebastian Bach) für die Solo-Violine veritable Fugen schreibt und den Geigern aberwitzige Läufe und Doppelgriffe abverlangt. Die Sonaten-Zyklus ist darüber hinaus ein Kompendium für die sogenannte "Skordatur", für das Prinzip der verstimmten Saiten. Zu Beginn einer jeden Sonate schreibt Biber eine andere Stimmung vor, was mitunter zu haarstäubend unpraktischen Kombinationen führt, aber wegen der neuen Resonanzverhältnisse dem Geigenton einen ungeahnten Klangreichtum verleiht.

Die "Rosenkranz-Sonaten" sind keine Unterhaltungsmusik für die große Öffentlichkeit, sondern sie wenden sich eher an den einzelnen Kenner. Und dies war wohl auch der Grund, warum Biber den Zyklus nie in Druck gegeben hat. In der Handschrift ist jeder Sonate ein Kupferstich beigefügt, der auf die Mysterien des Rosenkranzes verweist, wie er in den Oktober-Andachten der katholischen Kirche gebetet wird. Welche Bewandtnis es mit diesen Kupferstichen hat – ob sie einen Hinweis auf den Aufführungs-Rahmen geben sollen oder ob es sich hier um ein verborgenes Programm handelt – hat die Musikforschung bislang nicht klären können. Zumal ein weiteres Moment irritierend wirkt: Zwar verweist der äußere Rahmen auf den kirchlichen Raum, aber die einzelnen Sonatensätze sind als Tanzsätze ausgelegt wie bei den weltlich-höfischen Suiten. In der Widmungsrede an den Salzburger Erzbischof schreibt Biber unter anderem:

Du wirst meine viersaitige, auf 15 Arten verstimmte Leier finden in verschiedenen Praeludien, Allemanden, Courenten, Sarabanden, Arien, Variationen etc. – mit großer Sorgfalt und nach meiner geringen Fähigkeit mit großer Kunstfertigkeit ausgearbeitet. Wenn Du den Grund für meine Arbeit wissen möchtest: Dies alles habe ich zur Ehre der 15 heiligen Mysterien geweiht, weil du diese glühend förderst. Dein untertänigster Diener – Heinrich Iganz Franz Biber ...
Musik-Nr.: 05
Komponist: Heinrich Ignaz Franz Biber
Werk-Titel: Rosenkranzsonaten
Auswahl: Sonate "Die Verkündigung" <Track 1.2.3.4.> 6:30
Interpreten: John Holloway (Violine)
Tragicomedia
Label: Virgin (LC 7873)
7 59551 2
<Track 1.2.3.4.> Gesamt-Zeit: 6:30