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Inhaltsverzeichnis Manuskriptsammlung

Ein Italiener in Madrid –
Luigi Boccherini (19.2.1743 - 28.5.1805)

Dieser Beitrag ist entstanden als Sendemanuskript
für den Westdeutschen Rundfunk, Köln
(Sendung: 19.2.1993)

Exposé:

"Wenn Gott mit den Menschen durch Musik sprechen wollte, so würde Er dies mit den Werken Haydns tun; wenn Er jedoch selbst Musik hören wollte, würde Er zweifellos die Werke Boccherinis wählen."

Der Ausspruch des Geigers Jean-Baptiste Cartier gegen Ende des 18. Jahrhunderts belegt, welche Wertschätzung Boccherinis Musik zu seinen Lebzeiten genoß. Aber Madrid, wo Boccherini von 1770 bis zu seinem Tod im Jahre 1805 wirkte, war zu weit von den übrigen europäischen Musikzentren, von Paris, Wien und Leipzig entfernt, als daß seine Musik auch auf die nachfolgende Generation hätte stilprägend wirken können. Als dann im Laufe des 19. Jahrhunderts der Geniekult einsetzte – als Pathos, tragische Gesten und Virtuosität angesagt waren – wurde Boccherini zum Kleinmeister abgestempelt und seine Kompositionen gerieten in Vergessenheit. Auch heutzutage kennt man ihn allenfalls aus dem Kino, als Urheber jenes Streichquintetts, das zum Übepensum der "Ladykiller" gehört. Anläßlich seines 250. Geburtstags soll der Frage nachgegangen werden, welcher Stellenwert Boccherinis Musik tatsächlich zukommt.

Sendemanuskript:
Musik-Nr.: 01
Komponist: Comedian Harmonists /Boccherini
Werk-Titel: Menuett
(Aufnahme: 12. Sept. 1933)
Interpreten: Comedian Harmonists
Label: EMI (LC 0287)
1C 148-46 078/79
<LP 1A, Tr. 5> Gesamt-Zeit: 3:15
Technik: - ZITAT überblenden ab MUSIK __:__
- MUSIK ausblenden bei ZITAT-Ende

"Wenn Gott mit den Menschen durch Musik sprechen wollte, so würde er dies mit den Werken Haydns tun; wenn er jedoch selbst Musik hören wollte, würde er zweifellos die Werke Boccherinis wählen."

Äußerungen wie diese, die der französische Geiger Jean-Baptiste Cartier im Jahre 1798 von sich gab, mögen ein Beleg dafür sein, welche Hochschätzung Luigi Boccherini zu seinen Lebzeiten genoß. Allerdings: diese Hochschätzung bezieht sich mit ziemlicher Sicherheit nicht auf jenes ominöse Menuett, das spätestens seit den Comedian Harmonists oder seit der Kriminal-Parodie "Die Ladykiller" in aller Ohren ist.

Boccherinis Zeitgenossen war dieses Stück ein Tanzsatz im Rahmen eines Streichquintetts, ein netter Einfall wie Dutzend andere auch, nichts Besonderes. Zu seiner fragwürdigen Popularität gekommen ist das Stück erst siebzig Jahre nach Boccherinis Tod. 1874 tauchte es mit einem Mal in den Salon-Alben auf – in allen möglichen und unmöglichen Besetzungen: für Violine und Fagott, für Klavier zu vier und sechs Händen, für Saxophon, Mandoline, Akkordeon und für Chor a capella mit lateinischem Text.

Auch heute noch prägt dieses Menuett das Bild des Komponisten Boccherini: als Vertreter einer Epoche von altmodischer Eleganz, von Puder und Allonge-Perücken – eben so, wie man sich das angestaubte "Plüsch-Rokoko" vorstellt. Boccherini, der etwa zeitgleich mit Joseph Haydn gelebt hat, gilt als Kleinmeister des ausgehenden 18. Jahrhunderts, als Komponist hübscher Gefälligkeiten, die niemandes Ohr beleidigen. Und in den Konzertführern fin-det sich immer noch die Einschätzung, daß er den Wiener Klassikern Haydn und Mozart nicht habe das Wasser reichen können. Ein Urteil, das dringend der Revision bedarf. Zumindest müßte es stutzig machen, daß Boccherinis Zeitgenossen seine Musik zwar schätzten, aber sie nicht unbedingt als jene leicht verdauliche Kost ansahen, als die sie heute gilt. Der Musikgelehrte Carl Ludwig Junker etwa schrieb 1776:

"Bei allen Vorrechten, die dieser Italiäner überhaupt haben kann, ist Boccherini doch wohl wahrhaftig nicht mein Mann, weil er mir zu schatticht, zu finster und zu mürrisch ist. Boccherini scheint mir abgebrochen, nach seiner jedesmaligen besonderen Empfindung zu arbeiten; er scheint dem Zufall, der augenblicklichen Idee und der Empfindung des Busens, zu viel Bestimmung zu überlassen; nothwendig also, daß in der Zusammenkettung der Theile hie und da ein Glied fehlt, hie und da ein Theil zu wenig oder zu viel hervorsticht. Die dem Boccherinischen Gepräge entsprechendste Empfindung ist im Ganzen – Schauer."

Und in der Tat: Boccherinis Kammermusik, wie zum Beispiel seine Klavierquintette op. 57, vermag selbst heutzutage noch manchen Schauer zu erzeugen. So bedrohlich und subversiv brodelt es selbst bei Haydn und Mozart nur selten.

Musik-Nr.: 02
Komponist: Luigi Boccherini
Werk-Titel: Klavierquintett e-moll op. 57,3 (GV 415)
Auswahl: 1. Satz (Andante lento assai) <Track 1.> 4:20
Interpreten: xx
Label: hmd (LC 0761)
GD 77 053
<Track 1.> Gesamt-Zeit: 4:20

Revolutionär müssen die Klavierquintette op. 57 schon 1799 geklungen haben, und dies lag wohl auch in Boccherinis Absicht: "A la grande nation française", der großen französischen Nation hatte er sie gewidmet. Als die Noten dann 1820, 15 Jahre nach Boccherinis Tod, erstmals im Druck erschienen, stand die "Nation" mit ihrem revolutionären Volkswillen allerdings nicht mehr hoch im Kurs. Die Restauration hatte über die Revolution triumphiert, und die Bourbonen waren wieder an die Macht gekommen. Eine Widmung an das französische Volk, das 1793 seinen Monarchen Ludwig XVI. unter das Fallbeil geschickt hatte, war unter solchen politischen Umständen nicht gerade opportun, so daß der Verleger auf dem Titelblatt die "grande nation française" kurzerhand durch den Namen der Duchesse Marie-Caroline de Berry ersetzte.

Wie Boccherini reagiert hätte, hätte er diesen eigenmächtigen Eingriff seines Verlegers noch miterlebt? Schwer zu sagen, denn geistiges Eigentum galt damals nicht viel. Hatte ein Komponist sein Werk einem Verleger überlassen, so konnte dieser damit tun, was er wollte; und Boccherini mußte oft genug miterleben, wie seine Kompositionen unter falschen Namen und Opus-Zahlen, in fragwürdigen Bearbeitungen oder wegen ihrer "schwierigen Ausführung" auch gar nicht auf den Markt kamen.

Aber auch Jahrzehnte später noch ging man nicht respektvoller mit Boccherini um. 1895 bekam der Cellist Friedrich Grützmacher eine alte Notenkopie aus dem 18. Jahrhundert in die Hände, in der sich unter anderem ein Cellokonzert in B-Dur von Boccherini befand. Grützmacher bearbeitete das Werk so, wie er sich vorstellte, daß es eigentlich klingen müsse. Allerdings hat Grützmachers Version mit der vermutlichen Originalgestalt (Boccherinis eigene Handschrift ist leider verschollen) nicht viel gemein. Grützmacher glaubte, den Cellopart virtuoser gestalten zu müssen; in den Orchesterstimmen wurde gestrichen und hinzugefügt, die Ritornelle gekürzt, und zu guter Letzt ersetzte er den langsamen Satz durch den zweiten Satz des G-Dur-Konzerts. In dieser Gestalt ist es in das Standard-Repertoire aller Cellisten eingegangen und gilt als das Cellokonzert von Boccherini schlechthin (obwohl er noch elf andere geschrieben hat). – Hier nun der dritte Satz in der Fassung, wie sie uns aus dem 18. Jahrhundert überliefert ist.

Musik-Nr.: 03
Komponist: Luigi Boccherini
Werk-Titel: Cellokonzert Nr. 9 B-Dur (GV 482)
Auswahl: 3. Satz (Rondo. Allegro) <Track 6.> 5:45
Interpreten: xx
Label: EMI (LC 0542)
CDC 7 49083 2
<Track 6.> Gesamt-Zeit: 5:45

Sieht man einmal von Bachs Cello-Suiten ab, so beginnt die virtuose Cello-Literatur erst mit Boccherini. Zum einen war das Violoncello Boccherinis ureigenstes Instrument – es war das Instrument, an dem er von seinem Vater, einem Kontrabaßspieler, ausgebildet worden war; zum anderen aber setzte um die Mitte des 18. Jahrhunderts auch eine neue musikalische Entwicklung ein: Das barocke Prinzip der Generalbaß-Begleitung verlor zunehmend an Bedeutung, und die einstigen Continuo-Instrumente wurden in den musikalisch-melodischen Prozeß immer stärker integriert.

Das B-Dur-Konzert ist aber auch ein Indiz dafür, wie rasch sich die Technik des Cello-Spiels entwickelt hatte: Was Boccherini der linken Hand an Beweglichkeit abverlangt, die Doppel- und sonstigen Mehrfachgriffe, die Bervorzugung der hohen Lagen und nicht zuletzt der Reichtum an Stricharten mit seinen irrisierenden Klangeffekten – all dies wäre wenige Jahrzehnte zuvor noch undenkbar gewesen.

Über Boccherinis frühen Werdegang gibt es wenig Spektakuläres zu berichten. Geboren in Lucca am 19. Februar 1743 als drittes von sieben Kindern wuchs er in eher ärmlichen Verhältnissen auf. Sein Vater war zwar angesehener Musiker, aber Lucca war eine Kleinstadt, und außer bei den sonntäglichen Gottesdiensten gab es für einen Kontrabaßisten wenig zu tun. Immerhin: Der Knabe Luigi fiel bald schon durch sein Cello-Spiel auf; er wurde auf Kosten der Kirche zur weiteren Ausbildung nach Rom geschickt, und wenige Jahre später erhielt er durch die Vermittlung des Lucchesinischen Gesandten in Wien eine Einladung an den Habsburger Hof.

Als er 1758 nach Lucca zurückkehrte, gründete er zusammen mit den beiden Geigern Filippo Manfredi und Pietro Nardini sowie dem Bratscher Giovanni Cambini ein Streichquartett-Ensemble. Bis dahin hatte Boccherini sich ausschließlich als Cellist einen Namen gemacht; daß er bis dahin irgendetwas komponiert hätte, davon ist nichts bekannt. Es scheint vielmehr, daß erst das gemeinsame Musizieren, der Wunsch nach einem entsprechenden kammermusikalischen Repertoire der Auslöser für sein kompositorisches Schaffen war. Sein Opus Eins sind sechs Trios für Streicher, und als Opus Zwei schrieb er 1761 in Wien ebenfalls sechs Streichquartette.

Es sind die ersten Streichquartette, die diesen Namen auch verdienen. Zwar hatte Haydn schon seit 1755 Kompositionen für diese Besetzung geschrieben, aber seine Quartette sind noch bis hin zu den sogenannten "Sonnen-Quartetten" von 1772 stark der barocken "Sinfonia a quattro" verpflichtet: Cello, Bratsche und zweite Violine haben bei Haydn kaum Anteil am melodischen Geschehen, und auch die motivische Arbeit der ersten Violine ist eher bescheiden. Wie anders wirken im Vergleich dazu Boccherinis Quartette op. 2! Der vierstimmige Satz ist ausgewogen und alle Instrumente sind gleichermaßen an der Themen-Ausgestaltung und Verarbeitung beteiligt.

Musik-Nr.: 04
Komponist: Luigi Boccherini
Werk-Titel: Streichquartett op. 2, Nr. __. (GV __)
Auswahl: __. Satz <Track __.> __:__
Interpreten: xx
Label: CPO (LC ____)
999 123-2
<Track __.> Gesamt-Zeit: __:__

Die Forschung ist sich nicht einig darüber, ob Boccherini seine Streichquartette op. 2 erst 1761 bei seinem zweiten Wien-Aufenthalt komponiert hat oder ob er sie hier nur zum Druck beförderte. In jedem Fall erstaunt es, wie "modern" seine Musik für damalige Verhältnisse war, wie weit er seiner Zeit kompositorisch voraus war. Zu einer Zeit, als Mozart gerade vier Jahre alt war und Haydn die ersten beiden seiner 104 Sinfonien komponiert hatte, finden sich bei Boccherini schon die ersten Ansätze der "klassischen" Sonatenhauptsatzform, experimentiert er mit der Gegensätzlichkeit von Themen und der Unterteilung in Exposition, Durchführung und Reprise.

Nichts deutet darauf hin, woraus sich Boccherinis Genialität speiste – er, der keinen bedeutenden Lehrer, keine ausgeprägte Tradition und kein besonderes Umfeld vorzuweisen hatte. Aber vielleicht war es gerade die Abgeschiedenheit – zuerst in der Kleinstadt Lucca und in späteren Jahren dann im (musikalisch gesehen) abseits gelegenen Spanien – was seine Originalität erst wachrief. Schon der französische Musikgelehrte François-Joseph Fétis vermutete 1851:

"Nie hat es einen Komponisten gegeben, der einfallsreicher war als Boccherini. Bisweilen mögen seine Harmonien unkorrekt sein, aber sie sind dabei doch immer reich an reizvollen und überraschenden Momenten, wie auch seine Kompositionen im Ganzen geprägt sind von einem einem leidenschaftlichen Charakter. Die Eigenständigkeit seiner Ideen ist einzigartig, und die kompositorische Arbeit so bemerkenswert, daß man glauben könnte, er habe keine andere Musik gekannt als seine eigene."

Sicherlich hat Boccerhini auch andere Musik gekannt; und wenn man unbedingt Einflüsse von außen festmachen will, so lassen sie sich allenfalls bei Christoph Willibald Gluck finden. Gluck war von dem jungen Cellisten aus Lucca sehr angetan und förderte ihn, wo immer es ging. Er vermittelte Boccherini sogar eine feste Anstellung in der Hofkapelle Maria Theresias, die dieser allerdings dankend ablehnte: Boccherini sehnte sich zurück in seine Heimatstadt und empfahl sich dem Rat der Stadt Lucca unterwürfigst in einem Bittschreiben:

"Da in Lucca niemand das besagte Instrument spielt, und da es sein Wunsch ist, sich in seiner Vaterstadt niederzulassen und sein bescheidenes Können in den Dienst des Durchlauchtigsten Fürsten zu stellen, drängt es den Unterzeichnenden zu der Bitte, ihm ein ehrsames Dasein zu ermöglichen und ihn unter die Musiker der fürstlichen Kapelle aufnehmen zu wollen. In demutsvoller Ehrerbietung - Luigi Boccherini"

Es dauerte vier Jahre, bis der Rat der Stadt Lucca sich zu einer positiven Antwort herabließ. Eine Zeitspanne, die Boccherini immerhin dazu nutzte, das Musikleben Wiens weiterhin in sich aufzunehmen und wirken zu lassen. 1761 lernte er Glucks "Don Juan"-Ballett kennen – eine Musik, die offensichtlich einen tiefen Eindruck bei Boccherini hinterlassen hat, denn zehn Jahre später in Spanien greift er die Ballettmusik als ausführliches Zitat auf – in der Sinfonie d-moll mit dem Beinamen "La casa del diavolo" (Das Haus des Teufels). Über dem letzten Satz notiert Boccherini:

"Chaconne, welche die Hölle darstellt und diejenige des Monsieur Gluck in seinem 'Steinernen Gast' imitieren soll."

Musik-Nr.: 05
Komponist: Luigi Boccherini
Werk-Titel: Sinfonie d-moll, op. 12,4
"La casa del diavolo" (GV 506)
Auswahl: 3. Satz <Track 12.> 5:50
Interpreten: xx
Label: hmd (LC 0761)
RD 77867
<Track 12.> Gesamt-Zeit: 5:50

Die d-moll-Sinfonie von 1771 gehört zweifellos zu den großen kompositorischen Würfen Boccherinis, aber der Weg bis dahin ist noch lang. 1761 in Wien fühlte Boccherini sich in erster Linie als konzertierender Cellist. Das Komponieren betrieb er nur deswegen, um genügend Repertoire für seine Auftritte zu haben. Und es ist bezeichnend, daß er seine Cellokompositionen, die Konzerte und Sonaten aus jenen Jahren später nicht in sein Werkverzeichnis aufnimmt: Es sind Stücke, für den eigenen augenblicklichen Gebrauch geschrieben, – Stücke, die in seinen Augen jedoch keinen Wert hatten, aufbewahrt zu werden.

Von Wien führte Boccherinis Lebensweg 1764 zunächst zurück in seine Heimatstadt Lucca. Vier Jahre war es her, daß er sich dem Rat der Stadt als Cellist empfohlen hatte; nun war sein Anstellungsgesuch angenommen worden. Die Arbeitsbedingungen in der fürstlichen Kapelle gestalteten sich für Boccherini ideal: Von Lucca aus unternahm er zusammen mit dem Geiger Filippo Manfredi ausgedehnte Konzertreisen nach Mailand, durch die Lombardei und durch den Süden Frankreichs. Der Erfolg dieser Konzerte war so überwältigend, daß er sich 1767 entschloß, seinen Dienst zu quittieren und in Paris sein Glück als Cello-Virtuose zu versuchen. Wenige Tage nach seinem ersten öffentlichen Auftritt berichtete das Gesellschafts-Journal "Mercure de France" am 20. März 1768:

"Herr Boccherini, der uns schon bekannt ist durch seine Trios und Quartette, die von einer großen Wirkung sind, hat auf dem Violoncello meisterhaft eine selbst komponierte Sonate aufgeführt."

Musik-Nr.: 06
Komponist: Luigi Boccherini
Werk-Titel: Sonate für Cello und Continuo G-Dur (GV 5)
Auswahl: 1. Satz
2. Satz
<Track 14.>
<Track 14.>
__:__
__:__
Interpreten: xx
Label: Vir (LC 7873)
0777 7590152 8
<Track 13.14.> Gesamt-Zeit: 5:30

Schon in diesen cellistischen Miniaturen zeigen sich Boccherinis instrumental-spezifische Eigenarten: die Bevorzugung der klanglich recht diffizilen hohen Lagen, Doppelgriffe und der klangmalerischer Gebrauch der Stricharten, wenn er etwa den scharfen Klang der Blechbläser nachzuahmen versucht. Und nicht minder charakteristisch ist der fließende Übergang von lyrischem Cantabile und brillanten Passagen.

Boccherini blühte auf in Paris. In Italien war die Instrumentalmusik im 18. Jahrhundert vornehmlich in der Kirche beheimatet; Sonaten und Konzerte wurden zum Ohr-Ergötzen während der Messe gespielt, aber ein eigenständiges Konzertleben gab es nicht. Wie anders war das, was er nun in Paris vorfand: Veranstaltungen im privaten und öffentlichen Rahmen, wo er, ohne auf die Zwänge der Liturgie Rücksicht zu nehmen, seiner Virtuosität freien Lauf lassen konnte.

Aber auch eine Stadt wie Paris konnte Boccherini nicht auf Dauer fesseln. Der spanische Botschafter am französischen Hof hatte Boccherini wiederholt zugesichert, ein Künstler wie er werde in Madrid mit offenen Armen empfangen. Als Boccherini dann 1768 in Spanien eintraf, zeigte sich, daß dem nicht so war. Die italienischen und französischen Exporte standen damals nicht hoch im Kurs bei den Spaniern, und ein Musiker aus einer Stadt namens Lucca, der in Paris rüssiert hatte – was konnte an dem schon dran sein? Der einzige, der Interesse an Boccherini zeigte, war Don Luis, der Bruder des spanischen Kaisers. Ihm widmete Boccherini auch die meisten seiner Kompositionen, die in den folgenden beiden Jahrzehnten entstanden.

Aber auch im Gefolge von Don Luis konnte Boccherini gesellschaftlich nicht reüssieren. Denn wie es das Unglück wollte, hatte der bruder des Königs selber einen schweren Stand bei Hofe. Als Don Luis dann 1776 noch den Faux pas begann, seine Geliebte, eine Bürgerliche, zu heiraten, mußte er den Hof verlassen und auf das 160 km von Madrid entfernte Schloß Las Arenas ziehen. Und Boccherini folgte seinem Brotherrn in diese künstlerische Einöde, wo er von allen Zeitströmungen und Anregungen abgeschnitten war.

Seiner künstlerischen Inspiration tat dies keinen Abbruch – eher im Gegenteil: In den neun Jahren, wo er auf Las Arenas weilte, komponierte er ohne Unterlaß und versorgte seine Pariser Verleger mit Kammermusik aller Art, vornehmlich mit Streichquintetten. Eines der ungewöhnlichsten, aber wohl auch das populärste ist die "Musica notturna delle strade di Madrid" (Die nächtliche Musik auf den Straßen von Madrid) von 1780. Im Manuskript dieses "Quintettinos", wie er es bescheiden nennt, erläutert Boccherini das musikalische Programm:

"Das Quintett beschreibt die Klänge, die man nachts auf den Straßen von Madrid hört, vom Glockenschlag des Ave Maria bis hin zum Aufziehen der Nachtwache. All das ist nicht nach den Regeln des Kontrapunkts komponiert, sondern als Versuch, möglichst naturgetreu das Gehörte wiederzugeben. Nach dem Ave Maria erklingt das Menuett der blinden Bettler. Die Cellisten müssen dazu ihr Instrument quer über die Knie legen und mit ihren Fingernägeln den Klang der Gitarre nachahmen. Nach einer kurzen Pause wird das Menuett wiederholt und leitet über zum "Rosario", das in freiem Metrum gespielt werden muß. Es folgt ein Lied der Straßensänger in Form einer Passacaglia und schließlich "La Ritirata" – das Aufziehen der Nachtwache von Madrid. Die Spieler müssen sich vorstellen, daß man die Wache zuerst aus einiger Entfernung hört, so daß die Musik zunächst so zart erklingt, daß sie kaum hörbar ist."

Musik-Nr.: 07
Komponist: Luigi Boccherini
Werk-Titel: Streichquintett C-Dur op. 30,6
"Musica notturna delle strade di Madrid" (GV 324)
Auswahl: 5. Satz (Ritirata) <Track 18.> 6:35
Interpreten: xx
Label: FSM (LC ____)
New 60 076
<Track 18.> Gesamt-Zeit: 6:35

Was Boccherini vom musikalischen Geschehen in Europa mitbekommen hat, läßt sich schwer abschätzen. Er hielt große Stücke auf Haydn, und seine Verleger in Paris versorgten ihn sicherlich mit den neuesten Musikalien. Aber was er an Kompositionen tatsächlich kannte, bleibt im Ungewissen. Umgekehrt jedoch nahm die musikalische Welt in Europa sehr wohl regen Anteil an dem, was Boccherini komponierte. In England war es der Musikgelehrte Charles Burney, der in seiner "History of Music" 1789 schrieb:

"Boccherini hat die Streichinstrumentenspieler und Musikliebhaber mit mehr ausgezeichneten Kompositionen versorgt, als irgendein Meister unserer Zeit – mit Ausnahme vielleicht von Haydn. Sein Stil ist kühn, meisterhaft und elegant zugleich. In seinen Werken gibt es Sätze in jedem Stil und genau in der Eigenart der Instrumente, für die er schreibt; damit nimmt er einen hohen Rang unter den größten Meistern ein, die jemals für Violine oder das Violoncello geschrieben haben."

Und in Deutschland lobt ihn zu gleicher Zeit der Musik-Lexikograph Ernst Ludwig Gerber:

"Kein Italiener weiß die Schätze der Harmonie so zu benutzen, keiner durchwandelt das Feld der Modulation mit so vieler Freyheit und Ungebundenheit, als wie er. Und dabey wie schmelzend, wie herzinnig ist oft sein Gesang? und ohnerachtet der großen Menge seiner Kompositionen, immer neu und fast unerschöpflich!"

Ausführlicher, aber auch ein wenig kritischer setzte sich 1799 das damals meinungsbildende musikalische Intelligenzblatt, die Leipziger "Allgemeine musikalische Zeitung" mit Boccherinis Streichquintetten auseinander:

"Wenn der Musik auch im Ganzen das Große in der Anlage und das Frappante der liberalen Durchführung eines kühnen Genies abgeht, so kann man ihr doch gute, oft sehr eigenthümliche und durchweg wohlausgeführte Gedanken, mitunter Feuer, in der Regel aber eine gewisse gefällige Methode nicht absprechen. Es verdient wirklich Bewunderung, daß dieser verdiente Komponist, der schon ziemlich hoch in den Jahren seyn muß, doch immer noch so viel Jugend und Frischheit in seine Werke zu legen weiß. Seine oft sehr launigen Menuetts, die er überhaupt etwas zu sehr zu lieben scheint, und die er manchmal gar etwas barock macht oder auch in das Geschmeidige der Polonaise fallen läßt, sind Zeuge davon.
Leider wird es freylich viel verwöhnte Ohren geben, die vieles davon zu flach, zu eintönig und wenig kräftig finden werden. Allein diese mögen bedenken, daß der Geschmack, wie das Bedürfnis, verschieden ist, und daß es viele Liebhaber giebt, denen mit ruhiger Unterhaltung mehr als mit enormen Schwierigkeiten gedient ist."

Boccherini war also im europäischen Musikleben des ausgehenden 18. Jahrhunderts eine feste Größe, und damals hatte er eine große Zahl von vermögenden Gönnern. Einer von ihnen war der preußische Kronprinz und spätere König Friedrich Wilhelm II., ähnlich wie sein Onkel Friedrich der Große ein großer Musikliebhaber und Musikkenner, der auch selbst das Cello spielte. Als Friedrich Wilhelm 1783 in Berlin einige von Boccherinis Streichquintette in die Hände bekam, war er von der Musik so angetan, daß er eigenhändig ein Dankesschreiben verfaßte:

"Nichts hätte mir eine größere Freude bereiten können, Signor Boccherini, als die Manuskripte Ihrer Werke erhalten zu haben und sie nun auf Ihrem Instrument, dem Violoncell, spielen zu dürfen. Die Kompositionen haben mich rundum begeistert, und ich wage zu hoffen, daß ich noch weitere von Ihrer Hand kennenlernen werde. Nehmen Sie derweil diese goldene Tabattiere an – als Erinnerung an mich und zum Zeichen meiner Hochachtung für Ihre Kunst."

Immerhin – auf die Tabattiere folgte drei Jahre später eine Pension von Tausend Talern jährlich. Boccherinis einzige Gegenleistung: Den König von Madrid aus regelmäßig mit Sinfonien und Kammermusik zu versorgen.

Musik-Nr.: 08
Komponist: Luigi Boccherini
Werk-Titel: Sinfonie Nr.__ in __-Dur, op. 35,__. (GV ___)
Auswahl: __. Satz <Track __.> __:__
Interpreten: xx
Label: HMF (LC 7045)
90 1291
<Track __.> Gesamt-Zeit: __:__

So geachtet Boccherini auch war – sein materieller Wohlstand hielt nicht lange an. 1783 starb in Las Arenas sein Brotherr Don Luis; am Hof von Madrid ignorierte man ihn weiterhin; und in Paris betrogen ihn die Musikalien-Verleger, wo immer es ging. Zu allem Unglück verließen seine vermögenden Gönner auch noch Madrid - oder sie starben hinweg, wie 1797 Friedrich Wilhelm II., worauf Boccherini von dem Thronfolger die lapidare Mitteilung erhielt:

"Der König läßt Herrn Boccherini wissen, daß er seiner Dienste nicht bedürfe, für die er von dem verstorbenen Vater seiner Majestät honoriert worden, und daß von künftigen Zah-lungen von nun an abgesehen werde."

Die einzige Einnahmequelle war eine Zeitlang ein gewisser Marchese Benavente-Ossuña, ein begeisterter Gitarrenspieler, der Boccherini hundert Francs versprach für jedes Quintett, das er für Gitarre bearbeitete. Für Boccherini selbst waren es Gelegenheitsarbeiten, denen er keinen besonderen Wert beimaß. Aber nichtsdestotrotz hat dadurch eines der Stücke die klangliche Gestalt erhalten, die dem musikalischen Charakter weitaus angemessener ist als das Original: der folkoristische Fandango aus dem Streichquintett op. 40, Nr. 2:

Musik-Nr.: 09
Komponist: Luigi Boccherini
Werk-Titel: Quintett für Gitarre und Streichquartett G-Dur (GV 448)
Auswahl: 3. Satz (Fandango) <Track 11-2.> 6:45
Interpreten: xx
Label: HMF (LC 7045)
90 7026
<Track 11-2.> Gesamt-Zeit: 6:45
Technik: MUSIK überblenden ab: "Aber nichtsdestotrotz hat ..."

Die letzten Lebensjahre verbrachte Boccherini in größter Armut. Er lebte mit seiner Frau und seinen fünf Kindern in einem einzigen Zimmer und hatte sich einen Bretterverschlag eingerichtet, in dem er sich zum Komponieren zurückzog. Seine kostbare Cello-Sammlung hatte er zu Geld machen müssen und besaß nurmehr eine Bratsche, bei der drei Saiten gerissen waren.

Die meisten seiner Gönner waren ihm weggestorben, und der Musikverleger Ignaz Pleyel in Paris verweigerte Boccherini die Honorare mit dem Argument, seine Musik sei zu schwer; niemand könne sie verstehen, geschweige denn spielen, und das meiste sei deshalb unverkäuflich. Worauf Boccherini antwortet:

"Ich schreibe nun seit nahezu vierzig Jahren meine Musik, und ich wäre nicht Boccherini, würde ich so schreiben, wie Sie es verlangen. Bedenken Sie, mein lieber Pleyel: Nichts ist schlimmer, als einem Komponisten die Hände zu binden, seiner Phantasie und Inspiration die Fesseln anzulegen und ihn dazu verurteilen, so zu komponieren, wie die Konventionen und Regeln es vorschreiben."

Aber auch das konnte Pleyel nicht dazu bewegen, die Honorare in der vereinbarten Höhe auszuzahlen. – So daß Boccherini sich notgedrungen nach einem neuen Verleger umsah. Dem neapolitanischen Verleger Giuseppe Amicone, der auf der Suche nach einem geistlichen Werk war, bot er schließlich sein "Stabat Mater" für Solo-Sopran und Orchester an – ein Werk, das er schon 1781 für seinen Brotherrn Don Luis komponierte hatte, aber das noch nicht im Druck erschienen war. Amicone bot lächerliche 280 Francs für die Komposition - allerdings unter der Bedingung, daß Boccherini es für eine größere Vokalbesetzung setze und prachtvoller ausarbeite, weil er sonst keinen Interessenten für das Werk habe. Boccherini blieb nichts anderes übrig als einzuwilligen. Dabei hatte er damals über die Partitur von 1781 ausdrücklich notiert:

"Dieses Stabat Mater ist leicht auszuführen und verlangt weder ein großes Orchester noch einen großen Saal. Der Autor wünscht reine Sachlichkeit und Genauigkeit."

Das heißt: Es gab eine Zeit, da ihm an dem kammermusikalisch intimen Charakter unbedingt gelegen war; wo er keine Verzierungen, Koloraturen oder sonstigen Zusätze wollte! Aber was zählte da schon, wenn man Geld brauchte. Und so stellte er dem "Stabat Mater" als Orchestereinleitung noch den Kopfsatz aus seiner Sinfonie op. 35, Nr. 4 voran.

Lassen wir Boccherini wenigstens heute Gerechtigkeit widerfahren: Hier der Anfang des "Stabat Mater" in der Version, wie er sie sich ursprünglich gedacht hat: für Solosopran und kleines Orchester.

Musik-Nr.: 10
Komponist: Luigi Boccherini
Werk-Titel: Stabat Mater op. 61 (GV 532)
Auswahl: "Stabat mater dolorosa" <Track 1.> 5:05
Interpreten: xx
Label: HMF (LC 7045)
90 1378
<Track 1.> Gesamt-Zeit: 5:05

"Ich bin der Meinung, daß die Musik zum Herzen der Menschen sprechen sollte, und das ist es auch, worum ich mich in meinen Werken bemüht habe, so gut ich eben konnte: Eine Musik ohne Gefühle und Leidenschaften ist nichtssagend."

Die Zeit ist Boccherini hinweggegangen. Anders als Haydn, Mozart oder Beethoven hat er in der Musikgeschichte nichts bewegt, hat er keinen Einfluß auf die nachfolgende Komponisten-Generation gehabt. Nicht, daß seine Musik schlechter gewesen wäre; aber das romantisch-heroische Jahrhundert konnte mit dem letztlich immer noch im Rokoko verhafteten Boccherini weniger anfangen als mit Haydn. So wie Schumann sich über Haydns "Puder und Perücke" mokierte, fällte Louis Spohr das harte Urteil:

"Ich glaube nicht, daß irgendetwas davon den Namen Musik verdient."

Dem 19. Jahrhundert war etwas verlorengegangen – nicht nur in Deutschland: die Fähigkeit, Musik zu genießen, ohne zu grübeln und sich im Metaphysischen zu verlieren, aber sich auch nicht blenden lassen von einem virtuos-oberflächlichen Feuerwerk. Wie beschreibt es Johann Baptist Schaul 1809 in seinen "Briefen über den Geschmack in der Musik"?

"Welcher Reichtum von edlen Gedanken! Nichts Schwülstiges, Gesuchtes, Trocknes, Überflüssiges ist in seiner Musik; alles kommt aus dem Herzen. Seine Einbildungskraft ist feurig, ohne zügellos zu seyn. Läßt er auch zuweilen einen bittern Tropfen mit einfließen, so thut er es nur, um dem Geschmacke die Süssigkeit seines Göttertranks um so fühlbarer zu machen. Alles singt. Und es erfordert auch keine lange Untersuchung, ein mühsames Kopfbrechen, um den Sinn davon zu erraten. Kurz: Boccherini ist ein menschenfreundlicher, leutseliger Autor, ohne allen Anspruch und Eigendünkel.
Aber seine Musik ist nicht für jedermann. Um sie nach Verdienst zu schätzen, gehören gefühlvolle Kenner dazu, die seiner seltenen Schönheiten empfänglich sind. Und dann muß seine Musik beim Schimmer der Lichter, in keinem allzugroßen Zimmer gespielt werden. Alles muß wie in einem Heiligthum seyn. Aber dann, welche Musik! Mit diesem Vergnügen ist keines zu vergleichen. Jedes Herz schwimmt in einem Meer von Wonne; jeder glaubt sich in ein Elyseum versetzt. Und so wird die bezaubernde Kunst der Töne allein nach Verdienst und Würde geehrt und genossen."

Musik-Nr.: 11
Komponist: Luigi Boccherini
Werk-Titel: Streichquintett A-Dur op. 11,5 (GV 275)
Auswahl: 3. Satz (Minuetto) <Track 3.> 3:55
Interpreten: xx
Label: hmd (LC 0761)
RD 77 159
<Track 3.> Gesamt-Zeit: 3:55
Technik: MUSIK überblenden ab:
" ... Alles muß wie in einem Heiligtum sein ..."