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Theobald Böhm – Flötenvirtuose und Komponist

Dieser Beitrag ist entstanden als Sendemanuskript
für die Deutsche Welle, Köln
(Sendung: Klassik und mehr, 7.4.1994)

Musik-Nr.: 01
Komponist: Theobald Böhm
Werk-Titel: Pièce facile C-Dur (Nr. 67)
Interpreten: xx
Label: Orfeo (LC 8175)
C 018 821 A
<Track 8-1.> Gesamt-Zeit: 1:55

Seinen Zeitgenossen im 19. Jahrhundert galt er als einer der herausragenden Komponisten und als der Flöten-Virtuose in Deutschland schlechthin; die Flöten-Liebhaber heutzutage mögen die Naivität seiner Kompositionen eher belächeln, und über seine virtuosen Qualitäten können wir uns heutzutage eh' kein Bild mehr machen. Aber dennoch bleibt er der Vater der modernen Querflöte schlechthin: Die Rede ist von Theobald Böhm, der vor 200 Jahren, am 8. April 1794, in München geboren wurde, von Beruf Goldschmied, Eisenhüttentechniker, Flötenvirtuose, Komponist, Instrumentenbauer und Erfinder der heute gebräuchlichen Querflöte.

In der Gestalt des Flauto traverso gab es die Querflöte schon im Mittelalter: Ein Rohr aus Holz, das seitlich vor den Mund gehalten wurde – ein Instrument, das ebenso auf dem Tanzboden, wie in der Kirche und später im Barockzeitalter auch im Opernhaus beheimatet war. Dieser alte Flauto traverso erfreute sich bei den Musikliebhabern großer Beliebtheit: Er war robust, preiswert herzustellen, leicht zu spielen und besaß einen vergleichsweise voluminösen Ton. Der Preußenkönig Friedrich II. war wohl der prominenteste Traverso-Spieler der Musikgeschichte.

Jahrhunderte lang hatte niemand an dem Instrument etwas auszusetzen gehabt. Daß man nicht alle Töne damit erzeugen konnte und daß einige Töne schlecht ansprachen und ein wenig verstimmt klangen - damit mußte man sich halt abfinden; und solange die Komponisten Rücksicht auf die Beschränkungen des Instruments nahmen, konnte man mit solchen Mängeln durchaus leben. Die Bourrée aus Bachs Flöten-Partita in a-moll etwa klingt auf einem originalen Flauto traverso aus der Mitte des 18. Jahrhunderts etwa so:

Musik-Nr.: 02
Komponist: Johann Sebastian Bach
Werk-Titel: Partita für Flöte in a-moll, BWV 1013
Auswahl: Bourrée anglaise <CD 2, Tr. 8.> 2:40
Interpreten: xx
Label: dhm (LC 0761)
RD 77026
<CD 2, Tr. 8.> Gesamt-Zeit: 2:40

Schon im 18. Jahrhundert versuchten die Flötenbauer, der fehlenden und "verstimmten" Töne beim Traverso Herr zu werden: Sie veränderten den den Querschnitt des Rohrs, sie bohrten zusätzliche Grifflöcher und experimentierten mit Klappen, ab so recht befriedigend fielen diese Vesuche nicht aus – bis sich dann um 1830 Theobald Böhm des Instruments annahm.

Der Flötist Konrad Hünteler, ein ausgewiesener Fachmann für historische Querflöten und deren Spielweise, hat sich anläßlich von Böhms 200. Geburtstag intensiver mit den originalen Böhm'schen Instrumenten beschäftigt:

WL: Als Theobald Böhm um 1830 herum die Flöte nicht neu erfand, aber doch weiterentwickelte – was hat er da als Instrument vorgefunden? HÜNTELER: Sie sagten "nicht neu erfand". Ich bin der Meinung, daß man doch sagen kann, daß er die Flöte sozusagen noch einmal neu erfunden hat. Denn er hat eben nicht, und das ist sein ganz, ganz großes Verdienst, er hat nicht sich bemüht, die Flöte, so wie sie bestand, zu verbessern, sondern er hat eigentlich alles, was an Entwicklung im Flötenbau bis dahin stattgefunden hatte, über Bord geworfen und hat noch mal ganz von vorne, praktisch bei Null angefangen zu denken und zu konstruieren, und herausgekommen ist dann in mehreren Stufen das Instrument, was sich seit 1847 praktisch nicht mehr verändert hat.

Böhm hat zunächst mal ja eine sehr erfolgreiche Karriere gehabt als Flötist mit einem Instrument, wie es eben bis dahin gebräuchlich war, d.h. mit einer konischen Flöte mit einer Bohrung, die nach unten hin immer enger wird, das mit acht Klappen ungefähr versehen war, so wie sich das Instrument seit 1800 etwa als Entwicklungsform darstellt.

Und dann allmählich, im Zuge seiner intensiven Beschäftigung mit dieser Flöte dämmerte ihm, daß das Instrument halt doch mit Problemen behaftet war und daß, wenn man das Instrument gleichwertig neben ein Klavier oder gleichwertig neben ein Streichinstrument stellen wollte und einen Anspruch auf ein in etwa auch nur ebenbürtiges Repertoire erheben wollte, daß man dann tatsächlich das Instrument komplett ummodeln müßte, und das hat er dann 1832 getan. Er hat ein Griffsystem entwickelt, indem er wirklich - wie ich vorhin schon sagte - bei Null angefangen hat zu denken und ganz systematisch vorgegangen ist. Er hat also nicht die Grifflöcher einer diatonischen Skala, einer Dur-Tonleiter genommen und dann zusätzliche Löcher mit Klappen und Hebeln und Verbindungen usw. da drangemacht, sondern er hat für jeden Halbton der chromatischen Skala ein Tonloch in das Rohr gebohrt und hat dann ein genial einfaches System entdeckt, entwickelt, wie eben dann diese zwölf Grifflöcher mit nur neun Fingern zu bedienen waren. Und das ist in erster Linie zunächst mal sein ganz großes Verdienst gewesen, dieses Griffsystem, was so logisch ist und so perfekt stimmig in sich, daß es eigentlich die technische Entwicklung des Flötenspiels, die im 19. und 20. Jahrhundert stattgefunden hat, erst ermöglicht hat.

Aber Böhm gab sich mit seinem neuartigen Klappensystem nicht zufrieden. Um den Klang zu verbessern, veränderte er die Form des Mundstücks, die Art der Bohrung, und vor allem probierte er neue Materialien aus: Wurde der herkömmliche Traverso aus Holz (oder in der Luxusausführung aus Elfenbein) gefertigt, so arbeitete Theobald Böhm mit Metall, besonders mit Silber, weil Silber, wie er selbst schreibt:

"den in jeder Beziehung vorzüglichsten Ton ergibt, gegen welchen die Töne aller aus Holz verfertigten Flöten buchstäblich "hölzern" klingen."

Konrad Hünteler auf die Frage, wie die Flötisten damals, in der Mitte des 19. Jahrhunderts auf die Böhm'schen Neuerungen reagierten:

HÜNTELER: In Deutschland war man zunächst sehr skeptisch, denn erstens sah man gar nicht ein, warum man sich der Mühe unterziehen sollte, jetzt ein völlig neues Griffsystem zu lernen, wie genial einfach auch immmer dieses System war – es mußte neu gelernt werden von jemandem, der auf der Flöte, so wie sie bis dahin bestanden hatte, ausgebildet worden war. Also einmal war da eine gewisse Bequemlichkeit bei den deutschen Flötisten im Gange, andererseits hat man die klanglichen Veränderungen, die dann mit der zylindrischen Bohrung einhergingen, sehr skeptisch beurteilt, ganz im Unterschied zu den französischen Flötisten. In Frankreich hat man sofort erkannt, welche raffinierten klanglichen Möglichkeiten in diesem neuen Instrument steckten, und hat die also ausgekostet und mit sinnlichem Raffinement eingesetzt, und (ich meine) Frankreich ist immer das Land der Flöte gewesen, französische Komponisten haben immer wunderbare Musik für die Flöte geschrieben. Und dann verwundert's einen nicht zu sehen, daß also auch die Böhm-Flöte in Frankreich ihren großen Siegeszug angetreten hat, und in Deutschland hat es bis zum Zweiten Weltkrieg gedauert, bis sich die Böhm-Flöte durchgesetzt hat.

Was die Kritiker der Böhm-Flöte damals bemängelten, war eine gewisse klangliche "Monotonie": Beim Traverso, wie er in der Barockzeit und im 18. Jahrhundert in Gebrauch gewesen war, war es eine nicht zu behebende Eigenart gewesen, daß manche Töne lauter hervorstachen als andere; bei den Flöten des musizierenden Goldschmiedes Böhm nun klang ein Ton wie der andere.

HÜNTELER: Es ist sicherlich so, daß jede Veränderung, jede Weiterentwicklung in einem anderen Bereich mit Einbußen bezahlt werden muß. Und wenn wir uns die heutige Situation des Flötenspiels ansehen, mit dem brillanten, powervollen, kräftigen, lauten Klang, der von den heutigen Flötisten so sehr geliebt und angestrebt wird, wenn wir das vergleichen etwa mit einer Flöte der Bach-Zeit, dann ist der Preis für den Erfolg des Böhm'schen Instrumentes, das eben technisch alles möglich gemacht hat, der Preis dafür ist wohl der Verlust an klanglichem Charme, an klanglicher Süße, an Weichheit und an schwebendem Flöten-Wohlklang. Aber ich glaube nicht, daß wir für diese Entwicklung ausschließlich Theobald Böhm verantwortlich machen dürfen. Denn für mich ist die große Entdeckung, wo ich mich jetzt mit den Instrumenten beschäftige, die Theobald Böhm selbst mit seinen eigenen Händen gebaut hat, die große Entdeckung ist für mich, daß seine Silberinstrumente, die ganz leicht sind, ganz dünnwandig gebaut sind, daß sie einen unglaublich hellen, süßen, silbrigen Klang haben, also ganz anders, als was wir von den heutigen Flötisten im Durchschnitt gewohnt sind zu hören. Und für mich ist das eine aufregende Entdeckung. Und ich finde da dann auch persönlich bestätigt, was ich vor einiger Zeit in einem Bericht von Berlioz gelesen habe, den ich in der Bibliotheque nationale in Paris ausgegraben habe über die erste große Londoner Weltausstellung, bei der Theobald Böhm seine neue Flöte vorgestellt hat. Diese Weltausstellung war 1851, also vier Jahre nach der endgültigen Konstruktion der Böhm-Flöte. Und da schreibt Berlioz eben über dieses Instrument, daß es einen süßen, kristallinenen Klang hat und weniger voll und weniger laut ist als die hölzernen Flöten herkömmlicher Konstruktion. Und das ist für mich ein ganz wichtiger Schlüssel, um etwas von dem zurückzufinden vielleicht, was Theobald Böhm vorgeschwebt hat und was vielleicht im Zuge der Entwicklung zu dem powervollen, kräftigen Klang der jetzigen, heutigen Flöte verlorengegangen ist.

Hier nun Konrad Hünteler mit einem Ausschnitt aus der Air tyrolienne von Theobald Böhm – gespielt auf einem Instrument, das zwar nicht direkt aus Böhms Werkstatt stammt, aber in der Bauweise und im Klang den Böhm'schen Querflöten entspricht:

Musik-Nr.: 03
Komponist: Musikeinspielung lt. Interview-Mitschnitt

Theobald Böhm war ein vielseitig begabter Mensch, der sich mit vielen Dingen beschäftigte - und das nicht nur oberflächlich. Die Liebe zum Tüfteln und zur handwerklichen Feinarbeit hatte er wohl von seinem Vater geerbt, einem Goldschmied in München. Das Goldschmiedehandwerk ergriff zunächst auch der junge Theobald; aber nebenher brachte er sich als Autodidakt das Flötespielen bei – immerhin so gut, daß er 1812, im Alter von 18 Jahren, als Flötist am königlichen Isartor-Theater in München angestellt wurde. Er nahm Kompositionsunterricht und ging mit seinen Werken (darunter mehrere Flötenkonzerte und eine große Zahl virtuoser Kammer- und Salonmusik) auf Konzerttournee. In seiner Freizeit arbeitete er unermüdlich an einem neuen Klappenmechanismus für die Flöte, aber es sollte noch 35 Jahre dauern, bis 1847 seine Erfindung soweit war, daß er sie den Musikern und dem Publikum vorführen konnte.

Man täte der Person Theobald Böhm Unrecht, wollte man sie auf den Musiker und Instrumentenbauer reduzieren. Böhm war ein "Universal-Forscher", wie er nur im 19. Jahrhundert existieren konnte und heutzutage undenkbar wäre. Während seiner Konzertreise durch England im Jahre 1834 lernte er die dortigen Verfahren der Eisenerz-Verhüttung kennen, die eine wesentlich höhere Ausbeute erbrachten als das, was er aus Deuschland kannte. Er erwarb die Patentrechte für Deutschland, verbesserte das Verfahren und vermachte es dem bayrischem König Ludwig II. "zum Nutz und Frommen des bayerischen Staates". Wenige Jahre später unternahm er ein ähnliches Projekt zur besseren Ausnutzung der Hochofengase. Es waren Projekte, mit denen er seinen Lebensunterhalt finanzierte, damit er für seine Musik frei war.

Theobald Böhm war ein Mensch, der für seine Musik und für seine Erfindungen lebte. Von Skandalen und ähnlichen Begebenheiten gibt es nichts zu berichten. Im Gegenteil: Seine Mitmenschen beschrieben ihn als zurückhaltend, hilfsbereit, höflich und bescheiden. 1881 starb Böhm 87jährig an Altersschwäche.

Der Instrumentenbauer und Erfinder Böhm ist von der Geschichte mittlerweile nobilitiert worden – seine Bedeutung auf diesen Gebieten wird von keinem mehr ernsthaft bestritten. Was jedoch den Komponisten Theobald Böhm angeht, sind die Bewertungen der Musikkritiker immer schon vernichtend oder doch zumindest abschätzig gewesen. In "Schillings Musik-Lexikon" von 1835 werden Böhms Kompositionen charakterisiert als:

"Konzertstücke, in denen Sätze vorkommen, womit der Spieler unmöglich etwas anderes als kalte Bewunderung seiner praktischen Meisterschaft ernten kann. Die Divertissements, Variationen und Potpourris sind ohrenergötzend, aber sie wollen durchaus nichts weiter sagen als angenehm unterhalten. Durch beides aber gewinnt der Komponist Böhm die Mehrzahl der Flötisten und Liebhaber, und so bleibt es nicht aus, daß seine Musik eine große Verbreitung finden und auf die Erweckung des Sinnes für echtere Kunst wesentlich hinwirken."

Konrad Hünteler, der sich intensiv auch mit der Musik Böhms beschäftigt hat, weist jedoch darauf hin, daß die Kompositionen auch noch eine ganz andere Funktion hatten – nämlich für die Möglichkeiten des neuen Instruments zu werben:

HÜNTELER: Nun, der Komponist Theobald Böhm ist natürliche in erster Linie der Advokat der Instrumentalisten Theobald Böhm. D.h. Theobald Böhm hat sich für seinen eigenen Gebrauch Stücke geschrieben, mit denen er als Flötist glänzen konnte. Er hat dann nach 1832, nachdem er also das neue Griffsystem entwickelt hatte, eine Reihe von Stücken geschrieben mit stupender Virtuosität, die einfach - ich möchte mal sagen - keinen anderen Zweck hatten als den zu zeigen, daß er mit seiner neuen Flöte Dinge tun konnte, die kein anderer Flötist mit seiner herkömmlichen Flöte auch nur im Entferntesten hätte zuwege bringen können. Und in dem Sinne war der Komponist Theobald Böhm sicherlich immer der (wie gesagt) der Advokat des Flötisten. Und ich glaube auch nicht, daß sein kompositorischer Ehrgeiz sehr viel weiter reichte, sonst hätte er versucht, Opern zu schreiben auch oder Sinfonien zu komponieren.

Hier nun zum Abschluß eine von Böhms "Salon-Kompositionen": die Fantasie über ein Thema von Franz Schubert, op. 21, aus dem Jahre 1838. Beachtung verdient das Stück, weil Böhm es sich hier nicht nehmen läßt, in Schubert'scher Manier durch die "unmöglichsten" Tonarten zu modulieren, die auf den Traversflöten vor seiner Zeit nicht spielbar gewesen wären ...

Musik-Nr.: 04
Komponist: Theobald Böhm
Werk-Titel: Fantasie über ein Thema von Franz Schubert in As-Dur
Interpreten: xx
Label: Orfeo (LC 8175)
C 018 821 A
<Track 7.> Gesamt-Zeit: 12:15