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Johannes Brahms: Die schöne Magelone

15 Romanzen op. 33 nach Gedichten von Ludwig Tieck

Dieser Beitrag ist entstanden als Booklet-Text für die CD-Produktion
Johannes Brahms: Die schöne Magelone
        Hans Peter Blochwitz, Tenor
        Cornelia Froebess, Erzählerin
        Eric Schneider, Klavier
Berlin Classics (LC 6203) 11252. Prod. 1995.

Die Gestalt der schönen Magelone entstammt der Sagentradition der Provence. Die frühesten Ursprünge der Geschichte um die schöne Magelone finden sich in den orientalischen Märchen aus Tausendundeiner Nacht: Bei einer Rast im Walde begehrt der Herrscher von Khaledan Prinz Kamaralzaman die schlafende Prinzessin Budur. Kaum hat er sie entkleidet, raubt eine Elster den Talisman, den die Prinzessin am Körper trägt. Prinz Khaledan verfolgt den Vogel und verirrt sich dabei in fremde Länder. Nach einer Reihe von Abenteuern gelingt es ihm, dem Vogel den Talisman zu entwenden, und findet gleichzeitig einen Goldschatz. Auf seiner Heimreise verschläft der Prinz die Abfahrt des Schiffes; der Schatz kommt ohne ihn im Palast von Khaledan an, wo die Prinzessin Budur mittlerweile die Regentschaft übernommen hat und sehnsüchtig auf ihren Prinzen wartet. Prinz Kamaralzaman jedoch muß noch einige Jahre durch die Welt ziehen, bis auch er wieder wohlbehalten zu Hause ankommt.

Vermutlich über die maurischen Siedlungen am Mittelmeer gelangte der Märchenstoff nach Südeuropa und wurde mit lokalen Sagen in Verbindung gebracht. Der anonyme provençalische Ritterroman von "Pierre de Provence et la belle Maguelonne" von 1453 kleidet die Geschichte in ein christliches Gewand: Während Maguelonne um den verschollenen Prinzen trauert, unternimmt sie eine Pilgerfahrt, gründet ein Armenspital und das Kloster Saint Pierre de Maguelonne auf einer Mittelmeerinsel vor Montpellier. 1527 wurde die Geschichte von dem kursächsischen Prinzenerzieher Veit Warbeck ins Deutsche übertragen: "Ein fast schöne und kurtzweilige Histori / von der schönen Magelona / eines Königs Tochter von Neaples / und einem Ritter / genannt Peter mit den Silbern Schlüsseln / eines Graffen Son auß Provincia".

Als der romantische Dichter Ludwig Tieck gegen Ende des 18. Jahrhunderts begann, altdeutsche Dichtungen und Volksbücher zu sammeln, stieß er auch auf Warbecks "Schöne Magelone". Tiecks "wundersame Liebesgeschichte der schönen Magelone und des Grafen Peter von Provence" von 1797 ist eine Wiederbelebung und Erneuerung des alten Stoffes aus dem Geist der Romantik. In der Vorrede zu seinen Neubearbeitungen von Voksbüchern und Märchen schreibt er:

"Es gewährt einen eignen sonderbaren Genuß, die Jahrhunderte und die Gegenstände um dich her aus dem Gedächtnisse zu verlieren [...] Von allen Zerstreuungen verlassen, kann man [...] zuweilen an alten wunderlichen Zeichnungen oder Holzstichen en Vergnügen finden und sich in ihnen verlierren; man betrachtet dann wohl aufmerksam ein unzusammenhängendes und fast unverständiges Bild, wo vorn eine Ratsversammlung im königlichen Palaste sitzt und man hinten das Meer mit Schiffen und Wolken, ohne alle perspektivische Kunst, wahrnimmt. Möchtest du doch, o mein Lieber, ein solches und kein andres Vergnügen in gegenwärtigen altfränkischen Bildern erwarten, die wir dir jetzt vor Augen führen wollen."

Was Tieck an Warbecks "Magelonen"-Erzählung reizte, war die sprachliche Schlichtheit und Lieblichkeit der Dichtung, jene anspruchslose Schönheit, die er in der zeitgenössischen Literatur suchte, aber nirgends fand. Rein äußerlich hat er den naiven Volksbuchcharakter mit seinen schlichten Kapitelüberschriften und pittoresken Mittelaltertableaus beibehalten. Die Geschichte ist allerdings sprachlich "modernisiert", die zahlreichen christlich-moralischen Exkurse und Gebete sind gestrichen. Dafür aber werden die einzelnen Episoden phantasiereicher ausgestaltet:

Der jugendliche Graf Peter hat sich von seinen Eltern in der Provence verabschiedet und sich auf Abenteuerfahrt begeben. In Neapel verliebt er sich in die Königstochter Magelone und schenkt ihr drei Ringe, symbolisches Unterpfand seiner Liebe. Im Schutze der Nacht flieht er mit ihr. Während einer Rast stiehlt ein Rabe die Ringe. Peter verfolgt den Vogel, die Ringe fallen ins Wasser und werden von einem Fisch verschluckt. Magelone hat sich mittlerweile aus Trauer in eine idyllische Schäferhütte zurückgezogen, wo sie beim Spinnen ihrem Liebsten melancholische Lieder nachsingt. Auf der Jagd nach den Ringen gerät Peter in Gefangenschaft des Sultans. Des Sultans Tochter Sulima verliebt sich in Peter und will mit ihm zusammen fliehen. Peter, der glaubt, Magelone sei inzwischen vor Kummer gestorben, geht zunächst auf Sulimas Angebot ein. Doch dann besinnt er sich, rudert allein aufs Meer hinaus, wo er von einem französischen Schiff aufgegriffen wird. Wieder in der Provence angelangt, wird der erschöpfte Peter von einer Schäferin gesundgepflegt, die sich schließlich als Magelone zu erkennen gibt.

Die Musik spielt in der "Magelone" eine wichtige Rolle. In jedes der achtzehn Kapitel hat Tieck eine lyrische Einlage eingeflochten, meistens ein von Peter gesungenes Lied. Darüber hinaus wird auf zahlreiche Lieder verwiesen, die nicht eigens aufgezeichnet sind; sogar die Natur selbst wird in musikalischen Bildern beschrieben:

"[...] wie von Harfensaiten tönte das Lied ihres Geliebten aus dem blauen Himmel herunter, und goldbeschwingte Vögel staunten zum Himmel hinauf und merkten auf die Noten; lichte Wolken zogen unter der Melodie hinweg und wurden rosenrot gefärbt und tönten wieder [...] Und wie ein fernes Klagegetön hörten sie Nachtigallen singen und Büsche flüstern, daß sie von der Wonne des Himmels ausgeschlossen waren."

Über die Entstehungsgeschichte von Brahms' Vertonungen der "Magelonen"-Romanzen ist wenig bekannt. Anders als Schuberts "Winterreise" oder "die schöne Müllerin", anders als die Liederzyklen von Schumann, hatte Brahms wohl zunächst nicht die Absicht, einen in sich abgeschlossenen Liederkreis zu komponieren. Die ersten vier Romanzen vertonte er auf Anregung des Sängers Julius Stockhausen im Juli 1861, zwei weitere folgten ein knappes Jahr später, und dann dauerte es sechs Jahre, bis Brahms sich dazu durchrang, den Zyklus mit weiteren neun Vertonungen zu komplettieren.

Ähnlich wie Tieck das historische Phänomen Rittertum und hohe Minne in romantisch-subjektive Empfindung umdeutete und durch die sprachliche Diktion die Distanz zum Mittelalter verringerte, wollte auch Brahms keine mittlelalterlich-archaische Klangwelt suggerieren. Die musikalische Faktur ist durchsetzt mit kühnen Neuerungen, die in dieser Intensität im deutschen Liedschaffen bis dahin noch niemand gewagt hatte: ein orchestral anmutender Klaviersatz, der harmonische Reichtum der Klangverbindungen, der romantische Überschwang des Ausdrucks.

Brahms' Zyklus enthält kein einziges einfaches Strophenlied. Er gestaltet die Romanzen als breitgeführte lyrische Stimmungsbilder, als regelrechte Szenen, in denen das Klavier nicht bloß begleitet, sondern selbständig mitgestaltet.

Trotz ihrer kompositorischen Qualität haben die "Magelonen"-Lieder nicht die Popularität erlangt wie die großen Zyklen von Schubert und Schumann. Dies mag daran liegen, daß Tiecks Romanzen nicht Mitteilungen eines abstrakten lyrischen Ichs sind, sondern daß sich in ihnen persönliche Gefühlsäußerungen manifestieren, die nur aus der jeweiligen Situation heraus verständlich werden. Brahms scheint sich dieser Problematik erst im Laufe der Jahre bewußt geworden zu sein: In der Korrespondenz mit seinem Verleger Breitkopf & Härtel anläßlich der Drucklegung beharrte er noch darauf, daß die Lieder für sich selbst sprechen müßten und weder Sänger noch Publikum zu wissen bräuchten, an welcher Stelle und in welcher Weise Tieck die Romanzen in sein Märchen eingestreut habe. Nach einer Aufführung im Winter 1886 erklärte er dann allerdings, daß er bei einer Neuausgabe gerne einige erläuternde Textpassagen hinzufügen würde, um den Sänger und den Klavierspieler in die Stimmung zu versetzen, aus der heraus er selbst die Lieder komponiert hatte.

Auch wenn es keine Hinweise gibt, welche Textauswahl und Kürzungen Brahms bei den Zwischentexten vorgenommen hätte, so erscheint es angesichts seiner eigenen Überlegungen legitim, den "Magelonen"-Zyklus mit der Tieckschen Prosa zu verbinden. Den Gang der Erzählung zu straffen und den Text zu kürzen, ist dabei ein notwendiger (wenn auch immer schmerzlicher) Eingriff, weil sonst die Romanzen zur bloßen illustrativen Musikeinlage degradiert würden.