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Johannes Brahms: Violinkonzert in D-dur, op. 77

Dieser Beitrag ist entstanden als Booklet-Text für die CD-Produktion
Violinkonzerte von J. Brahms und W.A. Mozart
        Frank Peter Zimmermann, Violine
        Berliner Philharmoniker
        Ltg.: Wolfgang Sawallisch)
EMI Classics (LC 6646) 5 55426 2. © 1995.

Obwohl Johannes Brahms sich mit der Komposition seines Violinkonzerts op. 77 recht schwer tat, zählt das Konzert unbestritten zu den Meisterwerken der Geigenliteratur. Ein Grund für die "Geburtswehen" dieser Komposition mag gewesen sein, daß Brahms von Hause aus Pianist war und nicht immer einzuschätzen vermochte, was er der Geige zumuten konnte. Im Sommer 1878 gab er dann dem Drängen seines Freundes, des Geigers Joseph Joachim, nach und skizzierte während eines längeren Aufenthalts in der Sommerfrische Pörtschach am Wörther See eine erste Fassung des Violinkonzerts.

Die skeptische Distanz, die Brahms seiner Arbeit gegenüber an den Tag legte, schlägt sich auch in seinen schriftlichen Äußerungen nieder. Als er Joachim im August die Violinstimme des ersten Satzes übersandte, redet er abfällig davon, daß "die ganze Geschichte am Ende auf vier Sätze hinauslaufen wird", und äußert dann die Bitte:

"Nun bin ich erst zufrieden, wenn du ein Wort sagst und vielleicht einige Bemerkungen hineinschreibst: schwer, unbequem, unmöglich usw."

Joachim ist dem Wunsch nachgekommen. Er hat zahlreiche Änderungsvorschläge gemacht, wobei er vor allem solche Passagen entschärfte, die Brahms offensichtlich am Klavier entworfen hatte, die jedoch auf der Geige unmöglich auszuführen waren. In Joachims Antwortbrief heißt es denn auch:

"Heraus zufrieden ist das meiste, aber ob man's mit Behagen alles im heißen Saal spielen wird, möchte ich nicht bejahen, bevor ich's im Fluß mir vorgeführt."

Brahms bedankte sich bei dem Freund für die Mühe – und beließ dann (bis auf wenige Änderungen) alles beim alten.

Am 1. Januar 1879 fand dann im Leipziger Gewandhaus die Uraufführung statt – mit Joachim als Solist und Brahms am Dirigentenpult. Die Kritiker sparten nicht mit Lob. Sie bescheinigten dem Werk "Momente von höchster poetischer Schönheit", bemängelten aber, daß es wegen der symphonischen Ausmaße und der außergewöhnlichen Anforderungen kein Konzert für, sondern "gegen" die Violine sei. In der Tat muß das Werk für damalige Ohren ungewohnt geklungen haben, denn Brahms wandte sich demonstrativ gegen die Konzerttradition, wie sie sich im 19. Jahrhundert eingebürgert hatte und die den solistisch agierenden Virtuosen in den Mittelpunkt des Geschehens stellte. Ähnlich wie schon Beethoven in seinem Violinkonzert hat auch Brahms die Solovioline derart in das orchestrale Geschehen eingebunden, daß für virtuose Selbstdarstellung kein Raum bleibt. Was den Geigenvirtuosen Sarasate seinerzeit zu der Bemerkung veranlaßte, es sei für jeden Geiger eine Zumutung, im langsamen Satz

"mit der Geige in Hand zuzuhören, wie die die Oboe dem Publikum die einzige Melodie des ganzen Stückes vorspielt."

Aber auch solche Kritik hat der Popularität des Werkes keinen Abbruch getan. Als Joachim das Konzert im Frühjahr 1879 während seiner England-Tournee dem Publikum vorstellte, erhielt er überall begeisterten Beifall, und Eduard Hanslick gab anläßlich der Wiener Erstaufführung eine scharfsinnige Werk- und Aufführungsbeschreibung, die in den Worten mündet:

"Ein Musikstück von meisterhaft formender und verarbeitender Kunst. Brahms' Violin-Conzert darf von heute ab das bedeutendste heißen, was seit dem Beethovenschen und dem Mendelssohnschen erschien."

Es ist sicherlich nicht verfehlt, wenn man die ausladende Melodik und den Harmonienreichtum des Violinkonzerts mit den Natureindrücken in Verbindung bringt, die Brahms während seines Pörtschach-Aufenthalts genoß. Das Erleben von Natur hatte für Brahms seit frühester Jugend einen großen Stellenwert. Auf dem Weg nach Düsseldorf zu Robert Schumann genoß der jugendliche Brahms die Wanderung durchs Rheintal, später in Baden-Baden durchstreifte er tagelang die Wälder von Lichtental, und als er sich in Wien niedergelassen hatte, zog es ihn immer wieder an die Kärntner Seen und ins Salzkammergut. Auch Brahms' kompositorische Arbeit spielte sich vorwiegend im Sommerhalbjahr in der ländlichen Idylle ab.

Der "pastorale" Charakter des Violinkonzerts manifestiert schon in den Dreiklangsbildungen zu Beginn des ersten Satzes. Solist und Orchester teilen sich die kompositorischen Gedanken und erweitern sie jeder auf seine Weise, wobei das Orchestpart eher formbildend wirkt, die Violine hingegen sich rhapsodisch ausschwingend artikuliert. Das folgende Adagio wird von den Farben der Holzbläser beherrscht. Über einer elegisch sich verbreitenden Kantilene der Oboe (über die Sarasate so erbost war) spinnen sich die delikaten Arabesken der Violine, die den musikalischen Ausdruck intensivieren, ohne jedoch ein melodisches Eigenleben zu entwickeln. Während die ersten beiden Sätze sich in symphonischem Melos verströmen, atmet der dritte Satz mit seinen überraschenden harmonischen Wendungen und dem prononcierten Rhythmus "ungarische" Eleganz. Mit feurig-virtuosen und vollgriffigen Zigeunerklängen eröffnet die Solovioline den Satz. Kraftvoll heiter wird das Tempo beschleunigt; es verdichtet sich die rhythmische Struktur in origineller rhythmischer Umgestaltung, bis gegen Ende die Musik dahinzusterben und sich in Luft aufzulösen scheint, um zum Schluß nochmals mit einem lautstarken Orchestertutti anzuheben.

* * *

Sein Konzertdebüt hatte Frank Peter Zimmermann 1975, als Zehnjähriger mit Mozarts G-Dur-Konzert, KV 216, gegeben. Das Mozart-Konzert war vor elf Jahren auch Teil seines Schallplattendebüts bei EMI Classics. Auf die Frage, warum nun eine "Neuauflage", antwortete Zimmermann während eines Interviews:

"Zum einen ist es eine große Chance, dieses Werk mit den Berliner Philharmonikern einzuspielen, eine Gelegenheit, die sich kein Geiger würde entgehen lassen. Zum anderen sind gerade die Mozart-Konzerte Werke, die man im Laufe der Jahre immer wieder mit anderen Augen sieht. Jeder fängt als Kind mit Haydn oder Mozart an, weil diese Werke als leicht gelten. Sie sind technisch überschaubar, und so glaubt jeder, sie spielen zu können. Aber während bei jedem anderen Komponisten im Laufe der Jahre Abnutzungserscheinungen gibt, Phasen, wo man ihn eine Zeitlang beiseite läßt, wird es das bei Mozart wohl nie geben. Es ist, als falle man in eine endlose Tiefe, es wird mit jedem Mal interessanter und schwerer. Spielen kann man Mozart früh, aber erst später merkt man dann, was man bei ihm aus einer einzigen Note machen kann, ja machen muß, damit das Ganze ein Gesicht hat."