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Anton Bruckner: Sinfonie Nr. 6 in A-Dur

Dieser Beitrag ist entstanden als Booklet-Text für die CD-Produktion
Anton Bruckner: Sinfonie Nr. 6 in A-Dur
        Gewandhausorchester Leipzig
        Ltg.: Heinz Bongartz
Berlin Classics (LC 6203) 9167-2. Prod. 1964, © 1996

"Die zwei Sätze (Adagio und Scherzo) aus der neuesten Symphonie von Bruckner ... schwelgen in Erinnerung an Rich. Wagner, in dessen verschiedenen, vorzugsweise aber jüngeren Stilarten. Bruckner wendet den 'symphonischen Stil' der Bayreuther 'Fest'-, 'Weihfest'- und 'Bühnenweih-Festspiele' leider nun auch auf die Symphonie selbst an. Im Ganzen hat der wilde Komponist etwas an Zucht gewonnen, aber an Natur verloren. Beim Adagio hielten Interesse und Befremden einander im Publikum noch die Waage, und es ging, wenn auch zögernd, mit. Bei dem ausschließlich durch Seltsamkeit fesselnden Scherzo trennte sich aber – wie der Sportsmann sagen würde – das Roß vom Reiter. Eine kleine Clique schien sich's in den Kopf gesetzt zu haben, die Legitimierung auch dieses Satzes auf revolutionärem Wege zu erzwingen; vergebene Liebesmüh' – – – "
(Eduard Hanslick im Februar 1883 in der Wiener Neuen Freien Presse)

Wenn es um den Komponisten Anton Bruckner ging, kannte der Musikkritiker Eduard Hanslick keine Gnade. Ähnlich, wie er Wagners Musikdramen für den Niedergang der Oper verantwortlich machte, so sah er auch in Bruckners Sinfonien eine Gefahr für die "absolute" Instrumentalmusik. Hanslick propagierte das Ideal einer Musik, die nichts anderes ist als "tönend bewegte Form" und die vor allen Dingen nicht von außermusikalischen literarischen Programmen bestimmt wird. Im Kampf gegen das Formprinzip der sinfonische Dichtungen, wie es von der Neudeutschen Schule um Franz Liszt propagiert wurde, hätte der Sinfoniker Anton Bruckner mit seiner traditionalistischen Haltung durchaus auch Hanslicks Mitstreiter werden können. Aber der Musikkritiker spürte offensichtlich die Zentrifugalkraft, die Bruckners Musik innewohnt: Obwohl der Komponist sich immer bemühte, die klassischen Formkriterien zu erfüllen, sprengt seine Musik allein schon aufgrund der zeitlichen Ausdehnung den Rahmen des damals Üblichen. Bei Anton Bruckner beginnt das sinfonische Prinzip, die "tönend bewegte Form", sich von innen her aufzulösen.

Bruckners sinfonisches Schaffen hatte also nur wenig gemein mit den Sinfonien eines Schumann, eines Mendelssohn oder Brahms. Und entsprechend endeten die Uraufführungen seiner Sinfonien in aller Regel mit einem Fiasko: Zuhörer verließen während der einzelnen Sätze den Saal, und am Ende gab es Pfiffe und Buhrufe, wenn nicht gar verständnisloses Schweigen. Es waren solche Vorfälle (und nicht, wie häufig zu lesen "Mißgunst und Neid"), die Bruckners Freunde veranlaßten, den Komponisten zu Umarbeitungen, Neuinstrumentierungen und Kürzungen zu ermuntern.

Die sechste Sinfonie schrieb Anton Bruckner in der Zeit zwischen dem 24. September 1879 und dem 4. September 1881. Es war eine Zeit, da die materiellen Lebensverhältnisse des Komponisten sich konsolidiert hatten. Im Februar 1878 war er zum "wirklichen Mitglied der Wiener Hofkapelle" ernannt worden und kam dadurch zum ersten Male, im Alter von 54 Jahren, in den Genuß eines gesicherten Einkommens. Nach einer schöpferischen Pause von fast fünf Jahren setzte dann 1879 ein neuer Schaffensschub ein, in dessen Zuge auch die sechste Sinfonie entstand. Das Selbstvertrauen, das Bruckner in jener Zeit an den Tag legte, schlug sich auch in seiner Arbeit nieder. Die sechste Sinfonie ist das erste Werk, das Bruckner nach seiner Fertigstellung keiner Überarbeitung mehr unterzog. Er selbst bezeichnete sie als seine "keckste Sinfonie" – und das wohl nicht nur wegen des Wortspiels. Wegen ihrer avantgardistischer Ansätze in der kompositorischen Anlage, wegen der harmonischen und motivischen Kühnheiten wurde die Komposition lange Zeit als reine Schreibtischarbeit zweiten Ranges gewertet und ist auch heute noch eine der am seltensten aufgeführten Sinfonien des Komponisten.

Nach der romantischen vierten Sinfonie und der pathetischen, architektonisch streng gehaltenen Fünften folgt die Sechste in ruhig heiterer Abgeklärtheit. Die Monumentalität der anderen Sinfonien, ihre leidenschaftliche Aufgewühltheit und ihre ekstatischen Entladungen sucht man hier vergeblich. Die sechste Sinfonie erscheint gleichsam als Versuch, die auseinanderstrebenden Tendenzen der beiden vorausgegangen Sinfonien auszugleichen. Gelegentlich hat man das Werk einen "Lobgesang auf die Schönheit der Erde" genannt und in Anlehnung an Beethovens Sechste Sinfonie als "Bruckners Pastorale" bezeichnet.

1. Satz:

Der Beginn des ersten Satzes ist einer der strahlendsten Sonnenaufgänge der Musik. Übersichtlicher und organischer Aufbau. Ein leises rhythmisches Motiv mit dem bei Bruckner typischen Wechsel von Dreier- und Zweierwerten wandert 41 Takte lang durch alle Streichergruppen. Es bildet den Hintergrund des musikalischen Geschehens. Im zweiten Takt hebt das kraftvoll majestätische Hauptthema an, das schließlich im Pianissimo erlischt. Eine einsame Flöte leitet über zu dem elegisch-sanglichen Seitenthema. Schließlich klingt noch ein drittes, rhythmisch geprägtes Thema an, das von allen Instrumenten in kräftigem Unisono vorgetragen wird. – Die Durchführung verarbeitet im Wesentlichen das Hauptthema und die verschiedenen rhythmischen Motive, wobei sich das Stimmengewebe immer mehr verdichtet. Fast unmerklich setzt dann die Reprise ein. Im strahlenden Ausklang der Coda erscheint der Rhythmus des Hauptthemas noch einmal in den Trompeten in derb naiver Abwandlung.

2. Satz: Adagio – "sehr feierlich"

Der Satz kündet von zweimal von rauschhaftem Glück und schmerzlichem Verzicht. Er hebt an mit einer Violinkantilene auf der G-Saite. Mildes Licht durchwärmt die ausdrucksvollen Klänge. Immer wieder stockt der melodische Fluß, als wollten die Orchesterinstrumente fragen, wie angesichts der lastenden Schwere es nun weitergehen werde. Bis dann die ersten Violinen eine Trauerprozession anstimmen, begleitet von dem langsamen Marschschritt der Celli und Kontrabässe. Gegen Ende dann strahlt das Hauptthema in hellem D-Dur auf, bis der Satz in samtenen Schlußakkorden zur Ruhe kommt.

3. Satz: Scherzo – "ruhig bewegt"

Bei der Herausgabe der Urfassung schrieb Robert Haas in der Einleitung, daß "die vielen Zusätze für den Zeitablauf, die Stärkeverteilung und den Vortrag einer richtigen Auffassung hinderlich geworden" seien. Die trifft besonders auf das Scherzo zu. Durch falsche dynamische Zeichen wurden Begleitmotive zu Hauptthemen aufgewertet.
Der Satz ist kurz, farbig und phantasievoll. Bruckner entfaltet hier eine Vorahnung impressionistischer Klanggebilde. Es herrscht hier nicht das ansonsten übliche rustikale Auftrumpfen, sondern die Musik wirkt wie eine spukhafte Träumerei, in der Kobolde, Gnomen und andere Geister ihr huschendes Spiel treiben.

4. Satz: "Bewegt, doch nicht zu schnell".

Die Motive des Finale sind aus dem Material des ersten und des zweiten Satzes abgeleitet. Bruckner beabsichtigte damit wohl eine größere Geschlossenheit des Werkes. Anklänge an Wagner, wie etwa in dem "siegfriedhaften" zweiten Thema zeugen von Bruckners Wagner-Verehrung, aber das Pathos mit seinen kraftvoll strahlenden Siegesfanfaren kann auf Dauer doch nicht überzeugen.

Am 13. Oktober 1882 schrieb Bruckner an seinen Freund Leopold Hofmeyr:

"Die Wiener Philharmoniker haben nun meine 6. Sinfonie angenommen, alle übrigen Sinfonien von anderen Componisten abgelehnt. Die Philharmoniker fanden an dem Werke solches Wohlgefallen, daß sie heftig applaudierten und einen Tusch machten."

Zur öffentlichen Aufführung drei Monate später gelangten – wohl wegen der Länge des Werks – allerdings nur die beiden Mittelsätze. Ähnlich vernichtend wie Eduard Hanslick beurteilte auch die übrige Musikpresse das Werk. In den Signalen für die musikalische Welt heißt es im Februar 1883:

"Die zwei Symphoniesätze von Bruckner hatten dieselben Licht- und Schattenseiten, wie alles von diesem hochgeschätzten Musiker bisher Gebotene: überraschende geniale Gedanken und glänzende Instrumentationen neben Mangel an logischer Verarbeitung und übertriebenem Ausspinnen; bei Anhören dieser Musik fühlt man sich wie von schwerem Traum umfangen, vergebens suchend, den Knäuel von leuchtenden Bildern zu entwirren."

Vollständig aufgeführt wurde die sechste Sinfonie erst 1899 nach Bruckners Tod unter Gustav Mahler. Mahler traute der kompositorischen Qualität offensichtlich nicht so recht; jedenfalls nahm er etliche Kürzungen und Retuschen in der Instrumentation vor. In seiner Originalgestalt erklang das Werk erstmals 1935 durch den Dirigenten Paul van Kempen.