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Aus unbekannten Opern von Gaetano Donizetti

Dieser Beitrag ist entstanden als Sendemanuskript
für den Deutschlandfunk, Köln

Unbekannte Opern von Donizetti - gibt es die überhaupt? Immerhin zählt Gaetano Donizetti zu den meistgespielten Opernkomponisten unserer Tage. Aber Hand auf's Herz – fallen Ihnen auf Anhieb fünf Donizetti-Opern ein? – Da ist der altbekannte Don Pasquale, Der Liebestrank, die Lucia di Lammermoor – vielleicht noch Die Favoritin ... – Dabei war Donizetti ein ausgesprochener Vielschreiber. Über 70 Opern hat er in den 26 Jahren seines musikalischen Wirkens komponiert, Opern, von denen wir heute kaum noch die Titel kennen, geschweige denn den Inhalt. Sein Schicksal war es, daß er, um materiell und als Künstler zu überleben, fortwährend gegen seine beiden Konkurrenten, gegen Vincenzo Bellini und Gioacchino Rossini ankämpfen mußte und dadurch allzu oft seinen Einfallsreichtum an die jeweils herrschende Mode verschwendete.

Aus dem Wettstreit mit Bellini um die Gunst des Publikums entstand auch seine Oper Anna Bolena#. Um die Mailänder Opernsaison ein wenig zu beleben, hatte eine Gruppe junger Adliger im Jahre 1830 das kleine Teatro Carcano# angemietet. Die besten Sänger, die zu haben waren, wurden verpflichtet; man bestellt bei dem berühmten Librettisten Felice Romani zwei Operntexte und gab sie den beiden Kontrahenten zur Vertonung. Bellini zeigte indes kein sonderlich großes Interesse an dem Projekt; die Opernsaison verging, ohne daß er es für nötig befunden hätte, seinen Ernani zu vollenden. Dafür erregte die Anna Bolena, die Donizetti innerhalb weniger Wochen zur Eröffnung des Teatro Carcano fertiggestellt hatte, ein umso größeres Aufsehen.

Es ist die Geschichte der Anna Boleyn, der zweiten Gemahlin Heinrichs VIII. Durch den Glanz der Krone geblendet, war Anna Boleyn seinerzeit die Geliebte des englischen Königs geworden und hatte tatenlos zugesehen, wie er seine Frau hinrichten ließ, um sie auf den Thron zu erheben. Nun erlebt sie, wie sich an ihr das gleiche Schicksal vollzieht: Heinrich VIII. ist ihrer überdrüssig geworden; er hat sich der jugendlichen Hofdame Jane Seymour zugewandt und sucht nun nach Wegen, seine Gemahlin loszuwerden. Anna Boleyn ahnt zwar, das sich etwas zusammenbraut, aber konkrete Anhaltspunkte hat sie nicht, sie weiß nicht einmal, wer ihre Rivalin ist – bis sie der Hofdame Jane Seymour von ihren Ängsten erzählt.

Musik-Nr.: 01 – Alternative 1
Komponist: Gaetano Donizetti
Werk-Titel: Anna Bolena
Auswahl: 2. Akt: Szene Anna Boleyn - Jane Seymour
"Dio che mi vedi in core"
("Himmel, der du weißt, daß ich schuldlos")
<Track __.> 14:15
Interpreten:
Label: Dec (LC ____)
SET 446-9
<Track __.> Gesamt-Zeit: 14:15
Archiv-Nummer: ____
 
Musik-Nr.: 01 – Alternative 2
Komponist: Gaetano Donizetti
Werk-Titel: Anna Bolena
Auswahl: 2. Akt: Szene Anna Boleyn - Jane Seymour
"Dio che mi vedi in core"
("Himmel, der du weißt, daß ich schuldlos")
<Track __.> 9:20
Interpreten:
Label: Dec (LC ____)
SET 446-9
<Track __.> Gesamt-Zeit: 9:20
Archiv-Nummer: ____
Technik: von: Horn-Solo
bis: "Ah Perdono!"

Das Schicksal der Anna Boleyn ist bekannt: Heinrich VIII. bezichtigte sie des Hochverrats und des Ehebruchs und verurteilte sie hÖchstpersönlich zum Tode. Aber auch das Glück der Jane Seymour währte nicht lange: Sie starb wenige Monate später bei der Geburt des Thronerben am Kindbettfieber.

Das romantische 19. Jahrhundert liebte derart düstere dramatische Sujets. Man schwelgte geradezu in Bildern von verfallenen Grabgewölben und geheimen Gängen, man atmete wohlig erschauernd die modrig-kalte Luft unterirdischer Burgverliese – selbst wenn es sich in Wirklichkeit nur um stickige Theaterluft handelte –, und man berauschte sich – wie im Falle der Anna Bolena oder der Gemma di Vergy – an den hemmungslosen Leidenschaften und an der Verworfenheit der Mächtigen vergangener Tage.

Da gibt es zum Beispiel die Ehe des Grafen Vergy mit seiner Gattin Gemma, die bislang kinderlos geblieben ist und deshalb aufgelöst werden soll. Gemma wird vor die vollendete Tatsache gestellt, daß die neue Braut schon bestimmt sei und sie selber sich nun in die Obhut eines Klosters zu begeben habe. Verzweifelt bäumt Gemma sich gegen diesen Akt der Willkür auf: Sie fleht um Mitleid, bedroht ihre Nebenbuhlerin mit dem Dolch und will schließlich Selbstmord begehen. Zu allem Überfluß gibt es da noch den Sklaven Tamas, der in Gemma verliebt ist und der, um die Schmach seiner Herrin zu rächen, den Grafen Vergy vor dem TrauAltar erdolcht. Das hat Gemma nicht gewollt. In höchster Erregung beteuert sie, daß sie an der Bluttat unschuldig sei, und verflucht den liebestollen Tamas, der sich daraufhin das Leben nimmt.

Musik-Nr.: 02 – Alternative 1
Komponist: Gaetano Donizetti
Werk-Titel: Gemma di Vergy
Auswahl: 2. Akt: Szene der Gemma und Finale <Track __.> 16:10
Interpreten: Montserrat Caballé (Gemma di Vergy)
Luis Lima (Tamas)
Opera Orchestra New York
Ltg.: Eve Queler
Label: ____ (LC ____)
____
<Track __.> Gesamt-Zeit: 16:10
Archiv-Nummer: ____
 
Musik-Nr.: 02 – Alternative 2
Komponist: Gaetano Donizetti
Werk-Titel: Gemma di Vergy
Auswahl: 2. Akt: Szene der Gemma und Finale <Track __.> 11:10
Interpreten: Montserrat Caballé (Gemma di Vergy)
Luis Lima (Tamas)
Opera Orchestra New York
Ltg.: Eve Queler
Label: ____ (LC ____)
____
<Track __.> Gesamt-Zeit: 11:10
Archiv-Nummer: ____
Technik: einblenden bei 4:55 (Beginn Flötensolo nach Tutti-Akkord)

Man hat bisweilen den Eindruck, als sei für Donizetti der Adel die Inkarnation alles Bösen Mord und Totschag, menschenverachtende Unterdrückung, unheilvolle Leidenschaften, die regelmäßig ihren Blutzoll fordern – wie sollen in einem solchen Milieu die Söhne und Töchter geraten, selbst wenn sie bessere Veranlagungen besitzen als ihre Eltern. Selbst der Edelmütige kann diesem Sumpf aus Intrigen und Haß nicht entfliehen. Das Aufbegehren gegen das unheilvolle elterliche Erbe endet meist mit dem Tod.

Mit einem Desaster endet denn auch die Geschichte des Herzogs Alba, der im Auftrag des spanischen Königs in Flandern für Ordnung sorgen sollte und dort eine Schreckensherrschaft errichtet hat. Ein einziger menschlicher Zug ist diesem Menschen geblieben: die Liebe zu seinem Sohn Marcello; doch der empfindet für den Vater nur Verachtung und hat sich deshalb den flandrischen Widerstandskämpfern angeschlossen. Die Konflikte bleiben nicht aus: Als Marcello von seiner Geliebten Amalia den Auftrag erhält, den verhaßten Tyrannen zu ermorden, muß er ihr gestehen, daß er der Sohn des Herzogs ist und bei allem Haß nicht die Hand gegen seinen Vater erheben kann. Damit ist die Freundschaft beendet – die Politik siegt über die Liebe.

Unmittelbar vor der endgültigen Abreise Albas aus Flandern stürzt Amalia aus der Menge und will den Herzog niederstechen. In diesem Augenblick wirft sich Marcello schützend zwischen die beiden und wird tödlich verletzt. Herzog Alba wird nach Spanien zurückkehren – als einsamer und gebrochener Mann zwar, aber doch mit dem Gefühl von seinem Sohn geliebt worden zu sein.

Hören Sie nun die Romanze des Marcello aus dem 4. Akt, in der er ahnt, daß sein Glück mit der angebeteten Amalia nicht mehr von langer Dauer sein wird. Es singt José Carreras in einer Aufnahme mit dem Royal Philharmonic Orchestra unter der Leitung von Roberto Benzi.

Musik-Nr.: 03
Komponist: Gaetano Donizetti
Werk-Titel: Il duca d'Alba
Auswahl: 4. Akt: Szene und Romanze des Marcello <Track __.> 4:15
Interpreten: José Carreras (Marcello)
Royal Philharmonic Orchestra
Ltg.: Roberto Benzi
Label: ____ (LC ____)
____
<Track __.> Gesamt-Zeit: 4:15
Archiv-Nummer: ____

Bleiben wir auch zum Schluß bei den Geschichten von "Sex and Crime". Mancher opernbegeisterte Psychoanalytiker ist der Ansicht, Donizetti habe mit diesen Werken sein eigenes Leben aufarbeiten wollen; die Opern seien gleichsam versteckte Autobiographien, hinter denen die krankhafte Psyche des Komponisten zum Vorschein komme. Die Vermutung liegt umso näher, als Donizetti sich schon in frühen Jahren mit der Syphilis infizierte und wenige Jahre darauf sich die ersten Anzeichen einer Geisteskrankheit bemerkbar machten.

Aber soll man wirklich soweit gehen, die Kunst Donzettis aus einer krankhaften Veranlagung zu erklären; als sei die Entstehung des #Herzog Alba# allein einem Schuldkomplex zuzuschreiben: Daß Donizetti hiermit vor aller Welt habe Abbitte leisten wollen, weil er seinen Eltern lange Zeit keine Unterstützung hatte zukommen lassen? – Beenden wir diese Spekulationen, auf die es eh' keine Antwort gibt!

Hören Sie zum Abschluß die Arie der Rosmonda aus der Oper Rosmonda d'Inghilterra. Auch Rosmonda, die heimliche Geliebte des englischen Königs Heinrichs II., wird das Ende der Oper nicht mehr erleben. Nachdem die Königin das Liebesverhältnis aufgedeckt hat und nun um die Krone und ihr Leben fürchten muß, ersticht sie Rosmonda vor den Augen ihres Gemahls. Die Story erinnert an die der Anna Boleyn – nur, daß diesmal nicht die Königin verliert.

Musik-Nr.: 04
Komponist: Gaetano Donizetti
Werk-Titel: Rosmonda d'Inghilterra
Auswahl: Arie der Rosmonda <Track __.> 9:20
Interpreten: Joan Sutherland (Rosmonda)
Orchestra dell'Accademia di Santa Cecilia, Rom
Ltg.: John Pritchard
Label: ____ (LC ____)
____
<Track __.> Gesamt-Zeit: 9:20
Archiv-Nummer: ____