Home | Impressum
KölnKlavier · Themen
Inhaltsverzeichnis Manuskriptsammlung

Antonin Dvorak: Sinfonien Nr. 6-8

Dieser Beitrag ist entstanden als Booklet-Text für die CD-Produktion
Antonin Dvorak: Sinfonien Nr. 6-8
(Staatskapelle Berlin; Ltg.: Otmar Suitner).
Berlin Classics (LC 6203) 9296/9311-2. Prod. 1986, © 1994

Sinfonie Nr. 6 in D-Dur, op. 60

Als Antonin Dvorak im Herbst 1880 auf Anregung des Dirigenten Hans Richter mit der Komposition seiner sechsten Sinfonie begann, war die Zeit der Kämpfe um Anerkennung und finanzielle Sicherheit gerade erst vorüber. Johannes Brahms und der Wiener Kritikerpapst Eduard Hanslick hatten ihm zu einem Stipendium des österreichischen Staates verholfen, und spätestens seit seinen Slawischen Tänzen und Rhapsodien war auch das breitere Konzertpublikum auf den Komponisten aufmerksam geworden. Wie unbeschwert und sorgenfrei Dvorak sich damals fühlte, zeigt sich allein schon daran, daß er nur drei Wochen für die Arbeit an der D-Dur-Sinfonie benötigte. Die geplante Uraufführung mit den Wiener Philharmonikern geriet jedoch zu einem politischen Eklat. Nach einer ersten Durchspielprobe bekundeten etliche Orchestermitglieder, daß es aus patriotischen Gründen nicht angebracht sei, Werke eines tschechischen Komponisten aufzuführen. Der Grund: Wenige Monate zuvor war zwischen der tschechischen und böhmischen Bevölkerung der alte Sprachenstreit wieder aufgeflammt - mit einer solchen Heftigkeit, daß selbst die Musikwelt in Wien davon in Mitleidenschaft gezogen wurde.

Die anfängliche Ablehnung durch die Wiener Philharmoniker sollte der Popularität des Werks keinen Abbruch tun. Nach ihrer Uraufführung in Prag und weiteren Aufführungen in England wurde die Sinfonie auch in Deutschland und Österreich bald schon zu einem "Favoritwerk" des Publikums. Die slawisch-folkloristische Einfärbung des thematischen Materials läßt die Musik eingängig und gefällig erscheinen. Der dritte Satz etwa hat den Charakter eines Furiant, eines böhmischen Bauerntanzes, der seine dynamische Kraft aus dem Nebeneinander von zwei- und dreizeitigen Rhythmen gewinnt. Aber was auf den ersten Blick so volkstümlich und schlicht daherkommt, ist in Wirklichkeit Ergebnis einer höchst komplexen und kunstvollen Durcharbeitung: Der folkloristische Tonfall ist (wie bei allen Werken Dvoraks) stilisiert. Dvorak hat die Melodien nicht der Volksmusik entlehnt, sondern sie sind seine originäre Schöpfungen. Unter diesem melodischen Ohrenkitzel verbirgt sich dann eine strenge formale Organisation und subtile Themenverarbeitung, deren Vorbild - nämlich Brahms' 2. Sinfonie - unverkennbar ist.

Sinfonie Nr. 7 in d-moll, op. 70

Im Dezember 1884 schrieb Dvorak an seinen Freund Antonín Rus:

"Ich bin jetzt mit der neuen Sinfonie beschäftigt (für London), und wohin ich auch gehe, ich habe keinen Gedanken für etwas anderes als meine Arbeit, die die Welt bewegen muß - nun, gebe Gott, daß es so sein wird."

Die "neue Sinfone" war ein Auftragswerk der Philharmonic Society in London, die Dvorak 1884 zu ihrem Ehrenmitglied ernannt hatte. Die Tonart (d-moll), die inhaltliche und formale Größe, aber auch das dramatische Pathos verweisen auf ein anderes Werk, das auf Anregung der Londoner Philharmonischen Gesellschaft entstanden war: Beethovens 9. Sinfonie.

Daß Dvorak um diesen Sachverhalt wußte, ist wahrscheinlich. An den Verleger Simrock schrieb er im Februar 1885:

"Die neue Sinfonie beschäftigt mich schon lange, lange Zeit, aber es soll etwas ordentliches kommen, denn ich will die Brahmsschen Worte mir gegenüber – 'Ich denke mir Ihre Sinfonie noch ganz anders als die vorige' - nicht Lügen strafen."

Es scheint, als habe er mit einem Male seinem melodischen Naturell mißtraut: In Dvoraks d-moll-Sinfonie ist nichts mehr zu spüren von jenem Folklorismus, der doch sonst in seinen Kompositionen jener Zeit vorherrschte. Der erste Satz beginnt in bohrender Hartnäckigkeit. Das beklemmende Beharren des tiefen d in den Kontrabässen und Pauken kündigt eine herannahende Katastrophe an. Die Unruhe wächst und verdichtet sich zu einem dramatischen Ausbruch. Nach einem vermeintlich siegreichen Triumph der Trompeten und Hörner stürzt die Musik in wieder in die tiefen Regionen des Beginns, um schließlich resigniert zu verstummen. Nach der Härte und Strenge des Allegro maestoso bringt der zweite Satz eine Wandlung zu Zuflucht und Ruhe. Die thematischen Gedanken werden in seelenvoller Bewegung ausgesponnen, gleichsam als "vertraulich leidenschaftliches Bekenntnis einer Seele, die in Sehnsucht nach Erlösung aus quälenden Zweifeln erglüht und, jeder Maske bar, ihr Leid und ihren Kummer verströmt." (O. Sourek). Nach dem dritten Satz, einem pastoral anmutenden Scherzo mit gelegentlichen melancholischen Eintrübungen strebt das marschmäßige Finale entschlossen dem Ende entgegen.

Sinfonie Nr. 8 in G-Dur, op. 88

Im Herbst 1889 schrieb Antonin Dvorák aus seinem Landhaus in Vysocká im südlichen Böhmen, er

"arbeite an einer Sinfonie, die anders werden wird als alle, die ich bisher geschrieben habe. Es finden sich dort ganz individuelle, in neuer Weise ausgearbeitete Gedanken. Ich habe den Kopf voller Ideen. Wenn der Mensch das nur gleich aufschreiben könnte! Das Komponieren geht über Erwartung leicht, und die Melodien fliegen mir nur so zu ..."

In der Tat beschritt Dvorák mit seiner achten Sinfonie, auf die er hier anspielt wird, neue Wege. Bislang hatte er sich an seinem Vorbild Johannes Brahms orientiert und an dessen klar strukturiertem klassischen Formenkanon. Mit einem Male aber scheint er all dies über Bord werfen zu wollen. Das Schema der klassischen Sonatensatzform wird sehr frei gehandhabt; in den Vordergrund tritt statt dessen das melodische Element mit seinem folkloristisch getönten Material, wobei Dvorák es (ähnlich wie Schubert) verstand, die Formen, Farben und das Flair der böhmischen Volksmusik einzufangen, ohne sich dabei aus ihren Quellen bedienen zu müssen.

Der volkstümlich-pastorale Charakter der achten Sinfonie ist unüberhörbar, und es war wohl nicht zuletzt die geliebte "Sommerresidenz" Vysocká, ein alter Schafstall, den Dvorák für wenig Geld erworben und zum Refugium ausgebaut hatte und der für den Komponisten in den folgenden Jahren zum Quell künstlerischer Inspiration wurde. Ausführlich beschrieb er in seinen Briefen die Eindrücke und Empfindungen, die er von seinen Spaziergängen durch die Natur nach Hause brachte, und auch die Klänge der achten Sinfonie atmen Blütenpracht, Sommerschwüle und beschauliches Landleben.

Melancholisch verhangen hebt der erste Satz an: In düsterem g-moll intonieren Celli und Bläser eine trauermarschähnliche Melodie, die sich erst nach einigen Takten aufhellt, wenn die Flöte mit einem "Wachtelschlag"-Motiv einsetzt. Von nun an strömen die musikalischen Einfälle in einer solchen Überfülle dahin, daß man unweigerlich an Brahms' Äußerung über Dvorák erinnert wird, "aus seinen musikalischen Abfällen könnte sich jeder andere Komponist die Hauptthemen zusammenklauben." Zweimal allerdings greift Dvorák den Trauermarsch wieder auf. Gleichsam als gliederndes Gerüst erklingt er an den Nahtstellen zwischen Exposition, Durchführung und Reprise.

Besticht der erste Satz durch seine Opulenz an Einfällen, so beweist Dvorák im zweiten Satz, wie sich auch aus der thematischen Reduktion, aus einem kurzen Eröffnungsmotiv, das die Bezeichnung "Thema" oder "Phrase" nicht verdient, ein spannungsreicher Adagio-Satz gestalten läßt. Der dritte Satz mit seiner elegischen Holzbläserfärbung wird nicht zu Unrecht mit dem Walzer-Intermezzo aus Tschaikowskys fünfter Sinfonie verglichen: Ein halbes Jahr zuvor hatte Tschaikowsky in Prag mehrere Konzerte gegeben, und Dvorák hatte Freundschaft mit dem Komponisten geschlossen. Der Dvoráksche Walzer ist sicherlich als Reminiszenz an Tschaikowsky zu verstehen, ohne daß sich daraus eine tiefergehende stilistische Beeinflussung ableiten läßt. Im Schlußsatz dann verbindet Dvorák das Prinzip der Sonatensatzform mit einem Variationensatz. Nach einer Bläserfanfare stellt das Cello das Thema vor; es folgen vier motorisch angelegte Variationen sowie ein ausladender Mittelteil, der den Charakter einer Sonatendurchführung trägt. Gleichsam als Reprise wird dann der Variationenzyklus mit orchestraler Geste fortgesetzt und zu Ende geführt.

Als Dvorák die Sinfonie am 2. Februar 1890 in Prag uraufführte, waren die Reaktionen zwiespältig. Während die fortschrittlich eingestellten Zeitgenossen Dvoráks gestalterische Freiheit lobten, hielten die Brahms-Anhänger das Werk für einen Rückschritt in Dvoráks Schaffen. Gewidmet ist die Sinfonie der Tschechischen Kaiser-Franz-Joseph-Akademie, in die Dvorák im April 1890 aufgenommen wurde. Was ihn jedoch nicht daran hinderte, das Werk ein Jahr später der Universität Cambridge anstelle einer Vorlesung als Exercise (Studie) anzubieten, als ihm im Juni 1891 die Ehrendoktorwürde verliehen wurde. Enttäuschend verliefen aber in den folgenden Monaten die Verhandlungen mit dem Musikalienverleger Fritz Simrock. Simrock bot für die Sinfonie den Spottpreis von 1.000 Mark (ein Bruchteil dessen, was er für ein Brahms-Sinfonie bereit war zu zahlen) und verlangte als Draufgabe zudem eine Reihe von Klavierstücken nach Art der Slawischen Tänze, weil sich an den Orchesterwerken angeblich nichts verdienen ließe:

"Wenn ich mit Ihren Sinfonien nur so viel Geld machte, daß ich meine enormen Kosten herausbekäme!! Das ist aber nicht im entferntesten der Fall! und Tausende sind dafür ausgegeben. [...] Was nutzt mich das, wenn ich an einem Werk Geld verdiene und es an vier anderen wieder einbüße? Dann kann ich mein Geschäft nicht führen! ..."

Worauf Dvorák empört antwortete:

"Für Tausend Mark kann ich Ihnen absolut ein so umfangreiches Werk, an dem ich drei Monate gearbeitet habe, nicht überlassen, und die Folge davon ist, wenn Sie für meine großen Werke keinen Absatz sehen, daß ich von nun an in die Lage versetzt bin, einen anderen Verleger zu suchen. Keine angenehme Sache, aber was bleibt mir übrig!"

Den anderen Verleger fand Dvorák schließlich in dem Londoner Musikalienhändler Novello (weswegen die Achte gelegentlich auch als Englische Sinfonie bezeichnet wird), der - wie sich zum Leidwesen Simrocks herausstellte – mit dem Absatz von Dvoráks Sinfonie nicht nur keine Schwierigkeiten hatte, sondern sogar gute Gewinne erzielte.