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Manuel de Falla:
Nächte in spanischen Gärten / Der Dreispitz

Dieser Beitrag ist entstanden als Booklet-Text für die CD-Produktion
M. de Falla: El sombrero de tres picos; Noches en los jardines de Espana
(Academy of St. Martin-in-the-fields; Ltg.: Sir Neville Marriner).
EMI Classics (LC 6646) 555 049-2. Prod. 1992/93, © 1994

Nächte in spanischen Gärten

Der Prophet gilt nichts im eigenen Land – oder doch zumindest erst, wenn er wieder aus der Fremde zurückgekehrt ist. Wie Manuel de Falla es einmal formulierte:

Gäbe es Paris nicht, so wäre ich in Spanien geblieben, hätte dort in Vergessenheit ein dunkles Dasein geführt und mir mit Stundengeben einen armseligen Lebensunterhalt verdient. Die Auszeichnungen des Konservatoriums von Madrid hätte ich als Familienandenken an die Wand hängen können und meine Partituren wären in einem Schubfach verstaubt.

Und nachdem er 1915 die Pantomime Der Coregidor und die Müllerin komponiert hatte, klagte er seinem Freund Antonio Torrandell:

In Spanien etwas zu veröffentlichen, ist schlimmer, als gar nichts zu veröffentlichen; man könnte die Musik genausogut in einen Brunnen werfen.

1876 in Cadiz in Andalusien geboren, zeigte Manuel de Falla schon früh seine musikalische Begabung. Aber weder die Klavierwettbewerbe, die er in jungen Jahren gewann, noch seine Oper La vida breve, für die de Falla 1905 beim Kompositionswettbewerb in Madrid den ersten Preis erhielt, verhalfen ihm zu der gewünschten Anerkennung. Zwei Jahre lang bemühte er sich um eine Aufführung seiner Oper, dann reiste er nach Paris, dem künstlerischen Zentrum des Impressionismus:

In Paris habe ich sieben unvergeßliche Jahre verbracht. Debussy, Ravel, Florent Schmitt und Dukas waren dort meine besten Freunde. Besonders Dukas trieb mich zum Komponieren an und machte meine Werke in Paris bekannt. In jener Zeit habe ich auch meine Nächte in spanischen Gärten geschrieben. Ich war so fern von meiner Heimat, daß ich die Nächte vielleicht noch schöner malte, als sie in Wirklichkeit sind. Das liegt an Paris ...

Die Nächte in spanischen Gärten sind eine Liebeserklärung an Andalusien. Der erste Satz En el Generalife (Im Generalife) malt ein Bild der bei Granada gelegenen Sommerresidenz der maurischen Könige, wobei de Falla, wie er später zugegeben hat, zum Zeitpunkt der Komposition diesen Ort noch nie besucht hatte und er sich nur von Gedichten und Bildern habe inspirieren lassen. Und dennoch: Wie er die andalusischen Themen mit arabischem Musikgut mischt und das Ganze in einen impressionistischen Orchesterklang hüllt, meint man vor seinen Augen das alte Schloß zu sehen, das Mondlicht über den Gärten und Palästen von Generalife, die Dächer der Moscheen und Hütten.

Im zweiten Satz Danza lejana (Ferner Tanz) erinnert das Pizzicato der tiefen Streicher an Gitarrenklänge und Zigeunertänze, während im fernen, verhangenen Klang der Melodien ein melancholischer Grundzug durchschimmert.

Der dritte Satz En los jardines de la Sierra de Córdoba (In den Gärten des Berglands von Córdoba) mündet schließlich in einem wirbelnden Tanz, der sich als andalusischer Polo oder zigeunerischer Sambra identifizieren läßt. Über die musikalischen Quellen und eine detaillierte Ausdeutung der Überschriften hat de Falla sich in Schweigen gehüllt. Die Nächte in spanischen Gärten sind in der Partitur als sinfonische Impressionen bezeichnet, und im Programmheft zur Uraufführung 1916 in Madrid schrieb de Falla:

Wenn der Komponist dieser symphonischen Impressionen für Klavier und Orchester sein selbstgestecktes Ziel erreicht hat, müßte allein die Aufzählung der Titel als Anleitung für den Zuhörer ausreichen.

Konzipiert waren die Nächte ursprünglich als Nocturnes für Soloklavier. Die Idee, das musikalische Material zu einem sinfonischen Werk auszuweiten, stammte von dem Pianisten Ricardo Viñes und dem Komponisten Isaac Albéniz. Die äußerliche Gestalt ist die eines dreisätzigen Klavierkonzerts, wobei das Klavier trotz aller technischen Anforderungen und der brillanten Passagen nicht die Funktion eines eigenständigen Soloinstruments übernimmt, sondern als Teil des Orchesterapparats in den sinfonischen Klang eingewoben wird.

Der Dreispitz

Anders als Bizet oder seine Landsleute Albéniz und Granados erlag Manuel de Falla nie der Versuchung, ins musikalisch Triviale abzugleiten und eingänge spanische "Postkarten-Folklore" zu komponieren. Seine Vorbilder waren die distanziert-stilisierten Spanien-Impressionen von Debussy und Ravel; und erst, nachdem er eingehend die altspanischen Musikdenkmäler studiert hatte, unternahm er es, volksmusikalische Impulse – Tanzrhythmen, melodische Wendungen und instrumentale Färbungen – in seine Musik zu integrieren.

Nach Spanien zurückgekehrt, komponierte de Falla in den Jahren zwischen 1915 und 1917 die musikalische Pantomime Der Coregidor und die Müllerin nach einer Novelle des Dichters Pedro Antonio de Alarcón, die wiederum auf einem alten volkstümlichen Schwank basiert. Ursprünglich hatte de Falla das Stück als Oper konzipiert, aber da der Dichter Alarcón in seinem Testament eine Opernbearbeitung ausdrücklich untersagt hatte, mußte der Komponist auf das Genre der Pantomime ausweichen. Als der russische Ballett-Impressario Sergej Diaghilew das Stück sah, signalisierte er Interesse an einer Adaption für die Auftritte der Ballets Russes. De Falla überarbeitete den Orchestersatz, wobei er nun die Betonung auf den rhythmisch-tänzerischen Charakter der Musik legte.

Unter dem Titel El sombrero de tres picos (Der Dreispitz) erlebte das Ballett 1919 im Londoner Alhambra Theatre seine Uraufführung; das künstlerische Aufgebot war beeindruckend: Die Choreographie hatte Léonide Massine geschaffen, der zusammen mit Tamara Karsawina auch die Titelrollen tanzte, die Dekorationen und Kostüme stammten von einem jungen spanischen Künstler namens Pablo Picasso, und am Dirigentenpult stand Ernest Ansermet.

Die Handlung:

Introduktion
Es erschallt ein fröhliches Lärmen mit Pauken, Trompeten und Kastagnetten. In die "Olé"-Rufe der Tänzer mischt sich die Stimme einer Tänzerin: "Junge Ehefrau, verriegele deine Haustür. Denn selbst wenn der Teufel im Augenblick gerade schlafen mag – er wacht auf, wenn du es am wenigsten erwartest."

1. Bild
Am Nachmittag. In einem kleinen spanischen Dorf leben glücklich und zufrieden ein Müller und seine schöne Frau. Die Idylle wird getrübt durch die Ankunft des Coregidors, des Provinzgouverneurs (der als Zeichen seiner Autorität einen Hut mit drei Spitzen trägt): Als der Coregidor der Müllerin den Hof macht, erweckt sie in einem Fandango zunächst den Anschein, als ob sie sich auf die Buhlerei einläßt. Sie neckt den Coregidor mit einer Handvoll Trauben, die dieser zu erhaschen sucht in der Hoffnung, gleichzeitig einen Kuß von der Müllerin zu erlangen. Als der Coregidor auf den Trauben ausrutscht und der Müller ihm noch mit betonter Höflichkeit seine Hilfe anbietet, erkennt der Coregidor, daß man ihn zum Gespött der Dorfbewohner gemacht hat.

2. Bild (nachts)
Zur Feier der Johannisnacht haben sich in der Mühle Freunde und Nachbarn versammelt. Sie tanzen und machen sich über den Coregidor und seine Liebeswerbung lustig.
Während der Müller zur Unterhaltung der Gäste eine Farrucca tanzt, klopft das Schicksal an die Pforte (Zitat aus Beethovens Fünfter Sinfonie): Die Soldaten des Coregidors verhaften den Müller. Im allgemeinen Tümmel gelingt es ihm aber zu entkommen.
Des Nachts macht der Coregidor der Müllerin weiterhin den Hof. Auf der Terrasse tanzt er für sie ein Menuett, wird aber von der Müllerin in den Teich gestoßen. Der Coregidor kann sich ans Ufer retten, hängt seine Kleider zum Trocknen auf und zieht ein Nachthemd an, das er im Haus des Müllers findet. Mißverständnisse sind die Folge: Der Coregidor wird für den Müller gehalten und von seinen eigenen Leuten verhaftet. Als der Müller nach Hause kommt, glaubt er sich von seiner Frau betrogen.
Die Mißverständnisse klären sich auf. In einer Revolte verjagen die Dorfbewohner den verhaßten Coregidor samt seinen Soldaten und tanzen eine ausgedehnte Jota.