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Girolamo Frescobaldi

Dieser Beitrag ist entstanden als Sendemanuskript
für den Süddeutschen Rundfunk, Stuttgart
(Sendung: Alte Musik kommentiert, 2.3.1993)

Musik-Nr.: 01
Komponist: Girolamo Frescobaldi
Werk-Titel: Toccate e partite d'intavolatura di cimbalo, libro primo (Rom 1615)
Auswahl: Toccata Nr. 6 (Anfang) <Track 6.> 1:30
Interpreten: xx
Label: FSM Tactus (LC ____)
5806 0701
<Track 6.> Gesamt-Zeit: 1:30
Technik: MUSIK ausblenden bei 1:30

"Kunstfertig und mit einer unglaublichen Beweglichkeit der Hand berührte Frescobaldi die Tasten, daß er alle, die ihn hörten, in Bewunderung und Erstaunen versetzte. Selbst die alten und berühmtesten Organisten waren erstaunt, und nicht wenige von ihnen erfaßte der Neid. Die geistvollen Toccaten spielte er sogar mit verkehrter Hand, d.h. mit der Handfläche nach oben - so beweglich, geschickt und flink waren seine Finger. Vor allem aber studiere man seine gedruckten Werke an, und jeder Kundige wird sagen, daß Girolamo Frescobaldi aus Ferrara seinesgleichen nicht finden wird und von keinem noch so berühmten Musiker übertroffen werden kann."

So überschwenglich äußerte sich 1674 der Musikgelehrte Antonio Libanori ober den ehemaligen Organisten von St. Peter in Rom. Damals war Frescobaldi schon vierzig Jahre tot. Aber auch schon zu Lebzeiten galt er als einer der ganz großen Orgelspieler und Komponisten. Der Florentiner Musiker Severino Bonini schrieb um 1640:

"Der berühmte Girolamo Frescobaldi hat besonders im Cembalo- und Orgelspiel vor Jahren schon eine neue Manier entdeckt, welche - wie jeder weiß - mittlerweile von der ganzen Welt als einzig musikalische angesehen wird; wer heute nicht nach seinem Stil spielt, hat als Musiker jede Achtung verloren."

Und heute? Der Name Frescobaldi taucht allenfalls noch in den Musikgeschichtsbüchern auf, aber im Konzertleben sind seine Kompositionen kaum noch anzutreffen. Wie sollten sie auch? Nicht nur, daß Frescobaldi vorwiegend für die damaligen Tasteninstrumente geschrieben hat, für das ein-manualige italienische Cembalo und die pedallose Orgel - Instrumente, die beide recht schwach im Ton sind und deswegen für große Konzertsäle ungeeignet; das ungewohnt Fremde von Frescobaldis Musik liegt vor allem auch darin, daß sie von einer anderen harmonischen Klangvorstellung ausgeht - von jener damals gebräuchlichen "mitteltönigen Stimmung", die mit dem "wohltemperierten" System der heutigen Instrumente wenig gemein hat und in unseren Ohren leicht "falsch" klingt.

Musik-Nr.: 02
Komponist: Girolamo Frescobaldi
Werk-Titel: Fiori musicali di diverse composizione (Venedig 1535),
Missa degli apostoli
Auswahl: Recercar cromatico post il Credo <CD 2, Tr. 2.> 5:35
Interpreten: xx
Label: IMS Astrée (LC ____)
E 8714
<CD 2, Tr. 2.> Gesamt-Zeit: 5:35

So fremd und ungeordnet Frescobaldis Kompositionen in unseren Ohren zunächst klingen mögen, so sind sie doch in ihrem freizügigen Umgang mit harmonischen Wendungen und in ihrer formaler Gestaltung so modern wie kaum eine andere Musik aus jener Zeit. In manchen seiner Stücke geht Frescobaldi sogar so weit, daß er dem Interpreten freistellt, wo er das Stück beenden möchte. Im Vorwort zu seinem ersten Buch der Toccaten, das 1615 in Rom erschienen ist, heißt es ausdrücklich:

"Ich war bestrebt, sowohl leichte, zum Studium verwendbare als auch anmutige Stücke zu schreiben, wobei ich die einzelnen Abschnitte derart gestaltet habe, daß der Spieler sie unabhängig voneinander ausführen kann. Sollte der Vortrag eines Stückes vom Anfang bis zum Ende zu mühsam erscheinen, halte ich es für ziemlich angebracht, wenn der Spieler die Abschnitte auswählt, die ihm eher zusagen, und mit einem Abschnitt schließt, der in der entsprechenden Tonart endigt ..."

... ein Hinweis zur Interpretation, der geradewegs einer aleatorischen Komposition des 20. Jahrhunderts entstammen könnte. Aber auch sonst scheute Frescobaldi sich nicht, gegen die strengen Regeln der damaligen Kompositions- und Kontrapunktlehren zu verstoßen. Ähnlich wie sein Zeitgenosse Monteverdi vertrat er die Ansicht, Musik solle vor allem "wahrhaftig" und ausdrucksstark sein.

"Der Ausführende möge seine Spielart, wie es auch bei den modernen Madrigalen üblich ist, nicht streng dem Takt unterwerfen. Denn obwohl manche der Madrigale auf den ersten Blick schwer erscheinen, werden sie dadurch erleichtert, daß man den Takt bald langsam, bald schnell führt oder sogar innehält, je nach ihrem Ausdruck oder dem Sinn der Worte. Deswegen habe ich auch in den Toccaten darauf geachtet, daß sie reich an verschiedenen Abschnitten und Affekten sind. An den Stellen, welchen den üblichen Regeln des Kontrapunkts scheinbar nicht entsprechen, trachte man vor allem, den Charakter dieser Stellen, die vom Komponisten beabsichtigte Klangwirkung und die gewünschte Art des Vortrags herauszufinden. Es bleibt allein dem guten Geschmack und dem feinen Urteil des Spielers sei es überlassen, das richtige Tempo zu treffen, das dem Geist dieser Satz- und Spielart am besten entspricht."

Musik-Nr.: 03
Komponist: Girolamo Frescobaldi
Werk-Titel: Toccate e partite d'intavolatura di cimbalo, libro primo (Rom 1615)
Auswahl: Toccata Nr. 11 <CD 2, Tr. 3.> 8:40
Interpreten: xx
Label: FSM Tactus (LC ____)
5806 0780
<CD 2, Tr. 3.> Gesamt-Zeit: 8:40

Frescobaldis freizügige Art zu komponieren, wurde zwar allenthalben in Europa gepriesen, aber es gab ebenso auch Stimmen, denen diese Musik ein solches Greuel war. Wer derart gegen die Regeln des Kontrapunkts verstieß, mußte auch in sonstiger Hinsicht ein kulturloser Barbar sein. Und so streute der Musikgelehrte Giovanni Battista Doni mit sichtlichem Genuß das Gerücht aus:

"Frescobaldi, von dem gesagt wird, daß keiner besser die Orgel spielt, muß doch, wenn er auf ein schwieriges Wort stößt, sofort zu seiner Frau laufen, um sich Sinn und Bedeutung erklären zu lassen. Und von einem solchen Manne, dessen ganzes Können nur in seinen Fingerspitzen steckt, werden es einige sicherlich nicht versäumen zu verkünden, er sei der König der Musiker unseres Jahrhunderts. O unvernünftiges und vulgäres Zeitalter!"

Donis verleumderisches Bonmot wirkt bis in unserer Jahrhundert nach. Noch heute kann man in Musiklexika lesen, daß Frescobaldi mit dem Lesen und Schreiben auf Kriegsfuß gestanden habe, obwohl es außer Donis Bemerkung keinen weiteren Beleg für diese Behauptung gibt. Im Gegenteil: Frescobaldis Widmungs-Schreiben und die instruktiven Vorreden zu seinen Musiksammlungen zeigen ihn als einen Komponisten, der sehr wohl mit der Sprache umzugehen verstand.

Sein künstlerischer Werdegang liegt weitgehend im Dunkeln. Im September 1583 wurde er in Ferrara als Sohn eines angesehenen Organisten geboren; wer aber seine Lehrer waren und wer ihn musikalisch prägte, darüber lassen nur Vermutungen anstellen. Immerhin - der Hof des Hauses Este in Ferrara war eines der bedeutenden kulturellen Zentren in Italien: Hier lebten die Dichter Torquato Tasso und Guarini, und an Musikern hatte Alfonso der Zweite unter anderem Gesualdo und Luzzaschi um sich gesammelt, so daß es für einen kunstsinnigen und -interessierten Menschen in jedem Falle genügend Anregungen gab.

Mit vierzehn Jahren dann erhielt Frescobaldi in Ferrara seine erste Anstellung als Organist; wenige Jahre später siedelt er nach Rom über und wird dort von etlichen reichen Gönnern und Mäzenen protegiert. Im Gefolge des Kardinals Bentivoglio reist er 1608 nach Flandern, besucht Brüssel und Antwerpen und veröffentlicht dort seine ersten Kompositionen.

Die nun folgenden Canzonen sind wahrscheinlich jüngeren Datums. Frescobaldi gab sie 1628 in Druck - als einzige Sammlung, in der er die instrumentale Besetzung den Ausführenden freistellt. Von ihrer Struktur her sind diese Stücke Unterhaltungsmusik im besten Sinne: konventionell im Aufbau, aber nichtsdestotrotz gehaltvoll in ihrer musikalischen Substanz.

Musik-Nr.: 04
Komponist: Girolamo Frescobaldi
Werk-Titel: Il primo libro delle canzoni per sonare di ogni sorte di stromenti (Rom 1628)
Auswahl: Canzona XXI
Canzona II
<Track 11.>
<Track 2.>
2:32
2:31
Interpreten: xx
Label: EMI (LC 0110)
CDC 7 63140 2
<Track 11. & 2.> Gesamt-Zeit: 5:05

Der Formenkanon der Instrumentalmusik, der uns geläufig ist: die Sinfonien, Sonaten und Suiten steckten damals noch in den Anfängen ihrer Entwicklung, und Frescobaldi, dessen Kompositionen eher einer improvisatorischen Haltung entspringen, sah keine Notwendigkeit, sich diesen neuen formalen Zwängen zu unterwerfen. Es scheint, daß ihm vielmehr daran gelegen war, den klanglichen und harmonischen Reichtum der damals im Niedergang begriffenen polyphonen Instrumental-Gattungen auszuloten, die alten Formen der Fantasie, Toccata und Canzone, das Ricercar und Capriccio.

Als Orgelspieler stand Frescobaldi zeitlebens in kirchlichen Diensten, unter anderem war er päpstlicher Organist an St. Peter in Rom und spielte im Dom zu Florenz. Von daher überrascht es, daß seine geistlichen Komposition nur einen geringen Raum einnehmen: zwei vollständige Mess-Vertonungen, eine Handvoll kleinerer geistlicher Vokal-Sätze und drei Orgel-Messen, die er 1635 unter dem Titel "Fiori musicali" veröffentlichte. Diese "Fiori musicali" sind allerdings nicht nur - wie der Titel besagt - eine musikalische Blütenlese, sondern Frescobaldi stellt hier noch einmal (gleichsam in einer Rückschau auf eine untergehende musikalische Epoche) sein ganzes Können unter Beweis.

Im letzten Ricercar der "Missa della Madonna" fügt er überraschenderweise dem Orgelsatz eine fünfte Stimme hinzu mit dem Hinweise, diese Stimme solle man singen, aber nicht mitspielen. Ob Frescobaldi an eine vokale oder auch an eine Ausführung mit Bläsern oder Streichern gedacht hat, ist nicht sicher, wie auch die Einsätze dieser obligaten Stimme sind nicht angegeben sind. In diesem rätselhaften Kontext ist wohl auch das Zitat zu verstehen, daß Frescobaldi diesem Ricercar beigibt. Selbstbewußt setzt Frescobaldi der Komposition eine Zeile aus der Canzone 105 von Francesco Petrarca voran:

"Verstehe mich, wer kann; die Hauptsache, ich verstehe mich!"

Musik-Nr.: 05
Komponist: Girolamo Frescobaldi
Werk-Titel: Fiori musicali di diverse composizione (Venedig 1535),
Missa della Madonna
Auswahl: Toccata avanti il recercar;
Recercar
Toccata per le levatione
<CD 3, Tr. 21.>
<CD 3, Tr. 22.>
<CD 3, Tr. 23.>
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Interpreten: xx
Label: IMS Astrée (LC ____)
E 8714
<CD 3, Tr. 21.22.23.> Gesamt-Zeit: 9:00