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Sofia Gubaidulina – Komponistenportrait

Dieser Beitrag ist entstanden als Sendemanuskript
für die Deutsche Welle, Köln
(Zentraldienst Musik, Sendung: 24.10.1991)

In Abwandlung eines bekannten Sprichworts ist man versucht zu sagen: Der Komponist gilt nichts im eigenen Land - zumal nicht unter einem totalitären Regime. Es war dies lange Zeit auch das Schicksal der sowjetischen Komponistin Sofia Asgatowna. Am 24. Oktober 1931 in Tschistopol (einer kleinen Stadt in der Tatarischen Autonomen Sowjetrepublik am Rande des Uralgebirges) geboren, lernte sie die Unterdrückung von Kunst und Musik ebenso wie wohlwollende Protektion gleichermaßen kennen.

Im Westen hatte man seit den Fünfziger Jahren so gut wie nichts von einer künstlerischen Avantgarde in der Sowjetunion mitbekommen. Exportiert wurden die russische Folklore, ein wenig Propagandistisches und vor allem die großen Pianisten und Geiger mit ihrem klassisch-romantischen Repertoire. Daß es auch andere künstlerische Strömungen gab, davon hatten Eingeweihte allenfalls eine vage Ahnung.

Inwieweit Sofia Gubaidulina unter dieser Isolation gelitten hat? Daß sie von den kompositorischen Entwicklungen in der westlichen Hemisphäre abgeschnitten war, daß sie sich die Prinzipien der seriellen Musik, der Aleatorik und die Möglichkeiten elektronischer Klangerzeugung eigenständig, ohne Anregung von außen erarbeiten mußte: das machte ihr wenig aus. Schwerer wog da schon, daß sie auch ihre eigenen Werke nicht zur Aufführung bringen konnte. Musiker (wie Gidon Kremer oder Tatjana Grindenko), die sich für die Kompositionen von Sofia Gubaidulina einsetzten und sie öffentlich spielen wollten, wurden vom Sowjetischen Komponistenverband immer wieder gemaßregelt.

Was ihr also über viele Jahre hinweg fehlte, war der Bezug zum Konzertalltag, zu dem, was praktisch realisierbar ist. Mit dem Ergebnis, daß ihre Werke äußerst komplex geraten sind, sowohl strukturell als auch spieltechnisch. Hier ein Ausschnitt aus dem Trio für Viola, Flöte und Harfe von 1980 mit Tabea Zimemrmann (Viola), Irena Grafenauer (Flöte) und Maria Graf (Harfe).

Musik-Nr.: 01
Komponist: Sofia Gubaidulina
Werk-Titel: Trio für Viola, Flöte und Harfe
Interpreten: xx
Label: Archiv-Band DLF
1 103 686 0
Gesamt-Zeit: __:__

Es ist keine absolute Musik, was Sofia Gubaidulina schreibt, keine Musik um ihrer selbst willen, sondern in ihren Kompositionen findet sich fast immer etwas, das über das rein Musikalische hinausführt. Die Musik steht immer in einem Bezug zu außermusikalischen Inhalten: Symbole, philosophische, religiöse oder mystische Grundhaltungen und dichterische Texte.

Ihre künstlerische Überzeugung formulierte sie einem Interview einmal so:

"Es ist ein Fehlschluß, wenn Komponisten glauben, allein die kühle, intellektuelle Konstruktion führe schon zu einem künstlerischen Resultat. Solche Musik löst kein wirklich tiefes Erleben beim Hörer aus. Es muß noch etwas darüber hinaus vorhanden sein. Allerdings sind auch diejenigen im Irrtum, die glauben, man brauche einfach nur aufzuschreiben, was einem in den Sinn kommt, was so aus der Feder strömt. Etwas Gutes entsteht nur, wenn es dem Komponisten gelingt, diese beiden Positionen, Intellekt und Gefühl, miteinander zu verbinden. Eine Komposition sollte also unbedingt ihre logische Struktur, einen dramaturgisch gezielten Aufbau haben und zugleich erschüttern. Sie muß der verstandesmäßigen Durchdringung genügen, aber auch die Gefühle des Hörers schonungslos aufwühlen."

Aus dieser Haltung resultiert wohl auch ihre Fähigkeit, mit Klangfarben zu arbeiten. Aber was noch schwerer wiegt: Der gefühlsmäßige Anspruch der Musik wirkt sich auch aus auf die Konstruktionsprinzipien. Obwohl ihre Musik allein aus Inspiration und Spontaneität heraus zu entstehen scheint, ist jedes ihrer Werke konsequent durchstrukturiert, wobei die Kompositionstechnik sich von Werk zu Werk wandelt:

"Ich stelle mir für jedes Werk eine konzeptionell neue Aufgabe und versuche, etwas zu finden, was es in meinen vorherigen Arbeiten noch nicht gegeben hat."

Auf diese Weise entwickelte Sofia Gubaidulina einen vielseitigen Personalstil. Weberns Zwölftonmusik war Richtschnur für ihre strenge kompromißlose Satzweise, von John Cage ließ sie sich später zu Aleatorik und Augenmusik anregen, aus ihrer eigenen Kultur entnahm sie folkloristische Momente, ohne jedoch in einen Folklorismus romantischer Prägung zu verfallen. Hier ein Ausschnitt aus der Hommage a T.S. Eliot für Sopran und Kammerensemble.

Musik-Nr.: 02
Komponist: Sofia Gubaidulina
Werk-Titel: "Hommage a T.S. Eliot"
Interpreten: xx
Label: DGG (LC ____)
427 336-2
<Track __.> Gesamt-Zeit: __:__

Unbeugsam, ohne sich je zu korrumpieren oder den Kotau zu machen vor den ästhetischen Richtlinien des Sowjetischen Komponistenverbands, ist Sofia Gubaidulina bislang durchs Leben gegangen - eine Frau, deren kompromißlose Haltung Vorbild ist für viele junge sowjetische Musiker. Eine Frau, deren Stimme Gewicht hat. Und dennoch (oder gerade deswegen) flieht sie, wenn irgend möglich, die Öffentlichkeit.

Ihre Kindheit beschreibt sie als "grau und uninteressant" - bis zu dem Augenblick, als ein Flügel ins elterliche Haus kam. Für die damals Fünfjährige war es eine "offene Bühne mit Saiten". Aber in Anbetracht des stundenlangen Übens von Tonleitern und Etüden (streng nach der russischen Schule) machte sich bald schom Langeweile und Überdruß breit, und die Faszination an der Musik wäre wohl abgestorben, hätte Sofia Gubaidulina sich nicht ihre eigene Musik geschrieben.

Der Weg als Komponistin war damit (zumindest in Ansätzen) vorgezeichnet. 1959, als sie ihr Musikstudium gerade beendet hatte, wurde ihr am Konservatorium von Kasan eine Stelle als Kompositionslehrerin angeboten. Aber Sofia Gubaidulina lehnte ab; sie fühlte sich für diese Aufgabe zu jung - und ging stattdessen nach Moskau, um ihre Studien fortzusetzen. 1963 ließ sie sich als freischaffende Künstlerin in Moskau nieder und verdiente sich ihr erstes Geld mit Filmmusiken.

Es ist vor allem dem Geiger Gidon Kremer zu verdanken, daß Sofia Gubaidulina auch in der westlichen Hemisphäre einem größeren Publikum bekannt wurde. Seit den 70er Jahren hat Gidon Kremer (trotz vieler Widerstände von Seiten der sowjetischen Kulturbehörden) immer wieder ihre Werke auf seine Konzertprogramme setzen lassen - mit dem Ergebnis, daß Sofia Gubaidulina zwar damals in ihrer Heimat immer noch offiziell totgeschwiegen wurde, gleichzeitig aber zum devisen- und imageträchtigen Export-Artikel avancierte. Mittlerweile ist das politische und kulturelle Klima besser geworden in der Sowjetunion. Und es bleibt zu hoffen, daß dies auch der Verbreitung ihrer Musik nützt. Denn immer noch kennen wir nur einen kleinen Teil ihres Schaffens. - Hier ein Ausschnitt aus dem 1980 entstandenen Offertorium - mit Gidon Kremer (Violine) und dem Boston Symphony Orchestra unter der Leitung von Charles Dutoit.

Musik-Nr.: 03
Komponist: Sofia Gubaidulina
Werk-Titel: Offertorium
Interpreten: xx
Label: DGG (LC ____)
427 336-2
<Track __.> Gesamt-Zeit: __:__