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Georg Friedrich Händel:
Dettinger Te Deum

Dieser Beitrag ist entstanden als Booklet-Text für die CD-Produktion
G.F. Händel: Dettinger Te Deum
- Günther Leib, Bariton
- Solistenvereinigung und Großer Chor des Berliner Rundfunks
- Berliner Rundfunk-Sinfonie-Orchester
- Ltg.: Helmut Koch
Berlin Classics (LC 6203) 93772 Prod. 1969. © 1999.

Am 27. Juni 1743 besiegte die englische Armee, die von König Georg II. höchstpersönlich angeführt wurde, die Franzosen in der Schlacht bei Dettingen am Main. Es war eine der zahlreichen militärischen Auseinandersetzungen im Zuge des Erbfolgekriegs zwischen Preußen und Österreich, der seine Spuren in ganz Europa hinterließ. Während der preußische König Friedrich II. Frankreich als Bündnispartner gewonnen hatte, kämpfte England auf Seiten des Hauses Habsburg und unterstützte die Ansprüche Maria Theresias auf die Thronfolge.

Die Sieg von Dettingen war nicht unbedingt eine strategische Meisterleistung der Engländer, sondern verdankte sich lediglich der Tatsache, daß das französische Heer sich in desolatem Zustand befand und dilettantisch befehligt worden war. Auch war der österreichische Erbfolgekrieg damit nicht zu Ende – er zog sich noch weitere fünf Jahre hin –, aber König Georg II. hatte seiner Alliierten-Pflicht vorerst Genüge getan und konnte mit heiler Haut nach London zurückreisen.

Zwanzig Tage später, am 17. Juli 1743, begann Händel mit der Komposition des sogenannten Dettinger Te Deums. Das Te Deum, auch bekannt als "ambrosianischer Lobgesang", galt traditionsgemäß als die einzig angemessene Art, die Genesung oder Rückkehr eines Herrschers aus der Schlacht zu feiern. (Man erinnere sich an das tragische Schicksal Lullys, der anläßlich der Genesung Ludwigs XIV. von einer Gesäßfurunkel ein neu komponiertes Te Deum aufführte, sich dabei mit dem Tambourstab den Fuß verletzte und wenige Tage später infolge einer Blutvergiftung starb.)

Schrieb Händel das Werk aus eigenem Antrieb? War es eine Auftragsarbeit? Die Quellen geben hierüber keinen Aufschluß. Eine offizielle Siegesfeier in St. Paul's mit entsprechendem Pomp und Zeremoniell, bei der Händels Musik hätte erklingen können (wie im Falle seines Utrechter Te Deums von 1713), gab es jedenfalls nicht und war wohl auch nie geplant. Die Uraufführung fand dann in vergleichsweise bescheidenem Rahmen (aber immerhin in Anwesenheit des gesamten Hofes) am 26. September 1743 in der Königlichen Kapelle von St. James statt.

Die Begeisterung über das Werk war nahezu einstimmig. Nur der Musikgelehrte Charles Burney, der Händel ansonsten sehr zugetan war, bezeichnete den würdevoll-zeremoniellen Gestus der Musik verächtlich als "des Meisters großen Wauwaustil". Immerhin: nachdem Händel schon dreißig Jahre zuvor mit seinem Utrechter Te Deum das traditionelle Purcellsche St. Caecilia Te Deum als offizielle Festmusik abgelöst hatte, etablierte sich nun das Dettinger Te Deum (zusammen mit dem Anthem "The King shall rejoice") als die Große Zeremonialmusik des englischen Hofes.

Händel konnte diesen künstlerischen Erfolg gut gebrauchen. Nachdem er mit seinen diversen Opernunternehmungen letztlich gescheitert war und auch die beiden Oratorien Samson und Messias beim Londoner Publikum keinen sonderlichen Widerhall gefunden hatten (angesichts der europäischen Erbstreitigkeiten seit 1740 und anderer politischer Wirrnisse gab es offensichtlich selbst für die englischen Aristokraten wichtigeres zu erörtern als Händels neueste musikalische Erfindungen), war man nun wieder auf ihn aufmerksam geworden.

Den Schwerpunkt in Händels Schaffen bilden zweifelsohne seine Opern, Oratorien und die konzertierende Instrumentalmusik. Die kirchenmusikalischen Kompositionen hingegen nehmen, was Zahl und Umfang angeht, eine vergleichsweise untergeordnete Stellung ein. Neben den Anthems (nicht-liturgische Kompositionen auf einen biblischen Text in motetten- oder kantatenartiger Anlage) ragt hier vor allem die Gruppe der fünf Te Deum-Vertonungen heraus. Das Utrechter Te Deum von 1713 war Händels erste Komposition in englischer Sprache – geschrieben anläßlich des Friedens von Utrecht, mit dem der Spanische Erbfolgekrieg beendet wurde.

Es folgten in den nächsten Jahren drei kleinere Werke und schließlich, 1743, das Dettinger Te Deum. Dieses nun ist monumentaler, ausgedehnter und klanglich mannigfaltiger als die früheren Werke. In extrovertierter, nach außen gewandter Geste gibt es sich betont repräsentativ und staatstragend-offiziell. Mit Fanfarenklängen, mit Pauken und Trompeten wird das Werk eröffnet; dem Charakter des Ereignisses angemessen wechseln in der Folge festliche Jubelchöre und fromm-erhabene Solopartien einander ab.

Die Ähnlichkeiten zum Messias sind – vor allem in den Chorsätzen – kaum zu überhören, darüber hinaus aber hat der Händel-Forscher Friedrich Chrysander schon Ende des letzten Jahrhunderts festgestellt, daß Händel sich auch recht freigiebig einer älteren Te Deum-Vertonung des Komponisten Francesco Antonio Urio bedient hat, wie ihm später auch wieder das eigene Dettinger Te Deum als musikalischer Steinbuch für sein Oratorium Joseph und seine Brüder diente.