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"Angenehme Laune und unterhaltenden Witz" -
Josef Haydns Klaviersonaten Vol. 2 (Nr. 25-40)

Dieser Beitrag ist entstanden als Booklet-Text für die CD-Produktion
Josef Haydn: Klaviersonaten Vol. 2 (Nr. 25-40)
(Walter Olbertz, Klavier).
Berlin Classics (LC 6203) 9238-2 (3 CDs). Prod. 1976; © 1996.

"Ich war von der Welt abgesondert, niemand in meiner Nähe konnte mich an mir selbst irre machen und quälen, und so mußte ich notwendig original werden."

Bei wohl kaum einem Komponisten fällt es so schwer, die geistigen Wurzeln und musikalischen Vorbilder freizulegen wie bei Joseph Haydn. Man mag die Bach-Söhne bemühen (allen voran Carl Philipp Emanuel Bach), die Mannheimer Schule oder die Wiener Komponisten um die Mitte des 18. Jahrhunderts, die ihrerseits von Italien beeinflußt waren - mit all den verschiedenen stilistischen Entwicklungen war Haydn bestens vertraut. Anfang der fünfziger Jahre hatte er in Wien den Komponisten Nicola Porpora kennengelernt, von dem Haydn

"im Gesange, in der Komposition und in der italienischen Sprache sehr viel profitirte."

Er erwarb Carl Philipp Emanuel Bachs "Versuch über die wahre Art, das Clavier zu spielen", kaum daß der erste Band 1753 im Druck erschienen war. Und als er dessen ausdrucksstarken späten Sonaten kennenlernte,

"da kam ich nicht mehr von meinem Klavier hinweg, bis sie durchgespielt waren, und wer mich genau kennt, der muß finden, daß ich dem Emanuel sehr vieles verdanke, daß ich ihn verstanden und fleißig studirt habe."

Was schließlich die vielzitierte Abgeschiedenheit des Esterházyschen Hofes anbelangt, wo Haydn zwischen 1761 und 1790 als Kapellmeister in fürstlichen Diensten wirkte, so darf man dies nicht allzu wörtlich nehmen. Fürst Nikolaus von Esterházy unterhielt einen regen Kontakt mit der habsburgischen Hauptstadt, und die Wiener Musikalienverleger waren angehalten, die interessantesten sinfonischen und kammermusikalischen Veröffentlichungen auch ins entlegene Esterháza zu expedieren.

In Esterháza komponierte Haydn auch die meisten seiner mehr als fünfzig Klaviersonaten. Wann und in welcher Reihenfolge die Sonaten entstanden, läßt sich in vielen Fällen kaum festmachen; das Datum der Drucklegung gibt jedenfalls nur grobe Anhaltspunkte, da Haydn häufig ältere Kompositionen mit jüngeren Arbeiten kombinierte. Auffällig ist jedoch, wie sich im Laufe der Jahre der Charakter und musikalische Gehalt der Sonaten wandelt. Die Sonaten, die Haydn bis etwa 1773 komponierte, richten sich vorwiegend an die klavierspielenden "Liebhaber" in den Salons der Adligen. Die Werke sind von ihrem Gestus her eher im konventionellen Konversationsstil gehalten und stellen an den Interpreten keine allzugroßen pianistischen Anforderungen. Hierzu gehören auch die beiden Sonaten Nr. 25 und 26, die Haydn seinem Dienstherr, dem Fürsten Esterházy gewidmet hat. So urteilte denn auch der Rezensent der "Allgemeinen Deutschen Bibliothek" 1774 über diese Haydnschen Kompositionen:

"Wir können den Freunden des Klaviers obige Sonaten als sehr angenehme und unterhaltende Stücke empfehlen. Die starke und originelle Laune, die in des Verfassers neuen Quattros und Quintettos herrscht, findet man hier nicht, aber sehr viel angenehme Laune und unterhaltenden Witz."

Und in Ludwig Gerbers "Lexikon der Tonkünstler" von 1790 heißt es über diese Sammlung:

"Diese Solos sind das angenehmste, womit sich ein Klavierliebhaber unterhalten kann."

In einem gänzlich anderen Gewand bieten sich die folgenden Sammlungen aus den Jahren 1776 (Nr. 27-32) und den achtziger Jahren (Nr. 33-39, 40) dar. Hier verschmilzt der Adressatenkreis von "Kennern" und "Liebhabern" immer mehr, bis spätestens seit den Werken ab 1784 der Unterschied zwischen ihnen gänzlich verschwunden ist. Dennoch: Haydns Klaviersonaten überschreiten nie das Maß des manuell Realisierbaren. Haydn war kein Virtuose auf dem Fortepiano, sondern empfand sich selbst als klavierspielender Kapellmeister, und dementsprechend fehlt es seinen Sonaten an bravourösen, pianistisch effektvollen Momenten, wie sie selbst bei Mozart und Beethoven zur Genüge zu finden sind.

Wie sehr Haydns Sonaten aus dem Rahmen des Üblichen fielen und Aufmerksamkeit erregten, zeigt sich an den Reaktionen der Zeitgenossen. In seinem "Magazin der Musik" schreibt Cramer ausführlich über die Sammlung von 1776:

"Diese Sonaten sind in einem andern Geschmack gearbeitet, als die bisherigen dieses berühmten Mannes, sind aber nicht weniger schätzenswerth. In den Variationen herrscht der feinste Geschmack. [...] Der Componist zeigt sich in diesen Variationen, die dem Instrument so angemessen sind, wie ein geschickte und geschmackvolle Sängerin, wenn sie ihre Arie wiederholt. Übrigens sind die Sonaten schwerer in der Ausführung als man anfangs glauben sollte. Sie erfordern höchste Präcision und viel Delicatesse im Vortrag."

Entsprechend nennt denn auch der Hamburger Korrespondent von Cramers "Magazin der Musik" die Sonaten

"sehr artig, aber nach meinem Bedünken zu schwer im Ausdruck."

Über die Sonate Nr. 28 schließlich , die bei dem Wiener Verleger Artaria als op. 66 erschien, heißt es in der "Musikalischen Correspondenz der teutschen Filarmonischen Gesellschaft" von 1792:

"So lange Haydn fortfährt, mit dem Feuer der Einbildungskraft und mit dem Genius der Originalität zu arbeiten, der in seinen bisherigen Tonstücken herrscht, so lange wird man auch jedes Produkt seiner Muse mit Beifall im Publikum aufnahmen, und es ist nicht zu zweifeln, daß auch dieser einzelnen Sonate ein gleiches Glück zu theil werde, da sie in seiner bekannte Schreibart verfaßt ist. Das Adagio cantabile ist ein Muster eines schönen Gesanges."

Die Sonaten Nr. 35-39 bot Haydn im Februar 1780 (zusammen mit der zehn Jahre zuvor entstanden c-moll-Sonate Nr. 20) dem Wiener Musikalienverleger Artaria an:

"Übrigens hoffe ich, mir mit dieser Arbeit wenigstens bey der einsichtsvollen Welt Ehre zu machen; der Critic derselben wird blos von Neydern (deren ich eine Menge habe) betrachtet werden; sollten sie [die Sonaten] einen nutzbaren abgang haben, so wird mich derselbe [der Verleger Artaria] künftig hin durch mehrere Arbeith überzeugen ..."

Um etwaigen Kritikern den Wind aus den Segeln zu nehmen, die ihm vorhalten könnten, ihm sei nichts rechtes eingefallen, bat Haydn den Verleger, folgenden Zusatz auf die Rückseite des Titelblattes zu drucken:

AVVERTISSEMENT
Es sind unter diesen 6 Sonaten zwey einzelne Stücke, in welchen sich etwelche Täcte einerley Idee zeigen: der Verfasser hat dieses um den unterschied der Ausführung mit Vorbedacht gethan.
Dan ganz nätürlich hätte ich stat diesen hundert andere Ideen nehmen könen; damit aber dem ganzen wercke wegen einer vorbedachten kleinigkeit (welche die herrn Criticker, und ganz besonders meine feinde auf der üblen seite nehmen könten) kein Tadel ausgesezt werden kan, derohalben glaube ich dieses avvertissement, oder so etwas dergleichen beyzufügen, indem es sonst dem abgang hinderlich seyn könte.

Gewidmet sind die sechs Sonaten den beiden Damen Franziska und Marianne von Auenbrugger, die in Wien als ausgezeichnete Pianistinnen bekannt waren und deren Klavierspiel Haydn sehr schätzte:

"... Der Beifall deren Freiln v. Auenbrugger ist mir der allerwichtigste, indem ihre spielarth und die Ächte einsicht in die Tonkunst denen grösten Meistern gleichkomt: Beede verdienten durch offentliche Blätter in ganz Europa beckant gemacht zu werden."

Dementsprechend stellen diese Werke an den Ausführenden ganz neue Anforderungen (sieht man einmal von der populären "leichten" C-Dur-Sonate Nr. 35 ab). Bei allen Unterschieden im Charakter und in der formalen Anlage sind die Sonaten vor allem in den Kopfsätze von ihrer Struktur her so formvollendet und ausgewogen, daß jede von ihnen als Inbegriff des Haydnschen Stils und exemplarisch für die Wiener Klassik gelten kann.