Home | Impressum
KölnKlavier · Themen
Inhaltsverzeichnis Manuskriptsammlung

Arthur Honegger (1892-1955): Orchesterwerke

Dieser Text ist entstanden als Beitrag für:
Bibliothek der Meisterwerke
Sinfonien, Konzerte, Ouvertüren.
Köln, Naumann & Göbel, S. 156-159

Einführung
Es war immer mein Wunsch und mein Bemühen, eine Musik zu schreiben, die für die große Masse der Hörer verständlich ist und doch soweit frei von Banalitäten, daß sie auch noch die wirklichen Musikfreund zu fesseln vermag.

Diesem künstlerischen Anspruch ist Arthur Honegger zeitlebens und durch alle Stilwandlungen hindurch treu geblieben. Nachdem seine musikalische Begabung schon in jungen Jahren offensichtlich wurde, studierte er zunächst in Zürich Violine und nahm von 1911 bis 1913 am Pariser Konservatorium Kompositionsunterricht bei Charles Widor und Vincent d'Indy. In Paris lernte er Picasso und Braque kennen, die ihm die Gedankenwelt der damaligen künstlerischen Avantgarde eröffneten; musikalisch schloß er sich der Gruppe der "Nouveaux Jeunes" (der neuen Jungen) um den Komponisten Eric Satie an und bildete 1920 mit Jean Cocteau, Darius Milhaud, Francis Poulenc, George Auric und Germaine Tailleferre die "Groupe des Six".

Seine frühen Kompositionen sind beeinflußt durch den Jazz; in den zwanziger Jahren dann griff er die Ideen der italienischen Futuristen auf und experimentierte mit der musikalischen Darstellung motorischer Abläufe ("Pacific 231", "Rugby"). Die kommerziellen Zwänge des Musikbetriebs, das Aufkommen des Faschismus und die Schrecken des Zweiten Weltkriegs belasteten Honeggers weitere künstlerische Arbeit. Sein angeborener Skeptizismus eskalierte wiederholt in depressiven Phasen, was sich auch im Charakter seiner Sinfonien niederschlägt. 1947 machten sich die ersten Anzeichen einer Herzkrankheit bemerkbar. Obwohl international anerkannt und gefördert, verschloß er sich in den letzten Jahren seines Lebens immer stärker vor der Umwelt.

Pacific 231

"Pacific 231" ist eines von Honeggers frühen Werken (komponiert 1923) und wohl sein populärstes. Der Titel verweist auf eine Lokomotive vom Typ "Pacific" mit der Bezeichnung 231, und auch ohne Honeggers eigene programmatische Erläuterungen wird deutlich, worum es in dieser Musik geht:

Was ich in "Pacific" suchte, ist nicht die Nachahmung der Geräusche einer Lokomotive, sondern die Wiedergabe eines optischen Eindrucks und eines körperlichen Wohlgefühlsdurch ein musikalisches Werk. Es geht von objektiver Anschauung aus: das ruhige Atmen der stillstehenden Maschine, die Anstrengung der Abfahrt, dann das fortschreitende Zunehmen der Geschwindigkeit, das zum gewaltigen Schauspiel des dreihundert Tonnen schweren Zuges führt, der mit 120 km durch die dunkle Nacht rast. Ich habe schon immer eine leidenschaftliche Liebe für Lokomotiven gehabt; für mich sind sie lebende Wesen, und ich liebe sie, wie ein anderer Frauen oder Pferde liebt.

Was bei der Interpretation und den Werkbeschreibungen nur allzuleicht übersehen wird: daß nicht Eisenbahn-Romantik und Maschinen-Fetischismus das Thema ist, sondern daß es vielmehr um das abstrakte Prinzip "Bewegung" geht. Aber Honegger nahm die poetischen Ausmalungen und detaillierten Deutungsversuche in Kauf, um nicht an der Poplarität der Komposition zu rühren. Wie wenig ihm in Wirklichkeit an dem Eisenbahn-Topos lag, ließ er erst 1952, also dreißig Jahre später erkennen, als er den Mythos von der kraftvollen Lokomotive aus der Welt schaffen wollte:

Man soll das Publikum nie betrüben. Eine ganze Reihe von Kritikern haben peinlich genau die sausende Fahrt meiner Lokomotive durch die unendlichen Weiten geschildert, daß es grausam gewesen wäre, sie über ihren Irrtum aufzuklären. In Wirklichkeit bin ich in "Pacific 231" einer sehr abstrakten, reinen Idee gefolgt, durch die ich das Gefühl einer mathematischen Beschleunigung des Rhythmus' geben wollte. Zunächst hatte ich das Stück bloß "Mouvement Symphonique" genannt. Bei näherer Überlegung fand ich diese Überschrift zu farblos, und nur deswegen kam mir die romantische Idee einer Schnellzuglokomotive in den Sinn.
Sinfonien Nr. 1 und 2

Während die erste Sinfonie (1929/30) noch ganz in jenem maschinistisch-massiven Stil gehalten ist, den Honegger mit "Pacific 231" eingeschlagen hatte, so beschreitet er (was die klangliche Seite angeht) in seinen späteren Sinfonien neue Wege. Die zweite Sinfonie für Streichorchester und Solotrompete ad libitum entstand im Kriegswinter 1941. Es war die Zeit, als die deutschen Truppen Paris besetzt hatten und Honegger aus der Stadt fliehen mußte:

Meine einzige genaue Erinnerung ist thermischer Natur. Es war damals sehr kalt, als ich an der Sinfonie arbeitete, und da ich keine Kohle und kein Holz besaß, habe ich die ganze Zeit in meinem Atelier gefroren.

Auch wenn die zweite Sinfonie kein Programm besitzt, so schlägt sich Honeggers hoffnungslose Situation doch in dem düsteren Charakter der Musik nieder. In den ersten beiden Sätzen verdichtet sich das instrumentale Geschehen zunehmend, bis dann im dritten Satz eine Solotrompete einsetzt, die die ersten Geigen mit ihrer Bach-ähnlichen Choralmelodie unterstützt. Die beklemmende Spannung löst sich auf; es ist gleichsam, als leuchte hinter der verzweifelt klagenden Musik ein Hoffnungsschimmer auf. In diesem Sinne ist die Sinfonie als Ausdruck der Befreiung nach dem Zweiten Weltkrieg in Frankreich und Deutschland sehr populär gewesen.

Sinfonie Nr. 3 "Symphonie liturgique"

Die "Symphonie liturgique" entstand 1945 als Reflexion über den soeben zu Ende gegangenen Zweiten Weltkrieg. Honegger selbst hat anläßlich der Uraufführung 1946 in Zürich unter Charles Munch ein ausführliches Programm zum musikalischen Inhalt geschrieben.

Die drei Sätze tragen die Überschriften "Dies irae" (Tag des Zorns) "De profundis clamavi" (Aus der Tiefe rief ich) und "Dona nobis pacem" (Gib uns Frieden). Der erste Satz läßt die Vision des Jüngsten Gerichts erstehen. Ein riesiges Orchesteraufgebot stürzt auf den Hörer ein, das schließlich in einen düsteren Posaunenchoral mündet - eine breitausgesponnene endlose Melodie, die an die Worte der Totenmesse gemahnt: "Aus der Tiefe rief ich Herr zu Dir!" Der Schlußsatz beginnt als gemessener Marsch ("Aufzug der Roboter gegen den zivilisierten Menschen, die Menschenschlange vor der Türe des Kaufladens, die nie enden wollenden unnützen Formulare und Reglementierungen"), der schließlich in ein pastorales Idyll mit Flöten- und Streicherarabesken mündet.

Sinfonie Nr. 4 "Deliciae Basiliensis"
Honegger komponierte seine vierte Sinfonie 1946 als Auftragsarbeit für den Dirigenten Paul Sacher. Es ist eine Huldigung an die Gastfreundschaft, die ihm während des Zweiten Weltkriegs in Basel gewährt wurde. Von daher erklärt sich auch der Titel ("Die Freuden von Basel"). Die Besetzung hat fast kammermusikalische Größe (Holz- und Blechbläser, Klavier, Schlagzeug), und auch der musikalische Charakter der Sinfonie mutet eher an wie ein unterhaltsames Divertimento im Mozartschen Sinne. Im Gegensatz zu allen übrigen Sinfonien Honeggers überwiegen hier die hellen Klangfarben und heiteren melodischen Phrasen. Der zweite Satz basiert auf dem alten Basler Volkslied "Z' Basel a mi'm Rhy", das gegen Ende in seiner ursprünglichen und naiven Form ertönt. Der Schlußsatz zitiert in einer großartig angelegten Steigerung die Marschmelodie des fastnächtlichen "Basler Morgenstraichs". zum Ausklang ertönt nochmals aus der Ferne das Volkslied aus dem zweien Satz, das numehr nur noch "einer kleinen davonfliegenden Staubwolke gleicht."
Sinfonie Nr. 5 "Di tre re"

Die Heiterkeit der vierten Sinfonie blieb Episode. Krankheiten, Weltuntergangs-Ahnungen und Zweifel an der eigenen künstlerischen Kraft überschatteten Honeggers letzte Lebensjahre. 1950 schrieb er an einen Freund:

Ich habe für die Zukunft keine Pläne. Ich werde jedenfalls bestimmt nicht mehr komponieren, da ich kein Bedürfnis mehr dazu verspüre und auch keine Notwendigkeit mehr sehe.

Daß dann trotzdem noch eine weitere Sinfonie entstand, erklärte er später so:

Ich litt unter quälender Schlaflosigkeit. Um meine schwarzen Gedanken zu bannen, schrieb ich sie auf Papierfetzen. Nachdem ich sie miteinander verbunden hatte, bemerkte ich, daß daraus eine Sinfonie wurde; dann habe ich sie orchestriert.

Der Titel der Sinfonie bezieht sich auf das tiefe D (ital. "re") der Solopauke, das gleichsam als Schlußpunkt jeden der drei Sätze beschließt. Es ist ein Werk, dessen geistige Nähe zu Beethovens fünfter Sinfonie unverkennbar ist – mit dem Unterschied, daß Honegger sich nicht zu einer optimistischen Lösung durchringen kann. Allenfalls im letzten Satz vermag man kurzzeitig einen Hoffnungsschimmer zu entdecken, aber auch der wird von den unerbittlichen Orchesterklängen hinweggefegt. Gegen Ende stürzt das Orchester vom Fortissimo ins Pianissimo ab; die brutale Bewegungskraft der Musik ist mit einem Male erschöpft. In nur wenigen Takten zerbröckeln die Motive in einem dämmernden Abgesang.