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Olivier Messiaen: Orchesterwerke

Dieser Text ist entstanden als Beitrag für:
Bibliothek der Meisterwerke
Sinfonien, Konzerte, Ouvertüren.
Köln, Naumann & Göbel, S. 208-211

Einführung

Die Ursprünge von Messiaens mystizistisch-transzendenter Geisteshaltung sind im Elternhaus zu suchen. Die Mutter war Anhängerin der symbolistischen Poesie und hatte sich unter dem Pseudonym Cécile Sauvage als Schriftstellerin einen Namen gemacht. Sein musikalisches Schlüsselerlebnis war die nicht minder symbolträchige Oper "Pelleas et Melisande" von Claude Debussy. Seit dem 11. Lebensjahr erhielt Messiaen Unterricht am Pariser Konservatorium (bei Marcel Dupré - Orgel und Paul Dukas - Komposition) und errang bald schon erste Preise in Kontrapunkt, Klavierbegleitung, Orgel, Improvisation, Schlaginstrumente, Musikgeschichte und Komposition. Als er 1931 als Organist an der Kirche Saint Trinité in Paris angestellt wurde, war sein Orgelspiel für die Gemeinde zunächst ein Schock, aber bald schon wurde Saint Trinité zum internationalen Zentrum für Komponisten und Organisten.

1936 gründete er zusammen mit André Jolivet die Künstlergruppe "La Jeune France" ("das junge Frankreich"); ihr erklärtes Ziel: "mit neuen Mitteln eine neue und kühne Ausdruckswelt zu erschließen und Werke zu verbreiten, die jugendlich und frei sind und von revolutionären Parolen ebensoweit entfernt wie von akademischen Phrasen." Seit 1942 ist Messiaen Lehrer für Komposition am Pariser Konservatorium. Zu seinen Schülern zählten Iannis Xenakis, Pierre Boulez und Karlheinz Stockhausen.

Messiaens Kritiker behaupten gelegentlich, daß er sich für den Hörer nicht sonderlich interessiere. Und in der Tat: Musik bedeutet für Messiaen nicht sosehr Kommunikation zwischen Menschen, sondern die Auseinandersetzung mit den eigenen Möglichkeiten: Immer wieder setzt er sich selbst möglichst enge satztechnische Grenzen, um innerhalb dieser Grenzen die eigenen kompositorischen Freiheiten auszuloten. Musik wird zur Selbsterfahrung, und das heißt für Messiaen: zur Gotteserfahrung. Diese religiöse Komponente bleibt (bei aller Unterschiedlichkeit der einzelnen Werke) die wesentliche Konstante seines Schaffens. In dem Maße, wie Messiaen Musik als Gottesdienst auffaßt und jede Trennung von geistlicher und weltlicher Musik ablehnt ("ein Mensch, der wahrhaft betet, betet mit seiner Seele, seinem Geschlecht und seinem Gehirn"), fließen auch andere Elemente in sein Komponieren ein: gregorianische Gesänge und mittelalterliche Organum-Praxis, Vorstellungen von Sphärenharmonie und Zahlensymbolik, metaphysische Naturbeobachtung sowie fernöstliches Gedankengut.

Aus diesen Quellen leiten sich auch die Rhythmen, Taktformen, Tonreihen, Intervallverhältnisse ab, mit denen Messiaen die traditionellen Prinzipien von äußerer Form, Tonalität und Taktschema sprengt. Mit seinem Klavierstück "Mode d'intensité et de valeurs" (1949), in dem Tonhöhen, Lautstärken und rhythmische Werte streng organisiert sind, schuf er die Grundlage für serielle Musik der fünziger Jahre. Als konstruktives Gegengewicht zu dieser selbstauferlegten strikten Reglementierung experimentiert er seit 1953 mit Naturlauten, vor allem in Form von Vogelgesang, dessen rhapsodisch freier Charakter sich aller melodischen und rhythmischen Organisation widersetzt.

Turangalila-Sinfonie (1946-48)

Die "Turangalila-Sinfonie" ist das Mittelstück einer dreiteiligen Werkfolge, die Messiaen einmal als seine "persönliche Trilogie von Tristan und Isolde" bezeichnet hat. Die erste Komposition (für Klavier und Frauenstimme) lautet "Harawi", was in der südamerikanischen Ketchua-Sprache soviel heißt wie "Gesang von Liebe und Tod". Es folgt die knapp anderthalb Stunden dauernde "Turangalila-Sinfonie" für großes Orchester mit reich besetztem Schlagzeug, Soloklavier und Ondes Martenot. Den Abschluß bilden die "cinq rechants" für zwölfstimmigen a-cappella-Chor (1949). Mit diesem Teil wird der Zyklus wieder auf ein menschliches Maß zurückgeführt.

Turangalila bedeutet im Sanskrit "Lebenskraft". Messiaen wollte es als "Gesang der Liebe" verstanden wissen. Die zehn Sätze dieser kosmisch-visionären Monumentalkomposition kreisen zum Teil um die leidenschaftliche und geistige Liebe (II, IV-VI, VIII), zum Teil thematisieren sie den eher kontemplativ-statischen Aspekt des Begriffs Turangalila (III, VII, IX); der erste und letzte Satz besitzen musikalisch einrahmende Funktion.

Entsprechend wechseln sich lärmende Blechbläser, hochvirtuose Pianistik und aufgepeitschte Rhythmen ab mit süßlichen Streicherklängen, raffinierten Klangmischungen und einer lasziven Chromatik im Sinne von Wagners "Tristan"-Vorspiel. Obwohl Messiaen eine hochkomplizierte und komlexe Partitur geschaffen hat (so überlagern sich mehrere Tonarten und rhythmische Schichten), so vermittelt sich dem Hörer jedoch nicht sosehr der konstruktive Aspekt, sondern vielmehr eine emotionale, spannungsgeladene musikalische Entwicklung.

"Réveil des oiseaux", "Oiseaux exotiques"

"Réveil des oiseaux" (1953) und "Oiseaux exotiques" (1955/56), beide für Soloklavier und Orchester zählen zu Messiaens "ornithologischen" Kompositionen. Auf seinen Studienreisen hatte Messiaen eine Reihe von Vogelstimmen notiert, die in den fünziger Jahren zur Grundlage seines weiteren Komponierens werden. In "Réveil des oiseaux" ("das Erwachen der Vögel") wird die rhythmische Struktur der Gesänge streng beibehalten; nur die Intervalle hat Messiaen aus Gründen besserer Durchhörbarkeit vergrößert. Obwohl Messiaen erklärtermaßen keine Programmusik schreiben wollte, hat er das knapp zwanzig Minuten dauernde Stück in die Sätze "Mitternacht, vier Uhr morgens, Morgengesang nach Sonnenaufgang, Mittags" unterteilt. Zudem sind der Partitur ausführliche Erläuterungen beigegeben, welche Instrumente und Melodiefragmente welchen Vögeln zuzuordnen sind.

Während in "Réveil des oiseaux" ausschließlich Vogelgesänge zu hören sind, kombiniert Messiaen in den "Oiseaux exotiques" ("exotische Vögel") das freie Spiel der Vogelstimmen mit strengen rhythmischen Schichten, die er aus der indischen Raga-Musik und aus griechischen Metren ableitet.

Chronochromie (1959/60)
"Chronochromie" (chronos = Zeit, chroma = Farbe) ist Höhepunkt und Abschluß von Messiaens serieller Phase und sein einziges streng serielles Orchesterwerk. Der Grundgedanke ist es, rhythmische Verläufe durch bestimmte Instrumentalfärbungen (Schlagzeug, Holz- und Blechbläser) besonders kenntlich zu machen. Im Kontrast dazu intonieren die 18 solistisch eingesetzten Streicher eine oszillierende Klangfläche aus Vogelstimmen. "Chronochromie" wurde von Hans Rosbaud 1960 während der "Donaueschinger Tage für Neue Musik" uraufgeführt.
Sept Haikai. Esquisses japonaises (1962)

Die "sieben japanischen Skizzen" für kleines Orchester und Klavier sind eine Fortsetzung der ornithologisch inspirierten Werke. Messiaen wollte allerdings keine Reiseimpressionen wiedergeben, sondern er versuchte vielmehr, notierte Vogelstimmen und Elemente der historischen japanischen Musik miteinander zu verbinden. Die Diktion der sieben Sätze ist sehr knapp gehalten – entsprechend dem poetischen Charakter der japanischen Haiku-Gedichte. Die Sätze II und V ("Der Park von Nara und die Steinlaternen", "Miyajima und der Torii-Torbogen im Meer") verweisen mit ihrer stilisierten Melodik auf die artifizielle japansiche Gartenkunst. Die Sätze III und VI sind ausschließlich im "style oiseau" gehalten, und der vierte Satz zeichnet die zeremonielle Starrheit der höfischen Gagaku-Musik aus dem 7. Jahrhundert nach: acht Violinen produzieren Mundorgel-Klänge, während mit Hilfe von Trompete, zwei Oboen und Englischhorn die japanische Hichiriki-Oboe imitiert wird.

Couleurs de la Cité celeste (1963)

Grundlage bilden fünf Fragmente aus der Offenbarung des Hl. Johannes, Messiaen hat solche Textstellen ausgewählt, in denen von Farben die Rede ist. Den "Farben der Himmlischen Stadt" (topas-gelb, smaragd-grün, sardonyx-rot usw.) stellt er zehn "sons-couleurs" ("Klang-Farben") gegenüber – eine Kombination aus Instrumentalfarben und Tonhöhen:

Wie das Licht sich immer verschieden in den Edelsteinen bricht, so ändert sich je nach Auftreten auch der Charakter der sons-couleurs.

In diese changierende "Farb"-Welt sind in Messiaenscher Manier verschiedene Rhythmus-Modelle, amerikanische Vogelstimmen und gregorianische Alleluja-Zitate eingebettet.

La transfiguration de Notre-Seigneur Jésus-Christ

Nachdem Messiaen in seinen vorangegangen Kompositionen zu einer immer knapperen musikalischen Sprache gefunden hat, überbietet die "Transfiguration" an Länge und Besetzung sogar die "Turangalila-Sinfonie" Die weiträumige formale Anlage, das riesige Aufgebot von Sängern und Orchester sowie der mystisch-religiöse Gehalt erinnern sehr stark an Mahlers 8. Sinfonie. Messiaen selbst schreibt als Erläuterung:

In diesem Werk werden die verschiedenen Aspekte des Mysteriums der Verklärung Christi gleichsam durch ein Mosaik von lateinischen Texten dargestellt.

Die Textauswahl umfaßt vierzehn Ausschnitte aus den Evangelien, Zitate aus Paulus-Briefen und Schriften des Thomas von Aquin, wobei erzählende und meditierende Abschnitte einander abwechseln.