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"... bemüht, etwas Neues zu finden" –
Leben und Wirken des französischen Komponisten Jean-Joseph de Mondonville

Dieser Beitrag ist entstanden als Sendemanuskript
für den Süddeutschen Rundfunk, Stuttgart
(Alte Musik kommentiert, 18.11.1997)

Musik-Nr.: 01
Komponist: Jean-Joseph Cassanéa de Mondonville
Werk-Titel: Sonate op. 1, Nr. 3
Auswahl: 1. Satz
2. Satz
3. Satz
4. Satz
<Track 1.>
<Track 2.>
<Track 3.>
<Track 4.>
3:40
6:45
4:20
2:30
Interpreten: Jaap Schröder (Violone)
Philippe Foulon (Viola da gamba)
Lorenzo Ghielmi (Cembalo)
Label: Mandala (LC ____)
MAN 4843
<Track 1.2.3.4.> Gesamt-Zeit: __:__

Wer dem Namen Jean-Joseph Cassanéa de Mondonville zum ersten Mal begegnet und wer die Musik nur oberflächlich wahrnimmt, der mag den Komponisten für einen der zahlreichen Kleinmeister des 18. Jahrhunderts in Frankreich halten – als einen unter vielen, die im Schatten des übermächtigen Jean-Philippe Rameau ihr kompositorisches Dasein fristeten. Indes – der Eindruck trügt. Mondonville ist vielleicht nicht der produktivste, aber sicherlich einer der fortschrittlichsten Komponisten seiner Zeit gewesen. Daß seine Musik von der Nachwelt nicht in dem Maße gewürdigt wurde, wie es angemessen gewesen wäre, mag damit zusammenhängen, daß Mondonville selbst schon wenig Aufhebens um seine Arbeit machte und daß er trotz seiner neuen kompositorischen Ideen es nicht unbedingt darauf anlegte, einen musikästhetischen Streit über seine Neuerungen zu provozieren.

Ein Leben, das weitgehend unspektakulär und in geordneten Bahnen verlaufen ist. Geboren wurde Jean-Joseph Cassanéa de Mondonville 1711 in der südfranzösischen Stadt Narbonne als Sproß einer kunstverständigen Familie geboren. Über seine Jugend und seine musikalische Ausbildung ist fast nichts bekannt. Im Jahre 1734 erhielt er ein Engagement als Sologeiger der Pariser "Concerts spirituels", nachdem er ein Jahr zuvor sein Opus 1, eine Sammlung mit Sonaten für Violine und Basso continuo, in Paris hatte stechen lassen. Der weitere Weg führte ihn zunächst durch die Provinz: als Leiter der öffentlichen Konzerte in Rouen und Lille.

In Lille veröffentlichte Mondonville als Opus 3 eine Reihe von Kompositionen, die er mit dem beiläufigen Titel versah "Pièces de clavecin en sonates". Die Bezeichnung "Stücke für Cembalo" ist jedoch irreführend, denn es handelt sich hierbei nicht um Solo-Literatur, sondern um Kammermusik für Violine und Cembalo, die für die damalige Zeit neue kompositorische Wege beschritt. Die Rolle des Cembalos ist hier nicht auf die Generalbaß-Begleitung beschränkt, sondern beide Instrumente, Violine und Cembalo, erscheinen als gleichberechtigte musikalische Partner. Mondonvilles "Pièces de clavecin en sonates" sind damit gleichsam ein früher Vorläufer jener klassischen Besetzung für Violine und Klavier, die dann mit Mozart und Beethoven ihren ersten Höhepunkt erreichte.

Musik-Nr.: 02
Komponist: Jean-Joseph Cassanéa de Mondonville
Werk-Titel: Sonate für Cembalo und Violine in C-Dur, op. 3, Nr. 4
Auswahl: 1. Satz
2. Satz
3. Satz
<Track 15.>
<Track 16.>
<Track 17.>
4:15
2:30
2:35
Interpreten: Anne Röhrig (Violine)
Bernward Lohr (Cembalo)
Label: MDG (LC 6768)
309 0503-2
<Track 15.16.17.> Gesamt-Zeit: __:__

Die Zeitgenossen spürten, daß sich mit Mondonvilles "Pièces de clavecin en sonates" ein neuer Kompositionsstil ankündigte, und sie nahmen diese Neuerungen mit Wohlgefallen auf. Als wenig später Rameau seine "Pièces de clavecin en concert" veröffentlichte – Stücke für Cembalo "mit einer Violine oder einer Flöte und einer Viola oder einer zweiten Violine", schrieb er im Vorwort:

Der Erfolg der Sonaten, die in jüngster Zeit als Stücke für das Cembalo mit einer Geige gedruckt wurden, hat in mir den Wunsch entstehen lassen, ungefähr denselben Aufbau für die neuen Stücke für Cembalo zu übernehmen, die ich heute zu setzen versucht habe.

Auch wenn Rameau keine Namen nennt, so scheint es doch eindeutig, wer ihm hier Vorbild war: Mondonville mit seiner Sammlung op. 3.

Mondonville also hatte den Beweis erbracht, daß das Cembalo ein musikalisch gleichwertiger Kammermusik-Partner ist und sich nicht bloß als begleitendes Generalbaß-Instrument der Violine unterzuordnen hat. Nun unternahm der Komponist einen ähnlichen Versuch auch mit der menschlichen Stimme. Hatte es bislang als ungeschriebenes Gesetz gegolten, daß die Instrumente dem Vokalpart nachgeordnet waren, so zeigte Mondonville in seinen "Pièces de clavecin avec voix ou violon" op. 5, wie mühelos sich dieses Verhältnis auch umkehren ließ: Die menschliche Stimme wird in dem Kammermusik-Ensemble gleichsam als Instrument eingesetzt. Schon der Titel "Cembalostücke mit Gesang oder Violine" deutet an, daß die Vokalpartie notfalls auch durch eine Violine ersetzt werden kann. Den Psalmversen, die der Musik unterlegt sind, kommt keine inhaltliche Bedeutung mehr zu, sie sind bloß noch Klangträger. Entsprechend gestaltete sich der Kompositionsprozeß: Zuerst schrieb Mondonville die Musik, die dann mit einem lateinischen Text versah, der dem musikalischen Ausdruck angemessen war.

Musik-Nr.: 03
Komponist: Jean-Joseph Cassanéa de Mondonville
Werk-Titel: Sonate für Violine und Cembalo in C-Dur, op. 5, Nr. 5
"Paratum cor meum"
<Track 5.> 4:00
Interpreten: Judith Nelson (Sopran)
William Christie (Cembalo)
Stanley Richtie (Violone)
Label: HMA (LC 7045)
1 901 045
<Track 5.> Gesamt-Zeit: 4:00

Innerhalb weniger Jahre hatte sich Mondonville in der französischen Provinz als angesehener Komponist und Violinvirtuose etabliert, so daß er 1739 zum Königlichen Kammermusiker und später zum Leiter der Königlichen Kapelle in Versailles ernannt wurde. Eine seiner vornehmsten Aufgaben als königlicher Kapellmeister war es, in regelmäßigen Abständen eine "Große Motette" für Chor und Orchester zu komponieren und einzustudieren. Mondonvilles Motetten verdienen in der Tat die Bezeichnung "groß": Es sind ausladende Werke, deren repräsentativer Charakter gleichermaßen dem sakralen Kirchenraum wie dem Gestus der französischen höfischen Oper verpflichtet ist.

Ihre ursprüngliche liturgische Funktion als musikalische Untermalung des Gottesdienstes hatten die die französischen Motetten schon seit dem Beginn des 18. Jahrhunderts verloren. Aber als klangprächtiges Musikspektakel standen sie beim Konzertpublikum immer noch in hohem Ansehen. Als der Leiter der beliebten Pariser "Geistlichen Konzerte" Jean-François Marmontel auf die Idee kam, die Motetten in gekürzter Fassung darzubieten, um die Programme abwechslungsreicher zu gestalten, reagierten die Konzertbesucher derart empört, daß Marmontel diese Neuerung bald wieder fallen ließ.

Wie populär vor allem Mondonvilles Motetten gewesen sind, läßt sich anhand der Aufführungszahlen ablesen: Wenn man den Berichten Glauben schenken darf, wurde in neun von zehn Konzerten Kompositionen von Mondonville gespielt. Allein die Motette "In exitu Israel", die Mondonville 1753 komponiert hatte, mußte in den beiden folgenden Jahrzehnten achtmal pro Konzertsaison aufgeführt werden – wohl nicht zuletzt wegen der eindrucksvollen Schilderung der Naturgewalten im Mittelteil.

Musik-Nr.: 04
Komponist: Jean-Joseph Cassanéa de Mondonville
Werk-Titel: In exitu Israel
Auswahl: Mare vidit
Jordanis conversus
<Track 8.>
<Track 9.>
1:15
2:15
Interpreten: Les Arts Florissants
Ltg.: William Christie
Label: Erato (LC 0200)
>0630-17791-2
<Track 8.9.> Gesamt-Zeit: 3:30

Die Zeitgenossen priesen Mondonville vor allem "als einen Mann, dem Frankreich im Kirchengesang ebensoviel zu verdanken hat wie Monsieur Rameau im Bereich des Theaters". Als Opernkomponist war seine Rolle nicht ganz so unumstritten. Ohne es zu wollen war Mondonville nämlich zwischen die Fronten jenes Opernkrieges geraten, den die Anhänger der französischen und der italienischen Oper schon seit längerem ausfochten und der als "Buffonistenstreit" in die Musikgeschichte eingegangen ist.

Es war der leidige Streit um das E und U in der Musik: ob die Oper "edel", "ernst" und "erhaben" – also französisch – sein solle, oder "unterhaltsam" und "trivial" – italienisch eben in französischen Augen. Die Anhänger der italienischen Oper propagierten Pergolesis "Serva padrona" wegen ihrer eingängigen Melodien, wegen des szenischen Tempos und der Situationskomik; die Verfechter der französischen Oper führten dagegen Mondonvilles "Titon et l'Aurore" ins Feld – zum Beispiel mit dem Argument:

Der Chor der belebten Statuen bringt jenes existentielle Entsetzen zum Ausdruck, das jeder Mensch spüren muß, wenn er sich selbst betrachtet, wenn er die gesamte Schöpfung befragt, um in ihr seine Stellung zu erkennen, und wenn er sich schließlich in einer natürlichen Reaktion an die Götter wendet, damit diese sein Unbehagen vor der eigenen Existenz auflösen. Dies sind die Bilder, die unsere – die französische – Oper der Schilderung eines alten Mannes entgegensetzen können, der ungeduldig nörgelnd auf seine Schokolade wartet.

Dabei entspricht die Handlung von Mondonvilles "Titon et l'Aurore" durchaus jenem konventionellen Opern-Strickmuster, das von einem zeitgenössischen Opernführer in eleganter Kürze mit der Formulierung umschrieben wird:

Hier geht es um zwei Liebende und zwei Eifersüchtige.

Entscheidend für das Urteil der Zeitgenossen war denn auch nicht der Handlungsverlauf, sondern die Ausgestaltung der musikalischen Details – wenn etwa Titon im Brunnen sein Spiegelbild erblickt und feststellen muß, daß er vorzeitig gealtert ist. In einem Aufführungsbericht von 1753 heißt es:

Einige durchaus wohlwollende Zuschauer sind über diese Passage schockiert, da sie die Schilderung des plötzlich gealterten Helden als ein unangenehmes Bild empfinden. Es sieht fast so aus, als habe der Musiker bewußt den schmerzlichen und vergeblichen Versuch eines sterbenden Achtzigjährigen beschrieben, seiner Brust einen letzten Atemzug zu entringen. Die Kenner jedoch sind der Meinung, daß es sich um eine geniale Passage handelt, daß dieser Schatten im Gesamtbild gleichermaßen eines der schönsten Stücke französischer Musik und einen der gelungensten Höhepunkte der dramatischen Kunst darstellt.

Musik-Nr.: 05
Komponist: Jean-Joseph Cassanéa de Mondonville
Werk-Titel: Titon et l=Aurore
Auswahl: 3. Akt, 2. Auftritt
"Que vois-je?"
<CD 2, Tr. 23.> 4:00
Interpreten: Jean-Paul Fouchécourt (Titon)
Les Musiciens du Louvre
Ltg.: Marc Minkowski
Label: ERato (LC 0200)
2292-45715-2
<CD 2, Tr. 23.> Gesamt-Zeit: 4:00