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Georg Matthias Monn – wiederentdeckter Kleinmeister oder Wegbereiter der Wiener Klassik?

Dieser Beitrag ist entstanden als Sendemanuskript
für den SWR, Stuttgart
(Alte Musik kommentiert, 29.11.2001)

Exposé

Der Name "Monn" dürfte nur wenigen Musikliebhabern ein Begriff sein. Aber auch die Musikgelehrten tun sich schwer – allein schon bei der Frage, wieviele Komponisten namens Monn es denn in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts überhaupt gegeben hat. Immerhin ist man sich mittlerweile einig, daß die Entwicklung der klassischen Sinfonie, wie wir sie von Haydn und Mozart kennen, durch Georg Matthias Monn ihre entscheidenden Impulse erhalten hat.

Und dann sei noch an den musikalischen Revolutionär Arnold Schönberg erinnert, der sich nicht zu schade war, sich mit den Kompositionen Monns intensiv zu beschäftigen: 1912 setzte er für mehrere Sinfonien den Generalbaß aus, und zwanzig Jahre später arbeitete er eines von Monns Klavierkonzerten zu einem Cellokonzert um, das er Pablo Casals widmete.

Sendemanuskript

In den großen Kompendien der Musikgeschichte findet er nur selten Erwähnung - und wenn, dann allenfalls als Kleinmeister, als unbedeutender Vorläufer von Haydn und Mozart. Andere Musikgelehrte wiederum halten ihn für einen der wichtigsten Wegbereiter der sogenannten Wiener Klassik, ohne den die Musik Haydns und Mozarts kaum vorstellbar ist. Die Rede ist von dem Komponisten Georg Matthias Monn, geboren wahrscheinlich 1717 in Wien und ebendaselbst 1750 gestorben.

Die erste Hälfte des 18. Jahrhunderts war eine Zeit des musikalischen Übergangs und der kompositorischen Widersprüche. In Leipzig verfaßte Johann Sebastian Bach Fugen im strengen kontrapunktischen Stil, während seine Söhne in Hamburg und London bereits eine neue Schreibart propagierten, einen eher empfindsamen Gestus, der weniger pathetisch war als die barocke Musik und mehr das individuelle Gefühl ansprach. Ähnlich vielfältig waren die Verhältnisse im habsburgischen Wien. Das musikalische Sagen hatte hier der Hofkapellmeister Johann Joseph Fux, der 1725 eine Kontrapunktlehre nach den althergebrachten strengen Regeln veröffentlichte und der vehement gegen die neue "licentiöse und allzu freizügige Schreibweise" zu Felde zog. Eben diese Freizügigkeit verkörperte Antonio Caldara mit seinen Meßkompositionen oder im instrumentalen Bereich Georg Matthias Monn mit seinen Sinfonien und Solokonzerten. Die kunstvolle Durcharbeitung mehrerer eigenständiger polyphoner Stimmen wich allmählich einem stärker melodiebetonten Satz mit "obligatem Accompagnement", wo also die übrigen Stimmen einen ausgeprägt begleitenden Charakter besitzen.

Der Stilwandel war fließend. Die Vertreter der alten Traditionen experimentierten durchaus auch mit den neuen Klangvorstellungen, ebenso wie den Neuerern nicht daran gelegen war, radikal mit den althergebrachten Satztechniken zu brechen. So finden sich auch bei Georg Matthias Monn immer wieder Züge des Rückwärtsgerichteten, wenn etwa in den Sinfonien trotz der neuartigen Instrumentalsprache und trotz des empfindsamen melodischen Gestus' unterschwellig die alte Concerto-grosso-Form spürbar wird.

Musik-Nr.: 01
Komponist: Georg Matthias Monn
Werk-Titel: Sinfonie in B-Dur <Track 4.-6.> __:__
Interpreten: L'Arpa Festante
Michi Gaigg (Ltg.)
Label: CPO (LC 8492)
999 273-2
<Track 4.5.6.> Gesamt-Zeit: 9:50

Die Nachrichten über die Lebensumstände von Georg Matthias Monn sind ausgesprochen spärlich. Wären da nicht die Manuskripte seiner Kompositionen und der Eintrag im Wiener Totenregister vom 3. Oktober 1750, so gäbe es keinerlei Hinweis auf sein Erdendasein. Erst 60 Jahre nach seinem Tod tauchen die ersten Nachrichten über sein Leben und seinen Werdegang auf – Informationen, die jedoch allesamt nur auf bloßem Hörensagen und auf Vermutungen beruhen. 1830 erschien dann eine umfangreichere biographische Skizze, verfaßt von dem 65jährigen Musikliebhaber Johann Sonnleitner, der sein Wissen über Monn Jahrzehnte zuvor von dem damals ebenfalls schon betagten Komponisten Johann Georg Albrechtsberger bezogen hatte. Glaubt man Sonnleitners Bericht, so starb Monn bereits im jungen Alter von 33 Jahren:

Seine musikalische Bildung erhielt er in dem berühmten Stifte zu Klosterneuburg – dort war er Sängerknabe. Er muss von sehr schwächlicher Leibesbeschaffenheit gewesen sein, denn, obschon er – eine seltene Erscheinung in einem Chorherrenstifte – nie Wein trank, erreichte er doch nur ein sehr kurzes Lebensalter. Auch scheinen ein düsteres Gemüth und angestrengte Arbeit hierzu viel mitgewirkt zu haben. Er war nie verheirathet, und ging immer schwarz gekleidet. Sein ausgezeichnetes Orgelspiel und seine tiefen musikalischen Kenntnisse verschafften ihm früh die Anstellung als Organist an der sogenannten Carlskirche in Wien. Sein Tod wurde durch einen verderblichen Scherz leichtsinniger Freunde beschleunigt. Obschon er nie Wein zu trinken pflegte, ließ er sich dennoch in einer munteren Gesellschaft verleiten, dem Andringen nachzugeben und Wein zu trinken. Er trank zwei Bouteillen, ward ernstlich krank, und verstarb kurze Zeit darauf.

Soweit also der Bericht unseres Gewährsmannes Johann Sonnleitner. Aus der Zeit, da Monn an der Wiener Carlskirche tätig war, stammen wahrscheinlich auch seine Marienlieder mit ihrem ungekünstelten, naiv-melodischen Charme, wie er nur im katholischen Süddeutschland oder in Österreich denkbar war ...

Musik-Nr.: 02
Komponist: Georg Matthias Monn
Werk-Titel: Laßt uns all' Mariam loben <Track 11.> 4:50
Interpreten: James Bowman (Countertenor)
Ricercar Consort
Label: Ricercar (LC ____)
241192
<Track 11.> Gesamt-Zeit: 4:50

Die Spurensuche nach Georg Matthias Monn wird dadurch erschwert, daß auf den zahlreichen Manuskripten, die uns überliefert sind, die unterschiedlichsten Vornamen zu finden sind: Matteo, Giorgio, Christoph, Giovanni in allen möglichen Kombinationen samt den dazugehörigen Namenskürzeln. Die Musikwissenschaftler haben es sich einfach gemacht und unterscheiden nur noch zwischen einem Johann Christoph, dem die zweit- und drittklassigen Monn'schen Werke zugeordnet werden, und eben unserem Georg Matthias.

Mehr noch als in Monns Sinfonien kommt die neue melodische Ausdrucksintensität, das "beständige Abwechseln der Leidenschaften", in den Solokonzerten zum Tragen. Besonders deutlich wird dies in seinem Cellokonzert in g-moll, das mit seinem kraftvollen Zugriff schon den Virtuosen-Gestus des 19. Jahrhunderts ahnen läßt. Auch wenn wir von Aufführungen der Monn'schen Werke keine Nachricht haben, so muß doch zumal dieses Konzert bei den Zeitgenossen sich einiger Beliebtheit erfreut haben; jedenfalls hat Monn es wenige Zeit später zu einem Cembalokonzert umgearbeitet.

Musik-Nr.: 03
Komponist: Georg Matthias Monn
Werk-Titel: Konzert für Cembalo, Streicher und B.c. in g-moll
Interpreten: Sabine Bauer (Cembalo)
La Stagione Frankfurt
Ltg.: Michael Schneider
Label: CPO (LC 8492)
999 391-2
<Track 10.11.12.> Gesamt-Zeit: 16:00

Die Wiederentdeckung des Komponisten Georg Matthias Monn begann im Jahre 1907, als in den "Denkmälern der Tonkunst in Österreich" eine erste Sammlung von Sinfonien veröffentlich wurde. Fünf Jahre später dann erschien eine zweite Sammlung mit Sinfonien und Konzerten, zu denen unter anderem Arnold Schönberg die Continuo-Stimme ausarbeitete. Zwanzig Jahre später griff Schönberg das Thema "Monn" erneut auf. Es war dies die Zeit, als auch andere zeitgenössische Komponisten sich mit dem klassischen Stil auseinandersetzten, als Prokofiev seine "Symphonie classique" und Strawinsky seine "Pulcinella-Suite" komponierte. Als Vorlage diente Schönberg das Cembalokonzert in D-Dur, das er zu einem Cellokonzert umfunktionierte – in der Hoffnung, den Cellisten Pablo Casals für die Uraufführung zu gewinnen.

In einem Brief an Casals schreibt Schönberg 1933:

Ich glaube, es ist ein sehr brillantes Stück worden. Jedenfalls habe ich mir wegen des Klanges ganz besondere Mühe gegeben und bin sehr zufrieden damit. Das Stück ist in gewisser Hinsicht weniger solistisch, als ein originales Konzert von Monn wäre; denn sehr oft ist die Funktion des Cellos etwa die eines Solisten in einer Kammermusik, durch dessen brillantes Spiel ein sehr schöner, interessanter Klang entsteht. Im übrigen war es meine Hauptsorge, die Mängel des Händelstils (dem das Werk im Original angehört) zu beseitigen. Ich habe Hände voll Sequenzen und "Schusterflecken" entfernt und durch echte Substanz ersetzt. Zudem habe ich mich bemüht, den andern Hauptmangel zu bekämpfen: das Thema nämlich beim ersten Auftreten am besten und wird im Lauf des Stückes immer unbedeutender und geringer. Ich glaube, daß es mir gelungen ist, das Ganze etwa dem Stil Haydns zu nähern. In harmonischer Hinsicht gehe ich manchmal ein wenig (manchmal auch etwas mehr) über diesen Stil hinaus. Nirgends aber geht es wesentlich weiter als Brahms, jedenfalls gibt es keine Dissonanzen, die nicht im Sinn der älteren Harmonielehre zu verstehen sind - und: nirgends ist es atonal.

Schönberg ging es also nicht darum, vorhandenes musikalisches Material zu verfremden oder zu karikieren (wie es etwa Strawinsky in seiner "Pulcinella-Suite" praktiziert hatte); er wollte vielmehr die Züge deutlicher herausarbeiten, die das Zukunftsträchtige der Monn'schen Musik ausmachen.

Daß er die sogenannten "Schusterflecken" durch "echte Substanz" ersetzte, hatte zur Folge, daß die Partitur trotz anderweitiger Kürzungen erheblich an Umfang gewinnt. Für den Hörer von größerer Bedeutung ist jedoch die Ausgestaltung des Orchesterparts. Aus dem frühklassischen Streichorchester wird in der Schönberg-Fassung ein modernes Symphonieorchester mit Celesta, Harfe und sonstigem reichhaltigen Schlagwerk.

Schönbergs Hoffnung, daß Casals sich für das Cellokonzert einsetzen und es zur Uraufführung bringen würde, erfüllte sich nicht. Casals, der mit Schönberg ansonsten freundschaftlich verbunden war, ignorierte Schönbergs Brief und zeigte keinerlei Interesse an dem Werk. Die Uraufführung fand dann 1935 in London statt – mit dem Solisten Emanuel Feuermann.

Musik-Nr.: 04
Komponist: Matthias Georg Monn
(Bearb.: Arnold Schönberg)
Werk-Titel: Konzert für Violoncello und Orchester in D-Dur (nach dem Concerto per Clavicembalo von M.G. Monn, in freier Umgestaltung)
Interpreten: Heinrich Schiff (Violoncello)
Sinfonieorchester des Südwestfunks
Ltg.: Michael Gielen
Label: Wergo (LC 0846)
60185-50
<Track 6.7.8.> Gesamt-Zeit: 16:50