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Inhaltsverzeichnis Manuskriptsammlung

Wolfgang Amadeus Mozart:
Werke für Klavier

Dieser Beitrag ist entstanden als Booklet-Text für die CD-Produktion
W.A. Mozart: Werke für Klavier
(Peter Rösel, Klavier).
Berlin Classics (LC 6203) 9192-2. Prod. 1984; © 1997.

Allgemeines

Schreibe kurz – leicht – popular. Rede mit einem Graveur [Notenstecher], was er am liebsten möchte. Glaubst Du Dich vielleicht durch solche Sache herunter zu setzen? Keineswegs! hat dañ [Johann Christian] Bach in London iemals etwas anders, als derley Kleinigkeiten herausgegeben? Das Kleine ist Groß, weñ es natürlich – flüssend und leicht gesetzt ist. Es so zu machen ist schwerer als alle die den meisten unverständliche künstliche Harmonischen progressionen, und schwer auszuführenden Melodyen.

Diese Ratschläge hat Leopold Mozart im August 1778 seinem Sohn geschrieben, der zu jener Zeit in Paris weilte und versuchte, in der französischen Hauptstadt als Komponist und Pianist zu reüssieren. "Kurz, leicht, popular" – diese Begriffe können gleichsam als Leitmotiv über Mozarts gesamtem Klavierwerk stehen, ebenso wie des Vaters Hinweis, daß solche populären Miniaturen durchaus ihre Größe gewinnen, wenn sie natürlich fließend und leicht gesetzt sind.

Wer sich darüber entrüstet, wenn Mozarts Klaviersonaten als populäre Miniaturen beschrieben werden, der möge bedenken, daß das Komponieren für das Pianoforte einen anderen Stellenwert besaß als zu Beethovens Zeiten oder im 19. Jahrhundert. Mozarts große Liebe galt der Oper; die Klavierkonzerte schrieb er in der Absicht, sich selbst als Pianist ins rechte Licht zu rücken; aber die Sonaten, Fantasien, Variationen und sonstigen Nebenformen für Solo-Klavier entstanden in erster Linie, damit er seinen adligen Schülerinnen etwas Artiges zum Üben anbieten konnte – und aus schnödem Erwerbsdenken: weil derartige Druckerzeugnisse sich besser verkaufen ließen als groß besetzte Opern oder Sinfonien. Sollen wir Mozart nun dafür tadeln, daß er (wenn auch nur gelegentlich) ökonomisch dachte? Oder sollen wir ihm nicht vielmehr dankbar sein, daß trotzdem in aller Regel hochrangige Musik dabei herausgekommen ist (die selbst in den schwächsten Momenten besser ist als Vieles, was seine komponierenden Zeitgenossen in ihren "genialen" Schaffensphasen zu Papier brachten)?

Sonate für Klavier in B-Dur, KV 533

Daß Mozart durchaus geschäftsmäßig denken konnte und ästhetische Aspekte dabei zur Seite schob, dies belegt die Entstehung der F-Dur-Sonate KV 533. Anlaß für die Komposition war offensichtlich ein größerer Geldbetrag, den Mozart im Januar 1788 dem Musikalienverleger Anton Hoffmeister schuldete und den er mit einer Klaviersonate abzutragen gedachte. Als Schlußsatz benutzte Mozart ein Rondo (KV 494), das er bereits im Juni 1786, – wahrscheinlich zu Unterrichtszwecken – geschrieben hatte. Auf die sogenannte Einheit des Stils nahm er dabei nicht die geringste Rücksicht: Während der erste Satz kontrapunktisch höchst kunstvoll gearbeitet ist und Mozarts Auseinandersetzung mit der polyphonen Schreibweise von Bach und Händel widerspiegelt (deren Musik er im Salon des Barons Gottfried van Swieten intensiv studieren konnte) und auch der langsame Mittelsatz durch harmonisch kühne Wendungen besticht, ist das anderthalb Jahre älteren Schluß-Rondo eine Aneinanderreihung von heiter-belanglosen Einfällen – ein Stilbruch, der sich krasser kaum vorstellen läßt, und doch scheint er Mozart nicht weiter gestört zu haben.

Sonate für Klavier in B-Dur, KV 570

Die Klaviersonate in B-Dur, KV 570, entstand im Februar 1789. Sie führt im Konzertrepertoire ein Schattendasein, wahrscheinlich weil sie nicht genug hermacht. Es gibt keine bewegenden dramatischen Affekte, und aller pianistischer Schmuck ist abgestreift, so daß die Musik in Unschuld und Naivität dahinfließt. Als langsamer Satz schließt sich ein Adagio von einer schmerzlichen Süße an, wobei der Klaviersatz manchmal wie eine skizzenhafte Notierung anmutet – als wolle Mozart den Spieler auffordern, Eigenes hinzuzufügen. 1796, fünf Jahre nach Mozarts Tod, erschien die Sonate in einer Fassung mit Violinbegleitung, von der man lange Zeit (fälschlich?) annahm, Mozart habe sie selber bearbeitet.

Adagio für Klavier in h-moll, KV 540

H-moll ist gleichsam der Ton [die Tonart] der Geduld, der stillen Erwartung seines Schicksals, und der Ergebung in die göttliche Fügung. Darum ist seine Klage so sanft, ohne jemahls in beleidigendes Murren, oder Wimmern auszubrechen. Die Applicatur [der Fingersatz] dieses Tons ist in allen Instrumenten ziemliche schwer, deshalb findet man auch so wenige Stücke, welche ausdrücklich in selbigen gesetzt sind.

Mit diesen Sätzen charakterisierte 1784 der Mozart-Zeitgenosse Christian Friedrich Daniel Schubart den Charakter der Tonart h-moll. Bei Mozart findet sich diese Tonart nur zweimal: im Adagio des Flötenquartetts KV 285 und als Adagio für Klavier KV 540. In Stil und Durchgestaltung ist dieser Klaviersatz einer der herausragenden langsamen Kompositionen Mozarts – ein Dokument der Melancholie, trostlos, mit harmonisch labyrinthischen Gängen voller Chromatik, "ein Urwort der Trauer, das sich unverlierbar einprägt." Erst in den letzten drei Takten wendet sich das schmerzliche h-moll in ein H-Dur, ohne daß jedoch die Spannung des Vorangegangenen wirklich aufgelöst würde.

Als Datum der Fertigstellung hat Mozart in sein eigenhändiges Werkverzeichnis eingetragen: "Wien, 19. März 1788". Aber der Anlaß für dieses beklemmende Stück Musik bleibt im Dunkel:

Allen, die das Werk lieben und kennen, ist das Gefühl gemeinsam, daß in ihm der Geist der Musik in einem hochbedeutenden Augenblick Gestalt und Klang geworden ist. Man mag ihm mit noch so tiefsinnigen Analysen beizukommen suchen –, am Ende aller Bemühungen wird die Erkenntnis stehen, daß dann das wahre Geheimnis erst anfängt.
(Wilhelm Mohr, 1962)

Variationen für Klavier, KV 573 (Duport-Variationen)

Im Frühjahr 1789 unternahm Mozart von Wien aus eine längere Reise durch Deutschland, in deren Verlauf er auch in Potsdam am Hofe des preußischen Königs Friedrich Wilhelms II. vorstellig wurde. Aus der erstrebten Audienz beim König wurde allerdings nichts – der hatte Wichtigeres zu tun als sich mit einem Wiener Komponisten abzugeben –, und so mußte Mozart mit der Gesellschaft des königlichen Violoncello-Lehrers Jean-Pierre Duport vorlieb nehmen. Um sich der Sympathie Duports zu versichern (der von den Zeitgenossen als selbstgefällig und eingebildet beschrieben wird), nahm Mozart eine von dessen Kompositionen zur Grundlage eines sechsteiligen Variationenzyklus, den er später in Wien auf neun Variationen erweiterte.

Die ersten drei Variationen folgen dem konventionellen figurativen Prinzip, wobei zunächst Ober- und Unterstimme verändert werden und die dritte Variation die ersten beiden Variationen gleichsam zusammenfaßt.
Variation 4 (in Triolen) fungiert als retardierendes Moment.
Variation 5 ziert das Thema mit Doppelschlägen und Vorschlagsnoten spielerisch aus.
Als Nr. 6 schließt sich eine ernsthafte, ruhig dahinfließende Moll-Variation an.
In Variation 7, einer pianistischen Studie in gebrochenen Akkorden, kommt es erneut zu einem kurzfristigen Bewegungsimpuls.
Nach einer Adagio-Variation (Nr. 8), in der Mozart die ganze Kunst des Verzierens demonstriert, kommt es in Variation 9 zu einer virtuosen Schlußsteigerung, bis zum Schluß das behutsam verzierte Originalthema nochmals anklingt.