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Inhaltsverzeichnis Manuskriptsammlung

Wolfgang Amadeus Mozart:
Konzert für Klavier und Orchester in B-Dur, KV 456

Dieser Beitrag ist entstanden als
CD-Booklet-Text für Berlin Classics.

Als Wolfgang Amadeus Mozart im Frühjahr 1781 mit einem ungnädigen Fußtritten aus den Diensten des Salzburger Erzbischofs Colloredo entlassen wurde, hatte dies auch für seine künstlerische Arbeit weitreichende Konsequenzen. Fortan mußte er als freier Musiker vom Verkauf seiner Kompositionen, vom Klavierunterricht und Konzertieren seinen Lebensunterhalt bestreiten. An seinen Vater schrieb er am 2. Juni 1781:

[...] die Wienner sind wohl leute die gerne abschiessen – aber nur am Theater. – und mein fach ist zu beliebt hier, als daß ich mich nicht souteniren sollte, hier ist doch gewis das Clavierland!

Als einträgliche Konzertsaison galten vor allem die Wochen während der Fastenzeit, wenn die diversen Opern- und Theaterunternehmen ihre Pforten schließen mußten und in den Salons der Adligen und gut betuchten Bürger die Subskriptionsaufrufe für die verschiedensten Academien (wie die Konzertaufführungen damals genannt wurden) kreisten. Vor allem in der ersten Wiener Zeit wurde Mozart nicht müde, selbst solche Academien zu veranstalten, boten sie doch die beste Möglichkeit, sich beim Publikum als Komponist, Klaviervirtuose (und notfalls auch als Klavierlehrer) zu empfehlen.

Für diese Zwecke schrieb er in den folgenden Jahren insgesamt fünfzehn Klavierkonzerte, deren virtuoser Tonfall zwar durchaus dem Wiener Geschmack huldigt, die aber letztlich weit über den sonst üblichen bravourösen Aplomb hinausgehen. Was Mozart seinem Vater gegenüber im Zusammenhang mit dem A-Dur-Konzert KV 414 formulierte, trifft auch für seine anderen Konzerte der Wiener Jahre zu:

die Concerten sind eben das Mittelding zwischen zu schwer und zu leicht – Sie sind sehr Brillant – angenehm in die Ohren – Natürlich, ohne in das leere zu fallen – hie und da können auch kenner allein satisfaction erhalten – doch so – daß die Nichtkenner damit zufrieden seyn müssen ohne zu wissen warum.
(Brief vom 28.12.1782)

Das Arbeitspensum, das Mozart sich dabei auferlegte, war immens (und straft das Klischee vom leichtlebigen Musensohn Lügen): So veranstaltete er im Frühjahr 1784 innerhalb von sechs Wochen 22 musikalische Akademien und präsentierte dabei dem Publikum sechs neu komponierte Klavierkonzerte. Seinem Vater klagt er, daß er "vor lauter spielen [...] letzthin müde geworden" sei, fügt aber dann stolz hinzu, daß er es als "keine geringe Ehre ansehe, daß es meine Zuhörer nie wurden." (Brief vom 10.4.1784)

Aber schon im Sommer desselben Jahres arbeitete Mozart an den Konzerten für die nächste Saison. Am 30. September 1784 notierte er in seinem thematischen "Verzeichnüß aller meiner Werke..." die Fertigstellung eines Klavierkonzerts in B-Dur (KV 456), von dem die Forschung annimmt, daß es ursprünglich als Auftragsarbeit für die blinde Pianistin Maria Theresia Paradis (1759-1824) entstanden ist. Ob die Paradis das Konzert je gespielt, ist ungewiß; fest steht nur, daß Mozart das Werk selbst in einem Konzert der Sängerin Luisa Mombelli-Laschi am 12. Februar 1785 in Wien aufgeführt hat. Leopold Mozart, der zu jener Zeit in Wien weilte, berichtete der Tochter nach Hause:

[...] ein herrliches Concert, das er für die Paradis [...] gemacht hatte. Ich [...] hatte das vergnügen alle Abwechslungen der Instrumente so vortrefflich zu hören, daß mir vor Vergnügen die thränen in den augen standen. als dein Bruder weg gieng, machte ihm der kayser mit dem Hut in der Hand ein Compl: hinab und schrie "bravo Mozart." – als er herauskam zum spielen, wurde ihm ohnehin zugeklatscht.

Es ist sicherlich übertrieben, Mozarts Klavierkonzerte als seine "größte Genietat" oder, wie der Mozart Biograph Alfred Einstein es tat,"als Krönung und Gipfel seines instrumentalen Schaffens überhaupt" zu preisen, aber ungeachtet dessen gelang es Mozart – wie keinem Komponisten vor ihm – diese Gattung mit einer emotionalen Vielfalt auszustatten, die bislang in der Musik unbekannt war.

Vorläufer und Vorbilder gab es genug, angefangen von den Cembalokonzerten eines J.S. Bach über die Zeitgenossen des "Sturm und Drang" bis hin zu Johann Christian Bach und Johann Schobert. Die formalen Rahmenbedingungen waren damit abgesteckt: die Dreisätzigkeit mit einem umfassenden Sonatenhauptsatz zu Beginn, einem langsamen Mittelsatz und einem motorisch bewegten Finale. Doch mit welchem Inhalt füllte Mozart diese Form? Es gibt keine abrupten Wendungen mehr, kein erstarrtes Innehalten, die die Konzerte der "Sturm und Drang"-Periode auszeichnen. Nur noch vereinzelt finden sich die sonst üblichen stereotypen Spielfiguren und Sequenzketten. Konsequent entwickelt Mozart den musikalischen Fortgang aus wenigen Kerngedanken.

Er schuf das klassische Formmodell des konzertierenden Sonatensatzes mit seinen zwei individuellen Expositionen [...]; er erdachte dem Soloinstrument sein ganzes phantasievolles Repertoire an Spielfiguren und instrumententypischen Wendungen,
(Werner-Jensen)

und erst mit ihm emanzipierte sich das Orchester vom stichwortliefernden Begleiter zum selbstbewußten symphonischen Partner. Die formale Anlage des B-Dur-Konzerts KV 456 (wie auch der anderen Konzerte jener Jahre) läßt erkennen, wie reizvoll es für den Klaviervirtuosen Mozart gewesen sein muß, einerseits als "primus inter pares" symphonisch mitwirken zu können, andererseits solistisch aus der Gruppe herauszutreten. Denn im Unterschied zu den Klavierkonzerten des 19. Jahrhunderts übernahm der Pianist zur Mozart Zeit neben seinem Solopart eine Continuo-Funktion, so daß das Klavier vom ersten Ton an mitspielt, im Tutti als Generalbaßinstrument, beim Solo als selbständig konzertierender Partner.

Der erste Satz des Klavierkonzerts KV 456 beginnt mit einem Marsch-Rhythmus, wie er damals für das beliebte Genre der "Militärkonzerte" üblich war. Doch bereits nach wenigen Takten betreten wir eine Klangsphäre von intimem, fast kammermusikalischem Charakter, die trotz gelegentlicher Moll-Eintrübungen eher der humorvollen Welt der Opera buffa zugehörig erscheint. Das Klavier bringt in seinen Solo-Einwürfen der Durchführung in schier unerschöpflich fließendem Strom immer neue Themen und Gedanken ins Spiel. Die Reprise mündet in eine großangelegte Kadenz (für die Mozart drei verschiedene Versionen notiert hat).

Im zweiten Satz dann schlägt die Stimmung abrupt um. Im düsteren g-Moll entwickelt Mozart hier eine Folge von fünf Doppelvariationen, deren Tonfall an die Barbarina-Kavatine von der verlorenen Nadel aus "Figaros Hochzeit" erinnert.

Den Schluß bildet ein Rondo im 6/8-Takt, dessen "Jagd"-Charakter mit seinen Bläserklängen durch die spielerischen Figurationen des Klaviers kontrastiert werden. Die zweite Rondo-Episode moduliert in ein dramatisch angehauchtes h Moll, wobei Mozart den 6/8-Rhythmus der Streicher mit einem Bläsersatz im 2/4-Takt – quasi polyrhythmisch – überlagert. Eine Themenrückleitung mit ausladender Kadenz runden das Werk ab.

Wie die meisten anderen seiner Klavierkonzerte ist auch das B-Dur-Konzert KV 456 erst nach Mozarts Tod verlegt worden, da Mozart fürchtete, andere Pianisten könnten sich mit seinen Federn schmücken. So bat er seinen Vater, als er ihm das Konzert nebst einigen anderen Werken nach Salzburg schickte:

[...] wegen der Sinfonie bin ich nicht heicklich, allein die 4 Concerte bitte ich bei sich im hause abschreiben zu lassen, denn es ist den kopisten in Salzburg so wenig zu trauen, als den in Wienn; [...] ich selbst lasse alles in meinem zimmer und in meiner gegenwart abschreiben.

Und keine zwei Wochen später:

Ich will gerne gedult haben, bis ich sie [die Konzert-Manuskripte] wieder zurückerhalte – nur daß sie kein Mensch in die hände bekömmt. – ich hätte erst heute für eines 24 Duckaten haben können; – ich finde aber daß es mir mehr Nutzen schafft wenn ich sie noch ein paar Jährchen bey mir behalte, und dann erst durch den Stich bekannt mache.