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Wolfgang Amadeus Mozart:
Sinfonien (Auswahl)

Dieser Beitrag ist eine Zusammenfassung mehrerer Programmheft- und CD-Booklet-Texte.

Allgemeines

Im allgemeinen Sprachgebrauch der Zeit bis etwa 1780 verstand man unter "Sinfonia" in erster Linie die instrumentale Eröffnung einer Oper. Als orchestrale Effektstücke erfreuten sich diese Operneinleitungen mit ihrer feststehenden Satzfolge schnell-langsam-schnell aber auch im Konzertbetrieb (in den sogenannten "Academien") zunehmender Beliebtheit: Sie dienten gleichsam als "laute Vorbereitung und kräftige Einladung zur Anhörung eines Concerts" (Ch.F.D. Schubart, 1770) oder als Zwischenspiel zu den eigentlichen Attraktionen des Programms, den Auftritten der verschiedenen Solisten. Die Grenzen zwischen Konzertsinfonie und Opernouvertüre gestalteten sich fließend.

Auch Mozart hat seine frühen Sinfonien gelegentlich als Ouvertüren bezeichnet wie er auch andererseits die Ouvertüren zu seinen ersten Opern später (in erweiterter Fassung) als Sinfonien einsetzte.

In Sulzers umfassender "Allgemeinen Theorie der schönen Künste" von 1771 heißt es über den Charakter der Sinfonie ausführlich:

Die Symphonie ist zu dem Ausdrucke des Grossen, des Feyerlichen und Erhabenen vorzüglich geschickt. Ihr Endzweck ist, den Zuhörer zu einer wichtigen Musik vorzubereiten, oder in einem Kammerkonzert alle Pracht der Instrumentalmusik aufzubieten. Soll sie diesem Endzwecke vollkommen Genüge leisten, [...] so muss sie neben dem Ausdruck des Grossen und Feyerlichen noch einen Charakter haben, der den Zuhörer in die Gemüthsverfassung setzt, die das folgende Stück im Ganzen verlangt. [...] Die Kammersymphonie, die ein für sich bestehendes Ganzes, das auf keine folgende Musik abzielet, ausmacht, erreicht ihren Zweck nur durch eine volltönige, glänzende und feurige Schreibart. Die Allegros der besten Kammersymphonien enthalten grosse und kühne Gedanken, [...] anscheinende Unordnung in der Melodie und Harmonie, stark marquirte Rhythmen von verschiedener Art, kräftige Bassmelodien und [...] oft ein Thema, das nach Fugenart behandelt wird, plötzliche Uebergänge und Ausschweifungen von einem Ton zum andern, die desto stärker frappiren je schwächer oft die Verbindung ist, starke Schattirungen des Forte und Piano, und vornehmlich das Crescendo, das, wenn es zugleich bey einer aufsteigenden und an Ausdruck zunehmenden Melodie angebracht wird, von der grössten Wirkung ist.

Bei aller Prachtentfaltung und Klangeffekte hatte ein Komponist jedoch tunlichst darauf zu achten, daß seine Musik keine allzu großen Anforderungen an die Ausführenden stellte:

Es dürfen auch, weil sie [die Sinfonie] nicht wie die Sonate ein Uebungsstük ist, sondern gleich vom Blatt getroffen werden muss, keine Schwierigkeiten darin vorkommen, die nicht von vielen gleich getroffen und deutlich vorgetragen werden können.

Die Ausführungen in Sulzers "Theorie der schönen Künste" beschreiben recht genau die Produktionsbedingungen, denen auch Mozart Zeit seines Lebens unterworfen war: einzelne Sinfoniesätze als Einsprengsel zwischen solistischen Darbietungen und Konzertaufführungen ohne (oder mit allenfalls einer) Orchesterprobe.

Ein typisches Programm für eine Wiener von Mozart geleitete Academie gestaltete sich etwa so: die ersten drei Sätze einer Sinfonie, diverse Opern-Arien, Ausschnitte aus einem Klavierkonzert (mit Mozart als Dirigent und Solist in Personalunion), anschließend zwei Sätze einer Bläserserenade, ein Variationszyklus, in dem der Komponist nochmals seine Fingerfertigkeit unter Beweis stellen konnte und schließlich, gleichsam als Zugabe, der letzte Satz der Sinfonie.

Der Sinfonie kam also zu Mozarts Zeiten noch nicht jener zentrale Stellenwert zu, den sie seit dem Beginn des 19. Jahrhunderts einnehmen sollte. Noch galt sie mehr als ein aristokratisches Vergnügen, nicht – wie später bei Beethoven – als Ausdruck bürgerlichen Selbstverständnisses. Dieser Bedeutungswandel läßt sich auch an der Zahl der komponierten Werke und an ihrem Umfang ablesen: Haydn hatte keine Schwierigkeiten, im Laufe seines Lebens 104 Sinfonien zu Papier zu bringen, Mozart schrieb 41 Sinfonien, Beethoven kam gerade auf neun Sinfonien, Schumann und Brahms ließen es vier bewenden ... – aus dem gefälligen Beiwerk zum Ergötzen der Ohren war eine der Oper gleichrangige kompositorische Herausforderung geworden, die Zeit, Konzentration und Energie band.

Die entscheidenden Impulse in diese Richtung kamen ausgerechnet von den "Vielschreibern" Mozart und Haydn. Es scheint, als sie seien beide im Laufe der Jahre der kompositorischen Routine und der stereotypen Abfolge überdrüssig geworden; und in dem Maße, wie sie musikalisches Neuland eroberten, wie die Sinfonien an Umfang und komplexer Struktur zunahmen, verlangsamte sich auch der Schaffensprozeß.

Die Sinfonien KV 200-202

Seine erste Sinfonie (KV 16) hatte Mozart mit acht Jahren komponiert. Bis 1773 entstanden rund 30 Sinfonien, teils drei-, teils viersätzig, die sich alle an dem unverbindlich-gefälligen Plauderton der italienischen Vorbilder orientieren. Es sind geistreiche und brillante Werke, die zweifellos bewegen und anrühren können, denen es aber an geistiger Tiefe noch mangelt.

Als Mozart im Spätherbst 1773 von seiner dritten Italien-Reise und einem kürzeren Wien-Aufenthalt nach Salzburg zurückgekehrt, komponierte er in den folgenden Monaten eine Reihe von Sinfonien, mit denen er neue Wege beschritt: die "kleine" g-moll-Sinfonie KV 183 (Mozarts erste Sinfonie in einer Moll-Tonart überhaupt) sowie die drei Sinfonien KV 200-202 mit ihrem unüberhörbar experimentellen und doppelgesichtigen Charakter. Traditionsbewußtsein und Neuerungswillen stehen hier im Widerstreit: Zwar mochte sich Mozart von dem musikalischen Duktus der "Opera seria"-Sinfonia wohl nicht ganz lösen, aber die pathetisch-dramatischen Affekte werden bis an die Grenzen ausgereizt, so daß die Sinfonien KV 200-202 schon allein dadurch den Rahmen des bis dahin Üblichen sprengen. Auch die formale Anlage ist eine deutliche Absage an den altertümlichen italienischen "Sinfonia"-Typus. Die stereotype Dreisätzigkeit erweitert Mozart, indem er zwischen den langsamen zweiten Satz und dem schnellen Finalsatz ein Menuett einschiebt – nicht als bloßes höfisch-zeremonielles Zwischenspiel, sondern als sinfonischen Satz von eigenem Gewicht.

Während die Sinfonie in C-Dur (KV 200; Salzburg, 17. November 1774) durch die Besetzung mit zwei Trompeten in den Ecksätzen repräsentative Festlichkeit und orchestrale Pracht verbreitet, besticht die A-Dur-Sinfonie (KV 201; Salzburg, 6. April 1774) durch ihren warmen, kammermusikalischen Tonfall: Die Innenstimmen sind reich durchgearbeitet und werden im Wechselspiel von Streichern und Bläsern kontrapunktisch aufgelockert. Erstmals ist nicht der Kopfsatz das zentrale musikalische Moment, sondern im Mittelpunkt steht ein ausladendes Andante, dessen gesanglicher Gestus schon auf die zukünftige Entwicklung hindeutet. Mozart war von der A-Dur-Sinfonie auch in späteren Jahren noch so überzeugt, daß er sich die Partitur 1783 vom Vater nach Wien nachschicken ließ und sie dort erneut aufführte.

Verglichen mit ihren beiden Schwestern wirkt die D-Dur-Sinfonie (KV 202; Salzburg, 5. Mai 1774) fast schon konventionell. Insgesamt aber scheint Mozart mit diesen Sinfonien für's Erste an eine kompositorische Grenze gestoßen zu sein. Vier Jahre lang schrieb er keine Sinfonien und kehrte erst mit einem "Gelegenheitswerk", mit der "Pariser" Sinfonie in D-Dur (KV 297; Paris, Juni 1778) wieder zu dieser Gattung zurück.

Sinfonie in D-Dur, KV 297 – "Pariser"

Während der Parisreise, die der mittlerweile 21jährige Wolfgang Amadeus in den Jahren 1777/78 mit seiner Mutter antrat, löste er sich erstmals von dem Einfluß des übermächtigen Vaters, der in Salzburg zurückbleiben mußte und nurmehr brieflich auf seinen Sohn einwirken konnte. Während seines mehrwöchigen Zwischenaufenthalts in Mannheim lernte Mozart das berühmte Mannheimer Orchester des Kurfürsten Karl Theodor kennen sowie die Komponisten Cannabich, Holzbauer und Toeschi, die stilprägend für die sogenannte Mannheimer Schule waren.

In Paris schließlich mußte er schmerzlich erfahren, daß sein Ruhm als komponierendes und klavierspielendes Wunderkind mittlerweile verblaßt war. Hochnäsige Aristokraten behandelten ihn wie einen dahergelaufenen Lakaien, der Klavierunterricht wurde schlecht bezahlt, und die Instrumente, auf denen er spielen sollte, waren meist in einem desolaten Zustand.

Ein Lichtblick war der Kompositionsauftrag für die berühmten Pariser "Concerts spirituels". Die Orchesterprobe für die Aufführung der "Pariser" D-Dur-Sinfonie KV 297 am 18. Juni 1778 ließ sich allerdings nicht gut an, wie Mozart in einem Brief an den Vater klagte:

Bey der Prob war mir sehr bange, denn ich habe mein lebe-Tag nichts schlechters gehört; sie können sich nicht vorstellen, wie sie die sinfonie 2 mahl nacheinander heruntergehudeld, und herunter gekrazet haben. – mir war wahrlich ganz bang – ich hätte sie gern noch einmahl Probirt, aber weil man allzeit so viell sachen Probirt, so war keine zeit mehr, ich muste also mit bangem herzen, und mit unzufriedenen und zornigen gemüth ins bette gehen [...]

Die Aufführung selbst muß allerdings überaus erfolgreich gewesen sein:

Gleich mitten im Ersten Allegro war eine Passage, die ich wohl wuste, daß sie gefallen müste, alle zuhörer wurden davon hingerissen – weil ich aber wußte, wie ich sie schriebe, was für einen Effect machen würde so brachte ich sie auf die lezt noch einmahl an – da giengs nun Da capo. Das Andante gefiel auch, besonders aber das lezte Allegro – weil ich hörte daß hier alle lezte Allegro wie die Ersten mit allen instrumenten zugleich und meistens unisono anfangen, so fieng ich mit die 2 violin allein piano nur 8 tact an – darauf kamm gleich ein forte – mit hin machten die Zuhörer beym Piano sch – dann kam gleich das forte – sie das forte hören, und in die Hände klatschen war eins [...]

Trotz des Erfolgs sah Mozart sich jedoch gezwungen, den langsamen Mittelsatz gegen ein neues Stück auszutauschen:

Das Andante hat nicht das glück gehabt, ihn [den Leiter der Concerts spirituels] zufrieden zu stellen – er sagt, es seye zu viell modulation darin – und zu lang – das kamm aber daher, weil die zuhörer vergessen hatten einen so starcken und anhaltenden lärmen mit händeklatschen zu machen wie bei den Ersten und lezten Stück [...] um ihn aber zu befriedigen, habe ich ein anders gemacht – jedes in seiner Art ist recht – denn es hat jedes einen anderen Caractère – das lezte gefällt mir aber noch besser.

Was Mozart hier ganz nebenbei beschreibt, ist ein Stück historischer Rezeptionspraxis, wie sie heutzutage verpönt ist: der Beifall zwischen zwei Sätzen.

In der Pariser Sinfonie demonstrierte Mozart, was er in Mannheim gelernt hat: wie man den typischen Klangcharakter der Instrumente effektvoll zur Geltung bringt und die Dynamik (das berühmte Mannheimer crescendo) als gestalterisches Moment einsetzt. Die Voraussetzungen waren allerdings auch ideal, weil die "Concerts spirituels" über ein reichhaltiges Instrumentarium verfügten, dessen sich Mozart mit offensichtlicher Lust bediente.

Sinfonien KV 318, KV 319, KV 338 "Salzburger"

Die Aufführung der D-Dur-Sinfonie blieb Mozarts einziger größerer Erfolg in der französischen Hauptstadt. Und so war in den Augen des Vaters Leopold die Reise über Mannheim nach Paris ein einziges Fiasko gewesen. Zunächst hatten die beiden Weber-Töchter Aloisia und Constanze seinem Sohn den Kopf verdreht, dann war in Paris am 3. Juli 1778 die Frau gestorben, und auch der wirtschaftliche Erfolg des Unternehmens ließ zu wünschen übrig: keine lukrative Festanstellung für den Sohn, keinen Auftrag für eine Opern-Scrittura.

In künstlerischer Hinsicht jedoch hatte die Reise Mozart einen großen Schritt weitergebracht. Der neue Erfahrungshorizont der "Concerts spirituels" findet auch in den folgenden drei Sinfonien seinen Niederschlag, obwohl die Werke auf die vergleichsweise bescheidene Salzburger Orchester-Besetzung zugeschnitten sind.

Das Form-Modell aller drei Sinfonien ist wieder die dreisätzige italienische Opern-Sinfonia. Die Sinfonie in G-Dur (KV 318; Salzburg, 26. April 1779) trägt zudem die Gattungsbezeichnung "Ouvertüre", so daß sich die Vermutung aufdrängt, Mozart habe diese Sinfonie ursprünglich als Einleitung für das Singspiel "Thamos" oder "Zaide" geschrieben. Es ist ein recht vordergründiges Pracht- und Lärmstück, das gleichsam als Reminiszenz an das Orchester der "Concerts spirituels" eine ungewöhnlich große Besetzung mit vier Hörnern fordert.

Neben dem pathetisch-theatralischen Tonfall der Sinfonie KV 318 besitzt die benachbarte B-Dur-Sinfonie (KV 319; Salzburg 9. Juli 1779) einen regelrecht kammermusikalischen Charakter. Auch diese Sinfonie war ursprünglich dreisätzig konzipiert; für eine seiner Wiener Academien fügte Mozart jedoch 1782 ein Menuett hinzu. Zusammen mit zwölf anderen Kompositionen (u.a. die Sinfonie in C-Dur, KV 338) bot Mozart die Sinfonie 1786 dem Fürsten von Fürstenberg als neues Werk "eigenst nur für ihren Hof allein" an. Obwohl der zweifache Betrug aufflog (immerhin war die Sinfonie nunmehr sieben Jahre alt und Mozart hatte sie schon an anderer Stelle veröffentlicht), zahlte der Fürst großzügig den vereinbarten Betrag.

Mit der Sinfonie in C-Dur (KV 338; Salzburg, 29. August 1780) schließt sich der Zyklus der sogenannten "Salzburger Sinfonien". Die überdimensionale Steigerung des Theatertons verweist noch einmal auf die "Pariser" Sinfonie von 1778; neu im eigentlichen Sinne sind jedoch die weit ausschwingenden melodischen Bögen, wodurch die musikalische Faktur ihre bis dahin herrschende Kurzatmigkeit verliert.

Mit Ausnahme der "Pariser" Sinfonie richteten sich Mozarts bisherige Sinfonien vorwiegend an ein höfisches Publikum. Mit seiner Übersiedlung nach Wien im Jahre 1781 mußte sich Mozart ein neues, großteils bürgerliches Publikum erobern, das andere musikalische Bedürfnisse und Hörgewohnheiten hatte. Fortan war das

Komponieren von Sinfonien eine höchst verantwortliche Aufgabe, die man nicht mehr im halben Dutzend oder auch nur im Vierteldutzend hätte lösen können.
(Alfred Einstein)

Sinfonien der Wiener Jahre (Einführung)

Im Mai 1781, als der Salzburger Erzbischof Colloredo mit seinem Hofstaat in Wien weilte, provozierte Wolfgang Amadeus Mozart aus nichtigem Anlaß einen Eklat, woraufhin er von dem Oberstküchenmeister Graf Arco (die Musiker waren dem niederen Gesinde gleichgeordnet) mit einem Fußtritt aus den Diensten entlassen wurde. Die letzten Jahre hatte er sich wiederholt über die geistige Enge am Salzburger Hof beklagt, über die Eintönigkeit der täglichen Spaziergänge im Mirabellgarten und daß es auch musikalisch keine Herausforderungen für ihn gab. Nun war er sein eigener Herr, auf sich sebst gestellt und nur für sich selbst verantwortlich. Seinem Vater Leopold in Salzburg schilderte er die Zukunftsaussichten in rosigen Farben:

Mein fach ist zu beliebt hier, als daß ich mich nicht Souteniren sollte. hier ist doch gewis das Clavierland! - und dann, lassen wir es zu, so wäre der fall erst in etwelchen Jahren, eher gewis nicht. – unterdessen hat man sich Ehre und geld gemacht – und wer weis was sich dieweil für eine gelegenheit ereignet.

Die Voraussetzungen waren in der Tat ideal: Wien galt neben Paris und London als eines der wichtigsten Musikzentren, und Mozart wußte sein Können und seinen Ruf in der Stadt sehr wohl einzuschätzen. Zudem zeigte das ehemalige ""Wunderkind" auch durchaus Sinn für's Geschäftliche: Dem Fürsten von Fürstenberg diente er etliche ältere und bereits veröffentlichte Sinfonien als neue Werke "eigenst nur für ihren Hof allein" an. Und über seine Geschäftsphilosophie als Klavierlehrer schrieb er seinem Vater:

dermalen habe ich nur eine einzige Skolarin; ich könnte derer freylich mehrere haben, wenn ich meinen Preis herabsetzen wollte. – so bald man aber das thut so verliert man seinen credit. Ich will lieber drei Instructionen haben die mich gut bezahlen, als 6 die mich schlecht zahlen.

Sich rar machen und teuer verkaufen, als konzertierender Musiker und Komponist zwar ständig präsent zu sein, ohne den Markt zu überschwemmen – das machte (zumindest in den ersten Wiener Jahren) Mozarts geschäftlichen Erfolg aus. Die Hörgewohnheiten des Wiener Publikums waren andere als am Salzburger Hof: Die Academien (wie man die Konzertveranstaltungen damals nannte) entsprangen nicht dem höfischen Bedürfnis nach allabendlichem wohlklingendem Plaisir, sondern sie besaßen den Charakter eines musikalischen Ereignisses, mit dem der Wiener Amtsadel und das Bürgertum sich ihrer gesellschaftlichen Bedeutung versicherten. Entsprechend stiegen auch die Anforderungen an die musikalische Substanz: Das Komponieren von Sinfonien und Klavierkonzerten im halben oder auch nur im Vierteldutzend brachte einem Komponisten schnell den Ruf eines Vielschreibers und "Tintenklecksers" ein.

In dem Maße, wie sich die Aufführungsbedingungen veränderten und Mozart gezwungen war, mit der musikalischen Struktur zu experimentieren, verlangsamte sich auch der Schaffensprozeß. Seine erste Sinfonie (KV 16) hatte Mozart mit acht Jahren komponiert. Bis 1773 entstanden rund 30 Sinfonien, teils drei-, teils viersätzig, die sich alle an dem unverbindlich-gefälligen Plauderton der italienischen Open-Sinfonie orientieren. Es sind geistreiche und brillante Werke, die zweifellos bewegen und anrühren können, denen es aber an geistiger Tiefe noch mangelt. In einer zweiten Phase – nach Mozarts dritter Italienreise – brach sich ein neuer Gestaltungswille Bahn: In mehreren Schüben schrieb er zehn Sinfonien, die sich mehr und mehr von den Traditionen und Vorbildern lösten. In den Wiener Jahren zwischen 1782 und 1788 waren es dann nur noch sechs Sinfonien – im wahrsten Sinne des Wortes herausragende Einzelwerke.

Sinfonie in D-Dur, KV 385 – "Haffner-Sinfonie"

Die sogenannte Haffner-Sinfonie in D-Dur, KV 385 war ursprünglich als Serenade für befreundete Salzburger Familie Haffner anläßlich ihrer Erhebung in den Adelsstand gedacht. Mozart komponierte die Serenade im Juli 1782 unter großem Zeitdruck. In einem Brief an den Vater beklagte er sich am 12. Juli:

Nun habe ich keine geringe arbeit. – bis Sonntag acht muß meine Opera [Die Entführung aus dem Serail] auf die harmonie [d.h. für Bläserensemble] gesetzt seyn – sonst kommt mir einer bevor – und hat anstatt meiner den Profit davon; und soll nun eine Neue Sinphonie auch machen! – Wie wird das möglich seyn! [...] Je nu, ich muß die Nacht dazu nehmen, anderst kann es nichtt gehen – und ihnen, mein liebster vatter, sey es aufgeopfert. – sie sollen alle Postage sicher etwas bekommen – und ich werde soviel möglich geschwind arbeiten – und so viel es die Eile zulässt – gut schreiben.

Die Nobilitierungs-Feierlichkeiten im Hause Haffner Ende Juli mußten dann allerdings doch ohne Mozarts Serenade vonstatten gehen: Das Werk wurde erst in der zweiten Augustwoche fertig und stieß (trotz des verspäteten Eintreffens) bei Vater Leopold auf höchstes Lob. Als Mozart die Serenade ein halbes Jahr später zurückerhielt, schrieb er:

Die Neue Hafner Sinfonie hat mich ganz suprenirt – dann ich wusste kein wort mehr davon; – die muß gewis einen guten Effect machen [...]

Angesichts des Umfangs und der musikalischen Qualität ist diese Äußerung sicherlich als eine Koketterie gegenüber dem Vater zu verstehen, dem die Wiener Karriere und die Hochzeit seines Sohnes mit Konstanze Weber immer noch ein Dorn im Auge war. Für die Akademie am 23. März 1783 unterzog Mozart die Serenade einer Revision: Er strich den einleitenden Marsch und ein zweites Menuett und fügte in den schnellen Ecksätzen Flöten und Klarinetten hinzu. Die "Haffner"-Sinfonie ist Mozarts erste "klassische" Sinfonie im eigentlichen Sinne: War das Eröffnungmotiv bislang eine eher beliebige Allerweltsfloskel, so bestimmt sein festliches Gepräge nun die Physiognomie des ganzen ersten Satzes. Die Satzstruktur selbst erscheint nunmehr verdichtet. Mit ihren kanonische Führungen, Umkehrungen und Verkürzungen weist sie über den ursprünglichen, gesellschaftlich-unterhaltsamen Rahmen deutlich hinaus.

Der Programmzettel der Academie vom 23. März belegt indes, wie wenig selbst Mozart seine Sinfonie als geschlossenes Ganzes betrachtete – wie sehr die Sinfonie immer noch als "laute Vorbereitung und kräftige Einladung zur Anhörung eines Concerts" (Ch.F.D. Schubart, 1770) galt: Auf die ersten drei Sätze der Haffner-Sinfonie folgten diverse Arien aus seinen Opern, das Klavierkonzert KV 175 (allerdings mit dem Finalsatz von KV 382), der dritte und vierte Satz einer Serenade, Klaviervariationen über eine Opernarie von Paisiello, eine kleine Fuge ("weil der kayser da war") und schließlich erst als Zugabe der letzte Satz der "Haffner"-Sinfonie.

Sinfonie in C-Dur, KV 425 – "Linzer"

Im Sommer 1783 reiste Mozart nach Salzburg, um Constanze seinem Vater und seiner Schwester vorzustellen. Auf der Rückreise Ende Oktober wollte man einige Tage in der oberösterreichischen Stadt Linz verbringen. Aus der Reiseunterbrechung wurde dann ein vierwöchiger Aufenthalt. Auf Betreiben des Gastgebers Graf Johann Joseph Anton von Thun wurde kurzfristig eine Academie zugunsten Mozarts angesetzt. Dem Vater schrieb Mozart nach Salzburg:

Dienstag als den 4ten November werde ich hier im Theater academie geben. – und weil ich keine einzige Simfonie bey mir habe, so schreibe ich über hals und kopf an einer Neuen, welche bis dahin fertig seyn muß.

Das auf die Schnelle enstandene Werk ist die sogenannte "Linzer" C-Dur-Sinfonie KV 425, mit der Mozart kompositorisches Neuland betritt. Nachdem er in Wien Haydns Sinfonien kennengelernt hatte, stellt auch er nun erstmals dem Kopfsatz eine langsame Einleitung voran. Das zweite Thema trübt sich nach der unbeschwerten C-Dur-Eröffnung unvermittelt nach e-moll ein – wie auch der zweite Satz sich zunehmend in dunkleren Regionen verliert.

Zu Mozarts Zeiten war es durchaus üblich, daß Sinfonien einmal aufgeführt und dann vergessen wurden. Vor allem das Wiener Publikum hätte die Nase gerümpft, wenn ihm diesselbe Sinfonie ein zweites Mal offeriert worden wäre. Da sich die Wiener jedoch wenig um das Musikleben in anderen Städten kümmerten, konnte es Mozart im Falle der Linzer Sinfonie wagen, das Werk für eine Academie am 1. April 1784 als "ganz neue große Simphonie" zu annoncieren. 1786 bot er sie dann zusammen mit zwölf anderen Stücken dem Fürsten von Fürstenberg als neue Komposition "eigenst nur für ihren Hof allein" an. Obwohl der Betrug aufflog, zahlte der Fürst großzügig den vereinbarten Betrag.

Sinfonie in D-Dur, KV 504 – "Prager"

In seinem eigenhändigen Werkverzeichnis notierte Mozart am 6. Dezember 1786 die Vollendung einer "Sinfonie ex D", die heutzutage als "Prager" Sinfonie, KV 504 bekannt ist. Daß er das Werk eigens für Prag komponiert hat und wegen der "Figaro"-Begeisterung des Prager Publikums Motive der Oper eingearbeitet habe, zählt zu den Legenden, an denen die Mozart-Biographen auch heute noch gerne stricken. Über den ursprünglichen Kompositionsanlaß (eine geplante Academie in Wien im Januar 1787?) ist nichts bekannt; in jedem Falle erhielt Mozart die Einladung nach Prag erst gegen Weihnachten, also lange nach Fertigstellung der Sinfonie.

Rätsel gibt die Prager Sinfonie aber dennoch auf: In Wien hatte sich mittlerweile als sinfonische Großform die viersätzige Anlage mit einem Menuett nach dem langsamen Mittelsatz herausgebildet. Die dreisätzige Sinfonie mit ihrer Satzfolge schnell-langsam-schnell galt hingegen als altmodisch und einfallslos, da man ihr die Abstammung von der italienischen "Opera seria"-Ouvertüre allzu deutlich anmerkte. Umso überraschender ist es, daß Mozart zu einer Zeit, in der er aus wirtschaftlichen Gründen kein Risiko eingehen konnte, wieder auf die dreisätzige Anlage zurückgriff.

Über die D-Dur-Sinfonie und die Linzer Sinfonie, die bei der Prager Academie am 19. Januar 1787 erklangen, schrieb der zeitgenössische Mozart-Biograph Franz Xaver Niemetschek:

Die Sinfonien, die er für diese Gelegenheit setzte, sind wahre Meisterstücke des Instrumentalsatzes, voll überraschender Übergänge und haben einen raschen, feurigen Gang, so, dass sie alsogleich die Seele zur Erwartung irgend etwas Erhabenen stimmen. Dies gilt besonders von der grossen Sinfonie in D-dur, die noch immer ein Lieblingsstück des Prager Publikums, obschon sie wohl hundertmal gehört ward.

Die "Don Giovanni"- und "Figaro"-Reminiszenzen sind kaum zu überhören, so daß sie Mozart wohl nicht nur zufällig aus der Feder geflossen sind: die "Komtur"-Atmosphäre in der schmerzlichen Adagio-Einleitung mit ihren jähen Wechseln zwischen piano und forte), die Variierung des "Andiam, mio bene"-Motivs zwischen Don Giovanni und Zerlina im Seitenthema des zweiten Satzes oder das Zitat "Aprite, presto aprite" im Kopfthema des Presto-Finales. Hieraus aber ohne weitere Hinweise Rückschlüsse biographischer oder dramaturgischer Art zu konstruieren tut dem Werk unzulässig Gewalt an.

Sinfonie in Es-Dur, KV 543

Die drei letzten Sinfonien sind angeblich ohne äußeren Anlaß im Sommer des Jahres 1788 entstanden. Studiert man jedoch die Quellen genauer, so zeigt sich, daß Mozart mehrere Anläufe unternommen hat, eine Serie von Subskriptionskonzerten zu seinen Gunsten zu veranstalten. Ob diese Academien stattgefunden haben (oder ob sie aus Mangel an Interesse abgesagt werden mußten), läßt sich nicht mehr eindeutig feststellen. Es scheint aber, daß zumindest die Sinfonie in Es-Dur (KV 543) und die große g-moll-Sinfonie (KV 550) noch zu Mozarts Lebzeiten aufgeführt wurden.

Die Es-Dur-Sinfonie entstand in einer Zeit größter finanzieller Not. Am 27. Juni 1788, einen Tag, nachdem er die Sinfonie fertiggestellt hatte, schrieb er an seinen Freund und Logenbruder Michael Puchberg:

Ich habe in den letzten 10 Tagen mehr gearbeitet als sonst in zwei Monaten, und kämen mir nicht unentwegt schwarze Gedanken (die ich nur mit Gewalt ausschlagen kann) würde die Arbeit noch besser von Statten gehen [...]

Dem Werk selbst ist diese düstere Stimmung nicht anzumerken. Punktierte Rhythmen, Dreiklangsmotive, der gravitätisch vorwärts schreitende Gestus und die prunkvolle Instrumentation mit Pauken und Trompeten verliehen dem Kopfsatz einen eher repräsentativen Charakter. Für E.T.A. Hoffmann galt die Sinfonie indes als Mozarts "Schwanengesang", wo "Liebe und Wehmut in holden Geisterstimmen tönen".

Sinfonie in g-moll, KV 550

Die große g-moll-Sinfonie KV 550 ist seit den Pop-Versionen der 70er und 80er Jahre die wohl bekannteste der Mozart-Sinfonien. Aber auch in Mozarts Werkkatalog nimmt sie als eine der wenigen moll-Kompositionen eine exponierte Stellung ein. Den Beinamen "groß" erhielt sie im Laufe des 19. Jahrhunderts, um sie von der frühen g-moll-Sinfonie KV 183 zu unterscheiden.

In der Musikästhetik des 18. Jahrhunderts galt die Tonart g-moll als

der allerschönste Tohn / weil er nicht nur die [...] anhängende ziemliche Ernsthafftigkeit mit einer muntern Lieblichkeit vermischet / sondern eine ungemeine Anmuth und Gefälligkeit mit sich führet / dadurch er wol zu zärtlichen / als erquickenden / so wol zu sehnenden als vergnügten; mit kurtzen beydes zu mäßigen Klagen und temperirter Frölichkeit bequem und überaus flexible ist. (J. Mattheson)

Andererseits wurde diese Tonart auch mit "Missvergnügen, Unbehaglichkeit, Zerren an einem verunglückten Plane; missmuthiges Nagen am Gebiss; mit einem Worte, Groll und Unlust" (Schubart 1784/85) gleichgesetzt. Diese Zerrrissenheit des Charakters spiegelt sich auch in Mozarts g-moll-Sinfonie wider.

Die formale Struktur ist äußerst knapp bemessen, und das Seufzer-Motiv des Kopfthemas treibt gehetzt vorwärts, ohne jedoch eine Auflösung zu erfahren. Der Interpretation Robert Schumanns, der in dem Werk "griechisch schwebende Grazie" entdeckt zu haben glaubte, kann man sich angesichts der umdüsterten instrumentalen Dramatik schwerlich anschließen.

Sinfonie in C-Dur, KV 551 – "Jupiter"

Der Name "Jupiter-Sinfonie" für die C-Dur-Sinfonie KV 551 geht zurück auf den Londoner Konzertunternehmer Johann Peter Salomon. Die Bezeichnung ist somit - wenn sie schon nicht von Mozart selbst stammt – zumindest doch zeitgenössisch. Gelegentlich wurde das Werk in Programmzetteln des 19. Jahrhunderts auch als die "klassische Sinfonie mit der Schlußfuge" bezeichnet.

Wenn es auch fragwürdig ist, hinsichtlich eines musikalischen Kunstwerks von einer Kompositionsidee zu reden (als sei Musik der Lösung eines mathematischen Problems gleichzusetzen), so fällt doch auf, wie sehr Mozart es hier doch darauf anlegt, klangliche Gegensätze zu einer Synthese zu zwingen. Immer wieder wird der festliche C-Dur-Charakter des Kopfsatzes durch Mollfärbungen und chromatische Fortschreitungen eingetrübt, wird die feierliche Ouvertüren-Rhythmik der französischen Tradition gegen den singenden Charakter der italienischen Opern-Sinfonie ausgespielt. In außergewöhnlicher dramatischer Intensität reichen die musikalischen Affekte von höchster Euphorie bis tiefer Melancholie. Von jener olympischen Ruhe, die man mit dem Namen "Jupiter" assoziiert, ist jedenfalls nichts zu spüren. Eher mag man mit dem polnischen Mozart-Biographen Théodore de Wyzewa übereinstimmen, der die Sinfonie als "leidenschaftlichste und romantischste Instrumentalkomposition in Mozarts Karriere" bezeichnete.