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Inhaltsverzeichnis Manuskriptsammlung

Oswald von Wolkenstein –
Durch Barbarei, Arabia

Dieser Beitrag ist entstanden als Sendemanuskript
für den Süddeutschen Rundfunk, Stuttgart
(Sendung: Alte Musik kommentiert, 2.8.1994)

Exposé

"Durch Barbarei Arabia" ist er gezogen, als ihm das "frölich Geschrey" der Kinder auf seiner angestammten Südtiroler Burg Hauenstein auf die Nerven ging. "Wie ain tier" mußte er wegen Erbstreitigkeiten jahrelang im Kerker sitzen, um im Anschluß an dieses Erlebnis zu singen: "O snöde werlt!" – Oswald von Wolkenstein, der an der Scheidegrenze von Mittelalter und Renaissance lebte, gilt als der letzte Minnesänger. Jahrhunderte lang war sein dichterisches und kompositorisches Schaffen in Vergessenheit geraten. Erst in den letzten Jahren ist das Interesse an seinen musikalischen Pamphleten gegen Landesherrn, Kaiser und die klerikale Obrigkeit wieder gewachsen.

Sendemanuskript
Musik-Nr.: 01
Komponist: Oswald von Wolkenstein
Auswahl: Frölich geschrai <Track 9.> 1:05
Interpreten: Studio der frühen Musik
Label: EMI (LC 0110)
CDM 7 63069 2
<Track 9.> Gesamt-Zeit: 1:05

Mit "fröhlich Geschrei" – so, scheint's auf den ersten Blick, ist es im Leben des Tiroler Ritters Oswald von Wolkenstein vornehmlich zugegangen: Verfolgt man Oswalds Lebensgeschichte und stöbert in den Dokumenten aus jener Zeit, so stößt man immer wieder auf Raufhändel und Prozesse mit Verwandten und Nachbarn, und in seinen Liedern erzählt Oswald ausführlich von seinen Abenteuern zu Lande und zur See, von sehnsuchtsvollem Minnedienst und kurzer Liebeslust.

Es war die Zeit, da das sogenannte finstere Mittelalter sich dem Ende zuneigte. Als Oswald 1377 auf der Burg Schöneck in Tirol geboren wurde, hatte der einstmals so stolze Ritterstand seine gesellschaftliche Bedeutung verloren. Das Geld besaßen die Kaufleute und Großgrundbesitzer, und die politische Macht hatte nach und nach der obere Adel, die Landesfürsten und der König, an sich gezogen. An die Stelle von Fehdehandschuh und Gottesgericht waren mittlerweile kodifizierte Gesetze getreten, denen sich auch die von Wolkenstein zu beugen hatten.

Die Verhältnisse hatten sich also grundlegend gewandelt im ausgehenden 14. Jahrhundert, aber das ritterliche Lebensgefühl besaß unverändert Geltung – zumindest in den Familien, die schon seit Generationen nach diesen Idealen gelebt hatten. So mußte auch Oswald von Wolkenstein mit zehn Jahren das Elternhaus verlassen und als Knappe eines fahrenden Ritters durch die Lande ziehen. Jahrzehnte später schildert er in einem Lied, wie es ihm auf diesen Reisen ergangen ist: mit drei Pfennigen und einem Stück Brot im Beutel zu Fuß bis nach Litauen, Griechenland und in die Türkei. Schiffbruch auf dem Schwarzen Meer und was der Abenteuer sonst sind ...

Musik-Nr.: 02
Komponist: Oswald von Wolkenstein
Werk-Titel: Es fuegt sich (Str. 1,2) <Track 4.> 3:15
Interpreten: Benjamin Bagby
Label: dhm (LC 0761)
05472 77302 2
<Track 4.> Gesamt-Zeit: 3:15
Technik: ausblenden bei 03:13

Was Oswald von Wolkenstein in seinen autobiographischen Liedern zu berichten weiß, sollte man nicht allzu wörtlich nehmen. Daß er Französisch, Maurisch, Katalanisch, Kastilisch, Deutsch, Latein, Windisch, Lombardisch, Russisch und Rumänisch sprach – glaub' es, wer's wolle. Und seine Liebesabenteuer, als er zwei Jahre lang um seines Seelenheils willen die Mönchskutte trug: Solche Episoden gehörten in der damaligen Zeit zu den literarischen Klischees, die einem in dieser oder in abgewandelter Form immer wieder begegnen. Als Dichter und Sänger bot Oswald dem höfischen Publikum, was es hören wollte.

Und dennoch: Wenn er über die Liebe singt, findet er ganz neue Töne. Was einstmals poetischer Kristallisationspunkt war – der ritterliche Minnedienst, das unerfüllte Sehnen und Liebesverlangen zu einer hochgestellten Frau: dieser literarischen Tradition ist Oswald sich zwar durchaus bewußt, aber als dichterische Herausforderung reizt ihn die altertümliche Minnelyrik kaum noch. Die meisten seiner Liebeslieder handeln denn auch von der erfüllten Liebe, vom Abschiednehmen bei Tagesanbruch ...

Musik-Nr.: 03
Komponist: Oswald von Wolkenstein
Werk-Titel: Ach senleiches leiden <Track 7.> 2:50
Interpreten: Studio der frühen Musik
Label: EMI (LC 0110)
CDM 7 63069 2
<Track 7.> Gesamt-Zeit: 2:50

Daß Liebesabenteuer nicht nur mit Abschiednehmen, sondern mit allerhand Unannehmlichkeiten enden können, dies mußte Oswald von Wolkenstein im Herbst 1421 erfahren. Auslöser war ein Erbschaftstreit, der sich schon seit etlichen Jahren hinzog und bei dem Oswald eine unrühmliche Rolle spielte: Er brachte sich rechtswidrig in den Besitz der Burg Hauenstein und zündete einem Bauern seines Gegenspielers den Hof an.

Als alle Eingaben und Protestschreiben an König Sigismund im Sande verliefen und der Wolkensteiner immer dreister wurde, nahmen die Geschädigten die Angelgenheit selbst in die Hände. Eine ehemalige Geliebte Oswalds lud ihn zu einem Schäferstündchen ein, wo dann seine Gegner auf ihn warteten und ihn einkerkerten. Ein halbes Jahr verbrachte Oswald im Kerker. Daß er an seiner mißlichen Situation selbst Schuld sein könnte – dieser Gedanke ist ihm in all der Zeit offensichtlich nie gekommen. – Seine Wut über den schmählichen Verrat seiner Ex-Geliebten hat er später in einem Gedicht formuliert: Von Adam über David, Salomon, König Alexander und Johannes den Täufer – sie alle waren Opfer von Frauen, so daß Oswald sich in bester Gesellschaft befindet ...

Musik-Nr.: 04
Komponist: Oswald von Wolkenstein
Werk-Titel: Wenn ich betracht <Track 4.> 4:10
Interpreten: Ensemble für frühe Musik Augsburg
Label: Chr (LC 0612)
CD 74540
<Track 4.> Gesamt-Zeit: 4:10

Während seiner halbjährigen Gefangenschaft auf Burg Forst haben Oswalds Gegenspieler ihm gehörig zugesetzt. Folterungen waren in jener Zeit an der Tagesordnung, um Geständnisse oder Zugeständnisse zu erreichen, und als Oswald im Frühjahr 1422 gegen ein Lösegeld freigelassen wurde, konnte er sich zunächst nur an Krücken fortbewegen. Nicht daß er über Schmerzen geklagt hätte oder vor Selbstmitleid zerflossen wäre! Was ihn an seinem zerschundenen Zustand störte: daß die Mädchen zur Fasnachtszeit einen Bogen um ihn machten ...

Musik-Nr.: 05
Komponist: Oswald von Wolkenstein
Werk-Titel: Es nahent <Track 3.> 2:30
Interpreten: Studio der frühen Musik
Label: EMI (LC 0110)
CDM 7 63069 2
<Track 3.> Gesamt-Zeit: 2:30

Es sind vor allem jene einstimmigen Lieder, in denen Oswald von Wolkenstein seine autobiographischen Erlebnisse dichterisch und musikalisch festhält. Und in diesen einstimmigen Liedern zeigt sich auch, daß Oswald doch mehr Dichter als Komponist war. Die musikalische Kunstfertigkeit, wie er sie auf seinen Reisen in Italien und Frankreich kennenlernte, war seine Sache nicht. Und so variierte er häufig vorhandene Melodien, unterlegte sie mit neuem Text und versah sie mit einer neuen Begleitstimme. Hier die französische Chanson "Je voie mon coeur" zunächst in der Originalgestalt und dann in der Fassung von Oswald von Wolkenstein: "Du auserwähltes schönes Herz" ...

Musik-Nr.: 06
Komponist: anonym
Werk-Titel: Je voy mon cuer <Track 17.> 2:35
Interpreten: Ensemble für frühe Musik Augsburg
Label: Chr (LC 0612)
CD 74540
<Track 17.> Gesamt-Zeit: 2:35
Musik-Nr.: 07
Komponist: Oswald von Wolkenstein
Werk-Titel: Du ausserweltes <Track 8.> 2:05
Interpreten: Studio der frühen Musik
Label: EMI (LC 0110)
CDM 7 63069 2
<Track 8.> Gesamt-Zeit: 2:05

Daß Oswald von Wolkenstein mit zunehmendem Alter besonnener oder gar seßhafter geworden wäre, davon ist nichts zu merken – weder in seinem Lebenslauf noch in seinen Liedern. Er gehörte zu jenen mittelalterlichen "Globetrottern", die auf eigene Faust oder im Gefolge ihres Königs immer unterwegs waren, denen man beim Konzil zu Konstanz begegnete und auf den Kriegszügen durch Italien, die in Prag ebenso zu Hause waren wie in Paris. Vielleicht sind deshalb seine Liebeslieder immer auch Abschiedslieder.

Als er dann in späteren Jahren seßhafter wird und von der beengten Tiroler Burg Hauenstein aus seine Güter verwaltet, denkt er wehmütig an seine Reisezeit zurück, wie er durch das Berberland und durch Arabien zog:

Nun hänge ich ganz gegen meinen Willen am Ehestand fest und lebe auf einem engen runden Felsblock, umgeben von dichtem Wald. Nichts sieht man hier als Steine, Bäume und Eiszapfen, und das Geschrei der Kinder zerrt an meinen Nerven ...

Musik-Nr.: 085
Komponist: Oswald von Wolkenstein
Werk-Titel: Durch Barbarei, Arabia <Track 8.> 5:30
Interpreten: Sequentia
Label: dhm (LC 0761)
05472 77302 2
<Track 8.> Gesamt-Zeit: 5:30

Oswald von Wolkenstein ist ein Mensch der Zeitenwende. Wie er in seinen weltlichen Gedichten zwar als der "letzte Minnesänger" gilt, dabei aber die alten Form-Modelle und inhaltlichen Klischees über Bord wirft, so streiten auch hinsichtlich seiner Glaubenshaltung zwei Seelen in seiner Brust. In seiner Sorge um das Seelenheil erweist Oswald sich noch ganz als ein im mittelalterlichen Denken befangener Mensch, der nichts mehr fürchtet als das Höllenfeuer. Der Tod kommt ihm vor wie ein Ungeheuer mit scharfen Hörnern und aufgerissenem Rachen. Doch die angemessene demutsvolle Haltung will ihm auch jetzt noch nicht so recht über die Lippen kommen. Und in der letzten Zeile stehen sie sich wieder als gleichwertige Partner gegenüber: Gott, der Schöpfer, mit seiner Verpflichtung, den Wolkensteiner vor dem Tode noch zur Erleuchtung zu führen ...

Musik-Nr.: 09
Komponist: Oswald von Wolkenstein
Werk-Titel: Ich spür ain tier <Track 22.> 5:30
Interpreten: Ensemble für frühe Musik Augsburg
Label: Chr (LC 0612)
CD 74540
<Track 22.> Gesamt-Zeit: 5:30

So rücksichslos Oswald von Wolkenstein seine materiellen Interessen durchzusetzen verstand, so selbstbewußt er vor seinem Dienstherrn oder in seinen Gedichten auftrat, so konnte er auf der anderen Seite von einer inbrünstigen Frömmigkeit erfaßt werden. Seine Pilgerreise ins Heilige Land zeugt davon, seine großzügigen Stiftungen für den Dom in Brixen und diverse Klöster und etliche seiner Lieder. In überschwenglichem Ton vermag er das Gotteslob zu singen - doch nur bis zur vorletzten Zeile; denn dann kommt wieder der alte Wolkensteiner zum Vorschein:

Nun habe ich Dein Lob gesungen, Herr. Nun hilf Du mir dafür gegen meine persönlichen Feinde! ...

Musik-Nr.: 10
Komponist: Oswald von Wolkenstein
Werk-Titel: Der oben swebt <Track 2.> 4:35
Interpreten: Studio der frühen Musik
Label: EMI (LC 0110)
CDM 7 63069 2
<Track 2.> Gesamt-Zeit: 4:35