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Inhaltsverzeichnis Manuskriptsammlung

Joachim Raff (1822-1882): Orchesterwerke

Dieser Text ist entstanden als Beitrag für:
Bibliothek der Meisterwerke
Sinfonien, Konzerte, Ouvertüren.
Köln, Naumann & Göbel, S. 258-259

Einführung

Von Joachim Raff stammt das Bonmot, das einige Jahrzehnte später auch Richard Strauss wieder aufgegriffen hat: "Mit reichlichem Geschick kann ein Komponist alles in Töne setzen, und sei es ein opulentes Mittagessen."Damit bekundete Raff schon frühzeitig seine Zugehörigkeit zur "Neudeutschen Schule", jenes Musikerzirkels um Franz Liszt, der die Ansicht vertrat, die weitere sinfonische Entwicklung liege im Bereich der Programmusik. Seit 1850 stand Raff als "persönlicher Sekretär" in Liszts Diensten; unter anderem mußte er auch die Instrumentation für mehrere von Liszts Kompositionen ausarbeiten, darunter die beiden Klavierkonzerte sowie die sinfonischen Dichtungen "Tasso", "Prometheus" und "Ce qu'on entend sur la montagne". 1856 kündigte Raff die Anstellung, weil "ich stetsfort eine untergeordnete Rolle zu spielen hatte und der Druck, den Liszt freiwillig und unfreiwillig auf meine Persönlichkeit ausübte, unerträglich geworden war."

Als Komponist hatte er in den folgenden Jahren vor allem mit seinen Sinfonien großen Erfolg, wohl nicht zuletzt wegen der Naturbilder und literarischen Programme, die er den Werken zugrunde legte. Seine vier Opern fanden hingegen kaum Beachtung, und die Klavier- und Kammermusik wurde schon zu Lebzeiten wegen ihrer Nähe zur leichten Salonmusik kritisiert.

Sinfonie Nr. 3 F-Dur "Im Walde" op. 153

Die musikalischen Vorbilder sind nicht zu überhören: Beethovens "Pastorale", der "Sommernachtstraum" von Mendelssohn-Bartholdy und Berlioz' "Sinfonie fantastique". Wie Beethoven versucht auch Raff, den pastoralen Stimmungsgehalt in die traditionelle sinfonische Form zu zwingen, wobei die Ähnlichkeiten bis in die Formulierungen reichen. Notierte Beethoven in der Partitur "Mehr Ausdruck der Empfindung als Malerei", so überschreibt Raff den ersten Satz ("Am Tage") mit "Eindrücke und Empfindungen". Jagdhornrufe und Vogelstimmen-Imitationen lassen ein idyllisches Naturbild entstehen. – Der zweite Satz "In der Dämmerung. Träumerei" schwelgt in Melodien von Brahmsschem Zuschnitt und mündet in einen elfengleichen "Tanz der Dryaden". – Der letzte Satz ist ein turbulentes Klanggemälde einer gespenstischen Nacht. Nach einem "stillen Weben der Nacht im Walde" beginnt die "wilde Jagd von Wotan und Frau Hulda", bis schließlich Hörner und Fagotte einen Choral anstimmen und den Sonnenaufgang verkünden.

Sinfonie Nr. 5 E-Dur "Lenore" op. 177

Als Programm dieser 1872 entstandenen Sinfonie hat Raff die gleichnamige Ballade von Gottfried August Bürger zugrunde gelegt: Leonore, glücklich verliebt, nimmt Abschied von ihrem Verlobten, der in den Krieg zieht. Es folgt eine Zeit sehnsuchtsvollen Wartens, bis schließlich der Tod in einem turbulenten Marsch-Satz die beiden Liebenden trennt. Der letzte Satz in einem verklärt hymnischen Ton ist überschrieben mit "Wiedervereinigung im Tode". Trotz des dramatischen Gehalts hebt Raff nicht sosehr die gespenstischen als vielmehr die volkstümlichen erzählenden Elemente dieser Ballade hervor, weil nach seiner Auffassung "Gefühle nie so drastisch ausgedrückt werden dürfen, daß sie abschreckend oder abstoßend wirken."