Home | Impressum
KölnKlavier · Themen
Inhaltsverzeichnis Manuskriptsammlung

Kompositionen von Max Reger

Dieser Beitrag ist entstanden als Booklet-Text für die CD-Produktionen:

Max Reger:
Sinfonietta op. 90; An die Hoffnung, op. 124; Hymnus der Liebe, op. 136
Berlin Classics (LC 6203) 9122-2. Prod. 1973, 1969; © 1996.

Max Reger:
Variationen und Fuge über ein Thema von Mozart, op. 132
Vier Tondichtungen nach Arnld Böcklin, op. 128
Berlin Classics (LC 6203) 2177-2. Prod. 1970, 1965; © 1994.

Orchesterlieder – Einführung

Das Kunstlied ist ein Genre, das seinen künstlerischen Aufstieg seit dem beginnenden 19. Jahrhundert in den bürgerlichen Salons erlebt hat. Für Haydn und Mozart waren Lieder noch Gelegenheitswerke; bei Schubert dann emanzipierte sich die Gattung und wurde zum festen Bestandteil der bürgerlichen Musikkultur. Die ästhetische Beschränkung auf die poetisch-idyllische Miniatur und die Reduktion des musikalischen Satzes auf eine einzelne Gesangsstimme mit Klavierbegleitung (bei weitgehendem Verzicht auf die virtuose Geste) entsprachen dem Bedürfnis des Bürgertums nach Intimität und Beschaulichkeit, nach einer Geselligkeit im überschaubaren Rahmen.

Während die Liedproduktion im Laufe des vergangenen Jahrhunderts zur mengenmäßig umfangreichsten musikalischen Gattung anwuchs (so daß schon die Zeitgenossen von einem "Jahrhundert des Liedes" sprachen), wurden Liederabende in Form öffentlicher Konzertdarbietungen erst verhältnismäßig spät populär. Mit diesem Wechsel des Aufführungsortes verlor das Kunstlied allerdings auch seine "lyrische Unschuld". Die Komponisten mißtrauten zunehmend dem kammermusikalischen Tonfall der Gattung und ersetzten die Klavierbegleitung durch immer ausladendere Orchesterklänge.

Anders als seine Kollegen Hans Pfitzner, Richard Strauss und Gustav Mahler hat Max Reger erst in seinen letzten Lebensjahren und nur sehr zögerlich zum Orchesterlied gefunden. Nachdem er zwischen 1904 und 1912 einen Zyklus von sechzig Gesangsminiaturen mit dem Titel "Schlichte Weisen" veröffentlicht hatte, war es ihm allem Anschein nach nicht mehr ganz geheuer mit diesen volkstümlich-populären Klavierliedern. 1914 kündigte er der Altistin Anna Erler-Schnaudt seinen "Hymnus der Liebe" op. 136 mit den Worten an:

Es kommen – Gott sei Dank – endlich mal keine "Blauäuglein" und "Mandelmilchintervalle" vor!

Regers erste Annäherung an das Orchesterlied datiert aus dem Jahre 1912. Seine Vertonung von Hölderlins Gedicht "An die Hoffnung" op. 124 markiert den Beginn einer kompositorischen Auseinandersetzung mit diesem Dichter, die bis in die Gegenwart anhält. Reger selbst deutete die sehnsüchtig-elegische Diktion der Hölderlin-Verse ins Romantische um und bediente sich einer Tonsprache, die sich bewußt an Wagners "Tristan" anlehnt. Während die Klagegesang der Trauernden in einem schwermütigen d-moll gehalten ist, gibt der Komponist der düster verhangenen Vision Hölderlins in den letzten Versen eine geradezu bukolische Wendung, wenn das liebliche Bild von grünen Tälern und frischen Quellen evoziert wird, das in dem emphatischen Ausruf gipfelt:

O du, des Äthers Tochter, erscheine dann aus deines Vaters Gärten.

Variationen und Fuge über ein Thema von Mozart, op. 132

Max Reger hat sich erst gegen Ende seines vergleichsweise kurzen Lebens intensiver mit Orchestermusik auseinandergesetzt. Auslöser für sein sinfonisches Interesse war offensichtlich seine Berufung zum Leiter der Meiniger Hofkapelle im Jahre 1911 – eine Anstellung, die ihm neue Möglichkeiten der kompositorischen Entfaltung eröffneten. Obwohl Reger die musikalischen Neuerungen seiner Zeit, die Auflösung der starren harmonischen Regeln und das Spiel mit den orchestralen Klangfarben, bereitwillig aufgriff und selbst weiterentwickelte, stand er der zeitgenössischen Komponisten skeptisch gegenüber. Seinem Freund Karl Straube schrieb er 1904:

Die alten Meister wollten nur Musik machen, hatten enorm viel Talent und ebensoviel wirklich gelernt – die heutigen Komponisten wollen alles andere als Musik machen, haben meistens sehr wenig Talent und in den seltensten Fällen was Wirkliches gelernt! Das ist der Unterschied!

Die Rückbesinnung auf die musikalische Vergangenheit läßt sich an vielen Momenten des Regerschen Werks festmachen: Während die "Neudeutschen" um Franz Liszt und Richard Strauss allenthalben die deskriptive Programmusik als die einzig wahre Tonkunst propagierten, stellte Reger sich in die Nachfolge von Brahms und bekannte sich als überzeugter Anhänger jener "absoluten" Musik, die nichts weiter sein wollte als "tönend bewegte Form" (E. Hanslick).

Entsprechend standen im Mittelpunkt seines Komponierens die musikalischen Formmodelle des 18. und frühen 19. Jahrhunderts: Sonaten, Fugen, Variationen. Und aus demselben Grund bediente er sich bereits bekannter bekannter Themen: nicht, weil ihm nichts Besseres einfiel (wie seine Kritiker ihm vorwarfen), sondern um sein eigenes Können an der Tradition zu messen. In seinen Orgelwerken ist es das Thema B-A-C-H, das immer wiederkehrt, und für Orchester schreibt er Variationen über ein Thema von Hiller, Beethoven (aus den Bagatellen op. 119) und Mozart.

Ausgangspunkt der "acht Variationen über ein Thema von Mozart" op. 132 aus dem Jahr 1914 ist jenes Grazioso-Thema, das schon Mozart selbst im Kopfsatz der A-Dur-Sonate KV 331 variiert hatte: als wolle Reger demonstrieren, welche Möglichkeiten in diesem Stück Musik sonst noch stecken, ein bis zum Überdruß populäres Thema abzuwandeln, im Charakter zu verändern und es immer wieder in neuem Licht erscheinen zu lassen.

Die Mozart-Variationen geben gleichzeitig einen Hinweis, wie in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts Mozart aufgefaßt wurde: Anstelle des filigranen Rokoko-Geweben mit seinen kurzen, volltaktig empfundenen Melodie-Partikeln spannt Reger ausladende auftaktige Bögen. Ein dichter Streicher- und Holzbläserklang mit ausgedehnten Ritardandi unterstreicht den pastosen Charakter.

Vier Tondichtungen nach Arnld Böcklin, op. 128

Gleichsam um die Gemüter zu beschwichtigen, hat Reger seine deskriptiven Tondichtungen einen bloßen "Ausflug in das Gebiet der Programmusik" genannt: die "Romantische Suite" op. 125 (auf Texte von Joseph von Eichendorff) und die "vier Tondichtungen für großes Orchester nach Arnold Böcklin" op. 128. Die Popularität des Schweizer Malers Arnold Böcklin hatte damals schon ihren Zenit überschritten, aber die Buntdrucke seiner Gemälde zierten noch so manche gute Bürgerstube. Viel ist darüber gerätselt worden, welche ästhetischen Beziehungen zwischen der Malerei Böcklins und Regers Musik bestehen könnten: über den Zusammenhang zwischen figürlichem Symbolismus, der traditionelle Themen aufgreift und verarbeitet, und Regers musikhistorischen Rückgriffen. Aber da Reger sich hierzu nie geäußert hat, sind wir auf Spekulationen angewiesen.