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Nikolai Rimsky-Korsakov: Orchesterwerke

Scheherazade, op. 35 · Capriccio espagnol, op. 34

Sultan Schahriar war von der Falschheit und Unbeständigkeit der Frauen so überzeugt, daß er einen Eid schwur, jeder seiner Frauen nach der Brautnacht den Tod zu geben. Scheherazade jedoch rettete ihr Leben, indem sie sein Interesse an den Geschichten erregte, die sie ihm während tausendundeiner Nacht erzählte. Von Tag zu Tag verschob der Sultan, neugierig auf die Fortsetzung der Geschichten, ihre Hinrichtung und gab schließlich seine blutige Absicht auf.

Diese knappe Inhaltsskizze am Ende der Partitur und der Titel "Scheherazade" haben Rimsky-Korsakovs Komposition den Ruf eingebracht, es handle sich bei diesem Werk um Programmusik im wahrsten Sinne des Wortes – um Musik, die in der Lage ist, Geschichten zu erzählen und vor dem geistigen Auge konkrete Bilder entstehen zu lassen. Aber wie Rimsky-Korsakov in seiner Autobiographie rückblickend schreibt, lag genau dies nicht in seiner Absicht. Zwar gibt er zu, daß er sich beim Komponieren von den Episoden aus "Tausendundeiner Nacht" habe inspirieren lassen, aber dennoch sollten die einzelnen Sätze dieser "sinfonischen Suite" ursprünglich ganz neutrale Bezeichnungen tragen – Prélude, Ballade, Adagio und Finale. Erst auf den Rat seines Freundes Komponisten-Kollegen Anatol Ljadov entschloß Rimsky-Korsakov sich dann zu aussagekräftigeren Überschriften: das Meer und Sindbads Schiff, die phantastische Erzählung des Prinzen Kalender, der Prinz und die Prinzessin, das Fest in Bagdad und Sindbads Schiff, das an dem Magnetfelsen mit dem ehernen Reiter zerschellt:

Diese Überschriften waren allerdings nur dazu gedacht, die Fantasie des Hörers in die Richtung zu lenken, den meine eigene Fantasie beim Komponieren gegangen war. Die Ausmalung der Details sollte dem Vorstellungsvermögen und der Stimmung eines jeden einzelnen Hörers überlassen bleiben. Ich wollte dem Hörer, dem meine Suite als sinfonische Musik gefällt, zu verstehen geben, daß hier allerlei orientalische Märchengeschichten erzählt werden und es sich eben nicht bloß um vier aufeinanderfolgende Sätze mit gleichen musikalischen Themen handelt.

Aber weder Dirigenten noch das Konzertpublikum wollten von solch subtilen musikästhetischen Überlegungen etwas wissen. Die verführerischen Überschriften erwiesen sich seit der Petersburger Uraufführung im November 1888 als derart dominant, daß Rimsky-Korsakov bei einer Neuausgabe der Partitur beschloß, zu den neutralen Satzbezeichnungen zurückzukehren, "um zu vermeiden, daß der Hörer nach einem allzu konkreten Programm sucht."

Die Versuchung, die einzelnen motivischen Momente der "Scheherazade" programmusikalisch zu interpretieren, ist in der Tat groß: in dem kraftvollen, unwirschen Unisono-Motiv zu Beginn den grausamen Sultan Shahriar zu erkennen, der umgarnt von den lyrisch-kaprizösen "Scheherazade"-Figurationen der Solo-Violine. Diese beiden Motive bilden den roten Faden der Komposition, sie tauchen in jedem Satz wieder auf, bis sie im Epilog schließlich friedlich vereint erklingen. Je detaillierter allerdings solche Inhaltsdeutungen ausfielen, desto vehementer vertrat Rimsky-Korsakov die Position des Sinfonikers, dem es um nichts anderes geht als um die Bewältigung einer kompositorischen Aufgabe:

Leitmotive, die stets mit ein und denselben poetischen Ideen und Vorstellungen verbunden sind, wird man in meiner Suite vergeblich suchen. Die vermeintlichen Leitmotive sind nichts anderes als rein musikalisches Material oder Motive zur sinfonischen Verarbeitung.

Die "Scheherazade" von 1888 wie auch das ein Jahr zuvor vollendete "Capriccio espagnol" markieren einen Wendepunkt in Rimsky-Korsakovs Schaffen. Bis zu seiner Ernennung zum Professor für Komposition am Petersburger Musikkonservatorium im Jahre 1884 hatte Rimsky-Korsakov als engagiertes Mitglied des sogenannten "mächtigen Häufleins" gegolten, einer Gruppe russischer Komponisten, die eine eigenständige, national geprägte Musik propagierten. In Folge seiner Berufung wandte er sich jedoch von der Idee einer nationalen Schule ab und huldigte fortan jener Konservatoriums-Ästhetik, die sich an der musikalischen Entwicklung in Deutschland und Frankreich orientierte.

Diese neuen Einflüsse sind in Rimsky-Korsakovs Werk allenthalben zu spüren: das Ringen um den programmusikalischen Gehalt der "Scheherazade" erinnert an Berlioz und Liszt (und dessen Auseinandersetzung mit Hanslick), und das exotische Lokalkolorit im "Capriccio espagnol" verweist auf die "Couleur locale" in den Opern Meyerbeers, Massenets oder Bizets.

Es ist gelegentlich vermutet worden, daß Rimsky-Korsakov sich zu dieser Musik in Spanien habe inspirieren lassen, daß er die Themen an Ort und Stelle gesammelt habe. Tatsächlich aber stammen Rimsky-Korsakovs musikalische Spanien-Kenntnisse aus zweiter Hand, aus einer damals sehr populären Bearbeitung andalusischer und asturischer Lieder. Verständlich also, daß das Werk in Spanien nicht so begeistert aufgenommen wurde wie in den übrigen europäischen Musikzentren. Ein spanischer Musikkritiker schrieb 1895 anläßlich der ersten Aufführung in Madrid:

Im Capriccio espagnol von Rimsky-Korsakov kommt zu den überzogenen Dimensionen und der verworrenen Instrumentierung eine spürbare Unkenntnis unserer Volksmusik, eine Schwäche, die allen ausländischen Komponisten, die unsere Musik kopieren oder gar selbst erfinden wollten, in der Tat gemein ist.

Rimsky-Korsakov wußte selbst um die Schwächen seiner Komposition: daß es "ohne Zweifel ein oberflächliches Stück" ist; aber mehr noch zählten für ihn die Stärken:

Die Meinung der Kritiker und des Publikums, das Stück sei bloß "vortrefflich instrumentiert", ist nicht zutreffend – das Capriccio ist von seiner ganzen Anlage ein vortreffliches Werk für Orchester. Der Wechsel der Klangfarben, die glücklich gewählte, dem Charakter eines jeden Instruments angepaßte Zeichnung der Melodien und Figurationen, die kleinen virtuosen Kadenzen für Soloinstrumente, die rhythmische Behandlung des Schlagwerks und all die anderen Momente sind hier nicht bloß äußeres Gewand, sondern machen das Wesen dieser Komposition aus.

Und an anderer Stelle schreibt Rimsky-Korsakov in seiner Autobiographie:

Das "Capriccio espagnol" und die "Scheherazade" beendeten jene Periode meines kompositorischen Schaffens, in der ich – ohne Wagnersche Einflüsse und unter der Beschränkung auf den herkömmlichen Orchesterapparat – eine beachtliche Virtuosität in der klaren, klangschönen Orchesterbehandlung erlangte.